spirituelle Geschichten

In deiner Welt – Kapitel 11

Kapitel-11-georg-huber-in-deiner-welt-romanKapitel 11 – In deiner Welt
Fortsetzung der spirituellen Teenager Geschichte

von Georg Huber
Kapitel 1 bis 10 findest Du >>> HIER .
Voller Vorfreude fuhr Nick am nächsten Tag in die Klinik. Am vorherigen Tag war er mit Gedanken an Emily eingeschlafen, und an diesem Morgen war er mit ihnen aufgewacht. In seiner Vorstellung sah er sich immer mit Emily zusammen. Er sah sie und sich im Park spazieren gehen, den Felsen besuchen und kuschelnd auf der Couch einen Film ansehen.

Alles andere war im Moment uninteressant für ihn. Selbst als Steve am Abend zuvor auf dem Handy angerufen hatte, hatte Nick nicht abgenommen. Für ihn gab es nur Emily und sich. Das Einzige, was ihn noch interessierte, war, mit ihr ins Gespräch zu kommen und das Eis zwischen ihnen zu brechen.

Die Realität sah allerdings anders aus, und am Mittag musste Nick sich das auch eingestehen

Er dachte, er könnte Emily genauso begrüßen, wie er sich am Tag zuvor von ihr verabschiedet hatte. Als Emily also mit den anderen Mädchen zum Essen herunterkam, beschloss er, sich an ihren Tisch zu begeben. Er war vorsichtig, denn er wollte auf keinen Fall auf irgendeine Art und Weise mit einem der Ärzte zusammenstoßen. Emily war schließlich eine Patientin, und er war die Küchenhilfe. Beth hatte noch einmal ihren Eistee gemacht, weil er den Mädchen so gut geschmeckt hatte.

Also nahm Nick eine Kanne und ging zu ein paar Tischen, um den Mädchen etwas zu trinken anzubieten. Er ging von Tisch zu Tisch, und hier und da wechselte er auch ein paar Worte mit einem der Mädchen, doch sein Blick war dabei stets auf Emilys Tisch gerichtet. Als er sich diesem näherte, war er noch friedlich und glücklich in seinen Gedanken. Er hoffte, dass Emily sich ein Stück weiter öffnen könnte als beim Picknick auf der Wiese. Er erwartete irgendwie, dass sie ihn mit dem gleichen sanften Lächeln empfangen würde, das sie ihm am Tag zuvor im Park zum Abschied geschenkt hatte.

Nick stellte die grüne Plastikkanne auf den Tisch und fragte:

»Hallo, Emily, möchtest du etwas von dem Eistee, den du von gestern kennst?« Er lächelte dabei und freute sich auf die Gelegenheit, sich an ihren Tisch setzen und wieder mit ihr sprechen zu können. Emilys Reaktion allerdings schockierte ihn zutiefst. Sie stand auf, ohne etwas zu sagen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, und verließ den Raum. Eine Frau im Kittel, die wohl Dr. Fisher sein musste, lief noch hinterher, doch Emily hatte in Windeseile den Speisesaal verlassen.

Nick blieb wie angewurzelt stehen. Innerlich fing er an zu zittern. Er hatte die Situation wohl völlig falsch eingeschätzt. Dr. Morton stand auf und blickte fragend zu ihm herüber, während er und auch die andere Ärztin sich ihm näherten. »Ich …«, sagte Nick verwirrt. Er schluckte und spürte, wie er kurz davor war, zu weinen. »Ich … ich wollte ihr nur etwas zu trinken geben.«
»Lass das in Zukunft bitte, Nick!«

Nick wurde rot im Gesicht, nickte den Ärzten zu und verschwand mit seiner Kanne augenblicklich in der Küche.

Seine Welt schien einzustürzen. Seit Langem hatte er sich nicht mehr so verletzt gefühlt. Beth war in der Küche und putzte. Er gesellte sich, ohne etwas zu sagen, zu ihr und versuchte krampfhaft, seine Tränen zu unterdrücken. Dann klopfte es an der Tür, und Dr. Morton kam herein.

»Nick, ich weiß, du wolltest den Mädchen nur etwas Gutes tun. Aber du musst wissen, dass diese Mädchen kein normales Verhältnis zu Lebensmitteln haben. Sie trinken nicht einfach, wenn sie durstig sind, und sie essen auch nichts, wenn sie hungrig sind. Für sie ist es teilweise eine Qual, ihren Magen mit nur irgendetwas zu füllen.«
»Ja«, antwortete Nick.
»Alles okay?«, fragte Dr. Morton und legte eine Hand auf Nicks Rücken. Nick tat so, als wollte er die Arbeitsfläche putzen.
»Ja, ja«, sagte er eilig.
»Okay, ich gehe dann wieder.«
Als die Tür zuschwang, fragte Beth leise: »Was ist passiert? « Nick fing an zu schluchzen: »Ich wollte Emily nur etwas zu trinken geben.«

Beth stützte ihre Arme in die Seiten.

»Oh, mein Kleiner … ich habe gestern schon gesehen, dass du sie magst. Das ist nicht gut.«
»Wieso nicht?«, fragte er unter Tränen.
»Weil sie … Nick, sie ist krank!«
»Das ist mir egal!«
»Ich weiß«, sagte Beth und tröstete ihn.
»Ich verstehe das nicht«, sagte er leise.
»Ich weiß. Das kann man auch nicht«, sagte Beth.

»Ich war auch einmal jung. Ich weiß, wie das ist, wenn man verliebt ist.

Du wirst dir das nicht aus dem Kopf schlagen, deswegen sage ich es dir gleich: Nick, sie ist psychisch krank, das solltest du wissen. Sie ist hier, weil sie krank ist.«

Nick reagierte nicht auf das, was Beth sagte, und erledigte einfach weiter seine Arbeit. Für einen kurzen Moment war er sogar sauer auf Beth. Emily als krank zu bezeichnen, fand er reichlich unpassend. Doch genauso unpassend war Emilys Reaktion auf ihn gewesen. Für die nächste Stunde verließ er die Küche nicht mehr. Das alles war so beschämend für ihn, dass er sich einfach nicht mehr traute, hinauszugehen. Er sagte auch nichts mehr, außer wenn Beth ihn etwas fragte. Er schwieg einfach und hoffte, so schnell wie möglich fertig zu werden.

Erst als es 16 Uhr war, ging er aus der Küche

In kürzester Zeit packte er seine Sachen zusammen und verließ, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden, die Klinik. Er stieg auf sein Fahrrad und ließ den Berg so schnell wie möglich hinter sich. Obwohl Nick immer noch nach Weinen zumute war, weinte er nicht. Er verdrängte einfach jeden Gedanken und jedes Gefühl in sich und fuhr den Berg hinunter in die Stadt.

Er bog zunächst auch nicht, wie gewohnt, nach links ab, um in den Park zu fahren. Er trat einfach weiter mechanisch in die Pedale und fuhr die Straßen entlang, bis sie endeten und er nur noch nach links oder rechts abbiegen konnte. Minutenlang trat er in die Pedale und starrte einfach vor sich auf die Straße, unfähig, irgendetwas um sich herum wahrzunehmen. Er war schließlich am Stadtrand angelangt, und nur wenige Häuser waren neben ihm zu sehen. Auch hier dachte Nick kaum nach, bog einfach nach links ab und fuhr immer weiter.

Er schien wohl einfach nur vor diesem Tag flüchten zu wollen.
Irgendwann hielt er an einer Bushaltestelle an. Es war niemand zu sehen, also stellte er sein Fahrrad ab und setzte sich dort auf die Gitterbank. Dann weinte er. Und immer wieder fragte er sich, wieso sie so reagiert hatte. Was hatte er bloß falsch gemacht? Vielleicht war das von Anfang an die falsche Herangehensweise gewesen.

Welch ein irrsinniger Gedanke, einem Mädchen aus einer Klinik für Essgestörte näherkommen zu wollen.

Wie leichtsinnig, zu glauben, dass man sie von etwas befreien könnte, wozu selbst manchmal die besten Ärzte nicht in der Lage waren. Nick schämte sich und war wütend auf sich selbst. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Er atmete schwer.

Wie sollte er jetzt bloß wieder in die Klinik gehen und dort weitermachen, als ob nichts geschehen wäre? Eine Zeit lang schien Nick in seinen Gedanken gefangen zu sein. Er war so wütend auf sich selbst, dass er am liebsten gegen einen Pfosten des Wartehäuschens getreten hätte. Die Bushaltestelle sah ohnehin schon heruntergekommen aus.

Der Mülleimer war so voll, dass er bereits überquoll, die Poster an den Glaswänden waren zerrissen, und der Lack blätterte bereits von der Bank ab. Selbst wenn er etwas zerstören würde, würde es kaum auffallen. Nach ein paar Minuten allerdings landete eine Taube vor Nick und lief ein paar Meter vor ihm auf und ab, in der Hoffnung, etwas Essbares zu bekommen. Sie gurrte kurz, reckte ihren Hals, blickte Nick an und stieß dann immer wieder mit ihrem Schnabel auf den Boden, auf der Suche nach irgendeinem Krümel, den jemand dort vielleicht verloren hatte.

Die Bewegung, das ständige Mit-dem-Schnabel-auf-den-Boden-Hacken, riss Nick für einen Moment aus seinen Gedanken. Er dachte zwar noch an den Vorfall mit Emily, doch mit den Augen sah er dem Vogel zu, wie er immer wieder gurrte, auf und ab lief und dann mit dem Schnabel auf dem Boden herumhackte.

Dann stand Nick auf – und ließ sich doch wieder auf die Bank fallen.

Was machte er hier bloß, fragte er sich. Ihm wurde klar, dass seine Gedanken an der Situation nichts änderten. Er konnte so viel darüber nachdenken, wie er wollte. Er konnte sich schlechtmachen und sich Vorwürfe machen, ändern würde all das nichts. Wie an jeder Bushaltestelle in der Stadt, wurde auch an dieser die Uhrzeit angezeigt.

Es war bereits 16.42 Uhr, und anstatt im Park mit Jack über den Vorfall zu sprechen, hatte er die Zeit damit verbracht, sich selbst schlechtzumachen. Nick stieg wieder auf sein Fahrrad und trat in die Pedale. Er beschloss, zum Park zu fahren, egal, ob Jack noch da wäre oder nicht. Auf jeden Fall war dies besser, als auf der Bank zu sitzen und sich den Kopf zu zerbrechen. Nick stellte nicht wie gewöhnlich sein Fahrrad vor dem Park ab, sondern fuhr damit in den Park hinein.

Er würde so lange auf dem Fahrrad sitzen bleiben, bis ihn jemand darauf aufmerksam machen würde, dass das Fahren im Park verboten war. Ihm war in diesem Moment alles egal. Erst als er sah, dass Jack immer noch am Brunnen auf ihn wartete, stieg er vom Fahrrad ab und ging die letzten Meter auf ihn zu. Etwas verschwitzt und außer Atem entschuldigte er sich.

»Es tut mir so leid, Jack, aber ich …«, er stockte und überlegte, wie er Jack die Situation erklären sollte. Jack sagte gar nichts und wartete ab.
 »Ich habs vermasselt, Jack!«, sagte Nick und ließ den Kopf hängen. Jack stand auf, ging zwei Schritte auf Nick zu und nahm ihn in den Arm.
»Wie kommst du bloß darauf?«, fragte er, als ob nichts gewesen wäre.
»Es tut mir leid, dass ich gestern nicht gekommen bin. Und es tut mir leid, dass ich heute zu spät bin. Ich bin so froh, dass du hier …«

Jack legte einen Finger auf seine Lippen und signalisierte Nick, dass er erst einmal tief durchatmen sollte.

»Ja, du hast recht«, sagte Nick und nahm einen tiefen Atemzug.
»Glaubst du, es macht mir etwas aus, wenn du beschließt, nicht in den Park zu kommen, oder wenn du später kommst als sonst?«, fragte er freundlich und liebevoll. Dann strich er Nick übers Haar und lachte.
»Wahrscheinlich nicht«, antwortete Nick und lächelte für einen Moment.
»Setz dich«, sagte Jack. Nick setzte sich neben Jack und schüttelte den Kopf. »Weißt du, wenn ich hier bei dir bin, dann ist mir immer alles so klar.«
»Erzähl mir, was los ist!«

»Die Klinik hat gestern ein Picknick im Park veranstaltet. Also nicht hier, sondern oben im Park«, sagte er und zeigte auf die Klinik. Man konnte sie von dort, wo er gerade saß, optimal sehen. Er seufzte kurz, als er sie anschaute.
»Ich bin gestern zu Emily gegangen, und nach einer Weile hat sie auch angefangen, mit mir zu reden. Keine Ahnung, ich habe einfach in mir gespürt, dass es richtig war, mit ihr zu sprechen.«
»Warte, Nick. Wo hast du das gespürt?«

Nick deutete mit dem Finger auf seine Brust.

»Dort habe ich es gespürt. Es war irgendwie warm, und ich hatte einfach den Drang, aufzustehen und zu ihr zu gehen.« Jack nickte, und Nick sprach weiter: »Heute wollte ich wieder mit ihr reden, doch als ich an ihren Tisch kam, ist sie aufgestanden und weggegangen.« Jack lachte auf einmal los. Er lachte so lange, bis es ihm Tränen in die Augen trieb.

»Wieso lachst du?«, fragte Nick verletzt. Für ihn war das überhaupt nicht lustig. Für ihn war der heutige Tag vielleicht der schlimmste seines ganzen Lebens gewesen.
Jack merkte, dass Nick sich nicht ernst genommen fühlte, und sagte: »Das war sicherlich schlimm für dich.«
»Hm«, antwortete Nick verstört. Er wartete, ob Jack noch weiterlachen würde, und fuhr dann erst fort. »Es war schrecklich, Jack! Es fühlte sich so an, als ob jemand mein Herz aus meinem Körper herausgeholt und gegen die Wand geworfen hätte!«
»Oh, ich weiß, Nick! Dieses Gefühl ist grauenvoll!«

Nick faltete seine Hände und stütze sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab. Ein Windstoß blies ihm ins Gesicht.
»Sie hat mir wirklich das Herz herausgerissen, Jack!«, sagte er leise, und dann, nach ein paar Momenten, drehte er sich zu Jack und fragte ihn:

»Glaubst du, ich bin verliebt?«

Jack streckte seine Beine aus. »Hast du da noch Zweifel?«, fragte er und zwickte Nick in die Seite.
»Das ist auch grauenvoll!«, sagte Nick, und Jack lachte wieder laut los. Er lachte so lange, bis Nick sich von seinem Lachen anstecken ließ. Für einen Moment beobachtete er, wie Jack sich den Bauch hielt und sich dann die Tränen von den Wangen rieb, so sehr lachte er. Kurz überlegte Nick, ob er beleidigt sein sollte. Doch dann konnte er einfach nicht anders.

Auch ihm schossen die Tränen in die Augen, und er lachte mit. Am Anfang war es ein zögerndes Lachen, und immer wieder kontrollierte er sich, doch schon bald endete sein Kontrollversuch in lautem Gelächter. Er konnte einfach nicht anders, als mitzulachen. Jeder Außenstehende hätte wohl den Kopf geschüttelt, doch die zwei Freunde saßen einfach auf der Bank und lachten. »Das tut gut«, sagte Nick irgendwann und gähnte dann laut.

»Ist es jetzt besser?«, fragte Jack lächelnd.
Nick antwortete mit einem Nicken. »Du hast heute etwas Interessantes beobachten können«, sagte Jack. »Hinter deinem Glück und hinter deinem Leid steckte die Angst vor Zurückweisung. Gestern hast du diese Angst überwunden, und sie hat dich beflügelt. Heute hast du dich von ihr wieder ärgern lassen, und sie hat dir fast deinen Tag versaut.«
»Wovon redest du jetzt schon wieder?«
»Nun, das ist deine größte Angst, Nick.«

Nick schwieg und sagte nichts.

»Es ist nicht schlimm, Nick. Jeder von uns hat eine Angst, eine Art Urangst. Und deine ist die vor Zurückweisung. Als du gestern auf Emily zugegangen bist, hast du dieser Angst für einen Moment in die Augen geschaut. Du hast sie überwunden, und so konnte sie sich in Stärke verwandeln. Deswegen hast du dich so toll gefühlt. Als Emily heute aufgestanden ist und dich am Tisch zurückgelassen hat, kam die Angst wieder zurück und hat die Oberhand gewonnen. Dann hast du sicherlich gedacht, dass alles einfach nur eine dumme Idee war, richtig?«

Nick kratzte sich am Kopf. »Ja, das ist wahr.«
Die Blätter des großen alten Laubbaums hinter der Bank raschelten, als der Wind hindurchwehte. Der Ausdruck in Nicks Augen wurde traurig.
»Sie hat mich wirklich verletzt.«
Jack legte seine Hand auf Nicks Schulter. »Nein, Nick, du hast dich verletzt.« Nick blickte Jack in die Augen. »Versuche, dich zu erinnern, ob du dieses Gefühl schon einmal hattest.« »Jack, ich verstehe nicht, was du meinst«, antwortete Nick und schüttelte den Kopf.
»Wir hatten das schon einmal«, antwortete Jack sanft.

»Du bist für deine Gefühle und Gedanken verantwortlich, Nick.

Die Art und Weise, wie du reagierst, wird von deinen Gefühlen und Gedanken anderer Tage bestimmt. Dass du so verletzt auf Emilys Abgang reagiert hast, war deine Entscheidung. Wenn du ein Junge voller Selbstbewusstsein wärst, hätte dir das sicher nichts ausgemacht. Du fühlst dich genauso angegriffen wie damals, als dein Trainer dich so doof von der Seite angemacht hat. Erinnerst du dich noch daran?«

Nick stand auf und bejahte Jacks Frage.
»Wenn du selbstbewusster wärst, dann hättest du anders auf deinen Trainer reagiert und anders auf Emilys Verschwinden. Du hättest deinen Mut nicht verloren.«
»Ja, vielleicht, aber das bin ich nicht!«, antwortete Nick etwas empört. Er ging ein paar Meter zum Brunnen und stellte sich in den Wind. Er schloss die Augen und spürte, wie sein Gesicht für einen Moment ganz kühl wurde.
»Dafür kann sie aber nichts«, sagte Jack wiederum, und er schien noch leiser zu werden. Nick schwieg einen Moment lang und sagte dann: »Ich weiß, was du meinst, Jack.«

Jack nickte.
»Ich würde bei jedem Menschen, der mich abblitzen lässt, so reagieren, aber nicht, weil ich abblitze, sondern weil ich mir gleich so wertlos vorkomme.«
Jack stand ebenfalls auf und legte seine Hand auf Nicks Schulter. Nick drehte sich um und lehnte sich an den Rand des Brunnens, mit beiden Händen in seinen Hosentaschen. Er senkte den Kopf.

»Und das alles nur wegen meines blöden Selbstbewusstseins!

Hätte ich vielleicht mehr Aufmerksamkeit bekommen, wäre ich auch selbstbewusster.«
Jack zog wieder einmal seine Augenbrauen nach oben und deutete so an, dass Nick diese Worte lieber überprüfen sollte.
»Ja, du hast recht, das bringt auch nichts«, entgegnete Nick schnell, als er Jacks Gesicht sah. »Es gibt immer eine Ursache für ein Problem, und ja, vielleicht war an deinem Problem auch eine andere Person beteiligt. Aber das ist unwichtig.

Wichtig ist, dass du jetzt für dieses Problem verantwortlich bist. Du leidest darunter, du trägst es mit dir herum und trägst es vor allem in deinem Herzen. Nur du kannst es lösen, niemand anderes kann das für dich tun. Wenn du glaubst, dass du wegen einer anderen Person keinen Selbstwert hast, gibst du deine Verantwortung ab. Doch du bist kein Opfer deiner Gefühle, du kannst sie wandeln, nur du ganz alleine!«

Jack kam seinem Freund noch ein Stück näher.

»Du bist ein wunderbarer Junge, und du begreifst sehr schnell. Du bist auf dem richtigen Weg.«
»Das bringt mir auch nichts. Ich glaube wirklich, dass ich mich in sie verliebt habe. Aber was bringt mir das, wenn sie meine Gefühle nicht erwidert?«
»Das kann sie im Moment nicht«, entgegnete Jack.
»Ich weiß«, sagte Nick und fühlte sich schlecht dabei. Er war vielleicht viel zu schnell gewesen und hätte ihr mehr Zeit geben sollen.

»Was, glaubst du, würde die Liebe jetzt tun?«, fragte Jack plötzlich und lehnte sich ebenfalls neben Nick an den Brunnen.
»Was meinst du damit?«
»Wieso muss sie unbedingt eine Antwort auf dein Verliebtsein geben? Wieso muss sie deine Gefühle erwidern?«
»Das muss sie nicht!«, antwortete Nick eilig.
»Oh, doch, das muss sie! Würdest du weiterhin deine Gefühle zulassen, auch wenn sie sie nicht erwidern würde? «
»Aber was macht denn Liebe für einen Sinn, wenn sie nur von einer Person ausgeht? Dann ist es doch keine Liebe«, sagte Nick traurig.

»Die Liebe liebt der Liebe wegen und erwartet nicht, erwidert zu werden.«

Jack blickte zu Nick, der seinen Kopf noch tiefer hängen ließ.
»Nimm deine Gefühle an, Nick. Sie sind wunderbar. Verliebt zu sein ist eines der schönsten Gefühle auf Erden. Erinnere dich an das Gefühl, das du mir beschrieben hast. Dein Ziel war es, Emily zu helfen, komme, was wolle. Du hast gespürt, dass dies der Sinn eurer Begegnung ist. Du wolltest sie an die Liebe erinnern, an die Sonne, die in ihr strahlt. Jetzt lasse dich davon nicht abbringen, nur weil du Angst davor hast, von ihr zurückgewiesen zu werden. Begegne dieser Angst immer wieder, nur so kannst du sie wandeln.«

 »Hm, das ist leicht gesagt.« Jack legte ein Bein über das andere.
»Ich weiß, mein Freund«, seufzte er.
»Die Liebe ist kein einfaches Unterfangen. Sie wäre es, wenn die Menschen nicht Menschen wären«, sagte er und lachte. »Aber sage mir eines, Nick. Spüre einmal in dein Herz hinein, und sage mir, was es dir in Bezug auf Emily rät. Was rät dir denn deine innere Stimme in diesem Fall?«

»Weitermachen!«, antwortete Nick sofort. »Ja, weitermachen!

Ich will ihr helfen, Jack. Ich weiß, dass es richtig ist.«
Jack setzte sich wieder auf die Bank und gab Nick ein Zeichen, sich doch neben ihn zu setzen. Nick dachte noch einmal an den Moment, in dem Emily aufgestanden war und den Speisesaal verlassen hatte. Doch dieses Mal dachte er nicht daran, wie verletzt er gewesen war, sondern er dachte daran, was Emily in dem Moment empfunden haben könnte. »Ich hätte ihr mehr Zeit geben müssen«, murmelte Nick, und Jack, der dies unmöglich gehört haben konnte, sagte: »Du musst Geduld haben, mein Freund. Alles zu seiner Zeit. Alles braucht seine Zeit.«

»Ja, das ist wohl so«, sagte Nick und setzte sich neben Jack auf die Bank.
»Emily ist etwas Besonderes, aber sie ist ebenfalls verletzt. Sie hat vielleicht das Leben ein Stück weit aufgegeben. Bei den Begegnungen mit ihr musst du in ihre Welt eintauchen, so, wie wir das im Park geübt haben. Du erinnerst dich doch an die Frau mit dem Kinderwagen?«, sagte Jack.

»Ja«, nickte Nick wieder.
»Und ja, ich war so sehr … tja, wie soll ich das nennen?«
»Verliebt?«, stichelte Jack wieder.
»Ich war nicht mehr Herr meiner Gefühle. Ja, das trifft es wohl am ehesten.«
Jack lächelte. Nick schüttelte den Kopf und lächelte ebenfalls.

»Ich kann nicht glauben, was da in mir vorging. Das war unglaublich.

Ich konnte nicht aufhören, Emily anzusehen, und ich hatte solche Angst vor der Begegnung mit ihr.«
Wieder kicherte Jack, und dann hatte er wieder einen Ausdruck in den Augen, als würde er in Erinnerungen schwelgen.
»Wow«, sagte Nick auf einmal. »Es ist schon spät.«
»Ja, das ist es.«

»Ich … es tut mir leid, dass ich so spät gekommen bin. Ich bin vorher wie ein Irrer durch die Stadt gefahren und wusste überhaupt nicht, wo ich hinsollte.«
Jack winkte ab: »Du bist da. Das ist das, was zählt. Und morgen, wenn du kommst, sehe ich in ein freudiges Gesicht.«  Nick empfand das mehr als eine Frage.
»Ja, ich versuche es.«

Jack gab Nick einen Klaps auf den Rücken.

»Dann gehe, und berichte mir morgen. Und Nick, lasse sie auf dich zukommen. Für sie ist vielleicht das Gefühl wichtig, dass sie die Kontrolle hat.«

Als Jack das sagte, schien Nick ein Licht aufzugehen, und er spürte, dass Jack mit seiner Aussage den Kern getroffen hatte. Emily musste irgendetwas passiert sein, das sie Angst vor Dingen haben ließ, die sie nicht kontrollieren konnte, auf die sie keinen Einfluss hatte. Darauf zu warten, dass Emily auf ihn zukäme, war die einzig richtige Verhaltensweise.

»Danke«, flüsterte Nick und verabschiedete sich. Jack hatte seine Augen schon geschlossen und genoss die Sonnenstrahlen.

Weiter geht es mit – “In deiner Welt” Fortsetzung der spirituellen Geschichte am Sonntag den 2. Juni 2019


Den Roman
In deiner Welt
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von Georg Huber
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26.05.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
www.jeomra.de

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