In deiner Welt – Kapitel 7

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Kapitel-7-georg-huber-in-deiner-welt-romanKapitel 7 – In deiner Welt

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Am nächsten Morgen war Nick wieder früh wach. Schon um 7 Uhr stand er unten im Wohnzimmer und sah seine Mutter. Sie saß ganz alleine am Esstisch und trank ihren Kaffee. Nick musterte sie, wie sie gedankenverloren aus dem Fenster schaute. Als sie merkte, dass Nick hinter ihr stand, drehte sie sich lächelnd um und berührte ihn am Arm.
»Guten Morgen, Nick. Du bist aber früh wach.«
Nick gähnte kurz und lächelte zurück. Wie immer war eine seiner ersten Taten am Morgen der Gang zum Kühlschrank, um einen Schluck Orangensaft zu trinken.

»Ist Dad schon weg?«, fragte Nick.

»Ja, er hat heute einen wichtigen Termin.«
»Hm«, antwortete Nick, »in letzter Zeit ist er ganz schön lange unterwegs.«
Seine Mutter grinste vorsichtig. »Du weißt, wir reden nicht gerne über Dinge, die noch nicht eingetreten sind, aber es kann sein, dass dein Vater zum Abteilungsleiter befördert wird.« Nick bestätigte seiner Mutter mit einem Nicken, dass er ihr zuhörte, während er eine Schüssel und Müsli aus dem Schrank holte. Danach setzte er sich neben seine Mutter und fing an zu essen.

»Du musst nachsichtig mit deinem Vater sein, Nick. Er hat im Moment wirklich viel Stress.« Catherine versuchte, den Stress, den ihr Sohn mit seinem Vater hatte, auf die Arbeit zu schieben. Doch Nick wusste, dass sein Vater schon seit vielen Monaten so gereizt auf ihn reagierte.
»Sein Umgang mit mir hat nichts mit der Arbeit zu tun.«

Er staunte über die Worte, die aus seinem Mund gekommen waren.

Er sprach einfach das aus, was in seinem Kopf vorging.
»Ich weiß auch nicht, wieso wir immer diese Streitereien haben, aber ich werde herausfinden, wieso das so ist und es ändern!«, fügte er noch hinzu und dachte sofort an Jack.

»Das wünsche ich mir sehr, mein Schatz«, flüsterte seine Mutter und versuchte mit aller Mühe zu verhindern, dass sie anfing zu weinen. Nick wechselte schnell das Thema und ging dann in sein Zimmer, um sich umzuziehen. Er konnte es einfach nicht ertragen, seine Mutter weinen zu sehen. Schließlich weinte sie seinetwegen.

Als er seine Hose anzog und einen Blick auf sein Handy warf, stellte er fest, dass Steve angerufen hatte. Obwohl er Steve schon seit ein paar Tagen nicht gesehen hatte, spürte er dennoch kein Verlangen, das zu ändern. Diese Tatsache war schon merkwürdig, denn sie hatten sich vorgenommen, in den Sommerferien so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Doch auf einmal schien das nicht mehr so wichtig zu sein.

Nick schloss seine Zimmertür und rief Steve zurück.

»Hey, Nick! Endlich rufst du mich an. Wir haben uns seit der Party nicht mehr gesehen. Hast du Lust, mit an den See zu kommen? Ich muss dir was richtig Krasses erzählen!«
Nick ließ sich mit seiner Antwort etwas Zeit. »Wann willst du denn gehen?«
»Nachher, nach dem Essen. Wann denn sonst? Jetzt bestimmt nicht!«
»Ich hab heute schon etwas vor.«
»Du hast was vor? Mit deinen Eltern, oder was?«
»Nein, nicht mit meinen Eltern.« Nick zögerte noch einen Moment.
»Jetzt lass dir doch nicht alles aus den Finger saugen! Hast du etwa noch so einen tollen Freund wie mich, von dem ich nichts weiß?« Nick hatte keine Lust, Steve jetzt von Jack zu erzählen.
»Nein.« Er lachte kurz.
»Du egal, dann vielleicht die nächsten Tage. Aber ich muss dir unbedingt vorher erzählen, was gestern passiert ist!«
»Schieß los!«

»Rate, wo ich gestern war?«

 Nick wechselte seine Socken und klemmte sich das Handy zwischen Schulter und Ohr. »Woher soll ich das wissen?« Beinahe fiel ihm das Handy auf den Boden, und gerade so fing er es rechtzeitig auf. »… und sie hat mich …«
»Warte. Wo warst du?«

»Bei Angie, gestern Abend. Sie hatte mich eingeladen, weil ihre Eltern wieder weg waren. Als ich bei ihr ankam, hat sie mich gleich mit auf ihr Zimmer genommen und mich geküsst.« Nick war etwas genervt, vielleicht, weil er keine Lust auf Steves Mädchengeschichten hatte, vielleicht, weil er neidisch darauf war, wie einfach es für Steve war, eine Freundin zu finden. Nick hatte bisher ja noch nie eine Freundin gehabt.
»Und gerade, als es etwas wilder zuging, unglaublich, kam ihr Vater rein!« Nick unterbrach seine eigenen Gedanken schnell. »Wie, er kam rein? War er nicht weg?«

»Frag mich nicht, wieso, aber ihre Eltern waren wieder da. Wahrscheinlich hatten sie sich gestritten und sind wieder nach Hause gefahren«, antwortete er dramatisierend.
»Und dann?«
»Na, was glaubst du denn? Er ist völlig ausgerastet und hat mich rausgeworfen!«

»Hat er dich geschlagen, oder so was?«

»Nein, das nicht. Er war einfach nur sauer. Ich muss sagen, Angie tut mir schon ein wenig leid. Ich will nicht wissen, was sie für einen Ärger bekommen hat.«
»Und was jetzt?«
»Keine Ahnung, Nick. Du stellst vielleicht Fragen! Ich glaube, das wars mit Angie. Noch einmal gehe ich da bestimmt nicht hin.«
»Schade, jetzt wo es gerade angefangen hat …«, bedauerte Nick. »Ach, irgendwie hatte die sowieso eine komische Art. Schade ist es nur, weil sie wirklich heiß ist.«

Nick schüttelte den Kopf, was Steve glücklicherweise nicht sehen konnte.
»Findest du nicht auch?«, setze Steve noch hinterher.
»Nein, sie ist nicht mein Typ.«
»Hm«, war Steves einzige Antwort darauf.

»Du, ich muss dir noch was sagen. Ich werde ab nächste Woche eine Strafarbeit machen müssen, wegen der Scheibe.«
»Was? Hat uns jemand gesehen?«, fragte er Nick entsetzt.
»Scheinbar schon, und, na ja, jetzt mach ich das halt, und fertig.«
»Scheiße, Mann! Das ist echt doof! Und was machst du da?«
»Ich weiß noch nicht. Ich ruf dich später noch mal an. Ich muss wieder runter, ich war gerade dabei, mit meiner Mutter zu sprechen.«

»Seit wann redest du denn mit deiner Mutter?«

»Wieso nicht? Ach, egal … du, ich mach Schluss. Ich meld mich bei dir, ja?«
»Okay«, sagte Steve noch und legte auf.
»Nick!«, schallte es auf einmal aus dem Wohnzimmer.
»Ich komme, Mum!«

Nick ging die Treppe hinunter und sah schon Bobs Stiefel im Wohnzimmer. Mit jeder Stufe konnte er mehr von dem Freund seiner Eltern sehen. Ähnlich wie ein Cowboy stand er mit seinen blauen Jeans, seinen großen Stiefeln und seinem roten Holzfällerhemd im Zimmer und setzte sich gerade, als Nick unten ankam.

»Hallo, Nick!«, sagte Bob freundlich. Nick grüßte zurück und zwang sich ein Lächeln auf. Bob war eigentlich ein guter Kerl. Er war immer nett zu den Jungs, doch leider war er zu diesem Zeitpunkt der Überbringer schlechter Neuigkeiten und der beste Freund von Nicks Vater. All dies machte aus ihm einfach jemanden, mit dem man nicht allzu viel zu tun haben mochte.

»Ich habe mit Dr. Morton gesprochen. Er ist der Leiter der Klinik.«

Nick blieb vor Bob stehen und stütze sich an einem Stuhl ab. Er hatte nicht den Wunsch, sich ebenfalls an den Tisch zu setzen.
»Okay. Und?«, fragte Nick. Nicks Mutter hatte Bob, wie üblich, eine Tasse Kaffee gemacht und eine Schüssel mit Keksen auf den Tisch gestellt.
»Du kannst gleich am Montag anfangen.«

Nick setzte sich doch hin und nahm sich einen Keks. Es wurde also ernst. Er schob sich den Keks gleich in den Mund und fing an zu kauen. Er hatte keine Lust, eine Strafarbeit zu machen, und wieder fühlte er sich schlecht und missverstanden. Der Keks, den er gerade hinunterschlucken wollte, blieb ihm fast im Hals stecken. Er räusperte sich und fragte weiter: »Was heißt das? Was muss ich machen, und wann muss ich dort sein?«

»Du arbeitest in der Kantine. Beth, die Köchin, ist ganz alleine in der Küche und an der Essensausgabe, weil eine Kollegin ausgefallen ist. Alle dort sind froh, dass sie die nächste Zeit ein bisschen Unterstützung haben.«

Bob nahm einen Schluck aus seiner Tasse und sagte laut:

»Catherine, dein Kaffee ist einfach der beste!« Nicks Mutter lächelte sichtlich erfreut in der Küche.
»Du wirst dort jeden Tag von Montag bis Samstag arbeiten. Von 11 Uhr bis 16 Uhr. Natürlich hast du eine Mittagspause und kannst dort etwas essen.«
»Und wie lange muss ich dort hingehen?« fragte Nick gequält.
 »Genau zehn Tage, Nick. Es tut mir leid.«

Nick blickte etwas verlegen und unsicher auf den Tisch. Es fiel ihm schwer, noch irgendeinen schönen Gedanken zu fassen oder etwas Gutes an der Situation zu sehen.
Er wollte sich zwar die Laune nicht verderben lassen, doch wegen dieser doofen Scheibe diese Arbeit machen zu müssen, ärgerte ihn einfach. Es war nur ein Versehen gewesen, doch das glaubte ihm sowieso niemand.
»Die freuen sich auf jeden Fall schon auf dich und deine Hilfe.«
»Klar, so eine billige Arbeitskraft ist immer praktisch!«

Bob zog die Augenbrauen hoch. »Nick, du kannst von Glück reden, dass du dort untergekommen bist. Alle, die dort arbeiten, sind sehr nette Menschen. Und sie freuen sich wirklich. Ich habe denen gesagt, dass du wegen eines Missgeschicks die Sozialstunden machen musst und ein netter, zuverlässiger Mensch bist. Ich ging so weit, dass ich Dr. Morton gesagt habe, dass der Richter einen schlechten Tag hatte, als er entschied, dass du die Sozialstunden machen musst.«

Nick blickte verwundert auf.

»Und mit solchen Bemerkungen riskiere ich meinen Job, Nick!«
Nick biss sich auf die Unterlippe, als ob er seine vorherigen Worte lieber zurückgehalten hätte. Bob stand wieder auf und nahm seine Jacke in die Hand.

»Es tut mir leid«, sagte Nick.
»Ich verstehe dich schon«, sagte er, ging an Nick vorbei und berührte dessen Kopf.
»Ich weiß, dass du die Schreibe nicht mit Absicht eingeworfen hast. Wieso solltest du auch? Aber wir leben nun einmal in einem Rechtsstaat. Zumindest teilweise …«, lachte Bob. »Du musst jetzt dafür geradestehen, okay?«
Nick nickte.
»Also!«

Bob ging zu Nicks Mutter und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Dann verließ er das Haus und war ebenso schnell wieder weg, wie er gekommen war. Nick beobachtete durch ein Fenster, wie Bob in seinen Streifenwagen stieg und wegfuhr. Nicks Mutter überlegte, was sie ihrem Sohn zur Beruhigung sagen konnte. Das spürte Nick irgendwie. Um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, sagte er schnell:
»Das ist gar nicht so schlimm. Jetzt mache ich wenigstens etwas Vernünftiges mit meiner Zeit.«

Catherine drehte sich zu ihrem Sohn um und lächelte ihn dankbar an.
Nachmittags, um kurz vor 16 Uhr, machte Nick sich wieder auf den Weg in den Park.

Es war jetzt schon das vierte Mal, dass er dort Jack begegnen würde, und immer noch wusste er nichts von ihm. Dieser Mann war wie ein Geist, wie ein Phantom. Er war fast immer da, wenn Nick in den Park kam, und dafür konnte es nur zwei Erklärungen geben: Entweder hatte Jack tatsächlich die Gabe, genau zu wissen, wann Nick auftauchen würde, oder er wohnte tatsächlich im Park oder zumindest in dessen unmittelbarer Umgebung.

Irgendwo musste er leben, von wo aus er einen Blick auf die Parkbank werfen konnte. Nick lachte bei der Vorstellung, wie Jack mit einem Fernglas an seinem Fenster stand und den ganzen Tag beobachtete, wer in den Park hinein- und wieder hinausging. Zwar war Nick noch bei der letzten Begegnung ganz wild darauf gewesen, zu erfahren, woher Jack gekommen war, doch jetzt war es ihm irgendwie nicht mehr wichtig. Er würde Jack einfach fragen, wenn die Neugier ihn dazu treiben würde. Doch für den Moment war Nick einfach nur glücklich, dass er Jack überhaupt begegnet war. Diese friedvolle Art, dieses Glück, das Jack ausstrahlte, hatte etwas in Nick berührt. Das wusste er genau.

Und so grinste er, als er die Straße wieder überquerte, um in den Park zu gehen.

Vor dem Eingang stand ein Mann, der Luftballons an kleine Kinder verteilte. Sie hüpften zahlreich um ihn herum, redeten alle gleichzeitig und versuchten, frech wie sie waren, dem Mann die Luftballons wegzunehmen. Dieser hatte Mühe, den Arm so weit nach oben zu halten, dass die Kinder die Ballons nicht erreichen konnten. Eltern kamen und griffen lachend oder schimpfend ein. In diesem Park war es meistens lebendig, und vielleicht war das auch der eigentliche Grund, aus dem Nick immer wieder hierher kam.

Er selbst glaubte zwar, dass er anfangs dorthin gekommen war, weil er die Ruhe gesucht hatte, doch vielleicht wollte er einfach den Puls des Lebens spüren. Vielleicht wollte er die Freude und Leichtigkeit in den Augen jener sehen, die sich im Park aufhielten, eine Freude, die Nick bis vor Kurzem vergessen geglaubt hatte. Er hatte schon den kleinen Hügel erreicht, von dem aus er den weißen Springbrunnen sehen konnte und die vielen ebenfalls weißen Bänke, die kreisförmig um ihn herum standen.

Nick lachte sofort, als er sah, wie Jack ihm von einer Bank aus zuwinkte. Er war also tatsächlich da, dachte Nick, obwohl er es schon gewusst hatte. Dennoch war es schön zu sehen, dass Jack sein Wort gehalten hatte.
»Hallo, Nick! Schön, dass du hier bist«, freute sich Jack und stand auf, um Nick entgegenzulaufen.
»Komm, Nick, lass uns ein Stück spazieren gehen. Es ist so ein wunderschöner Tag heute!« Erst dann schaute Nick in den Himmel. Nur ein paar kleine, fast durchsichtige Wolken waren an dem blauen Himmel zu sehen, und die Sonne strahlte mit voller Kraft. Nick bejahte und ging neben Jack her, der sich voller Freude im Park umblickte. Jack schloss einen Moment lang die Augen und hörte dem Vogelgesang zu. Dann seufzte er:

»Es ist wunderbar. Schade, dass mir das nie so bewusst war wie heute.«

»Was meinst du damit?«
»Ach, weißt du, ich war dir manchmal ähnlich. Du kannst in jeder Sekunde deines Lebens entscheiden, worauf du deine Aufmerksamkeit richten möchtest. Schau dich einmal um. Siehst du hier im Park irgendetwas, was du als schlecht bezeichnen würdest? Etwas, was dich stört?« Die beiden gingen weiter im Park umher, und Nick blickte sich um.

»Nein, im Moment sehe ich nichts Schlechtes«, sagte er schließlich. Einen Moment lang blieb Jack stehen und deutete auf den Boden neben sich.
»Du hast recht. Viele Beispiele gibt der Park heute nicht her. Aber schau dir die Tüte voller Müll an, die hier liegt.«
»Ja, das ist wahr. Der Park ist so schön, trotzdem gibt es Leute, die hier einfach ihren Müll abladen.«

»Nun stell dir vor, du wärst ein penibler Ordnungsfanatiker. Damit hätten wir ein kleines Beispiel. Du würdest dich fürchterlich darüber aufregen, dass hier überall Dreck herumliegt, und wenn du dann in deiner Wut durch den Park gingst, würdest du überall Müll sehen. Das ist das, worüber wir gestern gesprochen haben.«
»Die Brille!«
»Genau. Du siehst dann nur das, was du sehen willst. Und auch bei mir war das manchmal so. Es gab Dinge, die mich gestört haben, und statt diese Dinge einfach sein zu lassen und mich auf etwas Schönes zu konzentrieren, steigerte ich mich in diese Kleinigkeiten hinein.« »Hm«, antwortete Nick nachdenklich.

»Genau in diesem Moment gibt es zwei entgegengesetzte Pole, auf die du deine Aufmerksamkeit richten könntest. Da ist der Müll, der dich vielleicht wütend macht und dir den Eindruck gibt, der Park wäre weniger wertvoll, und dann …«, Jack hielt inne und deutete auf den Himmel und die Bäume. »Dann sind da die Vögel, die die Sonne begrüßen und den Park in seine ganz eigene Magie hüllen. Sie scheinen für uns zu singen, und es gibt wohl kaum etwas Entspannenderes, als den Vögeln zuzuhören.«

»Man kann immer entscheiden, ob man sich auf das Schöne konzentrieren möchte oder nicht.«

»So ist es«, nickte Jack. Die beiden gingen über den Rasen, der mit wunderschönen farbigen Blumen übersät war. Nick war noch nie dort entlanggelaufen. Er hatte es nie gewagt, weil er die Blumen nicht zertreten wollte.

»Ich glaube, du bist heute wieder mit einer Frage zu mir gekommen. Wie lautet sie denn?« Nick konnte kaum antworten, so sehr war er darauf konzentriert, keine dieser wunderschönen Blumen zu zertreten. Einen Moment lang schaute er auf Jacks braune Lederschuhe, die mit keinem Schritt einer Blume auch nur zu nahe kamen. Doch als Nick in Jacks Gesicht schaute, merkte er, dass dieser nicht nach unten sah.

Er richtete seine Augen auf das, was vor ihm lag, und dennoch ging er mit einer Leichtigkeit und Genauigkeit, dass Nick nur staunen konnte. Wie machte er das bloß? Jack schien Nicks Gedanken wieder irgendwie zu bemerken, drehte seinen Kopf zur Seite und lächelte ihn an. »Hm, ja, diese Frage habe ich tatsächlich, und ich frage jetzt nicht, woher du das weißt«, antwortete Nick lachend. »Lass uns hier haltmachen«, sagte Jack und zeigte auf einen großen Laubbaum, der auf einer Wiese am Rand des Parks stand. Er nahm seine Stoffjacke, breitete sie unter sich auf dem Boden aus und setzte sich. Nick setzte sich ebenfalls.

»Also, was liegt dir auf dem Herzen?«
»Mein Vater.«
Jack nickte nachdenklich.
»Seit unserer letzten Begegnung ist mein Verhältnis zu meiner Mutter wirklich besser geworden. Ich meine, ich weiß nicht, wie, aber irgendwie hatte diese Übung, die du mit mir gemacht hast, eine Auswirkung. Mum ist auf einmal so lieb zu mir.«

Jack lächelte wieder sanft.

»Weißt du, Nick, in Wahrheit bist du lieb zu ihr. Sie war die ganze Zeit lieb zu dir, oder, besser gesagt«, Jack erhob seinen Finger, um den Satz zu bekräftigen, »sie war immer lieb, konnte es dir aber nicht zeigen. Zwischen euch war eine Mauer, und die hast du nun eingerissen!«
Nick überlegte für einen Moment, ob Jack recht haben könnte.

»Aber sie ist auch wirklich lieber zu mir. Es kommt mir zumindest so vor.«
»Das war deine Brille.«
»Ja, natürlich. Wie konnte ich das vergessen.« Nick lachte und rupfte einen Grashalm aus dem Boden.
»Es war dir aufgrund deiner Laune und deiner Gedanken nicht möglich, die lieben Seiten deiner Mutter zu sehen. Du warst geradezu fixiert auf das Negative. Wie willst du da irgendetwas Positives sehen?«
Nick stimmte zu. »Ja, vielleicht hast du recht. Das ist unglaublich! «
Jack nickte und sagte schließlich: »Mit deinem Vater klappt das nicht, oder?«
Nick schüttelte enttäuscht den Kopf. »Er …«, Nick musste schlucken. »Ach, egal«, sagte er plötzlich und winkte ab. »Ich habe keine Lust, darüber nachzudenken!«

Frustriert warf er den Grashalm von sich und legte sich auf den Boden.

Er blickte durch die vom Wind raschelnden Blätter direkt in die Sonne.
»Ich weiß nicht, wie es so weit kommen konnte«, sagte er, immer noch gen Himmel schauend.
»Wie würdest du euer Verhältnis denn beschreiben?«
»Schwierig«, antwortete Nick kühl.
»Ich … ich habe das Gefühl, dass er lieber einen anderen Sohn als mich hätte! « Eine kleine Träne rollte Nicks Wange hinunter. Er setzte sich plötzlich aufrecht und lachte.

»Wieso muss ich in deiner Nähe denn ständig weinen?«
Jack fing auch an zu lachen. »Keine Ahnung. Vielleicht wirke ich so mitleiderregend?«
Nick schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Nick, ich möchte dir heute ein kleines Geheimnis erzählen. «
»Das klingt interessant.« Jack legte seinen Kopf etwas zur Seite.
»Normalerweise ist dieses Geheimnis nur Menschen ab achtzig Jahren zugänglich, und sie müssen mindestens vierzig Jahre lang in absoluter Enthaltsamkeit und Stille gelebt haben.« »Aha.«
»Aber bei dir mache ich eine Ausnahme.«

Nick verbeugte sich grinsend und machte gleichzeitig die passende Armbewegung dazu.

»Wieso weißt du eigentlich von diesem Geheimnis, obwohl du selbst noch keine achtzig bist?«, fragte er, denn er wusste genau, dass Jack einen seiner Scherze machte. Jack klopfte sich lachend mit beiden Händen auf den Bauch.
»Nun, ich habe mich einfach gut gehalten!«
Nick legte sich wieder zurück und blickte in den Himmel.

»Jeder Mensch auf diesem Planeten trägt seine Last mit sich herum. Du kannst dir diese Last wie einen Rucksack vorstellen, den man auf dem Rücken trägt. Es gibt Menschen, die so voller Lebenskraft sind, dass sie diese Last während ihres Lebens kaum bemerken. Andere spüren diese Last nicht, weil der Rucksack kaum gefüllt ist.

Wieder andere Menschen haben schwere Steine im Rucksack oder, noch schlimmer, gleich mehrere Rucksäcke auf den Schultern. Diese Menschen erkennst du sofort, wenn du ihnen begegnest. Es scheint, dass die tägliche Last sie zerdrückt. Und es gibt so etwas wie einen Familienrucksack, einen Familienproblemrucksack. Wenn du irgendwann Kinder hast, gibst du einen Teil der Last deinen Kindern weiter.«
»Das ist nicht schön.«

»Nein, aber es ist so. Man könnte es als eine Art der Vererbung darstellen. Die Kinder erben einen Teil dieser Last und tragen sie eben weiter. Und du hast einen großen, gefüllten Rucksack von deinem Vater übernommen.«
»Was ist da drin?«
»Nun, dort drin ist das Verlangen danach, was du von deinem Vater am meisten brauchst.« Jack wartete einen Moment, um sicherzugehen, dass Nick ihn verstanden hatte. Erst dann sprach er weiter.

»Was wünschst du dir von deinem Vater?

Drücke es in einem Wort aus, einem Wort, das all das trägt, was du so sehr von ihm brauchst.«
Eine kleine Wolke zog an der Sonne vorbei und warf einen kurzen Schatten auf Nicks Gesicht. Dieser setzte sich wieder aufrecht und lehnte sich an den Baum.

»Anerkennung?«
 »Ja, Nick, das trifft es!«
»Und nun schaue dir die Beziehung zwischen deinem Vater und deinem Opa an.«
»Du meinst, der Rucksack kommt von meinem Opa?«

Jack nickte wieder, und Nick versuchte, sich an die letzten Besuche seines Opas zu erinnern. »Sie haben ein gutes Verhältnis zueinander.«
Nick schüttelte den Kopf. »Also, mein Dad wird bestimmt von seinem Vater anerkannt!« Er sagte das fast mit Spott in der Stimme. Augenblicklich zogen sich seine Mundwinkel nach unten.

»Nein, von meinem Opa kommt das sicher nicht!«

»Warte und schau einfach weiter. Wie redet dein Vater über seinen Vater?«
»Nur gut, er lobt ihn immer in den höchsten Tönen«, antwortete Nick.
»Was hat dein Opa gearbeitet?« Nick lächelte.
»Er hat irgendeine Firma geleitet, aber dort arbeitet er schon lange nicht mehr.«
»Also war er ein reicher, angesehener Mann.«

»Oh ja, reich ist er immer noch, und die Menschen haben auch Respekt vor ihm, das sieht man, aber mein Vater redet ganz normal mit meinem Opa. Mein Opa ist nicht irgendwie abfällig oder so etwas gegenüber meinem Dad.«

»Es geht auch nicht darum, dass er abfällig sein muss. Aber dennoch bitte ich dich, die beiden genauer zu beobachten, wenn du sie zusammen siehst. Vielleicht ist es dir es einfach noch nie aufgefallen, weil du nie deine Aufmerksamkeit darauf gerichtet hast. Solche Probleme sind nicht immer offensichtlich.«
Nick verzog das Gesicht.

»Ich kann das schon bald beobachten. Meine Großeltern kommen am Wochenende zu uns.«

»Wieso machst du deswegen so ein Gesicht?« Nick blickte etwas beschämt in eine andere Richtung.
»Ich … ich habe Mist gebaut und keine Lust, mit meinem Opa darüber zu reden. Aber das erzähle ich dir später.«
Jack nickte.
»Gut, aber wenn du die beiden siehst, dann beobachte sie. Und beobachte vor allem deinen Vater. Es würde mich nicht wundern, wenn er, genau wie du, versuchte, von seinem Vater Anerkennung zu bekommen.«
»Ich weiß es nicht«, sagte Nick.

»Okay, dann finden wir das jetzt anders heraus. Wenn dein Opa zu Besuch kommt, muss dann alles ordentlich, organisiert und pünktlich sein?«
»Ja!«, rief Nick auf einmal. »Das stimmt!«
»Und du sagst, dein Vater redet immer gut über ihn?«
»Ja!«

»Meinst du damit auch, dass er die Leistungen seines Vaters lobt, seine Rolle als Chef, seine Rolle als Mensch, seine Rolle als Vater oder seine Rolle als Ehemann?« Nick kratzte sich verwundert am Kopf.
»Das ist verrückt! Du kennst ihn doch gar nicht!«

»Das muss ich auch nicht. Das sind alles Muster, die du eines Tages verstehen wirst!

Aber jetzt zähle eins und eins zusammen. Dein Vater hat sich nie im Schatten seines Vaters wohlgefühlt. Er hat nie die Aufmerksamkeit bekommen, die er gebraucht hätte. Sieh, die eigenen Eltern sind immer das größte Vorbild für ein Kind. Und wenn da ein Vater ist, der so viel in seinem Leben geleistet hat, dann passiert es schon einmal, dass das Kind sich klein fühlt. Dann liegt es an dem Vater, das zu spüren und dem Kind das Gefühl zu geben, dass es gut ist, wie es ist.«

Nick konnte Jack das erste Mal traurig sehen. Jack drehte seinen Kopf zu ihm und sprach weiter.
»Und genau das können viele Eltern nicht. Und so tragen die Kinder diese Last mit sich weiter.«
»Und geben sie irgendwann an ihre Kinder weiter.«
»Ja, so ist es.«

»Aber ich verstehe nicht, wie er mir diese Last gegeben haben soll. Ich meine, er hat mich nicht gefragt, ob ich diesen Rucksack will, und ich habe ihn auch nicht genommen!«
»So ist es auch nicht immer. Aber dadurch, dass dein Vater niemals die Anerkennung bekommen hat, nach der er sich gesehnt hat, kann er selbst diese Anerkennung auch nicht an andere geben. Ich möchte dir damit sagen, dass dein Vater dir nicht die Anerkennung geben kann, die du willst. Er kann es nicht, weil er die Anerkennung selbst nie bekommen hat. Wie soll er dir etwas geben, was er nicht kennt?«

»Das macht Sinn, ja.«

»Und statt Anerkennung gibt er dir eben dieses Gefühl weiter, dass du selbst nicht gut genug bist, denn er begegnet dir automatisch mit der gleichen Kühle, die er von seinem Vater erfahren hat. Und dann trittst du irgendwann in seine Fußstapfen und spürst, dass du irgendwie nicht gut genug bist. Und da er dir nicht sagen kann, dass es nicht so ist, hat er dir seinen Rucksack weitergereicht!«

»Funktioniert das wirklich so?«, fragte Nick, obwohl er die Antwort selbst schon kannte. »Das Problem ist, dass auch du es deinen Kindern weitergeben würdest.«
»Kinder? Ich werde garantiert keine Kinder haben. Ich will nicht, dass wegen mir ein Kind leiden muss!« Demonstrativ verschränkte Nick die Arme vor der Brust.

Jack kicherte. »Du wirst Kinder haben, wunderbare Kinder. Doch du solltest wissen, dass du den Rucksack vorher abgelegt hast. Du wirst deinen Kindern diese Last nicht weitergeben!« »Werde ich nicht?« fragte Nick hoffnungsvoll.
»Nein, denn du und ich, wir sitzen heute, an diesem wunderschönen Tag, hier, und dir wird bewusst, dass dein Vater dir diese Anerkennung nicht geben kann, weil er sie selbst nie bekommen hat.«
»Und damit löst sich der Rucksack auf, oder was?«

»Hm, nein, nicht ganz«, lachte Jack. »Aber für einen großen Teil, ja. Dir bewusst zu sein, wieso du diesen Wunsch hast und wieso dein Vater ihn dir nicht erfüllen kann, lässt die Last schon viel leichter werden!«

»Und wie werde ich den Rucksack los?«

»Indem du, Nick, anders handelst. Deine Erkenntnisse und Gedanken sind kaum etwas wert, wenn du dennoch so handelst wie deine Vorgänger.«
»Aha. Also habe ich den Rucksack doch noch, wenn ich Kinder habe. Ich meine, wenn ich wirklich welche haben sollte.«
»Nein, du legst den Rucksack vorher ab. Ich meine nicht, dass du erst bei deinen Kindern anders handelst. Tue es vorher. Tue es jetzt, tue es später, tue es morgen!«

»Das verstehe ich wieder nicht. Ich soll anderen das Gefühl geben, dass sie gut sind?«
»Das wäre natürlich lobenswert, aber das muss es gar nicht sein. Es reicht, wenn du in deinem Inneren die anderen Menschen anerkennst und ehrst.«
»Ich ehre dich, Jack!«, sagte Nick schnell, mit ein bisschen Witz und dennoch ernst.
»Das war für den Anfang nicht schlecht, aber zu einfach!«
»Also?«

»Nimm deinen Vater oder auch deine Mutter. Wenn du sie siehst, wenn sie im Stress sind oder sogar gerade mit dir streiten, dann schau sie dir genau an, und ehre sie in deinem Inneren. Sieh das Gute in ihnen, auch wenn es in diesem Moment nichts sichtbar Gutes geben sollte.« »Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.«
»Das ist gut, denn das wirst du in deinem Leben noch öfter brauchen.

Du brauchst Anerkennung? Dann gib Anerkennung.

Achte darauf, dass sie in dir ist, denn dann unterbrichst du den Kreislauf.«
Nick schwieg ein paar Sekunden lang und stand dann auf. Das lange Gespräch mit Jack und die Sonne forderten ihren Tribut.
»Ich gehe mir schnell etwas zu trinken holen. Möchtest du auch etwas?«
Jack schüttelte den Kopf.
»Ich komme gleich wieder.«

ick ging über den Rasen auf den Sandweg zurück, um sich an einem Stand eine Limonade zu kaufen. Dabei ließ er Jack nicht aus den Augen. Dieser saß gemütlich am Baum und bewegte sich nicht. Eilig ging Nick mit der Flasche wieder zurück zu Jack. Er wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass ihm langweilig wäre oder er kein Interesse an einer Unterhaltung hätte. Er hatte einfach Durst bekommen und vielleicht auch den Drang, sich ein wenig zu bewegen. Jack öffnete seine Augen und signalisierte Nick, dass er ihn gesehen hatte.

»Du hast meinen Vater richtig erkannt, aber kannst du das auch bei meiner Mutter tun? Was hat sie denn für ein Muster?«
»Nun, deine Großeltern mütterlicherseits haben sich getrennt, als deine Mutter noch ein Kind war, richtig?«
Beinahe hätte Nick sich verschluckt. In letzter Sekunde prustete er die Limonade aus seinem Mund.
»Verzeihung, ich habe nicht gesehen, dass du beim Trinken warst«, sagte Jack und zwinkerte.

Nick wurde für einen Moment kalt, und er bekam eine Gänsehaut.

Vor wenigen Tagen noch hätte er gedacht, dass diese Aussage ein Indiz dafür sei, dass Jack ihn ausspionierte. Doch mittlerweile wusste Nick, dass Jack irgendeine Art Mensch war, der mehr wahrnehmen konnte als andere.
»Ich frage dich jetzt wieder nicht, woher du das weißt«, sagte Nick etwas ertappt.

»Woher ich meine Informationen habe, ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, was du mit den Informationen machst, die ich dir gebe.«
Nick schloss seine Flasche und stellte sie neben sich auf den Boden. Sie fiel aufgrund der Unebenheit wieder um, und so war Nick eine Zeit lang mit der Flasche beschäftigt, während Jack weiter sprach.

»Deine Mutter hat das starke Bedürfnis, Harmonie um sich zu haben, was ihr natürlich nicht ganz gelingen kann. Das Bild, das andere von ihrer Familie haben, ist für sie sehr wichtig. Deswegen leidet sie auch sehr unter den Problemen in eurer Familie.«
»Ja, das stimmt! Du bist unglaublich! Aber mit einem hast du unrecht!«
Jack blickte Nick fragend an.

»Ich habe dieses Muster nicht von meiner Mutter übernommen.

Ich sorge schließlich nicht dafür, dass es Harmonie gibt.« Was er ausgesprochen hatte, betrübte ihn etwas. Für einen Moment dachte er daran, dass es besser für ihn und seine Familie wäre, wenn er, eben wie seine Mutter, alles dafür täte, die Harmonie zu halten.
»Nick, ich weiß nicht, wie tief ich dich in deine Familienstrukturen einblicken lassen soll, und es ist auch nicht sehr einfach, dies alles zu verstehen. Doch es ist sehr wichtig, dass du sie verstehst, und deswegen höre jetzt aufmerksam zu!«
»Okay! Ich höre dir zu!«

»Du hast das Bedürfnis, dass alles um dich harmonisch ist, und wenn du dich ehrlich beobachtest, wirst du es auch bemerken. Du sehnst dich genauso nach der Harmonie, wie deine Mutter es tut. Doch in dir weißt du genau, dass du die Harmonie nicht halten kannst.«

Jack wartete einen Moment und dachte nach, wie er Nick all dies begreiflich machen könnte. »Deine Mutter hat nur ein Problem mit dieser Disharmonie, weil sie die Harmonie in sich selbst noch nicht entdeckt hat.
Und die Harmonie in sich selbst kennt sie nicht, weil sie sie in ihrer eigenen Kindheit nie erlebt hat.

Du, Nick, möchtest ihren Rucksack zwar für sie tragen, unbewusst möchtest du, dass du ihr diese Last abnehmen und ihr dabei helfen kannst, euer Zusammenleben harmonisch zu gestalten. Aber du spürst auch gleichzeitig, dass dies eine Sackgasse ist. Du kannst nicht für Harmonie sorgen, weil sie in deiner Mutter entstehen muss.«

»Heißt das, wir haben nur diese Probleme in unserer Familie, weil meine Mutter mit sich selbst nicht in Harmonie ist? Das ist mir zu viel!«
»So ist es auch nicht. Da spielen wesentlich mehr Faktoren eine Rolle. Aber deine Mutter leidet nur so besonders stark unter dieser Disharmonie, weil sie in sich keine Harmonie trägt. Das ist richtig.«
Nick rieb sich mit der Hand die Stirn.

»Das alles ist für mich schwer zu verstehen.

Ich meine, bis vor drei Tagen wusste ich nicht einmal, dass meine Probleme etwas mit den Problemen anderer zu tun haben.«
Jack berührte Nick an der Schulter.

»Ich weiß, Nick, aber du lernst sehr schnell. Du bist ein cleverer Kerl und hast dein Herz am rechten Fleck. Eines Tages wirst du wirklich alles verstanden haben. Bis dahin ist es nur wichtig, dass du einen Einblick bekommen hast.«
Nick nahm noch einmal einen kleinen Schluck und legte die Flasche auf den Boden.

»In was soll ich einen Einblick bekommen?«
»In die Welt der anderen! Jeder Mensch wird von seinen Wünschen, Gedanken und Gefühlen getrieben. Deine Aufgabe ist es, hinter die Fassade eines Menschen zu blicken, die Maske abzunehmen und durch die Augen in seine Seele zu blicken. Dein Inneres will nicht urteilen.«

»Wieso? Wer entscheidet das?«
»Nun, auch wenn dir das etwas komisch vorkommen wird, es war auch deine Entscheidung. Diese Begegnung ist richtig und wichtig, und du wirst bald verstehen, wieso. Reicht dir das?«
Nick zuckte mit den Schultern, denn er wusste, dass er sowieso nicht viel mehr aus Jack herausbekommen würde. Außerdem wollte er Jack vertrauen, denn er wusste, dass er das konnte.

»Sieh, was du in den letzten Tagen gelernt hast. Du hast gelernt, dass deine Gedanken deine Realität verändern. Du hattest gedacht, deine Mutter würde dich nicht mehr lieben, und deine ganze Welt war darauf ausgerichtet. Doch jetzt weißt du, dass dies ein Irrglaube war, oder?«
Nick nickte und dachte an die Begegnung mit Jack am Vortag.

»Und du hattest die letzten zwei Jahre Schwierigkeiten mit deinem Vater und hast jetzt einen Einblick in die Ursachen erhalten.

Du hast dich dafür geöffnet, dass dein Vater dir die Anerkennung, die du dir so sehr wünschst, nicht geben kann, weil er sie selbst nicht erfahren hat.«
Nick wirkte nachdenklich, doch er nickte schließlich.
»Glaube mir, schon durch diese Erkenntnis hat sich dein Verhältnis zu deinem Vater geändert, allein aus dem Grund, dass du ihn jetzt mit anderen Augen sehen kannst. Du wirst das vielleicht beobachten können, wenn deine Großeltern am Wochenende kommen. Beobachte deinen Vater, spüre in ihn hinein!«

»Das werde ich tun, Jack.«
»Bedenke immer, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt und in seinen eigenen Illusionen lebt. Um in Frieden mit anderen leben zu können, brauchst du Verständnis. Und das hast du jetzt, oder?«
»Ich hoffe es, ja.«

»Das ist gut, Nick. Doch genug für heute, genug von meinen Predigten«, lachte Jack. »Was war denn das, was du mir noch erzählen wolltest?« »Ach«, Nick kratzte sich verlegen am Bein, »ich habe die Scheibe des Blumenladens kaputt gemacht.« »Ach, deswegen klebte dort weißes Papier«, lächelte Jack.
»Hm«, brummte Nick.

»Die Scheibe wurde gestern ausgetauscht. Alles halb so wild! Wie hat denn dein Vater darauf reagiert?«
Nick machte ein gequältes Gesicht, und Jack winkte ab.
»In Ordnung, lass uns nicht darüber reden!«
»Das Ding ist, dass ich jetzt eine Strafarbeit machen muss.«
»Eine Strafarbeit?«
»Ja, der Richter meinte, ich sollte Sozialstunden machen.«

Jack runzelte verwundert die Stirn.

»Du wurdest angezeigt und warst deswegen vor Gericht?« Nick fuchtelte mit den Armen. »Nein. Lass mich es dir erklären. Der beste Freund meines Vaters ist Polizist und hat mit dem Richter gesprochen, damit ich eben nicht vor Gericht muss. Bob, so heißt er, hat das irgendwie alles abgekürzt. Ich habe gleich meine Strafe erhalten.«
Jack nickte, um Nick zu zeigen, dass er verstanden hatte. Dann lächelte er plötzlich ganz selig.
»Und was musst du machen?«

»Wieso grinst du denn schon wieder?«, warf Nick schnell ein, bevor er weiterredete. I Jack antwortete nicht darauf und versuchte, sich das Lächeln zu verkneifen.
»Du nimmst mich nicht ernst!«, beschwerte sich Nick.
»Doch, doch, mein Freund. Rede weiter!«

»Also, ich sollte entweder dabei helfen, die Stadt sauber zu halten, oder in einer Klinik für Essgestörte mitarbeiten. Du weißt schon, da oben ist doch so eine Klinik.«

Nick zeigte auf einen kleinen Berg etwas außerhalb der Stadt, dennoch mit dem Auge sichtbar.

»Oh ja, die kenne ich. Und wofür hast du dich entschieden? «
»Erst dachte ich, dass ich beim Kehren helfen könnte. Wer weiß, vielleicht hätte ich ja die Aufgabe bekommen, den Park sauber zu halten.« Nick grinste.

»Aber dann war mir das nicht sicher genug, und außerdem hast du einmal gesagt, wenn es einem nicht gut ginge, solle man einfach anderen helfen. Dann würde es einem selbst bald besser gehen!«
Jack konnte sich zwar nicht daran erinnern, so etwas schon einmal gesagt zu haben, doch er beließ es dabei und nickte.

»Das heißt, du wirst in der Klinik arbeiten?«
Nick bejahte und nahm noch einmal einen Schluck aus seiner Limoflasche.
»Nick, ich halte das für eine gute Idee!«
Nick schüttelte den Kopf.

»Ich hoffe, dass es nicht die falsche Entscheidung war.

Ich bin mir immer noch nicht sicher.«
Jack blickte einen Moment lang in den Himmel. Er war so wunderschön wolkenfrei, und langsam färbte er sich in einem orange-rosa Ton. Jack und Nick waren schon seit einigen Stunden im Park. Die Zeit schien nur so zu verfliegen, wenn sie zusammen waren.

»Ach, Nick. Es gibt nur eine falsche Entscheidung im Leben, und das ist, wenn man sich nicht entscheidet. Du wirst schon sehen, dass wunderbare Dinge geschehen werden, wenn du dort oben mithilfst.«
Nick hoffte, dass Jack recht hatte, und dennoch hatte er dieses mulmige Gefühl. Sich vorzustellen, dass er dort in der Klinik Essen kochen und verteilen würde, machte ihm nicht wirklich Freude.

»Du weißt doch gar nicht, ob es wirklich so schlimm ist«, sagte Jack unerwartet, als ob er Nicks Gedanken gelesen hätte.
»Du hast recht. Wer weiß, vielleicht komme ich da heraus und bin der glücklichste Mensch des Lebens!«, erwiderte Nick etwas höhnisch.
Jack zwinkerte ihm zu.
»Vielleicht ist da sogar etwas Wahres dran!«
Jack stand auf, wie Nick es erwartet hatte.

»Jack, wieso gehst du eigentlich immer, wenn die Sonne untergeht?

Bist du ein Werwolf?« Jack strahlte, so sehr freute er sich über Nicks lustigen Kommentar. Vor wenigen Tagen hatte es noch den Anschein erweckt, als ob Nick ihm nie vertrauen würde. Er war eher abweisend, wortkarg und frustriert gewesen. Jetzt schaute Jack Nick an und sah einen aufgeweckten jungen Mann, der ihm vertraute. Und diese Entwicklung würde an diesem Tag nicht enden.

»Ich muss dich enttäuschen. Ich weiß, dass es für dich richtig cool wäre, wenn du deinen Freunden erzählen könntest, du hättest einen Werwolf als Freund, aber leider hat dies andere Gründe.«
Nick dachte kurz nach, ob Jack wirklich ein Freund war. Ja, dieses Wort war das richtige. Anders konnte man diese Beziehung nicht bezeichnen.
»Verrätst du mir dann den Grund?«
Jack schüttelte sanft den Kopf.
»Nein, aber bald wirst du es wissen.«

»Okay«, entgegnete Nick und schulterte seinen Rucksack. »Wieder einmal muss ich geduldig sein.«
»Geduld ist eine Tugend, mein Lieber. Alles kommt zu seiner Zeit, und wenn man dies erkannt hat, dann lässt es sich leichter leben.«
»Ich bin geduldig und warte! Sehen wir uns morgen wieder? «, fragte Nick.

»Ich muss leider woanders hin, aber am Sonntag können wir uns wiedersehen.«

Nick war etwas nervös. Für ein paar Sekunden sagte er nichts und trat dann zwei Schritte nach vorne, um Jack zaghaft zu umarmen. Dieser lächelte und legte ebenfalls seine Arme um Nick. Sanft drückte er ihn an sich. Dann löste er sich wieder aus der Umarmung und legte seine Hand auf Nicks Schulter.

»Ich danke Gott, dass wir uns hier begegnen durften. Glaube mir, Nick, bald schon wirst du klarer im Geist und offener im Herzen durch das Leben wandeln! Noch weitaus mehr als jetzt schon.«

Nick trat schnell einen Schritt zurück und nickte. In ihm war doch noch ein kleiner Teil, dem das gerade peinlich war. »Also, wir sehen uns«, sagte er und hob die Hand zum Abschied. »Ja«, antwortete Jack lächelnd und schaute Nick hinterher.

Weiter geht es am Sonntag den 05. Mai 2019


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28.04.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
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