spirituelle Geschichten

In deiner Welt – Kapitel 13

georg-huber-in-deiner-welt-romanKapitel 13 – In deiner Welt
Fortsetzung der spirituellen Teenager Geschichte

von Georg Huber
Kapitel 1 bis 12 findest Du >>> HIER 
Am nächsten Morgen wurde Nick von seiner Mutter geweckt. Sie rüttelte sanft an seinem Arm, und Nick wachte auf. Sofort überkam ihn Panik, und ihm fiel ein, dass er am Abend zuvor seinen Wecker nicht gestellt hatte.
»Wie viel Uhr ist es?«, fragte er seine Mutter schnell.
»Es ist kurz nach zehn. Gehst du heute nicht in die Klinik?«
»Doch, doch«, sagte er, verließ das Bett und verschwand im Bad, ohne seiner Mutter weitere Beachtung zu schenken. Er drehte den Wasserhahn auf, wartete einen Moment und ließ dann das kalte Wasser in seine Hände laufen, um damit sein Gesicht nasszumachen.

So wirklich half das aber auch nicht, dachte er und blickte in den Spiegel.

Er hatte es am Abend vorher einfach nicht geschafft abzuschalten, und bis in die Nacht hinein hatten ihn seine Vorstellungen und Ideen gequält. Er war wütend auf sich, und alles, was er in der letzten Zeit unternommen hatte, kam ihm einfach nur noch idiotisch vor. Die Freude des vorigen Tages war wie weggeblasen. Schnell schlüpfte Nick in die Kleidung vom Vortag und wollte eilig Geldbeutel, Handy und ein paar andere Dinge in seinen Rucksack packen.

Die Hälfte davon fiel ihm in der Hektik erst einmal auf den Boden.

Obwohl die Müdigkeit noch in seinen Knochen steckte und er an diesem Morgen überhaupt keine Lust hatte, sich irgendwie zu bewegen, rannte er dennoch die Treppe hinunter. Nicks Mutter hatte ihm schnell etwas zu essen zubereitet und es auf den Tisch gestellt.

»Ich habe dir Frühstück gemacht «, sagte sie, als Nick das Wohnzimmer betrat. Nick setzte sich an den Tisch und fing an, sein Frühstück zu essen. Erst dann murmelte er: »Danke.«
Seine Mutter hatte nach wie vor ihren Kopf abgewandt und putzte die Küche, doch nach ein paar Minuten, kurz bevor Nick mit dem Essen fertig war, drehte sie sich doch um und sprach aus, was ihr auf dem Herzen lag:
»Nick, du bist seit gestern irgendwie anders. Kann ich dir helfen?«
Dieser erwiderte gleich: »Nein, Mum, es ist nichts. Mach dir doch nicht wegen jeder Kleinigkeit immer gleich Sorgen!«

Er nahm seinen Rucksack, der neben den Tisch lag, packte noch eine Flasche Wasser ein und verließ das Haus.

»Ich muss los, Mum«, war das Letzte, was seine Mutter noch von ihm hörte. Nick öffnete das Garagentor und schnappte sich sein Fahrrad, das an die Wand gelehnt war. Dabei stieß er das Fahrrad seines kleinen Bruders um. Nick schluckte und ließ laut die Luft aus seinen Lungen. Er merkte, dass er so nicht weiterkam. Es würde alles schiefgehen, wenn er eine solche Hektik machte.

Nachdem er Henrys Fahrrad aufgehoben hatte, tat er nochmals einen tiefen Atemzug, und erst dann setzte er sich auf sein Rad und fuhr los. Als er schon auf der Straße war, blickte er noch einmal zurück und dachte daran, dass die ganze Aufregung nur Probleme bereitete.

Nick nahm sich vor, den Tag noch einmal von vorne zu beginnen.

Als er durch die Stadt fuhr, versuchte er, sich auf etwas Positives zu konzentrieren, ganz so, wie Jack es ihm beigebracht hatte. Nach einer Weile konnte er tatsächlich wieder dieses angenehm warme Gefühl in sich spüren. Doch sobald er dem Berg näher kam und die Straße zur Klinik hinauffuhr, waren seine positiven Absichten wieder von bedrückenden Gedanken verdrängt.

Die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die Nick schon in den vielen Stunden zuvor geplagt hatten, waren wieder da. Was sollte er bloß mit Emily machen? Es schien aussichtslos. Da hatte er das erste Mal im Leben eine solch wundersame Begegnung mit einem Mädchen gehabt – und er hatte sich mit Emily so verbunden wie nie mit jemandem gefühlt – und dann musste dieses Mädchen psychisch krank sein. Und Nick war bisher ja nicht einmal mit seinem eigenen Leben klargekommen.

Wie sollte er denn jemals diesem Mädchen helfen können?

Nick spürte die Wut in sich brodeln. Wie konnte er glauben, dass Emily sich ihm öffnen würde? Er hielt an. Es machte keinen Sinn, er wollte Emily nicht sehen. Sie selbst war so abweisend zu ihm gewesen und hatte ihn verletzt.

Klar, Jack hatte recht – wenn Nick genug Selbstbewusstsein gehabt hätte, dann hätte ihn das weniger gestört. Aber er hatte es schließlich nicht, und sollte er sich denn ernsthaft so abweisen lassen von einer Person, der er helfen wollte? Emily wollte keine Hilfe, und er war keine Hilfe. Das war von Anfang an eine dumme Idee, dachte er sich und blickte frustriert den Weg hinunter, den er bereits hochgeradelt war.

Am liebsten wäre er wieder nach Hause gefahren, aber er konnte Beth auch nicht einfach alleinlassen. Außerdem wusste er nicht, was passieren würde, wenn er bei den Sozialstunden, die er leisten musste, nicht erschiene. Denkbar wäre, dass eine noch schlimmere Strafe folgen würde.

»Und alles nur wegen einer beschissenen Scheibe«, murmelte Nick bedrückt.

Er lehnte sein Fahrrad gegen einen Baum und setzte sich auf den Bürgersteig. Dann nahm er seinen Rucksack und kramte darin nach seinem Handy. Er würde jetzt doch in der Klinik anrufen und absagen. Mit der Laune, die er gerade hatte, könnte er niemandem unter die Augen treten, außerdem bräuchte er einfach genug Zeit, um sich überlegen zu können, wie das mit Emily weitergehen sollte.

Er konnte ihr nicht helfen, so dachte er zumindest in dem Moment. Auf einem Zettel stand die Nummer der Klinik, und etwas zittrig tippte Nick sie in sein Handy ein. Er hatte Angst davor, abzusagen, schließlich musste er lügen, und das wollte er eigentlich nicht. Aber er konnte auch nicht einfach die Wahrheit sagen.

Nick hielt das Handy ans Ohr, doch er hörte gar nichts. Ein Blick auf das Display verriet ihm, dass er dort, wo er sich befand, keinen Empfang hatte. Zwar suchte Nick nach einer geeigneteren Stelle, um telefonieren zu können, doch egal, ob er die Straße auf oder ablief, der Empfang war nicht ausreichend.

»Und was mache ich jetzt?«, fragte Nick sich weinerlich.

Kurzerhand stieg er wieder aufs Fahrrad und radelte weiter den Berg hinauf. Nach zehn Minuten hatte er die Klinik erreicht und hechtete ins Foyer. Er war bereits einige Minuten zu spät, und ohne ein Wort zu sagen, ging er an Steph vorbei in den Aufenthaltsraum, um seinen Rucksack in den Spind zu bringen. Dann ging er sofort in die Küche, wo Beth schon beim Kochen war.

»Ah, da bist du ja. Ist alles okay?«
Nick schnappte sich eine Schürze, die neben Tür hing, und entschuldigte sich kurz.
 »Da hinten ist Salat zum Waschen«, erklärte ihm Beth, die mitbekommen hatte, dass Nick nicht nach Sprechen zumute war. Immer wieder blickte sie neben sich und betrachtete er.

Es war nicht schwer zu erkennen, dass Nick eine fürchterliche Laune hatte.

Wenn Nick daran dachte, dass er Emily mittags sehen würde, wurde er richtig wütend. Wütend auf sich selbst, wütend auf die Klinik und irgendwie wütend auf die Welt. Er hatte sich so sehr gefreut, als Emily ihm im Freizeitpark nähergekommen war und sich ihm geöffnet hatte, doch als Jack von der Bank aufgestanden war und ihm gesagt hatte, er müsste jetzt den Weg alleine gehen, war seine Zuversicht sofort verschwunden, und die alten Gedanken und Gefühle hatten wieder die Oberhand gewonnen. Und jetzt stand Nick in der Küche und war seinem Schicksal ausgeliefert.

»Ich gehe kurz auf die Toilette«, sagte Nick und legte seine Schürze auf die Arbeitsplatte. Bevor Beth etwas erwidern konnte, hatte er schon die Küche verlassen. Vorsichtig blickte er ins Foyer, denn er hatte weder Lust, einem Arzt, noch einer Patientin und vor allem nicht Emily zu begegnen. Ein paar Mädchen kamen gerade aus dem Park und liefen die Treppe hinauf.

Nick wartete so lange, bis sie verschwunden waren, und als die Luft rein war, rannte er die restlichen drei Meter zur Toilette. Als er die Toilettentür hinter sich abgeschlossen hatte, atmete er erleichtert auf.

»Wenn dieses blöde Handy bloß funktioniert hätte!«, beschwerte er sich.

Er schlug kurz mit der Faust gegen die Tür. Dann schloss er sie wieder auf und ging zum Waschbecken, um etwas zu trinken. Als Nächstes sah er in den Spiegel und wendete seinen Blick dann doch wieder ab. Er drehte sich um und lehnte sich ans Waschbecken. Ihm kam die Erinnerung, wie er vor wenigen Tagen genau hier, auf der Herrentoilette, Emily begegnet war.

Er war so aufgeregt gewesen, und sein Herz hatte so stark gepocht, als ob er einen Marathon hinter sich gebracht hätte. Für einen kurzen Moment schien Nick zu lächeln, doch dann verwarf er seine Erinnerung sofort wieder. Wenn er Emily hier nicht begegnete wäre, befände er sich jetzt nicht in dieser Situation.

Innerlich verfluchte er jenen Tag.

Nicht weil das Gefühl, das er empfand, etwas Schlechtes gewesen wäre, doch als Emily ihn am Tisch hatte abblitzen lassen, hatte sie, nach Nicks Meinung, recht gehabt. Er konnte unmöglich einem anderen Menschen helfen. Er war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, dachte er und sagte dann zu sich selbst: »Ich komm ja nicht einmal mit dem kleinsten Problem klar!«

Nick verließ die Toilette und ging wieder zurück in die Küche. Er zog seine Schürze wieder an und machte dort weiter, wo er aufgehört hatte. Eine ganze Stunde lang erledigte er seine Arbeit, und die einzigen Worte, die in der Küche gesprochen wurden, waren Beths Anweisungen. Dann endlich brach Beth sein Schweigen. Nick war gerade dabei die Suppe umzurühren, als er spürte, dass Beth hinter ihm stand.

»Nick, du vergiftest ja noch die ganze Suppe!

Was ist denn passiert, dass du so eine schlechte Laune hast? So kenne ich dich gar nicht.«
Nick hielt kurz inne und überlegte, was er darauf antworten sollte.
»Es ist nichts, Beth. Ich habe einfach nur schlimme Kopfschmerzen.«
»Hm«, hörte er es hinter sich brummen. »Möchtest du nach Hause gehen?«
»Nein, nein. Das geht schon«, entgegnete er sofort.

Obwohl er sehr gerne nach Hause gegangen wäre, hielt er es für den Moment für angebracht, sich selbst zu bestrafen. Und weiter in der Klinik zu arbeiten, war schließlich eine Art der Bestrafung. Wenn Emily ihn hier sah, verstand sie vielleicht auch, dass er nicht so toll war, wie er tat, philosophierte er innerlich.

»Nick, du kannst gerne gehen. Wir sind jetzt sowieso gleich mit den Vorbereitungen fertig, und den Rest schaffe ich schon alleine.«

Sie sagte das so sanft, dass Nick den Kochlöffel losließ und nickte.

Was machte es denn eigentlich für einen Sinn, in der Klinik zu bleiben? Er hatte solche Angst davor, Emily zu begegnen, und sie brauchte jemanden, der sie stützte, und nicht jemanden, der ihre Trauer noch schlimmer machte. Emily hatte sich Nick geöffnet, doch jetzt war Nick nicht mehr in der Lage, ihr zu helfen.
»Du hast recht, Beth. Es tut mir leid.«

Beth ging einen Schritt auf Nick zu, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und umarmte ihn spontan. Dann legte sie die Hände auf seine Schultern und schaute ihn voller Mitgefühl an. »Geh nur, mein Freund. Morgen sieht die Welt schon besser aus.«

Nick erschrak für einen Moment.

Sie sprach gerade in dem gleichen Tonfall, in dem Jack sonst sprach, und sie hatte auch noch nie »Freund« zu ihm gesagt.
Verwirrt bedankte er sich bei Beth und ließ dann seinen Kopf hängen. »Ich geh dann zu Dr. Morton und …«
»Ach«, unterbrach Beth ihn, »der muss das nicht wissen. Er hat heute sowieso seinen freien Tag. Und wenn ein anderer Arzt hier auftaucht und mich fragen sollte, wo du bist, dann sag ich, dass ich dich heimgeschickt habe, weil du vor Fieber geglüht hast.«

Für einen Moment war Nick ganz still. »Das tust du für mich?«
»Aber natürlich, geh nur nach Hause.«
Nick lächelte und bedankte sich noch einmal. Dann verließ er die Küche, ging in den Aufenthaltsraum, nahm seinen Rucksack aus dem Spind und ging eilig durchs Foyer.
Steph war nicht an ihrem Platz, also bemerkte niemand, dass er die Klinik verließ.
 
Als sich die Eingangstür der Klinik hinter Nick geschlossen hatte und er mit dem Fahrrad losfuhr, liefen ihm ein paar Tränen über das Gesicht. Weinend zog er die Nase hoch und radelte so schnell er konnte. Er schämte sich so sehr, und er fühlte sich wie ein kleiner Junge, der nicht mehr wusste, was er tun sollte. Je näher er der Stadt kam, desto mehr schluchzte er.

Er fühlte sich so elend, so ohnmächtig, so klein.

Er fühlte sich wie ein Versager, der die Chance gehabt hatte, etwas Gutes in seinem Leben zu vollbringen und einem anderen Menschen dabei zu helfen, aus seinem Elend wieder herauszukommen. Doch stattdessen war Nick selbst im Elend gelandet. Den ganzen Tag schon hatte er schlechte Laune. Ihm fiel ein, wie er seine Mutter ignoriert hatte.

Er hatte ihre sorgenvollen Augen gesehen, doch er hatte ihr nichts gesagt, was sie beruhigt hätte. Sie säße sicherlich zu Hause und würde sich fürchterliche Sorgen machen. Die Tränen füllten Nicks Augen so sehr, dass er kaum noch geradeaus blicken konnte. Dennoch fuhr er weiter. So fest er konnte, trat er in die Pedale.

Auch Beth hatte er kaum eines Blickes gewürdigt, und auf ihre lieben Versuche, ihn zu erheitern, hatte er auch nicht reagiert. Was für ein Idiot er doch war, dachte er und legte noch einmal an Geschwindigkeit zu. Es schien, als ob er vor sich selbst davonfahren wollte. »Jack!«, schrie Nick. Er kam kaum dazu, überhaupt Luft zu holen, doch wieder krächzte er laut: »Jack!«

Ein Schwall Tränen quoll aus seinen Augen.

Fast hätte er auf dem Fahrrad sein Gleichgewicht verloren, doch er fuhr einfach weiter. Er wollte so schnell er konnte in den Park. »Bitte sei da«, schluchzte er verzweifelt.

»Bitte, Jack, sei da! Ich weiß, du wolltest dich erst morgen mit mir treffen, aber bitte sei da!« Er rief es so laut, als ob er hoffen würde, dass Jack ihn hören könnte. Als Nick den Park erreicht hatte, ließ er sein Fahrrad einfach gegen die Parkmauer fallen und rannte hinein. Er konnte immer noch nicht aufhören zu weinen. Sein ganzer Körper zitterte. Er fühlte sich so schwach und verloren wie nie zuvor in seinem Leben. Die anderen Passanten schauten ihn fragend an, doch Nick rannte einfach weiter auf die Bänke zu.

»Bitte, Jack, bitte sei hier!«, rief er leise, und schließlich erreichte er japsend den Platz am Brunnen.

Doch Jack war nicht da, und völlig verzweifelt ließ Nick sich auf eine Bank fallen. Er vergrub den Kopf in den Armen und weinte bitterlich. Eine Mutter saß mit ihren beiden Kindern auf einer der zahlreichen Bänke und forderte die Kleinen eilig auf, mit ihr wegzugehen. Dann war Nick alleine. Es war niemand mehr in seiner Nähe. Und so fühlte sich Nick auch: vollkommen verlassen.

Jack war nicht da, jetzt, wo Nick ihn am meisten brauchte.

»Ich kann es nicht alleine«, flüsterte Nick. »Ich kann es nicht.«
Verzweifelt weinte er weiter. Es schien kein Ende seiner Tränen zu geben, doch dann spürte er auf einmal eine Hand auf seinem Kopf liegen. Erst jagte ihm dies einen Schrecken ein, doch als er den Kopf hob, sah er direkt in Jacks Augen.

»Komm her!«, sagte dieser und breitete seine Arme aus. Nick ließ sich erleichtert in Jacks Arme fallen. »Mein Freund, es ist gut. Lass es raus«, sagte Jack beruhigend und streichelte Nick über den Kopf, wie ein Vater, der sein Kind tröstete.
»Ich kann das nicht!«, schluchzte Nick. »Ich kann das einfach nicht!«

Er schluchzte laut, und es schien, als ob das Leid der vergangenen Jahre aus ihm herausbräche.

Jack sagte nichts und hielt Nick so lange fest, bis ein tiefer Atemzug das Ende seiner Tränen erahnen ließ.
»Komm!«, sagte Jack und setzte sich hin.
»Ich habe versagt, Jack«, flüsterte Nick leise.
Jack schüttelte den Kopf. »Nein, mein Freund, das hast du nicht.«
»Aber ich kann ihr nicht helfen!«
»Doch, das kannst du, und das hast du heute bewiesen.«
»Ich verstehe dich nicht, Jack! Wie kannst du so etwas sagen?«, erwiderte Nick frustriert. Jack holte ein frisches Taschentuch aus seiner Hosentasche. Er reichte es Nick, und dieser trocknete damit sein Gesicht von den Tränen.

»Nick, du hast heute etwas ganz Wichtiges gelernt und etwas noch Wichtigeres gezeigt.

Ich erkläre dir auch gleich, was ich damit meine. Doch vorher beantworte mir bitte eine Frage«, forderte er den Jungen sanft auf. Nick zog seine Achseln nach oben und nickte dann. »Was hast du heute den ganzen Tag gefühlt?«
»Was meinst du? Ich habe mich schlecht gefühlt! Ich habe mich gefühlt, als ob ich ein Vollidiot wäre, ein Versager!«

»Es ist schade, dass du so von dir denkst, aber der Gedanke zählt heute nicht. Was war das Gefühl hinter diesen Gedanken?«
Nick erinnerte sich an den bisherigen Tag und ließ alle Gefühle noch einmal zu. Er wusste genau, dass Jacks Frage eine tiefe Bedeutung hatte, und daher spürte er ganz intensiv in sich hinein. »Es war Angst, Jack. Das habe ich den ganzen Tag gefühlt. «
Jack nickte.

»Ja, Nick. Es war die Angst, abgewiesen zu werden, die Angst, nicht geliebt zu werden.«

Als Jack dies sagte, weinte Nick wieder. Jack hatte wie immer recht mit dem, was er sagte, und die Wahrheit berührte Nick.
»Du hast aus Angst davor, selbst zurückgewiesen zu werden, andere zurückgewiesen.«

Nick dachte an seine Mutter und an Beth. Zu beiden war er abweisend gewesen. Dann dachte er an Emily und atmete erleichtert auf. Glücklicherweise hatte Beth ihn nach Hause geschickt. Nicht auszumalen, wenn Nick in diesem Zustand auf Emily getroffen wäre. »Siehst du!«, sagte er noch unter Tränen. »Ich habe es verbockt!«

»Das hast du nicht, Nick, ganz im Gegenteil. Du hättest dich noch viel weiter in deiner Angst verlieren können, doch die Liebe in dir war stärker. Sie hat dich entscheiden lassen, die Klinik zu verlassen, sie hat dich dazu veranlasst, nach mir zu rufen. Es war der Wunsch, deine Angst zu überwinden, der dich hierher in den Park gebracht hat. Vielleicht siehst du das im Moment noch nicht, aber glaube mir, ich sage die Wahrheit.«

»Es ist schwer zu glauben. Im Moment fühle ich keine Liebe in mir«, erwiderte Nick leise.

»Doch, sie ist da, und eines hat dich der heutige Tag gelehrt, wenn auch auf eine schmerzhafte Tour: Es hat nur eines der beiden Gefühle Platz in deinem Herzen, die Angst oder die Liebe. Und du musst dich entscheiden, welche Kraft in dir stärker sein soll. Jede Sekunde, jede Minute und jeden Tag gilt es, diese Entscheidung neu zu treffen.«

Nick bekam eine Gänsehaut, die sich über seinen ganzen Körper ausbreitete.

Auf einmal war es ganz ruhig in ihm, und die Klarheit kehrte in seine Gedanken zurück.
»Das, worauf ich mich die ganze Zeit konzentrieren sollte, dieses warme Gefühl in mir, das mich lenkt, ist die Liebe, oder?«
Jack nickte. »Ja das ist sie. Es ist die Liebe, die zu dir spricht, und mit dem heutigen Tag hast du dich ihr verschrieben «, lächelte Jack. »Ich bin stolz auf dich, Nick. Du hast die letzte Lektion gemeistert.«

»Ich konnte sie heute nicht fühlen, weil ich so viel Angst hatte.« Jack nickte wieder und stand dann von der Bank auf.
»Dies war der letzte Kampf, den du mit dir selbst geführt hast, Nick. Gehe jetzt nach Hause, und ruhe dich aus. Morgen sieht deine Welt wieder anders aus.«

Alles Schwere schien von Nick abzufallen, und er konnte Jack mehr verstehen als je zuvor.

Was Jack sagte, drang tiefer denn je in sein Herz. Er wollte zwar noch widersprechen, weil es noch so viel gab, was er Jack fragen wollte, doch das Gefühl in seinem Herzen ließ ihn verstehen, dass er alle seine Fragen selbst beantworten könnte.

»Wir sehen uns morgen, wieder«, sagte Jack und lächelte Nick voller Hoffnung an. »Danke, dass du gekommen bist, Jack.«
»Du bist fantastisch, Nick«, sagte er und ging winkend davon.
»Warte, Jack!«, rief Nick und stand eilig auf, um zu seinem Freund zu gelangen.
»Ich werde morgen nicht kommen, sondern mit meiner Familie etwas unternehmen. Ich bin es ihnen einfach schuldig. Oder nicht schuldig, sondern …«

Jack legte seine Hand auf Nicks Schulter und strich ihm sanft über den Arm.

»Ich verstehe schon, Nick und das ist die richtige Entscheidung. Habt einen schönen Tag zusammen!«
Jack drehte sich um und ging weiter. Nick ging zurück zur Bank und setzte sich wieder. Für einige Minuten blieb er dort und dachte nach.

Er schien wie ausgetauscht, seine sorgenvollen Gedanken, die Angst, die Trauer, alles war wie weggeblasen. Es war nur wenige Minuten her, dass Nick geweint und sich als der größte Versager der Welt gefühlt hatte. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte er aufgeben wollen. Doch jetzt waren alle diese Gedanken verschwunden.

Von all den schlechten Gefühlen und Eindrücken, die Nick an dem Tag gehabt hatte, blieb nur noch die Erinnerung.

Wie nach dunklen, kalten Wintertagen der Sommer einzog, vollzog sich auch in Nick eine Wandlung, und das Licht schien mehr denn je. Alles, was er in den letzten Wochen gelernt und erfahren hatte, ergab jetzt wirklich einen Sinn.

Durch jeden Gedanken, jeden Streit, jedes Gefühl, ja wirklich durch jede Sekunde seines Lebens wurde ihm die Möglichkeit gegeben, sich für eines zu entscheiden: für die Angst oder für die Liebe.

Wenn Nick jetzt nun Emily dachte, wusste er ganz genau, dass er bei der nächsten Begegnung die richtigen Worte finden würde und die Kraft hätte, sie wieder an das Leben zu erinnern. Nick fragte sich, wie Jack das bloß alles machte. Jedes Mal, wenn Jack in seiner Nähe war, ging ihm alles so leicht von der Hand. Man konnte sagen, dass Nicks Verstand schärfer, sein Herz reiner und ihm seine Gefühle viel bewusster waren.

Nick stand von der Bank auf und atmete tief durch. Dann ging er langsam auf dem sandigen Weg durch den Park zurück zu seinem Fahrrad. Er hob es vom Boden auf, hängte seinen Rucksack an den Lenker und ging los, das Fahrrad neben sich schiebend. Es gab für ihn nun keinen Grund mehr zur Eile.

Jack hatte ihn immer wieder darauf hingewiesen, diesem Gefühl zu vertrauen, das sich so warm anfühlte.

Und immer, wenn Nick voller Sorgen und Gedanken war, hatte er es nicht mehr wahrnehmen können. Jack hatte recht. Es konnte nur eines in seinem Herzen sein, entweder die Sorgen oder das Vertrauen, entweder die Unruhe oder die Stille. Bisher war irgendwie immer beides in ihm gewesen.
 
Als Nick die Hauptstraße entlangging, dachte er an seine Mutter, und der Wunsch kam in ihm auf, ihr Blumen mitzubringen. Der Gedanke kam ihm nur wenige Meter, bevor er Rosies Blumenladen erreichte, dessen Scheibe er zwei Wochen zuvor eingeworfen hatte.

Nick lehnte sein Fahrrad gegen die Hauswand und blickte durch die große neue Fensterscheibe ins Innere des Ladens. Hier hatte das Abenteuer angefangen, dachte er und erkannte, dass er trotz des vielen Ärgers, den er hatte, ohne die kaputte Scheibe Emily wohl niemals begegnet wäre. Und er hätte auch nicht abends im Park gesessen und wäre Jack nicht begegnet.

Diese Scheibe hatte sein Leben verändert, grinste Nick innerlich und drückte gegen die Tür, um in den Laden zu gelangen.

Sie war bereits verschlossen, doch Rosie, die kleine, rundliche ältere Frau, die sich hinter einer dicken Brille versteckte, war noch im Laden und hörte Nick. Sie schloss die Tür auf und staunte, als sie ihn sah.
»Oh, du bist es!« Nick lächelte sie voller Dankbarkeit an.

»Hallo, Rosie! Mir kam der Gedanke, meiner Mutter ein paar Blumen mitzubringen, und ich war nur ein paar Schritte von Ihrem Laden entfernt«, sagte er ehrlich. »Und wenn ich schon einmal hier bin, dann möchte ich mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen!«

»Ist schon gut, Junge!«, sagte sie und trat einen Schritt zur Seite, um Nick hereinzulassen. Von Nicks kleinem Unfall war nichts mehr zu sehen, die Scheibe war ausgetauscht worden. »Ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass ich es zur Anzeige gebracht habe.«
»Nein, das war das Beste, was Sie machen konnten«, antwortete Nick lächelnd.
»Wenn du meinst«, sagte sie und zeigte ihm ein paar schöne Blumen, die sie schon hinten ins Lager gelegt hatte.

Nick suchte einen schönen Strauß für seine Mutter aus und verließ glücklich den Laden.

Nach einigen Minuten war er zu Hause. Er legte seinen Rucksack und das Geschenk für seine Mutter vor dem Eingang ab und brachte sein Fahrrad in die Garage. Anschließend richtete er sich auf, ging zum Eingang und klingelte an der Tür. Seine Mutter öffnete ihm mit nassem Haar und einem Handtuch über den Schultern. Als sie Nick erblickte, trat sie erschrocken einen kleinen Schritt zurück.

Nick spürte, dass sie unsicher war, was kein Wunder war, schließlich hatte er sich am Abend zuvor und am Morgen so aufgeführt, als sei er wieder der mies gelaunte Teenager von früher geworden. Elegant holte er den Blumenstrauß hinter seinem Rücken hervor und überreichte ihn seiner Mutter.

»Es tut mir leid, Mum! Ich weiß, dass du Angst gehabt hast, dass alles, was wir uns in den letzten Tagen aufgebaut haben, wieder zerstört sei, aber …«

Nick schluckte einen Moment, bevor er weitersprach.

Er trat ins Haus und schloss die Tür hinter sich. »Du musst dir keine Sorgen machen. Ich erzähle dir gleich, wieso ich so mies drauf war, okay?«
»Ach ja, klar, kein Problem, Nick. Es ist alles okay«, spielte sie ihre Sorgen herunter. »Danke für die Blumen! Die sind doch für mich, oder?«

Sie nahm den Strauß, eilte in die Küche und holte eine Vase aus dem Schrank. Nick unterdrückte ein Grinsen. Seine Mutter würde nie zugeben, wie viele Sorgen sie sich gemacht hatte, aber das brauchte sie auch nicht.
»Wo sind Henry und Dad?«, fragte er. Nicks Mutter deutete mit der Hand nach oben.
»Sie spielen in Henrys Zimmer.«
»Ich geh mal hoch.«
»Ja, ja, mach nur.«

Nick bewegte sich zuerst noch in die Küche und gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange.

Dann verließ er das Erdgeschoss und ging hinauf zu Henry und seinem Vater.
An diesem Abend blieben alle lange wach und saßen zusammen am Tisch. Nick erzählte seiner Familie von Jack und den Gesprächen mit ihm. Er erzählte ihnen von den Übungen, die er mit Jack durchgeführt hatte, und den Ratschlägen, die dieser ihm immer wieder gegeben hatte.

Selbst über Jacks Fähigkeit, aufzutauchen, wenn man ihn brauchte, und innerhalb von Sekunden spurlos wieder zu verschwinden, berichtete Nick seinen Eltern, die genauso staunten, wie er es getan hatte. Und Nick beschrieb seiner Familie auch den Moment, in dem er Emily begegnet war, und das Gefühl, das er dabei gehabt hatte.

Er berichtete ihnen auch von dem Traum, auch wenn er für einen kurzen Moment unsicher gewesen war, ob er davon erzählen sollte. Nick offenbarte sich völlig.

Für mehrere Stunden saßen sie einfach nur beisammen und redeten bis in die Nacht hinein.

Als Nick sich schließlich müde von seinen Eltern verabschiedete, um ins Bett zu gehen, nahmen ihn beide gleichzeitig in den Arm. Sein Vater strich ihm sanft über den Hinterkopf und sagte entschlossen: »Nick, ich bin stolz auf dich! Das sollst du wissen.«
Nick lächelte, und all seine Liebe und Dankbarkeit strahlten aus seinen Augen.

Dann erwiderte er die Umarmung und drückte beide nochmals für einen langen Moment an sich. »Es tut mir alles so leid«, flüsterte er ihnen ins Ohr. »Ich war es, der sich von euch zurückgezogen hatte.«
»Ich habe dir nicht die Aufmerksamkeit gegeben, die du gebraucht hättest«, antwortete sein Vater mit einem Kloß im Hals. Nick schenkte ihm als Antwort sein schönstes Lächeln und wünschte seinen Eltern eine gute Nacht.

Am Sonntagmorgen machte die Familie Parker genau das, was Nick sich die ganze Zeit gewünscht hatte:

Wie vor vielen Jahren gingen sie alle zusammen an den Felsen und picknickten dort. Sie saßen Arm in Arm auf der Bank und blickten in die Weite der herrlichen Landschaft. So, wie ein Sturm die Wasserfläche eines Ozeans aufwühlt, hatten die Parkers in den letzten Monaten aufreibende Situationen erlebt, und ein manches Mal hatte es geschienen, als ob die Ruhe nie wieder Einzug in diese Familie erhalten würde.

Doch wie die Wellen sich legen und der stille Ozean die Sonne und die Sterne in ihrem vollen Glanz spiegelt, glätteten sich letztendlich auch für Nick und seine Familie die Wogen.

Endlich war Frieden eingekehrt.

Den ganzen Morgen und Nachmittag verbrachten sie am Felsen und wanderten durch die Schlucht, nicht jeder für sich alleine, sondern alle gemeinsam als Familie. Erst zum Abendessen fuhren sie wieder nach Hause, glücklich und zufrieden, jeder für sich mit einem Lächeln im Herzen. Sie blickten einander ohne Vorwurf an, und in ihren Worten war kein Urteil zu hören.

Sie waren einfach wieder eine harmonische Familie geworden, jeder hatte seinen Platz. Nick genoss jede Minute mit seinen Eltern und seinem Bruder. Und er saß bis in die Nacht hinein, als Robert und Henry bereits schliefen, mit seiner Mutter auf der Couch und unterhielt sich und lachte mit ihr.

Weiter geht es mit – “In deiner Welt” Fortsetzung der spirituellen Geschichte am Sonntag den 15. Juni 2019


Den Roman
In deiner Welt
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09.06.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
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