spirituelle Geschichten

In deiner Welt – Kapitel 12

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Fortsetzung der spirituellen Teenager Geschichte

von Georg Huber
Kapitel 1 bis 11 findest Du >>> HIER 
Zwei Tage lang ging Nick wie gewohnt zur Klinik und beobachtete Emily von der Küche aus. Er ging an diesen Tagen nicht auf sie zu und setzte sich auch nicht an ihren Tisch. Jedes Mal, wenn Emily zum Essen herunterkam, schloss Nick für einen Moment die Augen und stellte sich vor, wie er an Emilys Tisch ging, sich zu ihr setzte oder auch einfach nur an ihr vorbeiging und sie begrüßte.

Doch jedes Mal, wenn er sich das vorstellte, zuckte ein Teil in ihm zusammen.

Er spürte einfach, dass es noch nicht an der Zeit war, mit Emily Kontakt aufzunehmen. Nick beobachtete sie zwar in den beiden Tagen, und sie liefen sich auch einmal morgens über den Weg, als Emily auf dem Weg zur Therapie war, doch Nick sagte rein gar nichts zu ihr. Er zeigte immer ein sanftes Lächeln, wenn er sie sah, aber er öffnete seinen Mund nicht. Die Sehnsucht, mit ihr zu sprechen, war groß, doch er hielt sich zurück.

Auch Jack riet ihm, geduldig zu bleiben.

Er erklärte Nick anhand einiger Beispiele, dass alles seinen Zeitpunkt hatte. Mit einem Apfel in der Hand saß Jack kauend auf der Bank und sprach davon, dass der Apfel auch erst dann vom Baum fiele, wenn er reif sei, und nicht vorher. Das machte Nick zwar auch nicht glücklicher, aber zumindest blieb er geduldig.
 
Am zweiten Tag, es war Freitagmorgen, als die beiden Betreuer wiederkamen und mit den Mädchen einen Ausflug machen wollten, änderte sich die Situation ein wenig.
Dr. Morton kam, kurz nachdem Beth und Nick sich an die Vorbereitungen gemacht hatten, in die Küche herein und fragte Nick, ob er Lust hätte, mit auf den Ausflug zu gehen.

»Wo gehts denn hin?«, fragte Nick, erstaunt über das Angebot.

»Wir fahren endlich wieder einmal in den Cooster Freizeitpark. Den kennst du bestimmt, oder?«
»Ja, da bin ich früher öfter mit meiner Familie gewesen. Also früher, als ich noch kleiner war.«

Dr. Morton grinste. »Ich liebe solche Parks und bin froh, wenn ich im Rahmen der Klinikausflüge dort hinkomme. Also, hast du Lust mitzukommen? Du könntest uns helfen, ein Auge auf die Mädchen zu haben, und auch ein bisschen Spaß haben«, sagte er noch einmal und blickte dabei auch auf Beth. Schließlich war sie für die Küche verantwortlich, und sie entschied, ob Nick weggehen konnte oder nicht.

Natürlich hatte die Klinikleitung das letzte Wort, aber Dr. Morton wusste sowieso, dass Beth Ja sagen würde, und Beth freute sich immer wieder, wenn sie in Entscheidungsfragen eingebunden wurde.
»Ja, klar, natürlich kann er gehen. Ich habe ja auch vorher ohne ihn alles regeln können. Wenn auch nicht so gut!«, war ihre Antwort, und dabei lächelte sie Nick an. Dieser freute sich, denn dies war ein Kompliment an seine Arbeit.

»Übrigens, wann bekomme ich eigentlich meine versprochene Hilfe?«,

fragte Beth schnell hinterher und stemmte dabei die Hände in die Hüften.
»Nächste Woche gibt es die ersten Bewerbungsgespräche. Also bitte ich noch um ein paar Tage Geduld.«
Nick blickte etwas verwirrt drein, vermutete aber, dass es um eine dauerhafte Küchenkraft ging.
»Also, kommst du mit?«, fragte Dr. Morton dann nochmals.
»Ich komme gerne mit.«

Und so ging Nick eine halbe Stunde später an den Spind und holte seinen Rucksack heraus.

Er ging in den Flur, wo Steph und Peggy wieder alle Mühe hatten, die Horde Mädchen zusammenzuhalten. Von draußen hörte man ein Geräusch, als ob sich die Tür eines Busses öffnete. Tatsächlich kam in diesem Moment Constantine grinsend aus einem Schulbus heraus.

»Einsteigen, Kinder, los gehts!«, rief er laut.
»Moment, Moment!«, entgegnete Dr. Morton und bat die Mädchen, sich in Zweiergruppen aufzustellen, damit er besser durchzählen konnte. Nick stand mit der ehrenamtlichen Betreuerin, die sich ihm als Ann vorgestellt hatte, am Ende der Schlange.

Ein paar Reihen weiter vorne stand Emily, und Nick reckte seinen Kopf, um sie genau sehen zu können. Sie war also auf jeden Fall dabei. In dem Moment, in dem Nick sich auf die Zehenspitzen stellte und Emily entdeckte, drehte auch sie ihren Kopf und schien ebenfalls jemanden zu suchen.

Schnell blickte Nick in eine andere Richtung und unterhielt sich dann mit Ann.

Während er einfach danach fragte, ob die Mädchen öfter in den Freizeitpark gingen, spürte er, wie er von Emily angeschaut wurde. Es war wie ein leichtes Kribbeln, das seinen Körper durchzog. Als alle Mädchen, Dr. Morton, Ann und der andere Betreuer sowie Constantine und Peggy im Bus waren, schloss sich die Tür, und das Fahrzeug rollte langsam los. Es herrschte eine tolle Stimmung.

Constantine, der am Steuer saß, nahm ein Mikrofon in die Hand, und durch den Lautsprecher ertönte seine Stimme: »Liebe Fahrgäste, Sie befinden sich im Bus nach …«

Dr. Morton riss ihm lachend das Mikrofon aus der Hand und gab ihm zu verstehen, dass dies nun sein Spielzeug war. Ann, die neben Nick saß, stieß Nick in die Seite und deutete grinsend auf die beiden großen Kinder vorne im Bus.
»Meine verehrten Fahrgäste – so heißt das nämlich, Constantine –, wie jedes Jahr gehen wir heute hinaus, um wieder einmal richtig Spaß zu haben. Wir vergessen einmal für drei bis vier Stunden die Klinik und lassen so richtig die Sau raus. Also, das gilt für uns Ärzte und Pfleger, ihr Kinder seid schön brav!«

Dr. Morton lachte frech, und aus dem Bus kamen leise Buhrufe.

Ann schüttelte grinsend den Kopf.
»Ist er nicht ein toller Arzt?«, flüsterte sie Nick leise zu. Nick konnte kaum antworten, da dröhnte Dr. Mortons Stimme wieder durch den Bus.

»Jetzt im Ernst, wie immer bilden wir Gruppen, und ihr bleibt bitte in der Gruppe, in die ich euch einteile. Ohne Absprache mit der Gruppe macht ihr bei keiner Attraktion mit. Es muss immer ein Betreuer bei euch sein. Da gibt es keine Ausnahmen. Verstanden?«

»Ja, verstanden!«, ertönte es laut von allen Sitzreihen.
»Jeder Betreuer hat für den Notfall sein Handy parat. Sobald jemand aus der Gruppe fehlt, wird die Aktion abgebrochen, und wir treffen uns am Eingang wieder. Klar?«
»Klar!«
»Gut, gut. Mal schauen, ob ihr euch später noch daran erinnert.«

Dr. Morton setzte sich wieder und schwieg für den Rest der Busfahrt.

Erst als sie im Freizeitpark angekommen waren, sagte er wieder etwas. Die Mädchen stellten sich alle in einer Reihe vor den Bus, und ihnen gegenüber stand Nick mit dem Arzt, den Pflegern Constantine und Peggy sowie den beiden Betreuern.

»So, wie ihr dort steht, werden die Gruppen eingeteilt. Die erste Person in der Reihe kommt in die Gruppe Ann und Nick, die zweite Person kommt zu Constantine und Pete, und die nächste Person kommt zu mir und der lieben Peggy.« Ein Mädchen nach dem anderen trat aus der Reihe hervor und ging zu den jeweiligen Betreuern.

Als Emily dabei war, die Reihe zu verlassen, dachte Nick gerade an Jack.

Als er wieder nach vorne blickte und sah, dass Emily auf ihn zukam, blieb ihm fast das Herz stehen. Emily blickte ihm auch direkt in die Augen, und zu Nicks Freude lächelte sie dabei. Nick atmete erleichtert aus und lächelte Emily ebenfalls kurz an. Dann wandte er seinen Blick von ihr ab und schaute wieder auf die Reihe. Noch ein weiteres Mädchen kam in seine Gruppe. Insgesamt gab es sechs Mädchen in jeder Gruppe.

»Also, los gehts, ihr wisst Bescheid!«, rief Dr. Morton plötzlich und gab den Mädchen ein Zeichen, loszugehen. Auch Nicks und Anns Gruppe machte sich auf den Weg und ging über den sandigen Boden in Richtung Eingang. Ein Mann, der an einer der vielen Kassen saß, stand auf und öffnete das Gittertor.

»Hallo, Dr. Morton«, begrüßte er den Arzt und winkte die Kinder zu sich.

»Hereinspaziert!«, posaunte er und ließ alle durch das Tor passieren. Dr. Morton war schnell mit seiner Gruppe verschwunden. Nicks Gruppe ging als letzte in den Park hinein. Noch nie hatte Nick die Mädchen und auch die Betreuer so glücklich gesehen wie an diesem Tag. Für ein paar Stunden waren die Mädchen keine Patientinnen einer Klinik, sondern normale Jugendliche, die ihren Spaß hatten.

Immer wieder liefen sich die Gruppen über den Weg, und Dr. Morton ließ es sich nicht nehmen, immer wieder einen Witz zu machen. Er gab zwar auch Anweisungen und sorgte für Ordnung, doch er zeigte ganz deutlich, dass ihm jede einzelne Patientin wichtig war. Emily ging die ganze Zeit in der Gruppe mit und blieb die meiste Zeit in Anns unmittelbarer Nähe. Doch irgendwie wirkten die freudigen Gesichter der anderen Mädchen ansteckend auf sie.

Nach einer Weile fing selbst sie an, zu lachen, und ließ sich überreden, mit den anderen die Attraktionen mitzufahren.

Nick beobachtete sie die ganze Zeit und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Emily jeden Tag ihres Lebens so verbringen könnte. Es war wunderschön, ihr zuzuschauen. Wenn sie lachte, lachte ihr ganzer Körper mit. Für den Moment reichte es Nick, sie so zu sehen. Doch gerade als er darüber nachdachte, dass es für ihn nur wichtig war, dass es ihr gut ging, kam sie zu ihm und sprach ihn vorsichtig an.

Nick kaufte gerade an einem Stand vor dem Ausgang Süßigkeiten, und plötzlich, als er bezahlt hatte und sich wieder umdrehte, stand sie zwei Meter von ihm entfernt und strich sich verlegen durchs Haar. Sie dachte wohl darüber nach, wie sie das Gespräch anfangen konnte. Um es ihr so einfach wie möglich zu machen, sagte Nick: »Hallo!«

Schüchtern knabberte Emily auf ihrer Unterlippe herum.

»Was du über die Sonne gesagt hast, war sehr schön, Nick. Ich …«
Emily hatte für einen Moment mit den Tränen zu kämpfen, und kurz drehte sie sich um, um ihren Mut zusammenzunehmen und sich zusammenzureißen. Nick grinste, als er sah, dass sie die gleiche Angewohnheit hatte wie er.
»Es tut mir leid, dass ich dich … Du weißt schon.«
»Alles okay«, antwortete Nick sicher.

Ann forderte die Mädchen auf, weiterzugehen, und Nick und Emily machten sich ebenfalls wieder auf den Weg. Emily lief weiterhin vorne bei Ann, und Nick bildete das Schlusslicht der Achtergruppe, doch ab und an blickte Emily unauffällig in seine Richtung. Um halb drei waren die Mädchen alle wieder im Bus versammelt. Nick saß als einer der Ersten darin, und als Emily an ihm vorbeiging, flüsterte sie leise: »Danke!«

Um kurz nach 15 Uhr waren alle wieder zurück in der Klinik,

wo Dr. Simont schon im Foyer auf die heitere Truppe wartete. Nick eilte sofort in die Küche, um Beth zu helfen, doch diese schickte ihn sogleich wieder nach Hause, weil sie bereits alles aufgeräumt hatte und Nick sich seinen ›Spaßtag‹ nicht mit Arbeit verderben sollte.

Das nächste Mal, betonte sie, würde sie aber mit den Mädchen in den Freizeitpark fahren, und Nick würde sich um die Küchenarbeit kümmern. Nick und Beth wussten, dass es dieses nächste Mal gar nicht geben würde, aber dennoch klang die Abmachung richtig, und er bejahte sofort. Schnell wie der Wind fuhr Nick in die Stadt hinunter.

Er konnte es sich nicht verkneifen zu jubeln, als er mit vollem Tempo den Berg hinabfuhr.

Es war ihm egal, was irgendjemand denken könnte, er wollte seiner Freude einfach Ausdruck verleihen. Als er im Park ankam und Jack auf der Bank sah, wollte er ihm am liebsten um den Hals fallen. »Mein Gott, du blendest ja!«, sagte Jack lächelnd, und Nick warf seinen Rucksack auf die Bank. Er stellte sich vor Jack und faltete die Hände hinter dem Kopf. »Sie hat mich heute angesprochen!«, lachte er und lief freudig im Kreis umher.

»Toll! Setze dich zu mir, und erzähle mir, was geschehen ist!«
Nick beschrieb ihm, wie Dr. Morton zu ihm gekommen war und ihn eingeladen hatte, mit in den Freizeitpark zu fahren, und wie Emily in seiner Gruppe gelandet war. Er schilderte Jack, wie er die ganze Zeit versucht hatte, ruhig zu bleiben, und wie schließlich Emily zu ihm gekommen war und ihn angesprochen hatte.

»Das ist wunderbar!«, entgegnete Jack und applaudierte.

Nachdem Nick voller Freude über seine Gefühle und die vergangenen Stunden gesprochen hatte, wurde er schließlich doch still und nachdenklich.
»So ein bisschen Bammel habe ich ja vor unserer nächsten Begegnung. Ich will es nicht wieder versauen.«
Jack beruhigte seinen Freund: »Habe keine Angst! Vertraue einfach weiter deinem Gefühl, so, wie du es die letzten Tage auch getan hast.«

»Ich weiß nicht, sie ist so wunderbar, so liebenswert und zart. Aber ich habe einfach Angst, dass sie sich wieder umdreht und weggeht. Irgendwie wirkt sie auch unberechenbar. « Jack lachte ein wenig. »Du musst etwas trennen, mein Freund. Das eine ist Emily, und das andere ist Emily, die mit ihren Gefühlen nicht mehr klar kommt. Und die Emily, die im Moment nur das Dunkle um sich herum sieht, wird vielleicht auch weiterhin unberechenbar sein.«

»Hm«, war Nicks Antwort. Jack schien für einen Moment nachzudenken.

»Nick, gehe einen Schritt weiter. Schließe deine Augen und stelle sie dir vor. Hole sie direkt vor dein inneres Auge, und spüre nach, wie es ihr geht und was in ihr vorgeht.«
»Das geht auch ohne dass sie da ist?«
»Ja, klar! Nichts anderes hast du bei deiner Mutter gemacht! «
»Das ist aber etwas anderes«, protestierte er. »Emily ist so, ach, ich weiß nicht.«

Jack fing an zu schmunzeln. »Du hast Angst, dass sie dir abweisend begegnen könnte, nicht wahr?«
Nick machte wieder einmal den gequälten Gesichtsausdruck, den er öfter aufsetzte, wenn Jack mit einer Behauptung richtig lag. »Nun, es ist deine Entscheidung, mein Freund. Doch um ihr wahrhaftig helfen zu können, musst du in ihre Welt eintreten.«

Nick stand auf und ging einige Schritte auf den Brunnen zu.

Dann drehte er sich um und lehnte sich mit seinem Rücken an den Rand. »Wenn ich außerhalb der Klinik bin, dann wünsche ich mir, jede Sekunde mit ihr verbringen zu können. Wenn ich meine Augen schließe, denke ich automatisch an sie. Ich sehe ihre Augen vor mir, ihr zartes Lächeln. Aber gleichzeitig weiß ich, dass es anstrengend ist und es sicher nicht das letzte Mal war, dass sie mich abweisen wird. Sie ist ja nicht einmal sie selbst. Sie ist traurig und voller …«

Nick schluckte für einen Moment, und ein Kribbeln durchzog seinen ganzen Körper.

»Siehst du, schon hast du sie wirklich gespürt. Es sind Schuldgefühle, die du spürst, richtig?«, fragte Jack.
»Ja, ich kann es spüren.«
Jack nickte. »Ich weiß, mein Freund, dass das Verhältnis, das du zu Emily hast, nicht klar ist. Und ich kann dir auch nicht sagen, was in Zukunft sein wird.«

Nick hob die Hände und unterbrach Jack auf diese Weise. »Oh, Jack, ich bin so blind. Es geht hier doch gar nicht um mich. Es geht hier um sie.«
»Ist es dir jetzt wieder klar?«, fragte Jack neugierig. Nick bejahte mit einem Nicken und sagte: »Ich spüre sie so deutlich. Das muss eine Bedeutung haben, oder?«

»Es wäre dir nicht möglich, wenn du sie nicht lieben würdest.«
»Oh, Jack«, sagte Nick und ließ sich wieder auf die Bank fallen.
»Hilf mir! Wie soll ich das denn machen?«

Jack legte die Beine übereinander und lehnte sich zurück.

»Ich bin immer wieder erstaunt, wie deutlich du die Dinge wahrnimmst«, bemerkte er. »Ich auch, Jack, ich auch. Aber ich brauche trotzdem deine Hilfe!«

»Ich gebe dir ein Bild. Erinnerst du dich an unsere erste Begegnung hier im Park? Du hast enttäuscht und frustriert auf der Bank gesessen, ein Kind ist auf den Brunnen zugerannt, und für einen Moment dachtest du darüber nach, aufzuspringen und das Kind vor dem Hinfallen zu bewahren. Es rannte einfach nach vorne, aber der Gang war unsicher, und die Kleine schwankte so sehr, dass sie beinahe unkontrolliert umgefallen wäre.«

»Das hast du gesehen?«, fragte Nick erstaunt. Mit einem Grinsen schaute Jack seinen Schützling an. »Ja, ja«, winkte Nick ab. »Ich habe mich daran gewöhnt, dass du ein komischer Kerl bist.«

Jack verbeugte sich, um sich zu bedanken.

»Du bist dieses kleine Kind, Nick. Am Anfang hast du eine Hand gebraucht, weil du selbst nicht fähig warst, auf beiden Beinen zu stehen. Dann hast du eine Führung gebraucht, die Schritt für Schritt an deiner Seite war und dich davor bewahrte, umzufallen. Und jetzt, mein Freund, jetzt gehst du deinen Weg alleine, und ab und an werde ich dir zurufen, dass du aufpassen musst, diesen Weg nicht zu verlassen, weil du wieder ziemlich nahe an den Rand gekommen bist. Ab und an werde ich dir vielleicht noch raten, dich auf den Abschnitt vor dir zu konzentrieren und aufzupassen, aber mehr Hilfe brauchst du nicht.«

Nick sagte dazu nichts. Jack sprach immer so merkwürdig.

Für ihn schienen die Begegnungen immer eine Art Unterricht zu sein. Aber Nick verstand immer noch nicht ganz, wozu dieser Unterricht dienen sollte.

»Ich kann dir nur einen Ratschlag geben, Nick. Höre auf dein Gefühl. Lasse dein Herz sprechen. Lasse dein Herz entscheiden, was du tust. Du hast jetzt dieses Gefühl in dir gespürt, das dir den entscheidenden Weg weist, oder?«
»Du sagst das immer so einfach, Jack, aber das ist nicht einfach! Wenn ich vor ihr stehe, fühle ich mich wie ein hilfloses kleines Kind!«

»Meinst du denn, ihr ginge es anders?«

Nick erinnerte sich daran, wie Emily auf der Toilette reagiert hatte, als er hereingekommen war, und wie schwer es ihr gefallen war, ihn im Freizeitpark anzusprechen. Ein Lächeln zeigte sich auf Nicks Lippen. »Siehst du?«, sagte Jack. »Es fällt ihr mindestens genauso schwer wie dir. So ist das nun einmal. Glaube mir, das wird nicht leichter!« Jack lachte wieder laut. »Du weißt nun, was ihr Problem ist.

Es ist der Selbsthass, der sie auffrisst.

Die Gedanken der Schuld, die sie zermartern, und ihre Gefühle der Verachtung, die sie gegen sich selbst richtet.«
Nick antwortete wieder nichts. Er fühlte sich nicht stark genug, sich ohne Jacks Hilfe auf Emily einzulassen. Jack stand auf.

»Ich weiß, dass du hin- und hergerissen bist, Nick. Aber diesen Weg musst du jetzt alleine gehen. Ich weiß, dass er dir noch lang vorkommt und es so aussieht, als lauerten überall Gefahren. Aber vertraue mir, du bist kurz vor deinem Ziel. Du kannst es nur noch nicht sehen. Es ist nur noch ein kleiner Schritt, den du gehen musst.«

Nick erhob seinen Kopf und blickte in Jacks Richtung. Dieser stand wieder direkt vor der Sonne, und sein ganzer Körper schien zu leuchten.
»Vertraue mir, Nick. Gehe jetzt nach Hause, und denke nicht mehr nach. Wenn wir uns das nächste Mal wieder hier treffen, wird unsere Welt wieder ein Stück anders aussehen.«

Nick blickte hinauf zu Jack, und seine Augen wurden ganz traurig.

Vor wenigen Sekunden noch hatte er ihn um seine Hilfe gebeten. Nick wusste einfach nicht, wie er Emily näherkommen konnte. Ganz sanft blickte Jack seinen Freund an und ging einen Schritt auf ihn zu.
»Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst, aber du musst mir vertrauen. Bitte. Die Antworten, die du suchst, sind in dir selbst«, erklärte er und deutete auf Nicks Brust.
 
Jack verabschiedete sich und ließ Nick auf der Bank zurück. So schnell, wie Jack immer auftauchte, verschwand er meistens auch wieder. Nick fühlte sich alleine gelassen. Er fühlte sich so alleine wie lange nicht mehr in seinem Leben. Es wusste, dass er Jack Glauben schenken konnte.

Bisher war jeder Satz, jedes Wort, selbst jeder Buchstabe, den Jack ausgesprochen hatte, voller Sinn gewesen. Aber an diesem Tag hatte Nick wenig verstanden. Er wollte doch einfach nur, dass Jack ihm helfen würde, den nächsten Schritt zu machen.

Schwermütig stand Nick auf, packte seinen Rucksack, holte sein Fahrrad und machte sich auf den Weg nach Hause. Seine Mutter begrüßte ihn beschwingt, doch Nick reagierte kaum darauf. Er ging schnell hinauf in sein Zimmer und blieb dort für lange Zeit. Er dachte nach, über sich selbst und Emily.

Ein Teil von ihm hatte Angst davor, sich wirklich auf sie einzulassen, das merkte er genau.

Doch wieso das so war, war ihm weniger klar. In seinen Gedanken spielte er immer wieder die Situation durch und überlegte sich, wie er sich verhalten sollte, wenn er sie am nächsten Tag sähe. Würde er auf sie zugehen? Spräche er sie beim Essen an, könnte Dr. Morton es sehen, und diesem würde das eventuell nicht gefallen.

Nick stellte sich sowieso die Frage, was die Ärzte in der Klinik denken könnten, wenn er mit Emily spräche und Zeit mit ihr verbrächte. Womöglich würde er die Klinik verlassen müssen. Und überhaupt, was sollte er sagen, wenn er sie sah?

Nick versuchte, sich noch einmal die Situation in Erinnerung zu rufen, als er auf der Wiese zu ihr gegangen war. Er wusste, dass er sich einfach gut gefühlt hatte; es hatte sich richtig angefühlt. Aber an das genaue Gefühl konnte er sich in dem Moment trotzdem nicht richtig erinnern.

Mit aller Konzentration versuchte er, dieses Gefühl noch einmal in sich abzurufen.

Er war so beschwingt gewesen, so leicht, und er hatte einfach gewusst, was er zu tun hatte. Er versuchte, sich daran zu erinnern, wo in seinem Brustraum er die Wärme gespürt hatte. Sie war mitten in seiner Brust gewesen, aber in dem Moment, jetzt, als Nick nachspürte, war nichts mehr da. Es war einfach weg. Nick wurde traurig. Wie sollte er den folgenden Tag überhaupt meistern, wenn er sich nicht mehr auf dieses Gefühl in sich selbst verlassen konnte?

Er dachte kurz daran, am Morgen in der Klinik anzurufen und zu behaupten, dass er krank wäre. Aber dann käme er sich wie ein Versager vor. Er schlug mit der Faust auf das Bett, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Das Krankmachen würde zu nichts führen, dachte er frustriert und erhob sich vom Bett, um sich etwas aus der Küche zu holen.

Der Rest der Familie hatte ohne ihn zu Abend gegessen.

Nicks Vater hatte ihn zwar gerufen, aber Nick hatte ihm geantwortet, dass er nicht dazukäme.
Als Nick schließlich die Treppe hinunterging, saßen seine Mutter und sein Vater kichernd am Tisch und tranken Tee. Henry lag bereits im Bett, und das einzige Licht, das noch etwas Helligkeit in den Raum brachte, war eine kleine Tischlampe.

Nick hatte drei Stunden in seinem Zimmer verbracht. Draußen war es bereits dunkel geworden. Catherine unterbrach ihr Kichern abrupt und stand sofort auf, als sie Nick sah.

Sie ging auf ihn zu und wollte die Hand auf seine Wange legen, doch Nick wehrte freundlich ab: »Nein, Mum, bitte nicht. Ich hole mir nur schnell etwas zu essen, dann gehe ich wieder.« »Was ist denn pa…« Robert gab seiner Frau ein Zeichen, dass sie besser nicht fragen sollte. Diese wirkte etwas zermürbt und setzte sich wieder an den Tisch. Sie beobachtete, wie Nick an den Kühlschrank ging, Nudelauflauf auf einen Teller häufte, die Schublade öffnete, um eine Gabel zu holen und anschließend mit den Sachen wieder hinaufging.
»Gute Nacht!«, sagte Nick noch, dann verschwand er.

Nicks Mutter war traurig über diese Abweisung.

»Was hat er bloß?«, fragte sie ihren Mann. »Das weiß ich doch auch nicht«, antwortete dieser. »Er wird es uns schon erzählen, wenn er will.«
»Ja, aber es war so schön in letzter Zeit mit ihm! Ich will … ich will einfach nicht, dass es schon wieder vorbei ist«, sagte sie leise und senkte den Kopf. »Nein, das ist es bestimmt nicht«, tröstete Robert sie.

Nick bekam von alledem nichts mit. Er hatte einen Tiefpunkt erreicht. Freudlos stopfte er die Nudeln in sich hinein und legte sich anschließend sofort ins Bett, um zu schlafen. Er hatte sich schon längst wieder in seiner Angst verloren.

Weiter geht es mit – “In deiner Welt” Fortsetzung der spirituellen Geschichte am Sonntag den 9. Juni 2019


Den Roman
In deiner Welt
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von Georg Huber
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02.06.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
www.jeomra.de

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