spirituelle Geschichten

In deiner Welt – Kapitel 15

Kapitel-15-georg-huber-in-deiner-welt-romanKapitel 15
In deiner Welt
Fortsetzung des spirituellen Teenager Roman

von Georg Huber
Kapitel 1 bis 14 findest Du >>> HIER 

Obwohl es eigentlich Sommer war, zog Nick sich am folgenden Morgen eine dünne Jacke an, bevor er sich auf sein Fahrrad setzte. Die Natur schien in Aufruhr zu sein, und das Wetter erinnerte doch eher an einen windigen, kalten Herbsttag als an Hochsommer. Nick konnte, seit er aufgestanden war, wieder an nichts anderes mehr als an Emily denken.

Seit er am vorigen Tag im Park mit ihr gesprochen hatte, waren seine Gefühle ihr gegenüber explodiert

Immer wieder dachte er an den Moment, in dem er ihre Hand gehalten und ihr direkt in die Augen geschaut hatte. Er war ihr sehr nahegekommen, und der Gedanke daran löste wieder das gleiche kribbelnde Gefühl in ihm aus, das er auch wirklich empfunden hatte. Nick hatte keinen Zweifel mehr daran, dass Emily sich ihm komplett öffnen würde. Er wusste genau, dass er bei ihr einen Punkt erreicht hatte, an dem es kein Zurück mehr gab. Sofort lächelte er. Alles schien einfach perfekt zu sein.

Gut gelaunt ging Nick in die Klinik und unterhielt sich am Empfang kurz mit Steph

Sie hatte schon mitbekommen, dass Nick mit Emily im Park gewesen war und sie sich nähergekommen waren. Beth hatte wahrscheinlich ihren Mund nicht halten können, so erklärte Nick sich das, ohne irgendwie böse darüber zu sein. Er packte seinen Rucksack in den Spind und ging in den Speisesaal. Beth war bereits da und putzte den Boden. Nick wollte erst einen morgendlichen Scherz machen, doch als er Beths Gesicht sah, ließ er davon ab. Sie blickte drein, als ob jemand gestorben wäre. Ihre Mundwinkel waren nach unten gezogen, und ihre Augen waren voller Kummer.

»Was ist passiert, Beth?«

»Hallo, Nick.« Sie hörte auf zu putzen und lehnte den Wischmopp an den Stuhl.
»Rebecca … ein Mädchen, du kennst sie nicht … als du gestern weg bist …«
Beth atmete tief ein. »Ein Mädchen musste gestern unsere Klinik verlassen und in das städtische Krankenhaus auf die Intensivstation!«
»Was ist passiert?«
»Organversagen!«
Nick hielt sich die Hand vor den Mund. »Wie, Organversagen? Was hat sie denn?«
Beth verzog ihr Gesicht. »Was, glaubst du, geschieht mit dem Körper, wenn er keine Nahrung erhält?«
»Aber wurde sie denn nicht vorher mit diesem flüssigen Zeug ernährt?«
»Ja, klar! Aber sie hat es wieder erbrochen.«

Nick setzte sich hin, und ihn überkam Angst, dass es mit Emily genauso enden würde.

Mit aller Kraft versuchte er, sich gegen den Gedanken zu wehren, doch die Angst in ihm war groß.
»Wie lange dauert es, bis so etwas passiert?«
»Das kann schnell passieren, jeder Körper reagiert …«
Sie stoppte sofort und sagte erschrocken: »Nick, du weinst ja!« Sie lief zu ihm und nahm ihn in den Arm. »Oh, mein Lieber, was sage ich dir denn da? Ich habe ganz vergessen … es tut mir leid.«
»Ist schon gut.«
Beth schüttelte den Kopf. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Emily wird wieder essen, ich glaube fest daran. «
»Ich eigentlich auch.«

»Es ist einfach schlimm, was mit diesen Mädchen passiert. Es ist einfach ein Jammer.«

Nick stand auf und ging in Richtung Küche. »Lass uns arbeiten, dann kommen wir auf andere Gedanken.«
»Ich arbeite ja schon«, antwortete Beth frech und deutete auf den Mopp.
»Aber du könntest dich mal nützlich machen.« Ihr Lächeln und ihre Freude waren wieder zurückgekehrt. Nick lächelte sie an und verschwand in der Küche, um sich sofort an seine Arbeit zu machen. Er würde nur noch wenige Tage in der Klinik verbringen, also blieb ihm nicht mehr viel Zeit für Emily. Wieder dachte er daran, dass Emily wegen Organversagen in ein Krankenhaus kommen könnte, und wieder versuchte er, sich auf andere Gedanken bringen. Es durfte einfach nicht so weit kommen.

»Nick!«, rief es plötzlich aus dem Speisesaal.

»Was ist, Beth?«, rief Nick nach draußen.
»Komm!« Nick legte das Geschirr beiseite, trocknete sich die Hände und ging nach draußen. Beth saß mit Dr. Morton am Tisch.
»Oh«, flüsterte Nick leise und ging auf sie zu. Sein Herzschlag verdoppelte sich für einen Moment, und nervös blickte er in das Gesicht des Arztes, um irgendwie den Grund seiner Anwesenheit herauszufinden.
»Nick«, begrüßte ihn Dr. Morton, als er sich mit an den Tisch setzte.

»Emily sitzt oben weinend auf ihrem Bett und bittet mich, dich zu holen!«

Nick schluckte, und Dr. Morton zog seine Augenbrauen nach oben.
»Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass sie einmal ihre Emotionen zeigt und dass sie in dir scheinbar wirklich jemanden gefunden hat, bei dem sie sich aussprechen kann. Auf der anderen Seite hast du zweifelsohne keine ärztliche oder psychologische Ausbildung und arbeitest nicht für diese Klinik. Des Weiteren bist du hier in drei Tagen fertig. Was ist danach?« Nick seufzte. Als ob Dr. Morton seine Gedanken gelesen hätte, sprach er genau das aus, worüber Nick wenige Sekunden zuvor gegrübelt hatte.

»Ich weiß es auch nicht. Kann ich nicht weiterhin hierherkommen? «

Dr. Morton schüttelte den Kopf.
»Leider haben wir hier strikte Besuchsregeln, die auch du einhalten musst. Dir wird sicher aufgefallen sein, dass es nur einen Besuchstermin in der Woche gibt.«
»Ich weiß nicht, was geschehen wird. Aber ich werde Emily nicht einfach aufgeben. Wenn es sein muss, stelle ich irgendetwas an, und dann lande ich eben wieder hier«, antwortete Nick schelmisch. Dr. Morton stand auf und schüttelte grinsend den Kopf. Ihm gefiel Nicks jugendliche, freche und naive Art.
»Oh, Nick. Wir werden sehen. Irgendwie finden wir schon eine Lösung. Jetzt geh bitte hinauf zur ihr.«

Nick blickte fragend seine Vorgesetzte an,

und diese machte ihm mit einer Handbewegung ebenfalls deutlich, dass er gehen sollte. Nick lief, ohne ein weiteres Wort zu sagen, zum Aufzug und fuhr in den ersten Stock. Eine Pflegerin führte ihn zu Emilys Zimmer. »Da wohnt sie.« Nick klopfte an die Tür und trat ein. Emily saß weinend auf dem Bett, und vor ihr kniete ihre Zimmergenossin mit den Zöpfen und versuchte, sie zu beruhigen. Als sie Nick im Zimmer stehen sah, stand sie auf, ging mit den Worten »Jetzt bist du dran« an Nick vorbei und verließ den Raum.

Emily hörte auf zu weinen und blickte aus dem Fenster.

Nick lief langsam zu ihr und zog einen Stuhl ans Bett. »Was ist denn passiert, Emily?« Emily strich ihre Haare aus dem Gesicht und blickte ihn dann an.
»Ich habe Angst, Nick. Ich habe Angst, dass mir das Gleiche wie Rebecca passiert.«
»Oh nein«, antwortete Nick und schüttelte den Kopf. »Das wird nicht passieren, Emily.« Emily begann wieder zu schluchzen.
»Ich habe es vorhin probiert, Nick, wenn ich etwas in meinen Mund nehme, dann geht mein Hals zu. Ich kann irgendwie nichts essen, es geht einfach nicht. Ich weiß nicht, was mit mir passiert.«

Nick nahm Emily zögerlich in den Arm.

Sie war die ganze Zeit so verschlossen gewesen, und die Sorge, dass sie ihn wieder abblitzen lassen könnte, schwebte noch immer bedrohlich in seinem Kopf. Doch zu seiner Freude ließ Emily die Berührung zu.
»Wir schaffen das schon, Emily! Ich weiß, dass du essen kannst!«
»Oh, Nick, ich habe schon seit vielen Wochen Probleme, normal zu essen. Es hat einfach angefangen, als …«
Sie hielt inne und schloss ihre Augen. Nick bemerkte, dass Emily an den Armen Gänsehaut bekam. Sie schüttelte den Kopf.
»Es ist so unfair!«
»Willst du es mir erzählen?« Sie schüttelte langsam den Kopf und griff nach einem Taschentuch, das zusammengeknüllt unter der Decke lag. Emily schluchzte wieder, und Tränen liefen ihr Gesicht hinunter.

»Meine Mutter …«, weinte sie. »Meine Mutter! Was habe ich getan?«

Nick war verwirrt. Er wusste nicht, was Emily meinte.
»Was ist mit deiner Mutter?«
Emily brauchte etwas, um sich wieder zu beruhigen.
»Ich habe vorhin mit ihr telefoniert. Sie macht sich so schreckliche Sorgen um mich. Sie hat doch jetzt niemanden mehr, und ich …«
Sie weinte noch einen Moment, dann trocknete sie ihre Augen und vergrub ihr Gesicht in ihren Armen. »Verdecke deine Tränen nicht, Emily.«
»Ich wollte nie, dass das passiert. Ich wollte diese Probleme mit dem Essen nicht. Es hat einfach so angefangen, es fühlte sich so falsch an, zu essen.« Sie verzog ihr Gesicht. »Irgendwann konnte ich es nicht mehr kontrollieren!« Wieder vergrub sie ihr Gesicht in ihren Armen. Nick schloss seine Augen und versuchte, sich zu besinnen. Für einen Moment war er mit der Situation überfordert, weil in ihm selbst die Angst aufstieg, dass Emily es nicht schaffen könnte.

»Was habe ich getan, Nick? Was passiert mit mir?«

Emily presste ihre Lippen aufeinander und ballte die Hände zu Fäusten. Sie fing an, schwer zu atmen, drehte sich nervös um und blickte gegen die Wand.
 »Ich bin so ein Idiot!«, sagte sie mit einer Stimme, die klar war und voller Selbstvorwurf. »Ich bin einfach ein Idiot!«, wiederholte sie. Sie nahm das Kissen, das neben ihr lag, drückte ihren Kopf hinein und ließ einen Schrei heraus. Nick erschrak, als er den Schrei hörte. Sein ganzer Körper geriet ins Zittern. Er stand mit einem Ruck auf, sodass der Stuhl hinter ihm umkippte, und kniete sich vor Emily nieder. Sofort kamen ihm Jacks Worte wieder in die Erinnerung.

Es schien, als hätte er gewusst, dass dieser Moment kommen würde. »Das ist gut, Emily! Raus damit!« Emily legte das Kissen beiseite, und wieder hatte sie diesen dumpfen, freudlosen Ausdruck in ihrem Gesicht.
»Du darfst nicht aufgeben, Emily! Keiner gibt dich auf, und du solltest es auch nicht tun!«

Emily blickte Nick an und flüsterte: »Aber er ist tot.«

Nick konnte ihre Worte kaum vernehmen, so leise sagte sie sie. Dann liefen ihr wieder Tränen aus den Augen. Nick atmete erleichtert auf. Endlich öffnete sie sich ihm. Für einen Moment wollte er sie ermutigen, weiterzuerzählen, doch er sah, wie sie wieder ihre Lippen aufeinanderpresste und ihr Körper vor lauter Weinen bebte. Nick konnte ihren Selbsthass regelrecht spüren. Emilys Augen schlossen sich immer wieder kurz, und Nick ergriff die Chance und rief: »Lass es raus, Emily! Lass es endlich raus!«
Nick fing ebenfalls an zu weinen. Er wollte einfach, dass sie aufhörte zu leiden.

Emily packte wieder das Kissen und schrie hinein.

Sie schrie so laut, dass es durch die ganze Klinik schallte, trotz des Kissens vor ihrem Gesicht. Sie schrie und schrie und weinte dann wieder. Mindestens eine Minute lang schrie sie so laut, dass am Ende nur noch ein Krächzen aus ihrem Mund kam.

Dann riss plötzlich jemand die Tür auf, und Nick sah, dass Constantine im Begriff war, ins Zimmer zu kommen. Der Psychologe Dr. Simont war direkt hinter ihm. Nick forderte sie mit einer Handbewegung auf, draußen zu bleiben. Emily hatte nicht bemerkt, dass die Tür aufgegangen war. Constantine und Dr. Simont zögerten und blickten einander an, doch dann erschien auch Dr. Morton hinter ihnen im Türrahmen und gab Constantine zu verstehen, dass er die Tür wieder schließen sollte.
Er nickte Nick zu und lächelte. Nick lächelte zurück und weinte. Emilys Schrei ging ihm sehr nahe.
»Ahhhhh!«, schrie Emily wieder laut in das Kissen.

Dann flüsterte sie: »Es tut so weh, Nick! Es tut so weh! Wieso? Wieso?«

Nick setzte sich wieder aufs Bett, und Emily legte ihren Kopf an seine Schulter. Für einen kurzen Moment war es ganz still und friedlich im Raum. Nick strich Emilys Haare aus ihrem verschwitzten und verweinten Gesicht.
»Was passiert mit mir, Nick?«
»Du lässt es endlich raus! Das ist gut, vertrau mir!« antwortete er leise.
»Du kannst mir vertrauen!«, wiederholte er noch einmal.
»Ich weiß«, flüsterte Emily. Einige Minuten saßen sie zusammen auf dem Bett, und Emily genoss den Halt, den sie von Nick bekam. Sie sagten nichts, und Nick gab ihr die Möglichkeit, in aller Ruhe über das Geschehene nachzudenken. Er beobachtete sie mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.

Er hätte es nie für möglich gehalten, dass sie sich ihm so öffnen würde, ihm,

einem fremden Jungen aus der Klinikküche, den sie kaum kannte. Doch die Verbindung zu ihr war stark, vom ersten Augenblick an, als er sie gesehen hatte. Seine Liebe zu ihr war vom ersten Augenblick an da gewesen, auch wenn er sie zunächst nicht als solche erkannt hatte. Vielleicht fühlte sie ja genauso. Immer wieder wurden Emilys Augen feucht, doch sie schluchzte nicht mehr, und auch ihr Körper war ruhiger geworden.
»Danke, Nick«, sagte sie dann auf einmal. »Danke, dass du bei mir bist!«
»Ich kann nicht anders«, antwortete er schüchtern.

Für einen Moment waren ihre Gesichter ganz nah beieinander,

nur wenige Zentimeter trennten sie. Nick bekam eine Gänsehaut am ganzen Körper, und eine Kraft in ihm wollte Emily noch näher an sich heranziehen. Ihm wurde beinahe schwindelig, als er so direkt in ihre wunderschönen Augen sah. Seine Lippen öffneten sich für einen Moment, doch er konnte nichts sagen. Dann wandte Emily wieder ihr Gesicht ab und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Nick versuchte leise, die Spannung auszuatmen. Er wollte sie nicht unter Druck setzen und ihre gerade entstandene Beziehung nicht mit dem Wunsch nach Bindung zerstören. Doch der Wunsch in ihm, sie zu berühren, war sehr groß. So etwas hatte er noch nie in seinem Leben gefühlt.

»Können wir rausgehen?«, fragte Emily schließlich.

»Ja, natürlich«, stotterte Nick, der nach wie vor in seinen Gedanken versunken war.
»Wo willst du denn hin?« 
»Einfach raus«, antwortete Emily erschöpft.
»Dann lass uns gehen« Nick ging voraus und öffnete die Tür für Emily. Ein paar Mädchen huschten auf dem Gang umher und wurden sofort ruhig, als Emily aus der Tür trat. Zusammen gingen die beiden den Gang hinunter und gingen die Treppe hinab ins Foyer. Ohne ein Wort zu sagen, lief Emily in Richtung Park, und Nick folgte ihr einfach.
Beth blickte mit Dr. Morton aus dem Speisesaal und beobachtete, wie die beiden hinausgingen.

»Sehen Sie, er kann das«, flüsterte Beth dem Arzt leise zu.

Nick öffnete die Tür, und Emily lief schweigend hindurch. Man konnte ihr ansehen, wie sehr sie mit sich zu kämpfen hatte. »Wollen wir wieder auf den Rasen gehen?«, fragte Nick behutsam.
»Ja!«, war Emilys kurze Antwort. Es war eine durch und durch idyllische Situation. Die Sonne schien, kleine Wolken bedeckten den Himmel, und immer wieder zog ein starker Windstoß durch die Baumwipfel und die Büsche um sie herum. Nick legte sich auf den Rücken und blickte in den Himmel. Emily tat es ihm gleich. Es schien ihr überhaupt nicht mehr unangenehm zu sein, Nick in ihrer Nähe zu haben.
»Ist der Himmel nicht wunderschön?«, murmelte Nick. Emily beobachtete weiter die Wolken, wie sie an der Sonne vorbeizogen und für einen kurzen Moment alles verdunkelten. Sie erinnerte sich an ihre erste richtige Begegnung mit Nick beim Picknick im Park und an die Worte, die er ihr gesagt hatte.

»Die Sonne ist immer da, auch wenn Wolken sie verdunkeln «, sagte sie zu Nick.

Ein breites Grinsen erschien auf Nicks Gesicht, so erfreut war er darüber, dass sie sich das gemerkt hatte. Emily setzte sich auf und blickte etwas verloren auf den Sandweg vor sich.
»Danke, dass du in mein Leben gekommen bist, Nick! Ich wusste von Anfang an, dass ich dir vertrauen konnte.«
Nick stützte sich mit den Armen ab und setzte sich dann ebenfalls hin. Er hätte das Gleiche sagen können und es nicht weniger ehrlich gemeint, doch er sagte gar nichts und genoss den Moment. Emily drehte sich wieder um und schaute scheu auf zu Boden.

»Es ist alles so seltsam. Bevor du in die Klinik gekommen bist, wollte ich wirklich mein Leben aufgeben. Ich sah einfach keinen Sinn mehr darin. Doch als ich dich dann neben Beth stehen sah, da … ach, ich weiß auch nicht«, beendete sie abrupt ihren Satz.
»Ich fühle das genauso wie du, Emily. Mein Leben war bis vor Kurzem auch noch völlig …«, er suchte nach dem passenden Wort, »… wertlos. Mein ganzes Leben hat sich in den letzten Tagen und Wochen gewandelt. Dank dir und dank …«
»Jetzt kann ich wieder glauben, dass die Welt gut ist!«
Nick nickte. »Oh, verzeih mir bitte, dass ich dich unterbrochen habe!«, schämte sich Emily. »Nein, nein, sprich ruhig weiter«, winkte Nick liebevoll ab.

»Hilfst du mir dabei, wenn ich versuche wieder zu essen? «

»Ich denke, das schaffst du ganz von alleine. Aber ich werde bei dir sein, wann immer du mich brauchst.«
»Ich möchte es jetzt versuchen«, flüsterte Emily leise.
»Ähm … wirklich?«, stockte Nick. Emily nickte.
»Ich muss nach vorne schauen, Nick. Das weiß ich jetzt. Es tut einfach zu weh, hinter mich zu blicken. «
»Dann versuch es. Aber, Emily, setz dich nicht unter Druck.«
»Dr. Morton hat mir gesagt, dass sie sich das nicht viel länger anschauen können. Wenn ich bis Mittwoch nichts gegessen habe, dann …«
»Ich weiß, Emily, aber du schaffst das vorher. Ich glaube fest daran!«
Emily biss sich unruhig auf die Unterlippe. »Ich muss das tun Nick, das weiß ich jetzt. Es gibt bald Mittagessen, und ich möchte es versuchen.«

»Hast du Angst?«, fragte Nick, und Emily bejahte.

»Vielleicht ist es etwas zu früh dafür. Ich meine, du hast seit Tagen nichts gegessen, und es wäre vielleicht gut, wenn du dich langsam darauf vorbereiten würdest.«
Nick wollte auf keinen Fall riskieren, dass sie wieder zurückfiele. Sie hatte sich schon lange genug Schuldgefühle gemacht, und wenn sie das jetzt nicht schaffen würde, würde sie vielleicht gar nicht mehr aus ihrer Situation herausfinden.

»Nein!«, antwortete Emily entschlossen. Nick legte sich wieder aufs Gras zurück, und Emily tat es ihm nach. Sie drehte sich auf die Seite, legte ihren Kopf auf ihren Arm und blickte Nick an. Dieser drehte seinen Kopf ebenfalls zur Seite und sah ihr in die Augen. Wieder floss durch ihn ein warmer Strom der Aufregung, und eilig drehte er seinen Kopf wieder und blickte in den Himmel. Emily blieb weiter neben ihm liegen.

»Es ist schon komisch, mit dir hier zu liegen. Ich kenne dich gar nicht, und doch bist du mir so vertraut.«

Sie zögerte einen Moment, bevor sie weiter sprach. »Geht es dir auch so?«
Nick wusste nicht, wie er darauf antworten sollte. Es war so wunderschön, das von ihr zu hören, und gleichzeitig so aufregend. Er drehte seinen Kopf wieder zu Emily und lächelte. »Ich denke schon«, sagte er ruhig.
»Emily! Nick!«
Nick stand hastig auf. Das Mädchen mit den Zöpfen kam den Weg entlanggelaufen.
»Hier seid ihr also«, sagte sie und blickte verwirrt auf Emily, die auf dem Boden lag. Dann lächelte sie frech und kicherte kurz. Nick strich sich verlegen durchs Haar. Ihm war die Situation sichtlich peinlich.
»Dr. Morton ruft euch, es gibt Essen. Du weißt, Emily, er will, dass wir alle dabei sind.«
 »Ja, wir kommen jetzt.«
»Okay!«, rief sie und rannte schon wieder zurück zur Klinik. Nick reichte Emily ihre Hand und half ihr aufzustehen.
»Willst du das wirklich?«
Emily nickte. Schweigend verließen sie den Park und gingen in die Klinik zurück. Als sie die Tür zum Speisesaal öffneten, verstummte für einen Moment das Geklapper des Bestecks, und Getuschel fing an.
Emily flüsterte Nick ins Ohr:
»Kommst du mit mir?«
»Ja, mach ich.«

Sie gingen an Emilys Platz. Emily setzte sich mit einem Seufzer.

»Soll ich dir etwas zu essen holen?« Emilys Augen wurden wieder feucht, und sie zitterte leicht.
»Du musst das jetzt nicht tun!«, wiederholte sich Nick.
Emily schüttelte vehement ihren Kopf. »Doch, Nick, ich muss es tun! Ich habe einfach alles um mich herum ausgeblendet, aber das kann ich nicht mehr länger tun. Ich verletze nicht nur mich selbst, sondern auch die Menschen, die mich lieben! Das geht jetzt schon viel zu lange so!«
Nick sah, dass Emily dabei an ihre Mutter dachte. Also stand er auf, nahm sich ein Tablett mit einem Teller und häufte etwas Salat und Kartoffeln darauf. Er machte den Teller nur halb voll, doch er wusste genau, dass, wenn Emily es wirklich schaffen sollte, alles zu essen, der Spuk zu Ende wäre und sie es geschafft hätte. Etwas zittrig kam er mit dem Tablett zurück an ihren Tisch.

Beth hielt sich erstaunt die Hand vor den Mund, und auch die Ärzte bemerkten, dass Nick mit dem Teller zu Emily ging.

Es wurde noch ein wenig ruhiger im Speisesaal, und immer wieder schauten die Mädchen gespannt auf ihren Tisch und tuschelten miteinander.
Dr. Morton ging von Tisch zu Tisch und forderte die Mädchen leise auf, weiterzuessen und Emily nicht so anzustarren. Es war für alle ein spannender Moment, und immer wieder blickten die Mädchen und selbst die Ärzte ungläubig zu Emilys Tisch.

Keiner hätte das jemals für möglich gehalten.

Nick nahm seinen Stuhl und stellte ihn direkt neben Emily, die Nick auch sofort ansah und ihn bat, bei ihr zu bleiben. Mit der rechten Hand ergriff sie die Gabel, die linke Hand legte sie zu einer Faust geballt neben den Teller.

Sie stach in ein Salatblatt und ließ die Gabel einige Zeit einfach in der Hand liegen. Schließlich legte sie die Gabel wieder auf den Teller und bat Nick, ihr etwas zu trinken zu holen. Nick stand wieder eilig auf und holte schnell ein Glas mit Wasser. Er ließ sie dabei nicht aus den Augen und beobachtete, wie sie die ganze Zeit auf den Teller blickte.

»Hier!«, rief Nick und stellte das Glas vor lauter Aufregung so schnell auf den Tisch, dass der Inhalt fast herausschwappte. Emily trank einen Schluck und nahm dann wieder die Gabel in die Hand. Sie öffnete den Mund und schloss die Augen.

Während sie die Gabel zum Mund führte, rollten Tränen ihre Wangen hinunter.

Dann verschwand das Salatblatt in ihrem Mund, und sie begann, es langsam zu kauen. Sie kaute mehrere Male, und es dauerte eine Minute, bis sie schluckte.
Danach nahm sie ein Stück Kartoffel, zerdrückte es mit der Gabel und schob es in den Mund. Sie kaute wieder sehr langsam und vorsichtig, und immer wieder musste sie weinen. Nick reichte ihr das Glas, weil er befürchtete, dass sie sich verschlucken könnte. Immer wieder legte sie die Gabel beiseite und fing leise an zu weinen. Nick nahm ihre Hand und machte ihr Mut, doch er wusste, dass dieser Moment Emily alleine gehörte. Sie musste es mit ihren eigenen Kräften schaffen.

Dr. Morton war mittlerweile von seinem Tisch aufgestanden und kam ebenfalls zu Emilys Tisch.

Er legte seine Hand auf ihre rechte Schulter und flüsterte: »Du machst das prima, Emily! Ich bin stolz auf dich!«
Mit verquollenen Augen neigte sie ihren Kopf und lächelte Dr. Morton dankbar an. Auch Beth hatte Tränen in den Augen und knetete nervös ihre Hände.
Wieder und wieder führte Emily die Gabel zum Mund, und mit jeder Minute wurde ihr Teller leerer. Dr. Morton und Nick wichen in dieser Zeit nicht von ihrer Seite. Zwischendurch fragte Nick vorsichtig, ob sie aufhören mochte, schließlich hatte sie schon einiges von der Portion gegessen, doch Emily schüttelte den Kopf. Sie wollte sich selbst beweisen, dass sie alles essen konnte. Für sie gab es in diesem Moment keine halben Sachen. Sie aß immer weiter, bis der Teller leer war.

Dann fiel sie Nick weinend in die Arme. Es waren Tränen der Erleichterung und Tränen des Loslassens.

Dr. Morton flüsterte noch einmal »Super, Emily!« und ging dann eilig wieder an seinen Tisch zurück.
»Jetzt hast du sogar den Morton dazu gebracht, dass er berührt ist. Ich habe Pipi in seinen Augen gesehen«, wisperte Nick Emily ins Ohr.
Sie fing sofort an zu lachen und rieb sich die Tränen aus dem Gesicht. Einige Mädchen standen auf und liefen zu Emily, um sie in den Arm zu nehmen. Andere lächelten sie einfach an oder strahlten vor Freude. Emily war dankbar, denn sie sah, wie alle sie unterstützen. Doch die Situation war auch sehr ermüdend für sie.
»Können wir auf mein Zimmer gehen?«, fragte sie Nick.
»Ja, lass mich nur Dr. Morton fragen.«

Dr. Morton sagte nur: »Ich glaube, nach diesem Ereignis können wir eine Ausnahme machen! Geht ruhig!«

Sie fuhren mit dem Aufzug hinauf und gingen in Emilys Zimmer. Emily legte sich auf ihr Bett und blickte Nick für einen langen Moment an. Dann legte sie ihren Kopf aufs Kopfkissen und weinte leise.
»Danke, Nick«, sagte sie noch, dann schlief sie erschöpft ein. Nick ging zum Fenster und ließ das Rollo herunter. Als er sie im Bett liegen sah, näherte er sich ihr vorsichtig und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Voller Freude verließ er ihr Zimmer. Sie hatte es wirklich geschafft, wieder zu essen. Nick war nicht stolz auf sich, er war nur unglaublich dankbar für den Segen, den er in den letzten Tagen erfahren hatte. Er wusste, er verdankte dies alles Jack, und in Gedanken gab er Emilys Dank an ihn weiter.

Es war einfach unglaublich, was in dieser kurzen Zeit alles geschehen war.

Nick ging den Gang hinunter und nahm schließlich die Treppe, um wieder nach unten zu gelangen. Ein Teil der Mädchen saß noch an den Tischen und redete. Auch Dr. Morton saß mit Dr. Simont, Constantine, Peggy, Monica und Beth an einem Tisch und unterhielt sich angeregt.

Gerade als Nick am Tisch vorbeiging, um in der Küche das Geschirr zu spülen, rief Dr. Morton ihn zu sich. Der Arzt stand auf und reichte Nick die Hand. Zögernd streckte auch Nick seine Hand aus und schüttelte die des Arztes.
»Danke, Nick! Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber du hast es tatsächlich geschafft!« Nick lächelte etwas verlegen.
»Das hat sie ganz alleine gemacht!« Dr. Morton nickte und setzte sich wieder. Jetzt stand Beth auf und nahm Nick in den Arm. »Du bist ein Goldschatz!«
Dann blickte sie zu den Pflegern und Ärzten und sagte: »Braucht ihr nicht noch jemanden hier in der Klinik?« Nick wurde rot, ihm war der ganze Trubel viel zu unangenehm. Sein Wunsch war einfach, dass Emily wieder lachen und das Leben genießen könnte. Und in diese Richtung hatte sie an diesem Tag den ersten Schritt gemacht.

»Ich gehe jetzt in die Küche und hole meine Arbeit nach«, sagte Nick schnell,

um eine Antwort der Ärzte zu verhindern.
»Ja, mach das«, sagte Beth sanft und versprach, gleich nachzukommen, um ihm zu helfen. Nach zwei Stunden kam Emily wieder in den Speisesaal und klopfte an die Küchentür. Nick putzte gerade die Küche, und Beth war im Hof, um eine Lebensmittellieferung entgegenzunehmen.

Emily setzte sich an den kleinen Klapptisch in der Küche und schaute Nick zu. Immer wieder lächelten sie sich wie schüchterne Kinder an und kicherten. Nick wollte seine Arbeit unterbrechen, doch Emily bestand darauf, dass er weitermachte. Sie wollte für einen Moment einfach die Ruhe genießen und nichts sagen. Als die Küche sauber war, setzte Nick sich neben Emily.
»Möchtest du, dass ich heute Abend hierbleibe und bei dir bin, wenn es Abendessen gibt?«

Emily lächelte. »Du bist so lieb zu mir!«

»Das war keine Antwort«, schmunzelte Nick.
»Nein, das brauchst du nicht, du hast schon so viel für mich getan!« »Du weißt, ich tue es gerne.«
»Ja, aber trotzdem«, antwortete sie. »Es wird schon gehen. Es hat ja vorhin auch geklappt.«
»Möchtest du, dass ich dir meine Nummer gebe? Dann kannst du mich anrufen, wenn du mich brauchst. Also, ich bin schnell hier oben, so in zwanzig Minuten ungefähr. «
Er zeigte auf die Wand, um ungefähr zu zeigen, aus welcher Richtung er kam.

Dann schüttelte er lachend den Kopf, weil er selbst bemerkte, wie verliebt er sich verhielt.

»Ich würde gerne deine Telefonnummer haben!«, antwortete Emily und strich sich ein paar Strähnen hinters Ohr. Nick kramte eilig in den Schubladen. »Irgendwo habe ich doch … hier habe ich ein Blatt!«
Er schrieb seine Nummer auf den Zettel, faltete ihn einmal und gab ihn Emily.
»Du kannst immer, Tag und Nacht, anrufen. Ich lasse mein Handy an!«
»Nick!«, rief es aus dem Hof.
»Das ist Beth, ich muss ihr helfen! Bleibst du hier?«
»Nein, mach du nur, ich gehe mit den anderen Mädchen in den Park.«
»Das ist schön«, lächelte Nick.

Emily hatte sich so sehr von allen abgegrenzt,

und nun zu sehen, dass sie mit den Mädchen etwas unternahm, fühlte sich einfach gut an.
»Du gehst dann auch bald nach Hause, oder?«, fragte Emily noch, bevor sie die Küche verließ. »Das ist richtig, ja.«
 »Wollen wir uns morgen sehen?« Nick grinste.
»Natürlich will ich das! Aber versprich mir bitte, dass du mich anrufst, wenn du mich brauchst!«
Emily lächelte. Sie fühlte sich so wohl und genoss es, wie Nick sich um sie kümmerte. »Danke«, flüsterte Emily und verschwand. Nick lief nach draußen in den Hof, wo ein LKW stand und ein Mann Lebensmittel auslud.
»Da bist du ja. Pack mal bitte mit an!« Nick schleppte einige Kisten in die Küche und räumte einen Teil der Ware in einen der beiden großen Kühlschränke.

»Die werden immer frecher, die Lieferanten«, fluchte Beth, als sie die Küche vom Hof aus betrat. »Reich mir mal ein Handtuch!« Nick gab ihr eins, und sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Teurer werden sie, unpünktlich und frech!«

»Sag mal, Beth, meinst du, es wäre möglich, dass ich morgen mit Emily ein Picknick im Park mache?«

Beth legte das Handtuch wieder beiseite und setzte sich auf einen Stuhl. »Von meiner Seite aus geht das natürlich klar. Aber die Entscheidung trifft Dr. Morton und nicht ich.«
 »Ja, ich weiß«, erwiderte Nick. »Aber frag ihn doch einfach, er ist in seinem Büro.«
Nick ging in Dr. Mortons Büro, und ausnahmsweise genehmigte er Nick sein Picknick im Park. Er hielt es ebenfalls für sinnvoll, das Essen für Emily in nächster Zeit mit etwas Schönem zu verbinden, und deswegen hatte er nichts dagegen. Natürlich drückte er seine Zusage sehr medizinisch aus, doch Nick war klar, dass Dr. Morton ihm jetzt mit noch mehr Respekt begegnete als vorher.

Voller Vorfreude und mit einem großen Lächeln im Herzen verließ Nick das Ärztezimmer und ging zu Beth zurück.

»Aha, er hat also Ja gesagt?«, fragte sie ihn, als Nick strahlend in die Küche kam. Nick nickte. »Du solltest wissen, dass du ihn vorhin ganz schön beeindruckt hast. Ich habe ihn noch nie so sprachlos gesehen.«
 »Ja, ich weiß«, antwortete Nick scheu.
 »Und, bist du aufgeregt? Erzähl, was hast du morgen vor?«

Und wie aufgeregt Nick war! Jetzt fühlte sich ihre morgige Begegnung schon fast wie ein Rendezvous an. Beth half ihm, ein paar Sachen zusammenzusuchen, und klapperte mit ihm Abstellkammern ab, die kaum jemand in den letzten Wochen betreten hatte. Und sie fanden tatsächlich alles, was man für ein schönes Picknick brauchte. Immer wieder fragte Nick, ob das nicht zu viel sei, doch Beth war in ihrem Element und packte alles zusammen. Nur Blumen wollte Nick dann doch nicht mitnehmen. Auf alles andere, was Beth ihm vorschlug, ließ er sich ein.
Als Nick überlegte, was er zum Essen mitnehmen sollte, erwiderte Beth nur: »Lass das mal meine Sorge sein, ich bin schließlich die Köchin hier.«

Nick nutze die Gelegenheit und sagte zu Beth: »Bitte pass heute Abend besonders auf Emily auf!

Ich werde nicht da sein. Ich weiß, dass sie dich mag, und es wäre toll, wenn du einfach in ihrer Nähe wärst.«
Beth machte sich keine Sorgen und war sich sicher, dass Emily den kritischen Punkt überwunden hatte und jetzt mit jedem Tag mehr und mehr essen würde, doch sie versprach ihm, bei ihr zu sein. Nur wenig später war Nicks Arbeitszeit für diesen Tag vorbei. Er ging an den Spind, holte seine Sachen und verabschiedete sich.

Immer wieder blickte er nach oben und dachte darüber nach, nochmals zu Emily zu gehen, um sich von ihr zu verabschieden. Doch keineswegs wollte er sie jetzt bedrängen, jetzt, wo er es endlich geschafft hatte, ihr wirklich zu begegnen, und sie sich bei ihm fallen lassen konnte. Etwas schweren Herzens verließ er also die Klinik. Er fühlte sich ein wenig traurig, von ihr wegzugehen.

Doch spätestens als er die Straße in Richtung Stadt hinabfuhr, hatte er einen neuen Grund zur Freude:

Er würde gleich Jack treffen und ihm alles erzählen können. Endlich hatten sie es geschafft, und Emily hatte wieder gegessen. Die letzten Tage mit Jack waren wie eine Vorbereitung für diesen Tag gewesen. Es war alles perfekt. Nick war Jack so dankbar, dass er in sein Leben getreten war, und so gerne würde er ihm seinen Dank zeigen. Für einen Moment dachte Nick darüber nach, Jack ein Geschenk zu machen, jedoch fiel ihm beim besten Willen nicht ein, was er ihm hätte schenken sollen.

Weder wusste er, was Jack mochte, noch, was er brauchte. Er wusste einfach viel zu wenig über ihn. Als Nick durch die Stadt fuhr, wurde er bei jedem Geschäft, das auf dem Weg lag, etwas langsamer und warf einen kurzen Blick in die Schaufenster, doch es gab nichts, was ihn ansprach. Alles, was er sah, hatte irgendwie keinen Bezug zu Jack.

Ein paar Minuten später passierte er auch einen Herrenausstatter,

und unerwartet hielt er tatsächlich vor dem Laden an, weil im Schaufenster eine Mütze ausgestellt war, die genau die gleiche Farbe hatte wie Jacks Leinenhose und Stoffjacke. Nick schob sein Fahrrad den kleinen Weg entlang und stellte es dann vor dem Geschäft ab, um sich die Stoffkappe genauer anzuschauen. Sie war beigefarben und hatte ein Karomuster, so ähnlich wie ein Schottenmuster.

Er lachte, kramte seinen Geldbeutel aus dem Rucksack und ging ins Geschäft. Ja, diese Mütze passte einfach zu Jack, dachte er, als er sich Jack mit dieser Mütze vorstellte. Es war so, als ob sie die ganze Zeit gefehlt hätte. Nach ein paar Minuten kam er mit einer Papierschachtel wieder aus dem Geschäft, schnallte sie auf den Gepäckträger und fuhr weiter zum Park. Jack mit dieser Mütze auf dem Kopf zu sehen, stimmte einfach irgendwie. Sie passte zu ihm. Stolz marschierte er durch Park und lief Jack entgegen, der, wie fast jeden Tag, auf der einen besonderen Parkbank auf ihn wartete.

Jack neigte seinen Kopf zur Seite und lächelte, als er Nick auf sich zukommen sah. Nick stellte seinen Rucksack und die Schachtel unauffällig neben die Bank und setzte sich zu Jack. Dieser drehte sich um und schlug das eine Bein über das andere. Und dann lächelte er so sehr, wie er selten gelächelt hatte.
»Ich sehe, es ist alles gut verlaufen.«
»Oh ja, Jack! Besser als gut!«, antwortete Nick, und sofort wurden seine Augen feucht vor Freude.

Zu Nicks Erstaunen wurden auch Jacks Augen feucht.

»Hey, was ist denn?«, erschrak Nick und berührte seinen Freund am Arm.
»Nichts, Nick, ich bin einfach so unglaublich dankbar und stolz auf dich.«
Jack rückte ein Stück nach vorne und nahm Nick in den Arm. Für lange Zeit verweilte er so. »Hey!«, sagte Nick dann. »Ich bin es, der sich hier bedanken muss.«
»Ach so?«, entgegnete Jack frech und lehnte sich wieder zurück.
»Na, dann lass mal hören!«, grinste er auffordernd. Nick griff neben die Bank und holte die Schachtel hervor.
 »Ich habe keine Ahnung, was man dir schenken kann. Aber als ich vorhin an einem Laden vorbeigefahren bin, da habe ich das gesehen …«, und mit einem Ruck öffnete er den Deckel. »Sie hat die gleiche Farbe wie der Rest deiner Kleidung, schau! Ich konnte nicht anders, als sie zu kaufen.«
Sanft nahm Jack die Kappe aus der Schachtel und betrachtete sie freudig in seinen Händen. Dann legte er seinen Arm um Nick und drückte seinen Kopf gegen Nicks.

»Danke«, flüsterte er. »Du weißt nicht, welche Freude du mir damit machst!«

»Wirklich? Ich meine, das ist doch nur eine Kappe.«
»Nein, Nick, es ist nicht einfach eine Kappe. Du bist deinem inneren Impuls gefolgt, Nick. Ich hatte vor wenigen Jahren noch eine Kappe, die fast genau so aussah wie diese. Doch auf einem Ausflug am Felsen habe ich sie verloren.«
»Du kennst den Felsen?«, fragte Nick erstaunt.
»Ja, ich war viele Male dort«, antwortete Jack verträumt. »Wieso auch nicht? Es ist ein heiliger Platz.«
»Das ist wahr.« Nick seufzte für einen Moment. Der Augenblick war einfach wunderschön. Es war so hell um ihn herum, und überall hörte er Kinderlachen. Jack setzte ganz langsam und feierlich die Mütze auf seinen Kopf. Sie passte perfekt.

»Jetzt erzähl mir aber, wie es dir mit deiner Emily ergangen ist!«

»Hey!«, protestierte Nick.
»Sie ist nicht meine Emily!«
Jack beugte sich zu Nick vor, lächelte und flüsterte: »Oh doch, Nick, bald ist sie es.«
 Nick wurde etwas rot im Gesicht. »Meinst du wirklich, dass ich eine Chance habe?«
»Oh, Nick, es gibt so vieles, was du noch nicht verstehst. Ihr seid schon so lange verabredet.« Nick schüttelte ungläubig den Kopf. »Wovon redest du, schon wieder, Jack? Mit jeder Unterhaltung fällt es mir schwerer, dir zu folgen. Und eigentlich sollte es doch umgekehrt sein.«
»Ist auch egal, mein Freund, jetzt will ich wissen, wie es war! Erzähl mir alles!«

Nick gehorchte natürlich und erzählte Jack alles bis ins kleinste Detail,

und für fast eine Stunde starrte Jack nur auf Nicks Mund und sagte kaum etwas. Am Ende wischte er sich eine kleine Träne aus dem Gesicht und forderte Nick auf, mit ihm spazieren zu gehen. Nick faltete die Papierschachtel zusammen und warf sie in den nahe gelegenen Mülleimer, dann nahm er seinen Rucksack und ging mit Jack durch den Park.
»Es ist so wunderschön hier im Park, und ich liebe es, hier spazieren zu gehen«, sagte Jack plötzlich, nachdem er für einige Minuten geschwiegen hatte. Die Ruhe war geradezu unheimlich gewesen.
»Ja. Ich bin schon immer gerne hierhergekommen.«

Plötzlich blieb Jack stehen und hielt auch Nick mit seinem Arm zurück.

»Schau mal, wen wir da drüben haben«, sagte er und deutete mit dem Kopf etwas weiter vorne auf dem Weg. Nick blickte sich um und verstand erst nicht, was Jack meinte, bis er die Frau mit dem Kinderwagen sah, die ein gutes Stück weiter auf einer Bank saß. Er hatte sie zunächst nicht erkannt, weil sie ihr Haar anders trug und ein Kleid anhatte. Neben der Frau saß ein Mann und schaute gerade in den Kinderwagen. Die Frau lächelte und schien sehr glücklich zu sein. »Siehst du! Das macht ein einziges Lächeln aus. Sie und ihr Freund haben sich wieder vertragen, weit mehr noch, sie haben ihre Beziehung von Grund auf verändert.

Mit deinem Lächeln hast du ihr die Angst genommen.«

»Das kann ich kaum glauben.«
»Und doch ist es wahr«, sagte Jack, als sie an der jungen Familie vorbeigingen.
»Ein kleiner Moment, Nick, ein Lächeln, das aus dem Herzen kommt, reicht aus, um Welten zu bewegen. Merke dir das gut, Nick. Fühle, wann immer du einem Menschen begegnest, in dein Herz, und frage dich, was er braucht. Es ist deine Aufgabe, die Menschen daran zu erinnern, dass es immer einen Ort in ihrem Herzen gibt, der frei von allen Problemen, allen Sorgen und allen Ängsten ist.«

»Und das muss ich machen? Was ist denn deine Aufgabe?«
»Dir das zu sagen!«, entgegnete Jack sofort. »Aber das habe ich ja jetzt getan«, fügte er noch hinzu und lächelte Nick an.
»Das hast du, und noch viel mehr. Ich bin so dankbar, dass ich dich kennengelernt habe. Hoffentlich bleibst du, bis ich so alt bin wie du, mein Freund«, lachte Nick.
»Davon kannst du ausgehen.«

»Oh je, jetzt wird es wieder peinlich«, feixte Nick.

Ein leichter Wind wehte durch den Park und wirbelte ein paar Blätter vom Boden auf. Die Sonne ging bereits unter und schickte ihre letzten Strahlen durch die Wipfel der Bäume im Park. Nick ergriff die Chance und fragte Jack, worum ihn seine Mutter gebeten hatte: »Sag mal, Jack, hast du nicht Lust, mit mir nach Hause zu kommen und mit uns zusammen zu Abend zu essen?«
»Oh, Lust hätte ich schon, mein Freund, aber ich muss mich leider schon wieder von dir verabschieden.«
 »Das dachte ich mir schon«, antwortete Nick betrübt.
»Ja, deine Intuition ist bemerkenswert!« Er drehte sich zu Nick um. »Ich kann wirklich nicht mit dir kommen, und bald wirst du das auch verstehen.«

»Du bist ein Werwolf, oder?«, fragte Nick gehässig und ein klein bisschen enttäuscht.

»Ein Werwolf? Sehe ich aus wie ein Werwolf?«
»Na, du bist es doch, der sich immer aus dem Staub macht, wenn die Sonne untergeht!«
 »He! Mir wird einfach kalt, wenn die Sonne nicht da ist!«
»Ach«, antwortete Nick halb frustriert, halb scherzend.
»Aber ich könnte morgen bei deinem Picknick vorbeischauen, wenn du jetzt schon solche Sehnsucht nach mir hast«, grinste Jack.
 »Bloß nicht! Sonst habe ich keine Chancen mehr bei ihr!«
»Ho, ho!«, lachte Jack laut.
»Das war jetzt aber fies, verzeih mir.«

»Nein, nein, ich kann mit deinen Scherzen schon umgehen. Meine sind ja auch nicht besser.«

Jack legte wieder einen Arm auf Nicks Schulter, und, zufrieden mit dem Augenblick, gingen sie weiter. Als sie ihre Runde gedreht hatten, kamen sie wieder zu den Bänken und dem Brunnen zurück.
»Heißt das jetzt wieder, dass ich gehen soll?«
»Nun, das ist deine freie Wahl, aber ich werde jetzt nach Hause gehen.«
»Ich würde ja allzu gerne mal sehen, wo du wohnst.«
»Ach, mein Zuhause ist ziemlich einfach, da gibt es nichts Spektakuläres. Bei dir zu Hause wird es viel lebendiger zugehen als bei mir.«

»Ja, aber das liegt an Henry. Die anderen sind eher ruhig.«

»Dein Bruder?«
»Ja, genau. Er ist ein frecher Junge.«
»Wie kommst du jetzt mit ihm aus?«
Nick seufzte. »Seit ich aufgehört habe, ihn als meinen Feind zu betrachten, gut.«
Jack nickte. »Du hast deine innere Welt gewandelt und damit deine äußere. Jetzt ist alles anders geworden.«
»Ja, ich möchte keine Sekunde lang mehr mein altes Leben zurück«, antwortete Nick und bekräftigte seine Worte mit einem Nicken.
»Dafür gibt es auch keinen Grund.«
Mit der Hand strich Nick über die Latten der Bank und setzte sich anschließend hin.

»Es lag alles an mir, und ich dachte immer, die anderen seien die Bösen.«

Jack setzte sich ebenfalls und streckte gähnend seine Arme gen Himmel.
»Dein Leben wird durch deine Sichtweise bestimmt. Es ist deine innere Einstellung, deine Sicht über die Dinge, die deine Erlebnisse im Außen bestimmen. Weißt du, manche Menschen kommen zu dieser Erkenntnis erst kurz bevor sie diese Erde verlassen. Du hast also einen großen Vorsprung.«

»Ich hätte mir aber viel Leid erspart, wenn ich es von Anfang an erkannt hätte«, sagte Nick. »Das schaffen nur wenige«, grinste Jack. »So ein bisschen Lernen und Experimentieren ist doch auch ganz schön.«
Nick schwang seinen Rucksack auf den Rücken und band einen seiner Schuhe. Als er wieder aufstand, sagte er zu Jack: »Ich gehe jetzt.«
»Ja.«

»Danke noch mal, Jack. Ich bin so froh, dass Emily wieder isst.«

»Ich auch«, erwiderte er. »Ich sage dir dann morgen, wie das Picknick mit ihr war. Ich bin so gespannt!«
»Tue das, mein Freund. Ich danke dir, dass du bei mir warst und dich mir geöffnet hast. Das bedeutet mir mehr, als du dir im Moment vielleicht vorstellen kannst.«

»Peinlich!«, rief Nick wieder, wobei er jeden Buchstaben betonte.
»Los, geh!«, forderte Jack ihn auf.
»Also, wir sehen uns«, sagte Nick noch und lief davon.
 Jack blickte ihm lächelnd und ein wenig traurig hinterher. Er wandte seinen Blick nicht ab, bis er Nick nicht mehr sehen konnte. Dann stand auch er auf und nahm den entgegengesetzten Weg aus dem Park hinaus.

Die rosaroten Strahlen der untergehenden Sonne, die die ganze Stadt erleuchteten, folgten ihm.

Auch Nick bemerkte den wunderschönen Sonnenuntergang, als er mit dem Fahrrad nach Hause fuhr. Immer wieder schloss er kurz die Augen und ließ die Farben auf sich wirken. Als er zu Hause angekommen war, setzte er sich vor die Tür und blieb dort noch für einige Minuten sitzen, bis von der imposanten Erscheinung der Sonne nichts mehr zu sehen war.

Voller Ruhe saß er dort, dann ging er hinein und begrüßte seine Familie.  Alle wollten sie natürlich gleich auf den neusten Stand gebracht werden, und so erzählte Nick zum zweiten Mal an diesem Tag, was er erlebt hatte.
Jedoch kürzte er seine Erzählung etwas ab, denn er war sehr müde und wollte noch etwas Zeit mit sich selbst verbringen. Deshalb ging er gleich nach dem Abendessen auf sein Zimmer und legte sich ins Bett. Erst hörte er etwas Musik, dann aber dachte er über sich und Emily nach. Er seufzte und kicherte vor Freude.

Jede Zelle seines Körpers war in Emily verliebt und freute sich auf den nächsten Tag.

In seinen Gedanken stellte er sich immer wieder vor, wie er mit ihr in den Park gehen würde und dort schon alles für sie bereitstand. Er stellte sich vor, wie sie an ihn gelehnt im Gras lag und sie zusammen lachten. Und am Ende würde er sie küssen, zumindest hoffte er das, obwohl er gleich wusste, dass er sich das niemals trauen würde. Vielleicht konnte er Emily jetzt, nachdem sie wieder gegessen hatte, zeigen, wie er wirklich fühlte.

Weiter geht es mit  – „In deiner Welt“ dem letzten Kapitel der spirituellen Geschichte am Sonntag den 30. Juni 2019


Den Roman
In deiner Welt
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von Georg Huber
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23.06.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
www.jeomra.de

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