spirituelle Geschichten

In deiner Welt – Kapitel 14

Kapitel-14-georg-huber-in-deiner-welt-romanKapitel 14
In deiner Welt
Fortsetzung des spirituellen Teenager Roman

von Georg Huber
Kapitel 1 bis 13 findest Du >>> HIER 

Am folgenden Morgen, als Nick erwachte, schien sich die ganze Welt um ihn herum verändert zu haben. Die Vögel zwitscherten noch lauter als sonst, und selbst die Sonne schien anders zu strahlen. Doch was Nick besonders auffiel, war eine ungewohnte Klarheit in seinen Gedanken.

Er dachte irgendwie nicht mehr in der gleichen Art und Weise wie früher.

Nach dem Erwachen stand er auf und ging ans Fenster, um es zu öffnen und frische Luft hereinzulassen. Normalerweise fing es in Nicks Kopf mit dem Öffnen der Augen schon an zu rattern, doch an diesem Morgen war es still in seinem Kopf. Es herrschte absolute Ruhe.

Diese Ruhe wurde auch erst wieder unterbrochen, als Nick am Frühstückstisch saß und mit seiner Mutter dort weitersprach, wo sie am Vorabend aufgehört hatten. Eine Stunde, ein Frühstück und viel Gekicher später setzte Nick sich auf sein Fahrrad und machte sich auf den Weg in die Klinik.

Vorher fuhr er wieder an Rosies Blumenladen vorbei und kaufte einen Strauß Lilien.

Damit wollte er Beth überraschen, die am Samstag, indem sie Nick nach Hause geschickt hatte, seinen Tagesverlauf zu seinen Gunsten verändert hatte. Kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn Nick und Emily zusammengetroffen wären. Das Erste, was Nick in der Klinik tat, war, Beth den Strauß zu überreichen. Sie rieb sich aufgeregt die Hände an ihrer Schürze trocken und rief laut: »Ich liebe Lilien!«

Nachdem sie Nick eine Anekdote aus ihrem Leben erzählt hatte, fiel ihr dann auch auf, dass er wieder gut gelaunt war und einen anderen Eindruck auf sie machte als vorher.

»Es ist alles wieder gut mit dir, oder?«, fragte sie.
»Nicht nur gut, sondern besser«, lachte Nick. »Na, dann, pack mal mit an und hilf deiner alten Kollegin! «, erwiderte sie und klatschte Nick unsanft auf den Rücken. Nick wusste, dass Beth ein liebevoller Mensch war und ihm wegen des Vortags nicht böse war. Dennoch hatte er ihr eine kleine Freude machen wollen und ihr als Zeichen der Dankbarkeit diese Blumen mitgebracht.

Später kam dann Dr. Morton in die Küche, um die Mahlzeiten für die nächste Woche zu besprechen.

Natürlich machte er einen seiner üblichen Witze und sagte anschließend zu Nick, dass dieser Beth lieber nicht so verwöhnen sollte, weil sie sonst bald schon jeden Tag Blumen erwarten würde. Nick bereitete gerade den Salat und das Baguette vor, als Dr. Morton einen weißen Klapptisch hinter den Schränken hervorzog. Er legte eine Liste auf den Tisch, setzte sich und wartete, bis Beth neben ihm Platz nahm.

»Es gibt bald wieder eine Person weniger, für die du kochen musst«, begann er die Unterhaltung. Beth, die den kleinen Klappstuhl, auf dem sie saß, mehr als ausfüllte, gefiel das gar nicht: »Sie wissen, dass ich das nicht gerne höre!« »
Und ich sage es nicht gerne«, entgegnete Dr. Morton und wedelte mit der Liste in der Luft herum.
»Ich wünschte, diese bescheuerte Liste gäbe es nicht.«
Nick war gerade dabei, frisch gespültes Geschirr abzutrocknen.
»Wer ist es?«, fragte Beth neugierig.
»Emily!«

Nicks Atem stockte sofort, und fast wäre ihm der Topf aus den Händen gefallen.

Er merkte, dass Beth zu ihm hinübersah, und schnell wandte er sich wieder seiner Arbeit zu und tat so, als ob er nichts gehört hätte.
»Es ist ein Jammer«, fuhr der Arzt fort, »sie ist so hübsch, so sanft. Und sie ist so behütet aufgewachsen, nicht wie die anderen. «
Dr. Morton hielt inne, denn er war kurz davor, eine Regelung zu brechen, die er selbst aufgestellt hatte. Die Gründe für Essstörungen waren vielfältig und manchmal auch gar nicht aufzudecken.

Die Lebensgeschichte der Patientinnen erfuhren einzig und allein die Ärzte.

Selbst die Pfleger wussten nicht im Detail, was mit den Patientinnen geschehen war. »Tut mir leid, Beth«, sagte er und fuhr sich mit der Hand über den Mund, ganz so, als ob er ihn verschließen wollte. Beth lächelte. »Ist schon okay. Wie viele Kalorien nimmt sie denn im Moment zu sich? Hier unten isst sie ja nichts.«

»Sie isst gar nichts, Beth. Weder hier noch woanders. Sie isst nicht einmal heimlich.«
»Seit wann?«, fragte Beth erstaunt. »Seit eineinhalb Wochen. Wir haben heute Morgen mit ihrer Mutter telefoniert und sie über unsere Maßnahme informiert. Emily hatte schon vorher Phasen, in denen sie tagelang nichts gegessen hatte, doch immer konnte ihre Mutter sie dazu bewegen, doch wieder zu essen. Aber so kann es nicht weitergehen. Ihr Körper wird mit jedem Tag schwächer. Sie muss Nahrung zu sich nehmen.«

»Wie hat ihre Mutter reagiert?«
»Sie wollte kommen und ihre Tochter abholen. Ich habe ihr klargemacht, dass sie Emily damit keinen Gefallen tun würde.«
Beth schüttelte traurig den Kopf, blickte dann noch einmal zu Nick und wandte sich wieder dem Arzt zu.
»Ich verstehe einfach nicht, wieso die Mädchen diese Probleme haben. Ihr macht doch eine Therapie mit ihr, hat die denn keinen Erfolg?«
Dr. Morton schüttelte den Kopf. »Ach Beth, weißt du, wir können nicht viel machen, wenn die Mädchen nicht mit uns reden. Emily ist freundlich zu uns, und wir wissen, was passiert ist, aber sie macht ihren Mund einfach nicht auf, wenn wir mit ihr sprechen möchten.«

Dann fragte Beth etwas, was Nick nochmals aufhorchen ließ:

»Ab wann stellt ihr um?« »Übermorgen. Wenn sie bis Mittwoch nichts gegessen hat, werden wir umstellen müssen.« Nick lief eine einsame Träne die Wange hinunter. Für einen Moment dachte er daran, wie Emily sich wohl fühlen müsste, wies diesen Gedanken dann aber entschieden ab. Es war weder für ihn noch für sie hilfreich, jetzt in Trauer zu versinken. Ganz im Gegenteil, jetzt war Zeit zu handeln. Dr. Morton stand auf, nahm einen Schluck Kaffee und biss in das Croissant, das Beth erst wenige Sekunden vorher auf den Tisch gelegt hatte.

»Bis später, Beth. Bis später, Nick.«
»Warten Sie, so kommen Sie mir nicht davon!«, sagte Beth und hielt Dr. Morton an seinem Kittel fest. »Hey«, lachte dieser.
»Mitnehmen oder aufessen. Vergeudet wird hier nichts«, sagte sie und deutete auf das Croissant. Er blieb noch ein paar Sekunden, aß das Croissant und verschwand dann schließlich.

Als Dr. Morton die Küche verlassen hatte, sagte Nick: »Beth, ist es in Ordnung, wenn ich nach dem Essen für eine Stunde weggehe? Ich werde bis dahin alles erledigen, was ich zu tun habe.«
Beth gesellte sich zu Nick, um Zwiebeln zu schneiden. Sie wusste genau, dass er das nicht leiden konnte.
»Du willst dich mit Emily treffen, oder?«

Sie drehte ihren Kopf nach links, sodass sie direkt in Nicks Gesicht blickte.

Dieser starrte weiter auf die Arbeitsfläche, nickte dann allerdings nach ein paar Sekunden.
»Ja, ich will es versuchen! «
»Sie bedeutet dir etwas, richtig?« Nick antwortete wieder mit einem Nicken.

»Ich kann das gut verstehen, sie ist wirklich ein außergewöhnlich schönes Mädchen, und sie wirkt so unschuldig und zart. Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, aber vielleicht bist du ja wirklich die Person, die sie jetzt braucht. Wer weiß, vielleicht findet sie wieder Freude an ihrem Leben und fängt wieder an zu essen.«

Sie nahm einen Schluck Saft aus einem Glas und sprach weiter: »Denn eines kann ich dir sagen: Wenn sie wirklich zwangsernährt werden muss, ist der Spaß schnell vorbei.« Nick entgegnete nichts, denn er wusste, dass er ihr helfen konnte. In ihm war nach wie vor diese Stille, und er wusste einfach, dass alles gut gehen würde.
»Das heißt, ich darf dann gehen?«
»Natürlich!«, sagte Beth, drehte sich um und ging zur Speisekammer.

Als die ersten Mädchen im Speisesaal eintrudelten, wurde Nick dann doch etwas nervös.

Immer wieder schielte er durch die Tür, um nachzusehen, ob Emily bereits eingetroffen war. Dann schließlich kam sie mit Constantine und Dr. Simont durch die Doppeltür. Nur für einen kurzen Moment blickte Emily in den Raum hinein, doch Nick hatte genug Zeit, ihr ins Gesicht zu sehen. Ihre großen Augen leuchteten immer noch, doch in ihnen lag auch der Glanz der Melancholie. Wahrscheinlich hatten die Ärzte mit ihr über ihr Essverhalten gesprochen und sie darauf hingewiesen, dass sie nicht länger zusehen konnten, wie sie ihre Nahrung verweigerte.

Nick wusste, dass Emily selbst erkannt hatte, dass sie in eine Falle geraten war, eine Falle, aus der sie ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskommen konnte. Auch dieses Mal blieb Emily sitzen, auch als die letzten Patientinnen aufgestanden waren und sich ihr Essen abgeholt hatten.

Nick beobachtete, wie Constantine seinen Kopf schüttelte und Dr. Morton ein Signal gab.

Dieser machte sich anschließend eine Notiz auf seinem kleinen Block, den er immer in der Brusttasche seines Arztkittels dabei hatte. Für einen Augenblick musterte Nick seine Umgebung, schloss die Augen und ging dann schließlich auf Emilys Tisch zu. Wie von selbst bewegten sich seine Beine. Jetzt war der richtige Moment gekommen. Er konnte es spüren.

Wenige Meter vor Emilys Tisch bemerkte Dr. Morton den Jungen und hob den Finger. Doch Nicks Augen flehten ihn an. Beide brauchten in diesem Moment keine Worte. Der Arzt verstand genau, was Nick wollte, und langsam setzte er sich wieder an den Tisch und ließ ihn gewähren. Von seinem Platz aus beobachtete er dann ganz genau, wie Emily auf Nick reagieren würde. Nick zog einen Stuhl vom Tisch weg und setzte sich Emily gegenüber. »Emily!«, sagte er sanft. Sie reagierte nicht. Er holte tief Luft und sagte dann noch einmal, mit noch mehr Ruhe und Sanftheit: »Schau mich bitte an!«

Dann endlich erhob Emily ihren Kopf, und Nick blickte in die traurigsten Augen, die er je gesehen hatte.

Es war schrecklich für ihn, zu sehen, wie diese wunderbare junge Frau, die ihm gegen übersass, ihr Leben aufgab und wie ihr Leid sie auffraß. Für einen Moment wollte er ihre Hand nehmen, doch das traute er sich nicht.
»Ich weiß, wir beide kennen uns noch gar nicht wirklich. Aber ich bitte dich, mir zu vertrauen. Bitte komm mit mir in den Park. Jetzt!«

Beth schien die Situation auch zu überwachen, denn sie hatte sich ebenfalls an einem Tisch in der Nähe der Küche niedergelassen und schaute zu, wie Nick mit Emily sprach. Nick streckte plötzlich seine Hand aus und legte sie auf Emilys. Der Impuls in ihm, dies zu tun, war einfach zu groß. Es war wunderschön für ihn, sie berühren zu können, und ein Schauer durchlief seinen Körper. Seine Hand wurde ganz warm, und es fühlte sich so an, als würden ihre Hände verschmelzen.
»Bitte!«, sagte Nick nochmals.
»Jetzt?«, fragte sie leise.

»Ja.« Dr. Morton wurde sichtbar unruhig, als er sah, wie Nick Emily berührte.

Für ein paar Sekunden schien er zu überlegen, wie er darauf reagieren sollte. Dann entschied er sich dazu, einzugreifen. Gerade als er loslaufen wollte, stand Beth ruckartig auf und kam ihm eilig entgegen. Sie fing ihn rechtzeitig ab, hielt ihn am Arm fest und flüsterte ihm ins Ohr: »Vertrauen sie ihm. Er ist ein guter Junge!«

Der Arzt war von Beths Eingreifen sichtlich überrascht und blieb erst einmal stehen. Er beobachtete die beiden weiter und sagte gar nichts.

»Okay«, antwortete Emily Nick schließlich und stand auf. Sie lief auf Dr. Morton zu und bat ihn, in den Park gehen zu dürfen. Dr. Morton nickte zögernd und schwieg weiterhin. Dann ging Emily wieder zurück an den Tisch, an dem Nick noch immer saß und auf sie wartete. »Gehen wir?«, fragte er behutsam.
 »Ja, gehen wir«, antwortete sie leise.

Nick wurde mit jedem Schritt, den die beiden näher zum Park kamen, ruhiger, und er spürte, wie sich die Worte in ihm von selbst organisierten. Seine Angst war verschwunden, und das Einzige, was für ihn von Bedeutung war, war Emily. Er war wie geführt.
»Hier entlang«, forderte er sie auf, und sie gingen ein paar Meter gemächlich den Sandweg entlang.

»Wo willst du hin?«, wunderte sich Emily.

Vor dem großen Marmorspringbrunnen hielt Nick schließlich an und setzte sich auf den Rasen. Er klopfte auf den Platz neben sich und ermutigte Emily so, sich ebenfalls hinzusetzen. Sein Herz schlug schnell, und er war sehr aufgeregt, doch trotz aller Aufregung wusste er, dass er die Chance ergreifen musste. Emily überlegte einen kurzen Moment. Einerseits hatte sie keine Lust, sich zu unterhalten, doch gleichzeitig schien sich ein Teil von ihr dennoch danach zu sehnen, mit Nick zu sprechen. »Und jetzt?«, fragte sie verunsichert, als sie sich zu ihm gesetzt hatte.

»Was immer geschehen ist, Emily, bitte hör auf, dich dafür zu bestrafen!«, platze es aus Nick heraus.
Emily fing an zu stammeln. »Wa… was …«
Sie war völlig überrascht von Nicks Worten und seiner Direktheit.
»Wie kannst du das so einfach sagen?«, antwortete sie schließlich gefasst.
»Du hast doch keine Ahnung, was passiert ist!«

Dass Nick sie so offen darauf angesprochen hatte, schockierte sie, und sie wusste kaum, wie sie darauf reagieren sollte.

»Das brauche ich auch nicht«, entgegnete Nick liebevoll.
»Es ist überhaupt nicht wichtig, was passiert ist. Das einzig Wichtige ist, dass du jetzt wegen einer Sache aus der Vergangenheit leidest!«

Nick sah Emilys Gesicht von Sekunde zu Sekunde verbitterter werden. Emily wollte am liebsten aufstehen, Nick eine Ohrfeige verpassen und wütend davonlaufen, doch etwas in ihr ließ sie genau dort sitzen bleiben, wo sie war. Sie war wie fest mit dem Boden verwurzelt. Sie schnappte nach Luft und stotterte leere Worte. Dann folgte der Verbitterung die pure Verzweiflung. Sie blickte Nick wieder ganz traurig an.

»Ich weiß, wie sich das für dich anfühlt. Ich weiß, dass du am liebsten tot wärst und es eine Qual für dich ist, nur einen Moment weiterzuleben«, sprach Nick sanft weiter. Die Worte flossen einfach so aus ihm heraus. Wieder legte er seine Hand auf ihre, doch dieses Mal ergriff er sie richtig, so, als ob er Emily festhalten wollte.

»Der Schmerz in dir ist so groß«, sagte er und deutete mit der freien Hand auf ihr Herz.

»Du weißt nicht mehr, wie du ihn ertragen sollst.«
Ein paar Tränen liefen Emily die Wangen hinunter. Das erste Mal fühlte sie sich wirklich verstanden. Sie wollte das nicht zugeben, und ihr Wunsch war es eigentlich, mit ihrem Schmerz alleine gelassen zu werden. Doch Nick war so liebevoll zu ihr, jeden Buchstaben eines Wortes sprach er so sanft aus, dass selbst die härteste Wahrheit auf diese Weise nicht fähig gewesen wäre, jemanden zu verletzen. Voller Tränen schaute sie Nick an. Auch Nicks Augen wurden feucht. Er war voller Mitgefühl zu ihr und drückte ihre Hand noch ein wenig fester.

»Ich kann deinen Schmerz fühlen. Du kannst ihn mit mir teilen.

Ich fühle ihn so deutlich, als ob er mein eigener wäre.« Nick führte Emilys Hand an sein Herz, und Emily ließ es zu. »Ich wünschte, ich könnte ihn von dir nehmen«, flüsterte Nick leise, denn es war ihm nicht möglich, lauter zu sprechen. »Ich kann es nicht ertragen, dich leiden zu sehen!«

Mit jedem Blinzeln liefen Emily Tränen übers Gesicht und ihren Hals hinunter. Sie sagte nichts, sie hörte einfach zu. Doch mehr brauchte sie auch nicht zu tun. Nick wollte nur, dass sie den Schmerz herausließ, der ihr auf dem Herzen lag.
»Du darfst das Essen nicht verweigern, Emily! Denn dann verweigerst du das Leben. Du musst essen! Egal, was passiert ist, Emily, du musst essen!«

Emily schluchzte. »Ich kann nicht«, antwortete sie.

Nick entgegnete dem nichts und gab Emily so zu verstehen, dass sie weitersprechen sollte. Emily wischte sich die Tränen vom Gesicht, und für ein paar Sekunden schien sie sich wieder zusammenzureißen. Wieder war da die Wut in ihr; sie wehrte sich innerlich dagegen, mit Nick zu sprechen. Sie wehrte sich, überhaupt irgendjemandem zu verraten, wie es in ihr aussah. Doch die Verbitterung konnte einfach keine Oberhand ergreifen.

Sobald Emily den Mund öffnen wollte, um Nick abzuweisen, zeigte sich die Trauer in ihr noch stärker. Sie vergrub den Kopf in ihren Armen und fing an zu schluchzen. Sie weinte immer lauter, und schließlich fing ihr ganzer Körper an zu zittern. Nach all der Zeit, die vergangen war, saß sie mit Nick auf dem Rasen der Klinik und erlaubte sich, ihre Gefühle herauszulassen. Sie öffnete Nick ihr Herz, obwohl sie ihn kaum kannte. Nick legte sanft seine Hand auf ihren Rücken.

»Es gibt einfach nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt!

Es ist einfach so ungerecht, dass ich weiterlebe!«, weinte sie.
Nick legte seinen Zeigefinger an ihr Kinn und hob ihren Kopf zu sich nach oben. Ihre Augen waren verquollen und ihre Lippen spröde, doch Nick blickte nach wie vor in das schönste Gesicht, das er je gesehen hatte.
»Ich versteh wirklich, dass es für dich nichts Gutes mehr gibt, woran es sich zu klammern lohnt. Aber das Gute ist da, Emily. Halt es fest. Lass nicht zu, dass der Schmerz dein Herz zerbricht.«

Emily beruhigte sich wieder etwas und nickte. Es war ein magischer Moment für Nick, sein Herz war erfüllt von einer unbeschreiblichen Dankbarkeit. Er saß mit diesem wunderbaren Mädchen in einem wunderschönen Park, und es öffnete ihm sein Herz.
»Kannst du mich einen Moment alleine lassen?«, bat sie Nick schließlich ganz leise. »Natürlich!« Nick stand langsam vom Rasen auf.

»Weißt du, Emily, wir können das Leben nicht kontrollieren.

Und manchmal geschehen schreckliche Dinge, und die Welt scheint von einem Moment auf den anderen zusammenzubrechen. Wir haben nicht die Kraft, dies zu verhindern, doch wir haben die Kraft, danach wieder aufzustehen. Diese Kraft hilft uns, jeden neuen Morgen als eine neue Chance zu sehen, das Leben zu genießen und das Beste daraus zu machen. Diese Kraft ist auch in dir Emily. Erstick sie nicht.«

Nick ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, in Richtung Klinik. Er blickte sich nicht um, doch er spürte genau, wie Emily auf den Rasen starrte und seine Worte in ihr arbeiteten. Er hatte einen Samen gelegt, und jetzt musste er schauen, ob der Samen aufbrechen und Wurzeln schlagen würde. Als er um die Tannen bog, sah er, wie Dr. Morton und Constantine vor der Klinik standen. Sie überlegten wohl, ob sie Nick und Emily suchen sollten.

»Was machst du, Nick?«, fragte Dr. Morton ruhig, doch zugleich mit Nachdruck, als Nick sich den beiden näherte. Constantine verschränkte demonstrativ seine Arme vor der Brust. Es war klar erkennbar, dass beide nicht glücklich waren, dass Nick mit Emily in den Park gegangen war.

»Ich weiß, du führst nichts Böses im Schilde, doch was immer du mit Emily hier machst, es ist der gänzlich falsche Zeitpunkt!«
»Dr. Morton, ich möchte doch einfach nur, dass sie wieder glücklich wird«, verteidigte sich Nick.
»Das wollen wir alle, doch dazu bedarf es mehr als eines Spaziergangs im Park, Nick! Emily ist wie ein Fass voller Dynamit! Glaubst du, du könntest gefahrlos mit ihr umspringen, als sei sie ein normales Mädchen?«

»Aber sie ist doch ein normales Mädchen! Sie hat nur so viel Trauer in sich, dass sie damit nicht umgehen kann.«
Dr. Morton seufzte. »Das hat sie, aber sie braucht ihre Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Wir können das nicht beschleunigen. «

Für einen Moment sagte er nichts mehr, und seine Augen wurden wieder weich.

»Ich hätte in der Küche nicht über Emily sprechen dürfen, das war falsch. Hast du Gefühle für sie?« Nick dachte nicht lange darüber nach, sondern nickte. Dr. Morton schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Und das jetzt!«

»Ich weiß, dass das für Sie keinen Sinn macht, aber ich spüre, dass ich ihr helfen kann. Vielleicht ist es nicht der Therapeut oder der Psychologe, den sie jetzt braucht, sondern einen Freund. Also, einen normalen Freund«, setzte Nick schnell hinterher, »einen Freund, der ihr zuhört, der ihr ebenbürtig ist, der sie tröstet und wieder an das Schöne im Leben erinnert.«

Dr. Morton hatte kaum die Möglichkeit, dazu etwas zu sagen, denn plötzlich kam Emily aus dem Park.

Für einen kurzen Augenblick war Nick angespannt. Es war möglich, dass sie sauer auf ihn war und ihn jetzt einfach ignorieren würde, oder, schlimmer noch, sich sogar bei den Ärzten über ihn beschweren würde. Doch Nick merkte schnell, dass er damit wieder in seinen alten Denkgewohnheiten gefangen war, und beendete diesen Gedankengang. Emily hatte ihren Blick wie üblich auf den Boden gerichtet. Als sie sich den dreien vor der Klinik näherte, hob sie allerdings den Kopf und blickte Nick direkt in die Augen.

Es waren noch Spuren der zahlreich vergossenen Tränen zu sehen, und doch sah sie erleichtert aus. Nick lächelte ganz zaghaft, dennoch voller Liebe. Emily schlängelte sich zwischen ihnen hindurch und öffnete die Tür zur Klinik, zögerte jedoch noch einen Moment.

»Können wir uns noch einmal treffen?«, fragte sie, bevor sie ins Innere trat.
»Heute, morgen und übermorgen, Emily. Jederzeit!«
»Wir haben nachher Gruppentherapie. Aber dich morgen zu sehen, wäre toll.«
Sie ging zurück in die Klinik. Dr. Morton wartete, bis die Tür geschlossen war.

»Ich halte das nach wie vor für keine gute Idee.

Die Wahrscheinlichkeit, dass du Schaden anrichtest, ist höher als die, dass du hilfst. Aber vielleicht hast du mit dem, was du gesagt hast, recht. Dennoch, Nick, pass bitte auf, was du sagst. Sei vorsichtig, tu nichts, was sie verletzten könnte.«

»Das werde ich nicht«, antwortete Nick selbstsicher und trat ebenfalls durch die Tür. Dr. Morton nickte ihm noch zu und ging dann hinter ihm den Gang zum Speisesaal zurück. Glücklich ging Nick wieder zurück zu Beth und half ihr beim Abräumen der Teller. Da die beiden ganz alleine in dem großen Raum waren, fragte Beth leise: »Und?«

»Ich denke, sie wird sich mir öffnen.« Beth ging auf Nick zu, umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die rechte Wange.
»Das wäre so wundervoll!« Nick lächelte sanft. Emily vertraute ihm, das wusste er jetzt, aber die Tränen, die sie heute vergossen hatte, waren bei Weitem nicht genug. Trotzdem war er einen kleinen Schritt weiter. »Und jetzt? Wirst du später weiter mit ihr reden?«

Nick schüttelte den Kopf: »Nein, sie hat Gruppentherapie, und ich habe auch keine Erlaubnis, in die Zimmer der Mädchen zu gehen. Ich werde sie morgen wiedersehen.«

»Du kannst morgen gerne wieder gehen, wenn du das möchtest.«

»Danke, Beth, das wäre toll. Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen« Seine letzten Stunden in der Klinik verbrachte Nick sehr konzentriert. Er freute sich so, dass er Emily ein Stück nähergekommen war, und seine Sehnsucht nach ihr war noch größer geworden. Er spürte so viel Liebe für sie in sich, aber noch konnte er sie nicht so ausdrücken, wie er es gerne getan hätte. Seine Gefühle des verliebt seins mussten warten, denn zunächst musste er einen Weg finden, wie Emily die Trauer überwinden und wieder zu essen anfangen könnte.
 
Es war sehr windig und bewölkt geworden, als Nick mit dem Fahrrad in die Stadt zurückfuhr und wie jeden Tag die Hauptstraße verließ, um in den Park zu gelangen. Die dunklen Wolken über ihm brachten zwar noch keinen Regen, doch Nick war sich sicher, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis es zu donnern anfangen würde. Immer wieder heulte der Wind durch die Straßen und um die Häuser und ließ Blätter und Kleinmüll in der Luft tanzen.

Jack stand an den Rand des Brunnens gelehnt und hatte die Augen geschlossen.

Der Wind blies auch ihm ins Gesicht, und ein sanftes Lächeln hieß Nick willkommen. Jack öffnete die Augen, als er bemerkte, dass Nick vor ihm stand.
»Hallo, mein alter Freund«, lächelte er. Nick sah Jack für ein paar Momente an. Jack schien müde zu sein. Sein Gesicht strahlte weniger als in den letzten Tagen, und auch der Glanz in seinen Augen war verschwunden.

»Jack, was ist mit dir?«, fragte Nick, und Jack wirkte etwas traurig, als er die Frage hörte. Er legte die Hand auf Nicks Schulter und lächelte wieder.
»Nun, mein Freund, mich ruft die Zeit, sie drängt mich.«
Nick runzelte die Stirn. »Wovon redest du?«, fragte er.
»Musst du sterben? Bist du krank?«

Für einen Moment spürte er eine leichte Panik in sich. Jack schüttelte den Kopf.

»Es ist nicht so, wie du jetzt denkst, Nick. Ich bin nicht krank. Doch nun lass uns erst einmal Unterschlupf finden. Dort oben sieht es so aus, als ob es gleich ein Donnerwetter gäbe«, sagte er und deutete mit seiner Hand zum Himmel. Sie begaben sich zu einer Holzhütte, die am äußeren Rand des Parks stand und deren Vorplatz an sonnigen Tagen als Grillplatz genutzt wurde.
»Sag mir doch, wie es heute mit Emily war«, grinste Jack, und in seinen Augen blitzte die Neugier.

Nick überlegte kurz, ob er noch einmal auf Jacks merkwürdige Aussage zu sprechen kommen sollte, denn er hatte nicht verstanden, worauf Jack hinauswollte. Doch als er sah, wie gespannt und voller Freude Jack auf seine Antwort wartete, wechselte er das Thema, und begann zu erzählen.

»Ich bin heute mit ihr in den Park gegangen und habe mit ihr geredet.«
Nick beschrieb seinem Freund, wie er auf Emily gewartet hatte und dann einfach zu ihrem Tisch gegangen war und sie gebeten hatte, mit ihm in den Park zu kommen. Er wiederholte jedes einzelne Wort, das er gesagt hatte. Die Situation war ihm so in Erinnerung geblieben, als wäre sie erst vor wenigen Minuten geschehen.

Jack freute sich und schlug vor Freude auf den Holztisch, an dem sie saßen.

An manchen Stellen aber, wenn Nick ihm von dem Gespräch zwischen Beth und Dr. Morton erzählte, wirkte er sehr traurig und nachdenklich. Er fühlte jedes Wort, das Nick von sich gab. Als Nick mit seinen Erzählungen fertig war, blickte Jack wieder so intensiv auf Nick, dass es für diesen schon fast unangenehm war.

»Es wundert mich nicht, dass du das geschafft hast! Du macht das toll«
»Ach, Jack, jetzt hör doch bitte damit auf«, lachte Nick verlegen.
»Du bist wirklich peinlich!« »Wieso sollte die Wahrheit denn peinlich sein? Du bist toll!« »Jack!«, forderte Nick ihn abermals auf.

»Okay«, winkte dieser ab. »Und hast du Angst davor, sie morgen wieder zu treffen?« Nick schüttelte den Kopf.
»Nein, ich glaube, jetzt brauche ich wirklich keine Angst mehr zu haben.«
»Die hättest du die ganze Zeit nicht haben brauchen«, flüsterte Jack leise und strich sich durchs Haar. Nick senkte den Kopf und nickte. »Ja, da hast du wohl recht.«

Der Wind wurde immer stärker, und Jack zog den Reißverschluss seiner Stoffjacke so hoch es ging. »Ich sage dir das nicht, damit du schlecht dastehst, Nick, das weißt du. Ich sage es dir, damit du es dir nochmals ins Gedächtnis rufen kannst und in der Zukunft anders handelst: Du brauchst niemals Angst zu haben. Du musst dir vertrauen, dass du alles richtig machst.

Und du darfst darauf vertrauen, dass dein Herz dich führt.«

»Hm … es ist nicht leicht.«
»Weil die Menschen verlernt haben, auf ihr Gefühl zu hören. Dieses Gefühl in dir, die Sprache des Herzens, spricht unaufhörlich zu dir. Nur wenn du nicht bereit bist, sie anzuhören, verstummt sie mehr und mehr. Am Ende ist es nur noch ein leises Flüstern, das du nur noch hören kannst, wenn es still in dir ist.«

»Das habe ich bemerkt«, grinste Nick. »Du hast in deinem jungen Alter schon viel Weisheit gesammelt. Wenn du dich an dein bisheriges Leben zurückerinnerst, so kurz es auch sein mag, siehst du, dass, wann immer du Angst vor etwas gehabt hattest, diese Angst am Ende doch gar nicht nötig gewesen wäre. Wie oft hast du dir in deinen Gedanken die übelsten Situationen und Ausgänge solcher Situationen vorgestellt, doch es kam immer anders? Fast alle Ängste sind unbegründet und erweisen sich im Nachhinein als falsch.«

Jack bemerkte, dass Nick schon längst wieder an einem anderen Gedanken fest hing.

»Woran denkst du?«, fragte er.
»Verzeih mir, Jack. Ich hör dir zu, aber gleichzeitig muss ich immer wieder daran denken, wie wütend Emily heute Morgen war. Es ist so … Diese Wut passt überhaupt nicht zu ihr.« Jack blickte um sich, als würde er etwas suchen.

Dann fuhr er fort: »Und dennoch ist diese Wut da und darf auch da sein. Sie ist ein wichtiges Werkzeug und darf nicht unterdrückt werden, in ihrem Fall ganz besonders nicht. Die Wut in ihr zeigt nur ihre Verletzung. Sie zeigt, dass in ihr eine Disharmonie herrscht, zerstörerische Gedanken und Gefühle, die sich angestaut haben. Es wäre gut für sie, diese Wut herauszulassen. Vielleicht kannst du ihr dabei helfen.«

»Wie kann ich das tun? Ich möchte nicht, dass sie wütend auf mich ist«, lachte er. »Du musst nichts tun, du musst einfach nur da sein. Du musst sie halten, Nick, stützen. Hilf ihr im ersten Schritt, diese Wut herauszulassen. Gib Acht, dass sie sie nicht wieder unterdrückt. Diese Wut ist ihr Schmerz. Solange in ihr Wut ist, ist da auch Leben, so blöd das auch klingen mag.

Wenn die Wut sich in Frustration und Stillstand verwandelt, wirst du nicht mehr so leicht an sie herankommen.

Hilf ihr also, diese Wut zu leben. Du wirst sehen, wenn sie der Wut erlaubt, da zu sein, kommen auch die Tränen, auf die du wartest. Dann wird sich ihr Herz gereinigt haben, und sie wird wieder essen können.«
Nick riss die Augen auf und seufzte, als Jack das Essen erwähnte.

»Ich wünschte, sie hätte keinen Grund, wütend zu sein. Ich weiß immer noch nicht, was passiert ist, dass es ihr so schlecht geht.«
»Du wirst es erfahren, wenn sie so weit ist. Doch für den Moment ist es völlig unwichtig, was war. Manchmal bringt es nichts, nach hinten zu schauen, man muss seinen Blick gen Horizont richten.« Nick atmete tief ein und seufzte noch einmal.

»Keine leichte Aufgabe hast du da«, grinste Jack.

»Du sagst es.«
Nick schloss die Augen und dachte an Emily.
»Du bist richtig in sie verliebt.«
Ein leichter Schauer lief Nick wieder über den Körper, gefolgt von einem wohlig warmen Gefühl.
»Oh ja. Das bin ich wirklich.«

»Und es ist schön, dass du dazu stehst.« Ein Blitz schoss durch die dunklen Wolken, und ein tosender Donner folgte zugleich. »Ah, jetzt gehts los!«, freute sich Jack. Er stand auf und machte ein paar Schritte nach vorne, um den Himmel betrachten zu können. Wieder blitzte und krachte es. Für Nick war das eher unangenehm, doch Jack blickte weiter in den Himmel. Dann öffneten sich die Wolken, und Regen fiel auf die Erde herab.

»Komm her, das ist herrlich!«, sagte Jack und streckte seine Arme zum Himmel.
 »Peinlich!«, rief Nick laut, da sonst der prasselnde Regen seinen Kommentar überdeckt hätte. Leicht durchnässt stellte sich Jack wieder unter das Dach.

»Zufrieden?«, fragte Nick gehässig und lachte.

»Wie schade, wie schade«, murmelte Jack und lächelte dann wieder. Wie ein Kind, das das erste Mal eine Wolke sah, starrte er noch einige Minuten lang schweigend in den Himmel. Nick schüttelte nur lachend den Kopf.

»So ist der Lauf der Dinge, Nick. Es ist dunkel, kalt und regnerisch, und darauf folgen Licht, Wärme und Sonne. Das eine wäre ohne das andere nichts.«
»Schon gut, schon gut« klopfte Nick seinem Freund auf die Schulter und lachte dabei.
»Du wirst auf die alten Tage noch senil«, scherzte er weiter.

»Mach du nur deine Witze!«, erwiderte Jack.
»Solange ich noch lachen kann, ist doch alles in Ordnung! «
»Da hast du recht«, bestätigte Jack.

»Und jetzt gehe nach Hause, und mache dir einen schönen Abend.« »Du willst mich heimschicken?«
»Ja, ja. Ich mache es mir hier noch gemütlich und genieße die Atmosphäre. Die Luft fühlt sich nach dem Regen immer so herrlich an.«

»Sag mal, ist wirklich alles okay mit dir?«, fragte Nick erneut, denn irgendwie kam Jack ihm etwas merkwürdig vor.
»Ja, alles okay«, winkte Jack ab.
»Geh ruhig!« Nick packte seinen Rucksack und verabschiedete sich.
»Sehen wir uns morgen?«, erkundigte Nick sich vorsichtig.
»Natürlich!«
»Gut.«

Auch Nick dachte nach, als er nach Hause fuhr.

Tief war er in seinen Gedanken versunken. Irgendwas hatte mit Jack nicht gestimmt, das spürte er, doch was genau los war, entzog sich seiner Kenntnis. Er versuchte, sich in Jack einzufühlen, so, wie er es schon viele Male zuvor getan hatte. Doch es gelang ihm nicht wirklich. Er hatte einfach keinen Zugang zu ihm. Bis er zu Hause ankam, grübelte er nur. Doch dann dachte er, dass er sich ebenso täuschen könnte.

Vielleicht war doch alles in Ordnung mit Jack, und Nick hatte nur Angst, dass die Gespräche irgendwann ein Ende haben könnten. Er beschloss, sich keine Gedanken mehr darüber zu machen und lieber darauf zu warten, bis Jack ihm mitteilen würde, was in ihm vorging. Wenn er bereit wäre, würde er ihm die Wahrheit sagen, so lange müsste er geduldig sein.

An der Haustür wartete Nicks Mutter bereits auf ihren Sprössling und auf ›die Ergebnisse des heutigen Tages‹, wie sein Vater es nannte. Und so wiederholte Nick abermals seine Erzählung, nur dieses Mal vor seiner Familie. Seine Mutter staunte immer wieder laut, wenn Nick die Worte wiedergab, die er zu Emily gesagt hatte, und immer wieder fragte sie: »Woher weißt du das alles? Woher kommt das?«

Nick zuckte mit den Schultern.
»Es kommt einfach aus mir heraus.

Ich spüre immer so eine Wärme in meinem Herzen, und dann kommt es.«

Nicks Vater zog eine Augenbraue nach oben und lachte dann, als Nick seinen Blick bemerkte.  »Jack hat mich das gelehrt. Mit ihm hat alles angefangen. « Dann teilte er seinen Eltern auch mit, dass Jack sich merkwürdig verhalten hatte und dass ihm das etwas Kummer bereitete.

»Hast du dich denn nie gefragt, woher er kommt und ob er dort vielleicht wieder hingeht? Vielleicht macht er hier Urlaub und muss wieder arbeiten gehen. Vielleicht ist er nur auf der Durchreise«, sagte Robert.
»Das würde er mir doch sagen. Was wäre denn dabei?«
»Aber was macht dieser Jack denn, wenn er nicht mit dir im Park sitzt?«, fragte sein Vater abermals. Nick zuckte daraufhin wieder mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht, wir haben nie darüber gesprochen.«

Nicks Vater wirkte ungläubig. »Du hast dich nie gefragt, wo er herkommt?«
»Doch, doch«, wehrte Nick ab. »Am Anfang dachte ich sogar, er sei ein Obdachloser oder ein Krimineller.«
Nicks Mutter kicherte leise. »Na, er scheint mir eher ein Heiliger als ein Krimineller zu sein!« 
»Genau! Ich habe dann einfach nicht mehr darüber nachgedacht. Woher er kommt, war mir nicht mehr wichtig.«

Für einen Moment wurde Nick traurig, und er dachte daran, was sein Vater vor wenigen Sekunden gesagt hatte. »Es ist mir nur wichtig gewesen, dass er im Park war, dass er bei mir war. Alles andere war unwichtig.«
Für ein paar Momente schwiegen alle. »Wir würden Jack wirklich allzu gerne einmal kennenlernen.
Möchtest du ihn nicht einmal hierher einladen?«

 »Hm … ich glaube irgendwie nicht, dass es zu einer solchen Begegnung kommen wird, aber ich lade ihn ein.«
»Wieso sollte er nicht kommen wollen?«, hakte seine Mutter nach. »Keine Ahnung, Mum, das war nur so ein Gedanke.«
Nick stand auf, gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und wünschte seinen Eltern eine gute Nacht.

Er war traurig geworden und lag noch für einige Minuten wach im Bett. Er hoffte, dass Jack am folgenden Tag besser gelaunt wäre.

Weiter geht es mit – “In deiner Welt” Fortsetzung der spirituellen Geschichte am Sonntag den 23. Juni 2019


Den Roman
In deiner Welt
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von Georg Huber
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16.06.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
www.jeomra.de

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