In deiner Welt – Kapitel 10

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Kapitel-10-georg-huber-in-deiner-welt-romanIn deiner Welt –
Fortsetzung der spirituellen Teenager Geschichte
Kapitel 10

von Georg Huber
spirituelle Teenager Geschichte Kapitel 1 bis 9 findest Du >>> HIER . Am nächsten Tag saß Nick früher auf seinem Fahrrad.
Solange er noch nicht die Kondition hatte, den Berg ohne Schweißausbrüche zu erklimmen, wollte er zumindest genug Zeit haben, sich von der Strapaze zu erholen, bevor er mit der Arbeit begann. An diesem Dienstagmorgen schien die Welt stehengeblieben zu sein. Seine Eltern hatte Nick an diesem Morgen überhaupt nicht gesehen.

Seine Mutter war bereits frühmorgens mit Henry zum Arzt gefahren, und Nicks Vater war zur Arbeit gegangen, und so hatte Nick nur einen kleinen Zettel vorgefunden auf der Kommode, auf der das Telefon stand. Es hatte nachts offenbar geregnet, denn durch die Sonnenstrahlen dampfte der nasse Boden, und die Luft war ziemlich feucht.

Es waren kaum Menschen auf der Straße unterwegs, ganz so, als ob es irgendeine wichtige Veranstaltung gäbe oder der Superbowl im Fernsehen liefe. Alles war friedlich und ruhig, als Nick sich auf den Weg in die Klinik machte. Als er den Berg erreichte, schaltete er in einen niedrigeren Gang und trat locker in die Pedale.

Mit jedem Meter wurde er von Vogelgesang begleitet.

Nach ungefähr zwanzig Minuten war Nick oben an der Klinik angekommen. Er stellte sein Fahrrad ab und ging kurz vor dem Gebäude auf und ab. Zwar lag noch etwas Anspannung auf ihm, aber von der gestrigen Unruhe war nichts mehr zu spüren. An diesem Tag nahm sich Nick vor, ganz gelassen zu bleiben, egal, was käme.

Als die Kliniktür sich öffnete, hörte Nick schon lauter Stimmen durcheinanderreden.
Ein Großteil der Mädchen stand oder saß im Foyer. Alle hatten Wanderschuhe an und trugen einen gelben Rucksack auf dem Rücken. Constantine versuchte, die Meute irgendwie in den Griff zu bekommen, und auch die Pflegerin Monica hatte ihre Mühe, für Ordnung zu sorgen. Immer wieder nahm sie die Brille von ihrer kleinen Nase und rieb sich erschöpft die Stirn mit der Hand.

Nick blickte sich um, denn für den Moment konnte er Emily in dem Gerangel nicht sehen. Das beruhigte ihn ein wenig. Dr. Morton stand etwas abseits und sah Nick als Erster.

Er hob grinsend die Hand und deutete auf die Mädchen. 

Eine Frau mittleren Alters und ein kleiner älterer Herr standen ebenfalls im Foyer. Nick hatte sie allerdings nie zuvor gesehen. Bevor er überhaupt dazu kam, darüber nachzudenken, was in der Klinik los war, kam Steph auf ihn zu.

»Die Mädchen haben heute Unternehmungstag. Dienstags und freitags machen sie immer alle etwas zusammen. Heute vormittags und am Freitag meistens nachmittags.«

»Das ist doch schön. Was machen sie denn an diesen Tagen?«, erkundigte sich Nick.
Steph beugte sich zu ihm herüber, um nicht so laut sprechen zu müssen.

»Ach, das, was Jugendliche eben machen. Sie fahren zum Spielen oder Schwimmen. Sie machen Picknick oder besuchen einen Zoo. Und heute gehen sie im Wald Tiere suchen. Heute Nacht hat es ja hier oben richtig ordentlich geregnet, und dann findet man so allerlei Kleinvieh im Wald.«

»Ih!«, sagte Nick und verzog das Gesicht.
»Ja, finde ich auch. Hat aber einen psychologisch wertvollen Hintergrund.«

Nick blickte erstaunt drein, und es wollte ihm partout nicht einfallen, was daran psychologisch wertvoll sein könnte.

»Und wer sind die beiden dort?«, fragte er und deutete auf die zwei Fremden im Foyer.
»Das sind ehrenamtliche Mitglieder der Klinik. Sie gehen mit den Mädchen hinaus.«
»Ganz alleine?«, wunderte sich Nick.

»Nein, ein Arzt und ein Pfleger kommen immer mit, mindestens. Kommt ganz auf die Unternehmung an. Aber die beiden sind Psychologen, und Dr. Morton betont immer wieder, wie gut man sich auf sie verlassen könne.«

»Ich hatte mich für einen Moment schon gewundert. Ich glaube, ich sage Dr. Morton Hallo«, unterbrach Nick das Gespräch und schlich sich um die Gruppe herum.
Dann begrüßte er den Arzt, der an diesem Morgen einen sehr glücklichen Eindruck machte.
»Schau sie dir an, meine Mädchen!«, sagte er lächelnd.

 »Sie schaffen es nicht einmal, alle ins Foyer zu kommen und sich in Ruhe in eine Reihe zu stellen.« Nick wollte gerade etwas sagen, da schweifte sein Blick von Dr. Morton ab und landete ein paar Meter hinter ihm.

Sofort lief ihm ein Schauer über den Rücken, und wieder bildete sich eine Gänsehaut auf seinen Armen.

Emily saß nur wenige Meter vor ihm auf dem Boden. Ihre Arme umklammerten ihre Knie, und ohne Interesse blickte sie traurig in die Menge von Mädchen. Nick schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Obwohl sie sehr unglücklich wirkte und sie scheinbar keinen Wert auf ihr Äußeres legte, hatte sie dennoch eine unglaubliche Ausstrahlung. Sie wirkte wie eine Fee, ein zartes, zerbrechliches Wesen, das man nur mögen konnte.

Nick bemerkte, dass Dr. Morton seit ein paar Sekunden auf eine Reaktion seinerseits wartete, und sagte schnell: »Ja, wenn so viele Mädchen auf einem Haufen sind, sind Chaos und Lautstärke immer vorprogrammiert.«
Dr. Morton lachte und gab Nick einen Klaps auf den Rücken.
»Na, du hast ja schon ganz schön Ahnung für dein Alter!«
Er ging zur Eingangstür des Foyers und rief laut: »Abmarsch, Mädchen!« Nach wenigen Sekunden sagte er laut: »Halt! Nicht so! Kommt schon, ihr kennt das Spiel! Ihr kommt nicht alle gleichzeitig durch die Tür!«

Auch Emily stand auf. Sie war etwa fünfzehn Zentimeter kleiner als Nick.

An diesem Tag trug sie eine kurze Hose und eine Bluse. Nick betrachtete sie ganz genau. Ihre Lippen waren zart und wirkten eher rosa als rot. Ihre großen Augen hatten trotz ihres traurigen Blicks nicht an Glanz verloren. Körperlich sah sie relativ normal aus. Sie war zwar sehr dünn, aber keinesfalls dürr oder knochig. Allmählich setzte auch sie sich in Bewegung, aber sie sah nicht wirklich motiviert aus.

Das Mädchen mit den Zöpfen, das sich am Tag zuvor gemeldet hatte, stand neben ihr und versuchte ihr gute Laune zu bereiten. Sie strahlte im Gegensatz zu Emily und hörte nicht auf, mit ihr zu reden. Emily nickte nur ab und an und ging langsam hinter den anderen Mädchen her. Als ob sie merken würde, dass Nick sie anstarrte, drehte sie ihren Kopf und blickte in seine Richtung. Ihre Blicke trafen sich, und Nick lächelte sie an.

»Ich werde alles tun, damit du wieder glücklich bist«, sagte Nick in Gedanken zu ihr.

Dann wandte Emily sich wieder ab und verließ mit den anderen die Klinik. Dr. Morton stellte sich neben Nick und legte den Arm um seine Schulter.
 »Ich dachte, Sie gingen mit?«, fragte dieser.
»Oh nein, ich habe zu viel Arbeit, um jetzt in den Wald gehen zu können. Dr. Fisher wartet draußen auf die Mädchen. Du hast sie, glaube ich, noch nicht kennengelernt. «

Nick schüttelte den Kopf. An eine Ärztin, die Fisher hieß, konnte er sich nicht erinnern. »Möchtest du mit mir noch einen Kaffee trinken, bevor wir uns an die Arbeit machen?«, fragte Dr. Morton, und Nick bejahte schnell.  Er wollte zu gerne mehr über Emily und ihre Krankheit erfahren, und vielleicht konnte er den Moment nutzen, um Dr. Morton auszufragen.

Beth war an diesem Morgen bereits da. Nick konnte durch die geschlossene Küchentür hören, wie sie mit einem Lieferanten diskutierte. Dr. Morton nahm sich eine Kanne, die auf einer Theke stand, und füllte etwas Kaffee in eine Tasse.

»Wie war dein gestriger Tag?«, fragte er Nick.
»Ganz gut. Es ist schön hier«, antwortete Nick freundlich.
»Ja, das ist wahr«, murmelte Dr. Morton und nickte zustimmend.
»Darf ich Sie etwas fragen?«, fragte Nick zögerlich.
»Natürlich!«
»Diese Magersucht, so nennt man das, glaube ich, wie ist das für die Mädchen? Wie fühlt sich das an?«

»Oh, Nick. Ich kann dir, Gott sei Dank, nicht sagen, wie sich das anfühlt. Ich kann dir nur sagen, was ich durch Gespräche, die Lehrbücher und Studien über diese Krankheit weiß. Wenn dir das genügt, dann teile ich es dir gerne mit.«

Nick antwortete nicht, sondern gab dem Arzt zu verstehen, dass er weiterreden sollte.

»Mädchen, die Anorexia nervosa haben, so wird die Krankheit genannt, fühlen sich nicht mit ihrem Körper verbunden. Er ist zu etwas Fremdem für sie geworden. Sie haben kein Körper-Ich, sondern fühlen sich in ihrem Körper gefangen. Sie verabscheuen ihren Körper.«

Nick seufzte. »Versuchen sie dann, ihren Körper zu zerstören, indem sie nichts mehr essen?« »Nun, ich denke, viele der Mädchen sind sich nicht bewusst, dass ihre Krankheit zum Tod führen kann …« 

»Die Mädchen sterben daran?«, unterbrach Nick schockiert.
»Nun, bei uns in der Klinik ist seit der Gründung keine Patientin gestorben. Bei der Gefahr dürfen wir die Mädchen auch gar nicht mehr hierbehalten, sondern müssen sie in das städtische Krankenhaus verlegen. Aber im allgemeinen Durchschnitt sterben bis zu 10 % der Magersüchtigen an ihrer Erkrankung, ja.«
»Wie … wie lange dauert das?«

»Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk und hält vieles aus.

Doch wenn ein Mädchen nach Jahren der Essstörung so weit abgemagert ist, dass die Organe ihrer normalen Funktion nicht mehr nachkommen können, kann es schon sein, dass das Mädchen ohne einen massiven Eingriff stirbt.«

»Wie? Oder, warten Sie, ich glaube, ich will das gar nicht wissen …«, stotterte Nick.
»Es ist ein grausamer Tod und eine traurige Sache. In den meisten Fällen werden die Magersüchtigen ja in ein Krankenhaus oder in eine Spezialklinik wie hier eingewiesen. Wenn die Mädchen von sich aus keine Nahrung mehr zu sich nehmen, werden sie in den Kliniken zwangsernährt. «
»Das klingt schrecklich.«

»Das ist es, Nick, aber wir als Ärzte haben den Eid geschworen, das menschliche Leben zu schützen und zu erhalten.

Die Zwangsernährung ist die letzte Konsequenz, das Leben zu erhalten. Sie ändert nichts an der Ursache der Erkrankung, sorgt aber dafür, dass die Mädchen weiterleben können. Nichtsdestotrotz kann es erst zu einer Heilung kommen, wenn die Ursachen aufgedeckt worden sind und die Patientin lernt, mit ihren Gefühlen oder traumatischen Erinnerungen umzugehen.« 
Beth kam aus der Küche heraus.

»Habe ich also doch richtig gehört«, lachte sie. »Du drückst dich wohl vor der Arbeit.«
Nick grinste, weil er genau wusste, dass Beth nur wieder einmal scherzte.
»Geht es dir gut, mein Kleiner?«, fragte Beth.
»Ja, alles paletti.«

»Ich will euch nicht stören, bei euren wichtigen Gesprächen hier«, sagte sie und zeigte auf Nick und Dr. Morton.
»Wenn du dann fertig bist, kommst du einfach nach hinten. Heute wird es sowieso später Essen geben. Also hast du Zeit.«

Nick wandte sich wieder dem Arzt zu.
»Ich muss aber auch wieder an die Arbeit gehen«, sagte dieser.
»Darf ich Ihnen noch eine kurze Frage stellen?«
»Ja, klar.«

»Wie kann man solch einer Patientin helfen? Wie geht man mit so einer Krankheit um?«
»In welcher Funktion?«, murmelte der Klinikleiter in seine Tasse hinein.
»Wie meinen Sie das?«, fragte Nick unsicher.
»Nun, eine Mutter hilft anders als ein Freund oder Lebenspartner.«
»Nun, als Freund vielleicht. Nehmen wir an, eine Freundin von mir hätte Magersucht.«

»Zunächst sollte dir klar sein, dass ein Mensch, der Magersucht hat, sich immer wieder in die Isolation begeben wird.

Deine Freundin wird den Kontakt zu dir abbrechen, Ausreden finden, um dich nicht mehr sehen zu müssen. Gleichzeitig wird es bei fortgeschrittener Erkrankung oft zu starken emotionalen Ausbrüchen kommen, wie Wutanfällen und Weinkrämpfen, oder überwiegend auch zu Depressionen, die dazu führen, dass die Erkrankte keinen Lebensmut mehr zeigt.

Du als Freund einer Betroffenen musst dies erst einmal verdauen können. Es ist wichtig, dass eine Magersüchtige Hilfe von außen erhält, und das Schlimmste wäre, wenn du dich ebenfalls von ihr zurückziehen würdest. Freunde sind für Magersüchtige oft die letzte Stütze im Leben. Wenn diese wegfällt, hält sie nichts mehr.«

»Das klingt nicht einfach«, seufzte Nick. Dr. Morton stand auf und rückte seinen Stuhl wieder an den Tisch.
»Das ist es auch nicht. Aber jeder Versuch, jede Anstrengung ist es wert. Schau dir die Mädchen an, jedes ist auf seine Art einzigartig und wunderbar! Wir sehen uns später.«
Dr. Morton nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse, stellte sie auf der Theke ab und verließ anschließend den Speisesaal.

Nick hätte gerne noch mehr mit dem Arzt gesprochen.

Vor allem hätte er gerne gewusst, weshalb Emily in der Klinik war, aber für den Moment schien er an diese Information nicht heranzukommen. Er war froh, dass Dr. Morton sich überhaupt die Zeit genommen hatte, mit ihm zu reden. Beth war gerade dabei, Lebensmittel in der kleinen Kammer hinter der Küche zu verstauen und Fleisch aus der Tiefkühltruhe zu holen.

»Da bist du ja, mein Lieber!«, sagte sie.
»Komm mal her, und geh mir zur Hand!«
Sie summte etwas vor sich hin und kramte weiter in der Tiefkühltruhe herum.

»Da seid ihr ja!«, sagte sie schließlich und reichte Nick zwei Tüten. Nick dachte für einen Moment darüber nach, ob er den gestrigen Mittag ansprechen sollte. Als er jedoch Beth betrachtete, die summend ihrer Arbeit nachging, entschied er sich dafür, so lange nichts zu sagen, bis sie selbst die Initiative ergriff. Aber etwas anderes wollte Nick zur Sprache bringen: Vielleicht wusste Beth über die Patienten Bescheid, und er könnte von ihr mehr über Emily erfahren.

»Sag mal, Beth«, sagte er und wartete kurz auf ein Zeichen. Beth drehte sich um und blickte Nick an.
»Weißt du, wieso bestimmte Patientinnen hier in der Klinik sind?«
»Was meinst du damit?«, fragte sie.
»Na ja, wieso sie magersüchtig sind.«

Beth schüttelte den Kopf und unterstrich ihre Verneinung noch zusätzlich mit ihrem Zeigefinger, der ebenfalls schnell von links nach rechts und zurück wanderte.

»Nein, das dürfen mir die Ärzte nicht sagen.«

Nick lächelte. »Stimmt, aber es hätte ja sein können, dass sie dir trotzdem einmal etwas gesagt haben.«
Beth holte einige Edelstahlschüsseln aus dem Schrank.
»Nein, nein. Ich weiß nichts und will auch nichts wissen.«

Sie machte mit ihrer Arbeit weiter, und Nick half ihr dabei. Die ganze Zeit fragte er sich, wie er Emily begegnen und sie ansprechen könnte. Doch all das Kopfzerbrechen führte zu nichts. Er hatte keine Ahnung, wie er mit ihr ein Gespräch beginnen könnte. Einfach zu ihr zu gehen und sich an den Tisch zu setzen, wäre vielleicht keine gute Idee. ›Hallo, ich bin Nick, und wer bist du? Ich habe von dir geträumt, du vielleicht auch von mir?‹

Nick lachte kurz, obwohl er die Situation bisher nicht wirklich lustig gefunden hatte.

Nach dem Lachen fühlte er sich wesentlich besser und entspannter. In den folgenden beiden Stunden bereitete Nick mit Beth das Essen zu und achtete darauf, wirklich nur das  Essen zuzubereiten und sich nicht, wie am vorherigen Tag, in seinen Gedanken und Gefühlen zu verlieren. Abzuwarten, was passieren und wie das Leben spielen würde, war für Nick zwar etwas verunsichernd, aber dennoch spannend.

Um kurz vor 13 Uhr waren Beth und Nick mit der Essensvorbereitung fertig, und um Viertel nach eins konnte man hören, wie die Gruppe wieder in der Klinik eintraf. Nick holte noch einmal tief Luft. Die Mädchen schienen erst einmal auf ihre Zimmer zu gehen, denn ihre Stimmen verstummten, statt immer lauter zu werden.

»Wo bleiben sie denn?«, fragte Beth und starrte nervös auf das dampfende Essen.

Sie hatte vor zwei Jahren bei der Geschäftsleitung schon einmal einen Warmhalteschrank beantragt, doch dieser war aufgrund mangelnder Notwendigkeit abgelehnt worden. Jetzt, in diesem Moment, hätte sie ihn wieder einmal gebraucht.
»Ich geh noch schnell auf die Toilette, bevor der große Andrang kommt!«, sagte Nick und verließ die Küche.

Einige Mädchen kamen bereits die Treppe herunter, und Nick beeilte sich. Er ging schnell in die Sanitärräume und stieß die Schwingtür zu den Toiletten auf. Bevor die Tür sich richtig öffnen konnte, gab es einen dumpfen Knall, und sie fiel wieder zurück.
»Oh Gott, Entschuldigung!«, sagte Nick laut. Was für ein Pech, dass genau in dem Moment, in dem er hineinwollte, jemand auf der anderen Seite hinauswollte. Womöglich hatte Nick einem Arzt die Tür ins Gesicht geschlagen!

Er wagte kaum, die Tür zu öffnen, doch als sie sich nicht mehr bewegte, schob er sie vorsichtig von sich weg. Er wollte sich gerade noch einmal entschuldigen, als es ihm plötzlich die Sprache verschlug. Vor ihm stand weder  Dr. Morton noch ein Pfleger oder sonst irgendein Mann. Vor ihm stand Emily!

Nicks Herzschlag schien astronomisch in die Höhe zu steigen.

Deutlich konnte er seinen Puls in jedem Winkel seines Körpers spüren.
»Entschuldigung, ich ähm …« Nick wusste nicht, was er sagen sollte. Vielleicht hatte er sich in der Tür geirrt und war versehentlich auf der Damentoilette gelandet. Ein Blick auf das Pissoir allerdings offenbarte ihm, dass nicht er es war, der sich in der Tür geirrt hatte.

»Ähm …«, stotterte Nick wieder und schwieg dann für ein paar Sekunden. Er war viel zu aufgeregt, als dass er irgendetwas Sinnvolles hätte sagen können.

»Ich gehe immer auf die Herrentoilette, denn sonst ist hier nie jemand«, sagte Emily.
Nick sagte gar nichts. Er wollte nichts Falsches sagen und blieb deswegen ruhig. Er war ohnehin viel zu nervös, denn er war Emily noch nie so nah gewesen.

»Auf der anderen Toilette bin ich meistens nicht alleine. Und ich …«, Emily seufzte. »Ich … ich bin lieber alleine. Ich möchte mich nicht ständig unterhalten müssen.«

»Oh«, sagte Nick verlegen.
»Nein«, sagte Emily und bewegte entschuldigend die Hand.
»Ich meine, ich habe keine Lust, mich mit anderen Mädchen zu unterhalten …«

Eigentlich hatte Nick ja gehofft, Emily auf neutralem Boden zu treffen, um sie kennenzulernen, doch jetzt, auf der Toilette, war er etwas überfordert. Im Geiste ermunterte er sich selbst.
»Ich bin Nick. Ich, hm, ich mache hier so etwas wie ein Praktikum, also, so in der Art. Du wirst mich noch öfter auf der Toilette vorfinden.«

Überrascht über seine Coolness lächelte er. 

»Ich bin Emily«, sagte Emily schüchtern. Dann ging sie an Nick vorbei nach draußen, wie üblich mit gesenktem Blick.
»Wir sehen uns«, sagte sie noch, dann war sie weg.

»Wow!«, dachte Nick und vergaß dabei fast, wieso er eigentlich zu den Toiletten gegangen war. Schnell erinnerte er sich daran, tat, was er hatte tun wollen, wusch sich die Hände und ging dann wieder zurück in den Speisesaal, um Beth beim Verteilen des Essens zu helfen.

Der Großteil der Mädchen saß bereits an den Tischen, ebenso Emily, die auf demselben Stuhl saß wie am Tag zuvor. Nick ging an ihr vorbei und riskierte einen Blick. Doch, ebenfalls wie beim letzten Mal, saß Emily teilnahmslos am Tisch und blickte nach unten. Nach weiteren Augenblicken waren schließlich alle Mädchen versammelt, und Dr. Morton gab ihnen das Zeichen, aufzustehen und sich Essen zu holen.

Nick gab wieder das Essen aus, doch er hatte nach wie vor nur Augen für Emily.

Aber Emily stand nicht auf, um sich etwas zu holen. Selbst als alle Mädchen ihre Mahlzeit bereits hatten, blieb sie sitzen. Es schien so, als ob sie die Nahrung verschmähen würde. Nick verschwand mit Beth in der Küche.
»Wieso ist Emily denn hier, wenn sie nichts essen will?«, fragte er Beth.
Diese war sichtlich erstaunt: »Woher weißt du, wie sie heißt?«

Nick wurde etwas nervös. »Der Arzt hat doch gestern nach ihr gerufen.«
»Ach, stimmt ja«, winkte Beth ab. »

Nun, die Ärzte wollen, dass die Mädchen bei den Mahlzeiten anwesend sind, auch wenn sie nichts essen. Das ist sehr wichtig.«
»Hm«, antwortete Nick kurz. Er öffnete die Tür einen Spalt breit, blickte zu Emily und dachte darüber nach, ob er einfach zu ihr hinübergehen sollte oder ob es einen anderen Weg gäbe, wieder mit ihr ins Gespräch zu kommen.

»Komm, Nick«, sagte Beth. »Wir essen auch, und dann bereiten wir den Abwasch vor.« Anstatt sich, wie am vorherigen Tag, draußen an einen Tisch zu setzen, holte Beth zwei Klappstühle, und sie aßen in der Küche.

»So, Nick, jetzt erzähl mal was von dir! Wir hatten bisher kaum die Möglichkeit, uns richtig kennenzulernen.«
Oh je, dachte Nick. Eigentlich hatte er gehofft, mit Emily sprechen zu können, aber vielleicht war auch einfach nicht der richtige Moment dafür. Während die beiden aßen, erzählte Nick ein paar Einzelheiten aus seinem Leben, wo er wohnte, was seine Eltern machten.

Und er erzählte freiwillig, wieso er wirklich in der Klinik war und arbeitete.

Schließlich, so dachte er zumindest, wusste das Beth ohnehin schon. Als Nick mit dem Essen fertig war, sah er, dass ein Teil der Mädchen, darunter auch Emily, den Speisesaal bereits verlassen hatte. Er war etwas enttäuscht darüber, dass er an den ersten Kontakt nicht anknüpfen konnte. Auf der Toilette war er viel zu nervös gewesen, um einen klaren Gedanken fassen zu können, und daher hatte er natürlich völlig vergessen, auf sein Gefühl zu hören.

Eilig räumte er die Teller zusammen und warf das Besteck in die dafür vorgesehene Box. Was sie jetzt wohl von ihm dachte, fragte er sich. Immer wieder kreisten seine Gedanken um sie. Er ließ sie ständig vor seinem inneren Auge erscheinen und betrachtete sie. Er versuchte, sich an jede Einzelheit zu erinnern: an das krause Haar, das wahrscheinlich schon seit Längerem ungekämmt war, ihre kleine Stupsnase und ihre großen Augen, dann auch an den kurzen Moment, in dem sie ein wenig gelächelt hatte, zumindest aus Verlegenheit.

Zunächst hatte sie beschämt auf den Boden geblickt, ihre Arme waren hinter ihrem Rücken verschränkt gewesen. Und dann hatte sie Nick direkt in die Augen geschaut.

Nick wiederholte in seiner Vorstellung den Moment, in dem er auf sie getroffen war, immer wieder.

Es war einfach unglaublich, dass er ihr auf der Herrentoilette begegnet war. Er kicherte leise und blickte sich dann schnell um, ob Beth ihn gehört hatte. Da diese immer noch singend ihrer Arbeit nachging, hatte sie wahrscheinlich nichts mitbekommen. Nick hielt sich den Mund zu und kicherte noch einmal kurz.

Dann plötzlich hielt er inne und stellte den Teller, den er zum Abtrocknen in der Hand hielt, auf die Anrichte. Er erinnerte sich daran, dass er in der Schule am Spind einmal ein Gespräch zwischen zwei Mädchen mitbekommen hatte. Das eine hatte von einem Jungen erzählt, den es auf einer Feier getroffen hatte.

Nick kicherte genauso wie das Mädchen damals.

Er fragte sich, ob er verliebt war, führte er sich doch so auf wie dieses Mädchen. Damals in der Schule hatte er das Grinsen und Kichern des Mädchens einfach nur lachhaft und überhaupt das Theater, das Jungs und Mädchen in seinem Alter machten, sonderbar gefunden. Auf Befehl von Beth ging Nick den Essenswagen holen und räumte noch das letzte Geschirr ab, das einige Mädchen auf den Tischen stehen gelassen hatten.

Beth hatte sich schon darüber beschwert, dass einige der Mädchen ihr Tablett einfach nicht zurück in den Wagen räumten. Dr. Morton unternahm jedoch nichts dagegen. Er war wahrscheinlich einfach froh, dass die Mädchen überhaupt etwas aßen.
 
Als Nick wieder in der Küche war und gerade das Geschirr in die Spülmaschine räumte, klopfte es an der Tür, und Dr. Morton trat ein.
»Nick, stillgestanden! Hier ist hoher Besuch!«, sagte Beth scherzhaft und blickte den Arzt dabei durchdringend an.

Dieser lächelte und ließ sich keineswegs aus der Ruhe bringen.

Beths Scherze kannte er schon zur Genüge, und genau das machte sie ihm auch so sympathisch.
»Ich weiß, Beth, Sie möchten immer rechtzeitig informiert werden, damit Sie bei Planänderungen genug Zeit haben alles vorzubereiten, aber es gibt Tage, an denen …« »Mein lieber Morton, was ist los?«

»Wäre es möglich, dass Sie uns etwas zusammenpacken, damit wir später im Park ein kleines Picknick veranstalten können? Das Wetter ist einfach wunderbar, und in letzter Zeit missfällt mir das Essverhalten der Mädchen ziemlich.«
Nick blickte Beth an, um zu überprüfen, ob wenigstens sie verstand, was er gesagt hatte.

»Na klar, machen wir fertig, ich habe ja Hilfe hier. Was möchten Sie haben, und wann brauchen Sie es?«, seufzte sie. Beth diskutierte noch ein paar Minuten lang mit dem Arzt. Nick hätte sich das nicht getraut, aber Beth erklärte ihm später, dass es wichtig sei, stets seine eigene Position zu vertreten, weil einem ansonsten jeder auf der Nase herumtanzen würde. Am Ende tat Beth natürlich, was der Chef wollte, doch sie tat es nicht, ohne vorher einmal richtig Dampf abgelassen zu haben.

»Nick, ich muss in die Stadt fahren und ein paar Besorgungen machen, damit der liebe Dr. Morton sein Picknick veranstalten kann. Du weißt, was es hier noch zu tun gibt. Ich lass dich alleine«, sagte sie und eilte aus der Küche.

Nick spülte weiter das Geschirr vor und entsorgte den Müll, den die Patientinnen hinterlassen hatten.

Er hatte zwar etwas Mühe, die richtigen Schubladen und Schranktüren zu finden, um Ordnung zu machen, aber nach einer Weile fand er immer, wonach er suchte. Anschließend schaltete er die Spülmaschine ein und ging in den Speisesaal, um die Tische zu putzen. Nach etwa einer Stunde kam Beth mit großen Einkaufstüten zurück und bat Nick, ihr dabei zu helfen, den Rest aus dem Transporter zu holen.

Einmal in der Woche erledigte Beth ihre Einkäufe, doch immer wieder kam es vor, dass sie wegen der Ärzte doch noch ein zweites Mal losmusste. Da Beth ziemlich gut organisiert war, störte sie das natürlich ein wenig, doch ein schmeichelndes Lächeln von Dr. Morton, und Beth war wieder die Alte. Gerade als die beiden die Einkäufe wegräumten, klopfte es wieder an der Tür.
»Was ist denn jetzt schon wieder?«, rief Beth. Es war Constantine.

»Hallo, Beth! Wie geht es dir?«, fragte er. Sie drehte sich um und legte den Kopf schräg. »Okay, okay!«, lachte der Pfleger. »Ich dachte mir, du willst hier bestimmt niemanden in der Küche sehen, wenn du wegen uns schon wieder eine Extratour machen musstest. Ist doch toll, wenn ich mich dann erst einmal erkundige, wie es dir geht.«

Beth nahm ein Handtuch und warf es nach Constantine.

»Also, was willst du?«, fragte sie lachend. »Wir versuchen, ein Mädchen von der 3 mitzunehmen. Würdest du eine Portion Liquid einpacken?«
»Ja, ja, mach ich.«

Auf Station 3 waren die Mädchen, die eine bestimmte Gewichtsgrenze unterschritten hatten und daher hochkalorische Trinknahrung erhielten. Sie nannten es, nach Beths Aussage, Liquid oder Gold, wobei Nick der Zusammenhang zwischen Flüssignahrung und Gold nicht ganz klar wurde. Beth bereitete noch schnell ein paar Kannen Eistee zu, und um halb vier gingen Nick, Beth und zwei der Pfleger in den Park, um das Picknick vorzubereiten.

Aus einem Schuppen im Hof der Klinik holte Nick zwei Bollerwagen, die ihnen als Transporthilfe dienen sollten. Nick war sich zwar nicht sicher, ob die Wagen überhaupt noch irgendetwas transportieren konnten, doch sie hielten tatsächlich stand und erleichterten ihm die Arbeit. Beth baute einen Tisch auf, um die Snacks und Getränke abzustellen, und dann trudelten bereits die Mädchen ein.

Aufgeregt prüfte Nick, ob er Emily sehen konnte.

Der Arzt wollte scheinbar keine Ausnahmen dulden, denn sie kam etwas abseits der Truppe ebenfalls in den Park. Eine Pflegerin, die Nick noch nicht kannte, stützte ein Mädchen, das deutlich Schwierigkeiten hatte zu laufen.

Das Mädchen lächelte, doch sein Gesicht war so eingefallen, dass man das Lächeln kaum als solches erkennen konnte. Es trug eine lilafarbene Kopfbedeckung, und Nick konnte erkennen, dass es keine Haare mehr hatte. Am Haaransatz war lediglich ein Flaum zu erahnen. An den Armen und Beinen war nicht einmal mehr ein Muskel zu sehen.

Das Mädchen schien wirklich nur aus Knochen zu bestehen. Seine Knie- und Ellenbogengelenke waren völlig ohne Fleisch, und ihr T-Shirt hing an ihrem mageren Körper herab. »

Starr sie nicht so an!«, sagte Beth, und Nick drehte sich zum Tisch um.
»Das ist schlimm! Sie sieht aus, als ob sie Krebs oder so etwas hätte!«
»Ja, das ist wahr. Es ist eine Schande!«

Nick blickte wieder zu den Mädchen, die nun alle auf der Wiese saßen.

Emily hatte sich wieder etwas abseits gesetzt, und auch die Pflegerin mit dem dünnen Mädchen saß nicht direkt neben den anderen. Dieses eine Mädchen war so schrecklich dünn, dass Nick sich zwingen musste, wegzuschauen. Ihm sah man wirklich an, dass es Probleme mit dem Essen hatte.

Die anderen Mädchen waren zwar alle dünn, aber auf den ersten Blick sah man ihnen keine Probleme an. Dr. Morton hatte Nick erklärt, dass eine Essstörung nicht automatisch bedeutete, dass man extrem mager sein musste. Der Großteil der Mädchen hatte ein gestörtes Essverhalten – die Mädchen aßen ganz normale Mengen, erbrachen die Nahrung dann aber, oder sie schlangen gleich Unmengen davon in sich hinein.

Sie hatten zwar, rein körperlich gesehen, keine Probleme mit der Nahrungsaufnahme, doch ihre psychischen Probleme waren Grund genug, in der Klinik behandelt zu werden.
»Nick, geh noch einmal hinein, wir haben die Becher vergessen. «
»Mach ich. Was für Becher meinst du denn?«
»Die Plastikbecher in der Speisekammer. Und bring noch einen Müllsack mit. Der liegt auf einem Regal ebenfalls in der Kammer.«

Nick machte sich auf den Weg zurück in die Klinik.

Er war froh über diese Gelegenheit, denn so konnte er sich für einen Moment auf etwas anderes konzentrieren. Die Vorstellung, dass Emily eines Tages wie das Mädchen von Station 3 aussehen könnte, trieb ihm die Tränen in die Augen. Was ihn ebenfalls schockierte, war, dass das Mädchen, obwohl sein Körper sichtbar keine Kraft mehr hatte, offensichtlich mehr Ausdruck und Lebensfreude in seinen Augen hatte als Emily.

Emily schien schon aufgegeben zu haben, doch ihr Körper zeigte dies noch nicht. In diesem Moment fühlte Nick sich so hilflos wie lange nicht mehr. Wie würde er Emily nur helfen können? Als er zurückkam, aß ein Teil der Mädchen schon.
 
Nach dem Essen forderte Dr. Morton die Mädchen zum Spielen auf, und wie Wilde verteilten sie sich auf der Wiese und im Park. Emily blieb weiterhin sitzen. Das Mädchen mit den Zöpfen versuchte abermals, sie zu motivieren, doch es hatte keinen Erfolg. Es bemerkte, dass Nick die Situation beobachtete und zuckte mit den Schultern, um ihm zu zeigen, dass es es wenigstens versucht hatte.

Emily schien irgendwie noch trauriger zu sein als sonst.

Sie hatte die Beine angezogen und versteckte ihr Gesicht dahinter. Wie ein zusammengeknülltes Etwas saß sie dort auf der Wiese und gab kein Geräusch von sich. Nick fasste all seinen Mut zusammen, goss etwas von Beths Eistee in einen Plastikbecher und ging zu Emily hinüber. Keiner nahm Kenntnis davon, weil die Pfleger und die beide Ärzte mit den anderen Mädchen vollauf beschäftigt waren. Nick setzte sich rechts neben Emily, und diese drehte ihr Gesicht in die andere Richtung. Nick konnte Spuren von Tränen sehen.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte Nick vorsichtig. Mindestens eine Minute lang sagte Emily gar nichts. Nick wusste irgendwie, dass sie erwartete, dass er ginge, so wie alle gingen, wenn sie kein Interesse zeigte. Nick wusste, dass er bleiben müsste. Er wollte ihr nicht zu nahe treten, aber er wollte ihr zeigen, dass er Interesse daran hatte, mit ihr zu reden. Er blieb also einfach neben Emily sitzen und stellte den Becher zur Seite.

Nick ließ die Sonne auf sich scheinen und schloss für einen Moment die Augen.

Sein Herz schlug heftig, und er hatte Mühe, seine Unruhe zu verbergen. So nah war er Emily noch nie gewesen. Er atmete so tief wie möglich ein, ohne dass Emily ihn hören konnte. Dann lächelte er kurz und vertraute darauf, dass einfach die richtigen Worte aus ihm herauskommen würden.

»Ich habe den Becher neben dich gestellt, für den Fall, dass du etwas trinken möchtest!« Wieder antwortete Emily nicht, und Nick stand auf, um sich am Tisch ebenfalls einen Becher zu holen. Er hoffte, dass Emily die Zeit nutzen würde, um etwas zu trinken, doch sie veränderte ihre Position nicht.

»Nick, du hast schon Feierabend.«

»Echt?«, fragte Nick, und tatsächlich war es bereits zehn Minuten nach 16 Uhr. Er blickte auf seinen Rucksack und dann wieder auf Emily. Jack würde im Park auf ihn warten, das war sicher, und keineswegs wollte Nick seine Verabredung platzen lassen. Er goss Wasser in seinen Becher, trank ihn eilig leer und stellte ihn dann in die Plastikbox, in der das schmutzige Geschirr lag.

Sein Blick streifte Emily nochmals, und er war unsicher. Vielleicht würde er es schaffen, mit ihr zu sprechen. Da war das Gefühl in ihm, dass Emily sich so schrecklich alleine fühlte und niemanden hatte, der ihr zuhörte. Einerseits schien sie das auch gar nicht zu wollen, denn sie zeigte deutlich, dass sie einfach nur ihre Ruhe haben wollte, doch andererseits spürte Nick irgendwie, dass da ein Teil in ihr war, der von ihrer Trauer erzählen wollte.

Was sollte er bloß tun? Er wollte gerne noch länger bleiben, doch er wollte auch Jack nicht warten lassen. In dem Moment, in dem er das dachte, schob sich ein anderer Gedanke in den Vordergrund. Nick verstand auf einmal, dass es für Jack kein Problem wäre, wenn er nicht käme. Dann würde er ihn eben erst am nächsten Tag sehen. Jack würde das verstehen, dass wusste er.

Er wollte also zumindest versuchen, mit Emily ins Gespräch zu kommen.

»Ich bleibe noch ein bisschen. Es ist gerade so schön!«, rief er schließlich Beth zu.
»Na, umso besser, dann kannst du mir nachher helfen, wieder alles in die Klinik zu schaffen«, lächelte sie und nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Nick blickte nochmals in die Sonne, und eine angenehme Ruhe breitete sich in ihm aus. Es würde schon alles gut werden, dachte er, und in diesem Moment glaubte er ganz fest daran.

Er ging wieder zu Emily hinüber und setzte sich auf genau dieselbe Stelle, auf der er vorher gesessen hatte. Und dann wartete er einfach. Er würde so lange warten, wie es eben dauern würde. Und wenn sie nicht sprechen würde, wäre ihm das auch egal. Er würde einfach an ihrer Seite bleiben, damit sie wüsste, dass jemand da wäre, wenn sie bereit dafür wäre. Das fühlte sich für Nick gut an. Er legte sich auf den Rasen und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf. Die Sonne schien ziemlich stark an diesem Nachmittag.

Nach einigen Minuten drehte Emily sich um. Nick behielt weiterhin die Augen geschlossen, doch er merkte, dass Emily nach dem Becher neben sich griff. Dann hörte er, wie sie einen Schluck daraus nahm. Die Sonne verschwand für einen Moment, und Nick erschrak zunächst.

Vielleicht stand Dr. Morton vor ihm oder Emily war weggelaufen und hatte kurz die Sonne verdeckt.

Er öffnete die Augen. Es war nur eine mittelgroße Wolke, die zumindest einen Teil des Sonnenlichts verdeckte. Emily versteckte ihr Gesicht nicht mehr, und nun endlich schaute sie mit offenem Blick in den Park. Sie war dabei dicht bei Nick. Für einen Moment stützte sie sich mit der linken Hand ab, um noch einen Schluck zu nehmen.

Nick setzte sich auch, und seine Hand lag nur etwa zwanzig Zentimeter neben ihrer. Er schielte schnell auf ihre Hand, und es wurde ihm ganz warm ums Herz. Hoffentlich dachte sie jetzt nichts Schlechtes über ihn, weil er ihr so nah war, dachte er nervös. So gerne hätte er einfach ihre Hand genommen und gehalten, um ihr das Gefühl zu geben, dass er für sie da war.

Nick blickte wieder in den Himmel. Die Wolke war fast vorbeigezogen. Dann plötzlich kam ihm das Gespräch mit Jack in den Sinn. »Ich habe einen Freund, der mir erst vor kurzem etwas gesagt hat, was mich sehr berührt hat. Es hat mir geholfen, mein Leben mit anderen Augen zu sehen.« Nick wartete einen Moment ab, bevor er weitersprach.

Es schien nicht so, als ob Emily ihm zuhören würde, aber das sollte ihn nicht davon abhalten, weiterzusprechen.
»Er sagte mir, dass wir Menschen so stark mit unseren Problemen verbunden seien, dass wir vergäßen, dass hinter den Wolken unseres Lebens immer die Sonne scheine.

Wir glauben, dass alles dunkel und grau ist.

Vielleicht glauben wir sogar, das wäre für immer so. Doch im nächsten Augenblick schon kann die Kraft der Sonne Lücken in die Wolke reißen und sie auflösen. Schon im nächsten Augenblick kann die Wolke vorbeiziehen, weil der Wind sie zur Bewegung zwingt.«

Irgendetwas berührte Emily in dem, was Nick sagte, und eine einsame kleine Träne rollte langsam ihre Wange hinunter. Sie schloss die Augen, und immer mehr Tränen liefen.

»So etwas Ähnliches hat zu mir auch schon einmal jemand gesagt«, antwortete sie schließlich. Wieder schwiegen beide.
»Ich weiß nicht, warum du hier bist, Emily. Doch ich weiß, dass ich erst vor Kurzem noch dachte, mein Leben hätte keinen Sinn. Und jetzt hat es wieder einen Sinn. Es hatte die ganze Zeit einen Sinn, ich hatte ihn nur nicht gesehen, weil ich davon überzeugt gewesen war, dass mein Leben anders sein müsste.«

Wehmütig blickte Emily Nick an.

Was er sagte, berührte sie sehr. Für ein paar Momente schaute sie ihm direkt in die Augen. Nick wandte seinen Blick nicht ab. Ihre Augen waren so tief, dass man sich darin hätte verlieren können.
»Ich wünschte, ich könnte das so sehen wie du«, antwortete sie betrübt.
»Das kannst du. Es ist deine Entscheidung.«

Emily drehte wieder den Kopf zur Seite. Sie schien ihre Tränen verbergen zu wollen. Nick war froh, dass sie nicht aufstand und weglief. Aus irgendeinem Grund blieb sie dort bei ihm sitzen. Erschaute auf ihren Hals und sah ihren Puls schlagen. Ihre Haut schien durch den Puls in Bewegung zu sein. Sie war so schön und so zart. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als sie berühren zu können. Er war wirklich verliebt in sie. Langsam stand er auf, und Emily wandte sich ihm wieder zu.

»Ich gehe jetzt nach Hause, Emily«, sagte er bestimmt. Sie blickte ihn an und nickte lächelnd. »Okay«, flüsterte sie.
 »Bis morgen«, sagte Nick noch und ging hinüber zu Beth, um sich zu verabschieden. Freudig lief er durch die Klinik, holte seinen Rucksack und verabschiedete sich auch von Steph, die gerade mit zwei Elternpaaren über die Regeln der Klinik sprach.

Dann war er auch schon zur Tür hinaus und schwang sich zufrieden auf sein Fahrrad. Er lächelte. Er hatte eine solche Angst davor gehabt, mit Emily zu reden. Er hatte sich die schrecklichsten Szenarien ausgemalt, wie es hätte enden können. Doch dann hatte er sich einfach entspannt und beobachtet, was geschehen war. Und es hatte wunderbar geklappt. Er hatte eine Ruhe in sich gespürt und Emily einfach angesprochen.

Obwohl Nick daran dachte, dass Jack wahrscheinlich bereits gegangen war, fuhr er schnell in den Park und suchte ihn.

Doch weder auf der Bank noch auf der Wiese oder am Teich war Jack aufzufinden. Zu gerne hätte Nick ihm davon erzählt, wie er mit Emily geredet hatte. Und vielleicht hätte er Jack auch gefragt, wie es sich anfühlte, verliebt zu sein. Es wäre sicherlich ein lustiges Gespräch geworden.

Nick verließ den Park wieder und fuhr nach Hause. Seine Familie hatte sich an dem Abend vorgenommen, essen zu gehen. Es gab allen Grund, zu feiern: Nicks Vater hatte endlich seine Beförderung erhalten, Nick war in der Klinik toll aufgenommen worden und arbeitete zum ersten Mal in seinem Leben, und die Familie war nach vielen Jahren endlich wieder harmonisch vereint.

Dementsprechend trank Nicks Vater an diesem Abend mal wieder ein Glas Wein zu viel, obwohl alle wussten, dass er es nicht vertrug. Nick sah seine Mutter an diesem Abend so glücklich wie lange nicht mehr. Völlig losgelöst lachte sie den ganzen Abend lang. Obwohl Nick sich mit seinen Eltern unterhielt, dachte er doch immer wieder an Emily und an den Moment, in dem sie endlich mit ihm gesprochen hatte.

Er stellte sich vor, wie schön es wäre, wenn Emily neben ihm und seinen kleinen Bruder säße und er seinen Arm um ihre Schulter legte. Er wünschte sich so sehr, sie einmal bei einem Abendessen dabei zu haben. Nick wusste, dass seine Mutter sich schon lange wünschte, dass er mit einem Mädchen zusammen wäre.

Weiter geht es mit – In deiner Welt Fortsetzung der spirituellen Geschichte am Sonntag den 26. Mai 2019


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19.05.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
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