#Stay home? Hochsensibilität und die Sehnsucht nach zuhause

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aurum-cordis-sehnsucht-see-moewen-merr-himmel#Stay home? Hochsensibilität und die Sehnsucht nach zuhause

#Stay home. Bleib zuhause. Zwei kleine Worte, die von Mitte März bis Mitte Mai allgegenwärtig zu sein schienen. Sogar auf meinem Smartphone blinkten sie mir jeden Morgen in der Netzanzeige meines Mobilfunkanbieters entgegen. Doch es war der Briefumschlag aus Dublin und der „Stay home“-Stempel der irischen Post darauf, der mich nach all den Wochen der Omnipräsenz dieser Aufforderung noch einmal wirklich nachdenklich stimmte. Eine Freundin hatte mir eine Geburtstagskarte geschickt, auf dem Cover ein Foto von Sandymount Bay, meinem Lieblingsplatz in Dublin.

Dort hatte ich eigentlich meinen Geburtstag verbringen wollen.

In meinen Zwanzigern hatte ich mehrere Jahre in Dublin gelebt, und Irland war zu meiner zweiten Heimat geworden. Trotzdem war ich irgendwann zurückgekommen, denn Heimweh und Fernweh sind wie Zwillinge. Da wo der eine ist, ist der andere nicht weit.
Viele Menschen hegen den Wunsch, endlich irgendwo anzukommen, ich hingegen hatte immer den Ort gesucht, von dem ich herkomme, und Irland kam der Erfüllung dieser Sehnsucht lange Zeit am nächsten. Zu meinem Geburtstag hatte ich alte Freunde besuchen wollen, am Meer entlanglaufen und mich abends im Pub mit einem gepflegten Pint daran erinnern wollen, wie ich mich als junges Mädchen in einem fremden Land zuhause gefühlt hatte. Corona machte mir einen Strich durch meine Pläne. Dieser „Stay home“-Stempel auf einem Brief, der paradoxer Weise aus meiner Herzensheimat kam, er erinnerte mich daran, dass das Thema „Zuhause“ schon immer eine komplexe Angelegenheit für mich war – und für viele andere hochsensible Menschen vermutlich auch.

Mein Sohn hat es da (noch) etwas leichter.

Er ist zwar schon fast sechs Jahre alt (und ich betone das nicht, um ihn kleiner zu machen, ich finde es eher erstaunlich, dass er diese Verbindung immer noch spürt), aber für ihn ist sein Zuhause immer noch mein Bauch. Vor dem Zubettgehen muss er seine Hand auf meinen Bauch legen, das gehört für ihn dazu, und am liebsten würde er jeden Abend mit dem Kopf auf meinem Bauch einschlafen, weil das schließlich sein altes Zuhause ist. Gleichzeitig ist es für ihn völlig klar, dass er aus dem Himmel kommt und eines Tages dorthin zurückkehrt. Das wiederum steht für ihn in keinerlei Widerspruch zu der Tatsache, dass er schon mehrmals gelebt hat, und das auch nach seinem Tod wieder alles von vorne beginnen wird. Im Sommer, wenn Corona es denn zulässt, wird er in die Schule kommen, und ich wünsche ihm, dass er all diese wundervollen Gegensätze nicht zu schnell gegen ein vermeintlich stimmiges Wissen eintauschen möchte. Auch das ist für mich Heimweh übrigens – die Erinnerung an eine Zeit, in der das Staunen und das Wundern ein selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens waren und das Nichtwissen mein Zuhause.
Ich denke, strenggenommen wird man sogar mit Heimweh geboren. In den ersten Wochen und Monaten seines Lebens saß mein Sohn meistens auf meinem Schoß, den Rücken auf meine angewinkelten Knie gelegt. Seine Augen wurden zu kleinen Schlitzen, wenn er lachte, und ich war total verliebt in mein kleines frisches Baby. Doch manchmal, völlig unvermittelt, wurde sein Blick auf einmal ernst, die Augen groß, und er drehte sein Gesicht ein Stück zur Seite. Mir war, als schaute er nach innen, als wäre hinter diesen Augen auf einmal eine Erinnerung aufgeblitzt, die ihn alles um sich herum vergessen ließ. Für ein paar Sekunden war er ganz still, als wäre er nicht hier bei mir, sondern weit weg, bis plötzlich seine Mundwinkel zuckten. Im nächsten Augenblick begann er bitterlich zu weinen. In solchen Momenten war er untröstlich, und in meiner Hilflosigkeit zog ich ihn einfach nur an mich und hielt ihn fest, bis das Weinen schließlich verstummte und er eingeschlafen war.
Ich glaubte nie daran, dass mein Sohn in solchen Momenten von so etwas Weltlichem wie einer Kolik heimgesucht worden war. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass er buchstäblich sein Heim jenseits dieser Welt suchte – den Ort, von dem aus er zu mir gekommen war, und dass er ihn in diesen kurzen Momenten noch einmal sehen konnte. Er hatte sich an etwas erinnert, das noch vor kurzer Zeit so vertraut und auf einmal nicht mehr erreichbar war.
Mich stimmte dieser Gedanke unendlich traurig, und ich hatte auch Schuldgefühle – mein Körper war schließlich das Gefäß, das ihn über die Schwelle der Ganzheit in die Polarität getragen hatte. Seine Geburt hatte ihn aus seinem alten Zuhause gerissen, und sein neues Zuhause war ebenfalls nur eine Heimat auf Zeit, und was danach kommen würde, werde ich ihm niemals sagen können. Ich wusste, dass sein Körper neun Monate in mir zusammengebaut worden war. Was ich nicht wusste, war, welchen Weg seine Seele genommen hatte.
Umso erleichterter war ich darum jedes Mal, wenn er eine Weile später mit einem breiten Lächeln im Gesicht wieder aufwachte. Diese bittersüßen Momente schienen sich ein ums andere Mal im Schlaf zu verflüchtigen, und irgendwann blieben sie schließlich ganz fort.
Eine solch lebendige Erinnerung an das große Ganze, wie ich es nenne, mag also in den ersten Lebensmonaten bereits wieder verblassen. Das diffuse Gefühl, dass wir zeitlebens von unserem Ursprung getrennt sind, wie auch immer dieser “in Wirklichkeit” aussehen mag, bleibt jedoch – wenn auch nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt. Es treibt uns um, und es lässt uns suchen. Diese Suche nach einem Zuhause, oder etwas, das sich wie zuhause sein anfühlt, ist ein gemeinsamer spiritueller Nenner der Hochsensibilität, wenn nicht der größte. Ja, ich möchte sogar noch weiter gehen: Dieses konturlose Heimweh ist der Ursprung von Hochsensibilität – und gleichzeitig auch ihr Ergebnis.

Der Schweizer Arzt Johannes Hofer

erfand in seiner medizinischen Dissertation 1688 das Kunstwort „Nostalgia“, welches sich aus den griechischen Wörtern für Heimkehr (nostos) und Schmerz (algos) zusammensetzte. Mit Nostalgia führte er eine offizielle Bezeichnung für krankmachendes Heimweh ein, das vor allem im Ausland stationierte Soldaten befiel und sie mitunter in die Fahnenflucht trieb. Bei den Heimwehkranken blieben die Lebensgeister in jenen Fasern des Gehirns gebunden, so Hofer, in denen die Vaterlandsidee eingeprägt sei. Sie könnten so nicht mehr in andere Teile des Gehirns gelangen und deren Funktionen unterstützen. Heimweh führe daher zu Melancholie, Entkräftung, Auszehrung und Fieber. In schlimmen Fällen könne sogar der Tod eintreten. Betroffen seien in erster Linie Schweizer, vor allem, „wenn sie sich an solchen Orten aufhalten, die wässerig und dem Meer nahe sind“. Hofers Ausführungen retteten letztendlich wohl auch der Romanheldin Heidi das Leben, die in Frankfurt krank wurde und daraufhin endlich wieder zu ihrem Opa, dem Alm Öhi, geschickt wurde. Bei mir wäre es tatsächlich andersherum – hätte ich die vergangenen Wochen isoliert in den Bergen verbringen müssen, ich drohte wahrscheinlich an „Meerweh“ zu sterben.
Doch ganz im Ernst – wie lassen sich Hofers Erkenntnisse auf das Jahr 2020 und auf Hochsensibilität übertragen? Nun, und das entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Beweisführung, muss deshalb aber nicht weniger wahr sein: Bei Hochsensiblen bleiben die Lebensgeister nicht bzw. nicht nur in jenen Teilen des Gehirns gebunden, oder des Herzens, in denen die Vaterlandsidee eingeprägt ist, sondern vor allem in jenen, in denen die Idee der kosmischen Verbundenheit verankert ist. Jene Erinnerung an das große Ganze. Das mag nicht unbedingt zu Fieber führen, sehr wahrscheinlich aber zu Melancholie und Entkräftung. Weil wir uns immer wieder aufs Neue auf die Suche machen, denn das Gefühl, zuhause zu sein, bleibt im besten Fall ein flüchtiges.
Noch vor ein paar Jahren dachte ich, ich wäre die einzige Ver-rückte, die in unregelmäßigen Abständen und ohne Vorwarnung – meistens, wenn ich am Schreibtisch saß und den Blick ein Weilchen zulange aus dem Fenster hatte schweifen lassen – auf einmal seufzend einen Satz ausstieß, der aus meinem tiefsten Innern zu kommen schien, und der mitunter von ein paar Tränen begleitet wurde: „Ich will nach Hause.
Im Grunde wie mein Sohn als Baby, ein bisschen leiser und artikulierter vielleicht, aber nicht weniger wahrhaftig. Nach über fünf Jahren Auseinandersetzung mit dem Thema Hochsensibilität und viel Austausch mit Gleichgesinnten im Aurum Cordis, Kompetenzzentrum für Hochsensibilität, weiß ich jedoch, dass ich nicht die einzige bin, die diesen einsamen Hilferuf gelegentlich in die Galaxie sendet, unsicher, an wen oder was genau er sich richtet. Wie E.T. möchte ich dann einfach nur einmal kurz nach Hause telefonieren, wie zur Versicherung, dass es ihn gibt, diesen Ort, von dem ich nicht mehr weiß, wie er aussieht.

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Dass Orte oder ganze Länder, wie in meinem Fall Irland,

buchstäblich nur Platzhalter für etwas Ungreifbares und zumindest auf Lebenszeit Unerreichbares waren, auch das ist mir heute klar. Die Frage, was das eigentlich ist, diese diffuse hochsensible Sehnsucht nach zuhause, die lässt sich nicht mit dem Verstand lösen, höchstens mit der Erinnerung, und die ist manchmal eben auch „nur“ ein Gefühl. Diese Erkenntnis bedeutet aber auch, dass es keine Heilung gibt, zumindest nicht im klassischen Sinne. Wir können unsere Sehnsucht nach zuhause nicht „wegmachen“. Und das ist gut so, weil sie unsere Hochsensibilität nährt, und weil die Welt und wir sie brauchen, und zwar jetzt mehr denn je – warum, darüber habe ich in meinem letzten Beitrag geschrieben.

#Stay home. Meine Reise nach Irland konnte in diesem Frühling also nicht antreten.

Und nicht nur das, in den letzten Wochen wurden wir alle angehalten, unsere Städte nach Möglichkeit nicht zu verlassen, selbst der Zutritt in das Land zwischen den Meeren, wo ich geboren wurde, blieb mir verwehrt. Ich musste an meinen Großvater denken, der aus Masuren stammt, einem wunderschönen Fleckchen Erde, von dem er und seine Mutter zum Ende des Zweiten Weltkriegs flüchten mussten. Eine Reise, die sie schließlich nach Schleswig-Holstein führte. Mein Großvater hat seine Heimat sein Leben lang nicht wiedergesehen. Genau wie sein leiblicher Vater, der einst aus diesem magischen Land der tausend Seen, auf der Suche nach einem vermeintlich besseren Leben in den dunklen Bergwerken des Ruhrgebiets verschwand. Die meisten von uns, je nachdem wir alt wir sind, werden Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern haben, die ihr weltliches Zuhause zurücklassen mussten, und aus den unterschiedlichsten Gründen nie mehr dorthin zurückgekehrt sind. 

Ich bin fest davon überzeugt,

dass insbesondere hochsensible Menschen die ungestillte Sehnsucht ihrer Vorfahren nach ihrer irdischen Heimat ebenso in sich tragen wie die Sehnsucht nach einer kosmischen (Rück)Anbindung. Es ist schwer, vielleicht sogar unmöglich, beides auseinanderzuhalten. Aber vielleicht kann es uns ein wenig helfen zu wissen, dass es nicht nur unser ganz persönliches Heimweh ist, das uns durch unser Leben hindurchbegleitet wie ein treuer Gefährte, sondern dass es vielmehr ein verbindendes Gefühl ist, im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist ein Gefühl, das schon die kannten, die vor uns geboren wurden, und das auch wir an die weitergeben werden, die kommen werden, noch lange nachdem wir selbst (ganz) nach Hause zurückgekehrt sind. Bis dahin können wir es als Antrieb nutzen, einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich unser irdisches Exil für uns alle ein bisschen heimischer anfühlt. Vielleicht kommen wir ja eines Tages doch wieder. Und erkennen dann unser Zuhause.

23.05.2020
Sabrina Görlitz


Sabrina Görlitz ist ist freiberufliche Autorin, Story-Coach und Palliativbegleiterin. Sie ist außerdem Kooperationspartnerin von Aurum Cordis, Kompetenzzentrum für Hochsensibilität. Auf blog.aurum-cordis.de teilt sie regelmäßig ihren hochsensiblen Blick auf die Welt mit der Welt.


Jutta Böttcher
Autorin, Gründerin des deutschlandweit ersten Kompetenzzentrums für Hochsensibilität Aurum Cordis
www.aurum-cordis.de

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