In deiner Welt – letztes Kapitel

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Kapitel-16-georg-huber-in-deiner-welt-romanIn deiner Welt – 
Letztes Kapitel des spirituellen Romans

von Georg Huber
Kapitel 1 bis 15 findest Du >>> HIER 

Als Nick am nächsten Tag den Berg hinaufradelte und die Klinik erblickte, wurde ihm bewusst, dass dies der vorletzte Tag war, den er dort verbringen würde.
Doch er nahm sich vor, Dr. Morton, Beth und die anderen auch nach seiner Zeit regelmäßig zu besuchen.

Es waren wichtige und lehrreiche Tage für ihn gewesen.

Sicherlich würde Emily bald entlassen werden. Jetzt, wo sie wieder angefangen hatte zu essen, gäbe es keinen Grund mehr, dass sie noch lange dort bleiben würde. Sie würde vielleicht einmal wöchentlich zu Gesprächen in die Klinik kommen, doch ein stationärer Aufenthalt wäre nicht mehr notwendig.

Vielleicht würde er Emily jede Woche zu ihrem Termin begleiten, solange sie es wollte. Dann hätte er genug Zeit, um mit Beth Quatsch zu machen und ihr in der Küche zu helfen, ehrenamtlich und nicht als Strafarbeit. Diese Klinik und diese Menschen loslassen konnte er einfach nicht. Er hatte sie alle schon zu sehr in sein Herz geschlossen.

Gerade als sich die Glastür der Klinik öffnete und Nick ins Innere trat, kam ihm Emily schon entgegen.

»Hey!«, rief Nick erstaunt. Emily sah fabelhaft aus, und ihre Trauer schien wie weggeblasen. Sicherlich hatte sie das, was geschehen war, nicht in einem Tag verarbeiten können, doch ein großer Teil ihres Schmerzes war von ihr gegangen, das war für jedermann sichtbar. Ihre Freude war wieder zurückgekehrt.

»Ich habe auf dich gewartet, ich muss dir unbedingt etwas erzählen«, sagte Emily und bat Nick, mit ihr in den Speisesaal zu gehen. Nick legte seine Sachen gar nicht erst ab, sondern ging sofort mit Emily und setzte sich mit ihr an einen Tisch.»Wie war das Abendessen gestern?«, fragte er erst, denn diese Frage brannte ihm schon den ganzen Morgen auf der Zunge.

Emily lächelte.»Es hat gut geklappt! Es fühlt sich halt noch etwas komisch an. Das ist alles.«
»Das freut mich. Dann erzähl mir, was du mir unbedingt erzählen musst«, grinste Nick gespannt. »Ich habe gestern mit meiner Mutter telefoniert, und ich habe ihr von dir erzählt!«
»Oh je!«, antwortete Nick mit tiefer Stimme.
»Nein«, winkte Emily ab, »nein, sie hat sich sehr gefreut und will dich unbedingt kennenlernen!«
»Puh«, seufzte Nick. »Also, wenn sie das wirklich will, dann denke ich, lässt sich das in Zukunft einrichten.«

So wohl war Nick bei dem Gedanken natürlich nicht, und er hoffte,

dass er bis zu dieser Begegnung noch ein bisschen Zeit hätte.
»Nicht in Zukunft, Nick, heute Abend!«, erwiderte Emily ganz hibbelig.
»Ist heute Besuchstag?«
Emily schüttelte den Kopf und presste dabei ihre Lippen ganz fest aufeinander.
»Was ist denn?«, fragte Nick, der sah, wie Emily sich das Lachen verkniff.
»Ich gehe später nach Hause!«
»Was?«, rief Nick erstaunt und fasste ihre Hände.»Wirklich?«
»Ja«, antwortete Emily und wischte sich eine Freudenträne aus dem Gesicht.
»Hast du … also, ich meine … hat Dr. Morton dich …«, stammelte Nick.
»Nein, er wollte mich noch ein paar Tage zur Beobachtung hierbehalten, aber meine Mutter hat ihn überredet, dass ich nach Hause gehen darf.«
»Wie hat sie das denn geschafft?«
»So schwer war das scheinbar nicht. Dr. Morton und ich haben gestern Abend lange geredet, Dr. Fisher war auch dabei. Und sie glauben mir, dass ich wieder normal essen werde. Er hat verstanden, dass ich jetzt meine Mutter brauche und sie mich. Dr. Morton lässt mich also gehen. Die einzige Bedingung ist, dass wir eine ambulante Therapie über drei Monaten machen, um, na ja …«Emily schluckte kurz, doch dann lächelte sie wieder, »um das Geschehene aufzuarbeiten. Aber ich darf gehen, das ist die Hauptsache!«

»Das ist … das ist fantastisch!«Nick umarmte Emily voller Freude.

»Oh, Emily, ich freu mich für dich!«
»Du musst deinen letzten Tag morgen also ohne mich verbringen«, grinste sie frech.
»Ach«, entgegnete Nick nüchtern, während er sich wieder auf den Stuhl zurücksetzte, »das schaffe ich schon. Da ist ja noch Beth.«

Er rieb sich verwundert die Augen, und einen Moment lang dachte er daran, sich in den Arm zu zwicken. Er hätte nie im Traum daran gedacht, dass Emily noch während seiner Strafarbeit wieder mit dem Essen beginnen würde. Und er hätte es auch nicht für möglich gehalten, dass sie sich ihm so schnell öffnen konnte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie vor nur wenigen Tagen auf dem Rasen gesessen und fast die ganze Zeit ihren Kopf nicht erhoben hatte.

Sie hatte nichts sehen, nichts hören und nichts essen wollen.

Und jetzt durfte sie sogar wieder nach Hause gehen, wenn auch mit etwas Überredungskunst.
»Wann holt deine Mutter dich denn ab?«, fragte Nick weiter.»
»Um fünf! Ich hoffe nicht, dass das unverschämt ist, aber meinst du, du könntest so lange bleiben? Ich würde mich so freuen, wenn meine Mutter dich kennenlernen könnte. «
Nick nickte zustimmend »Klar, ich will doch nicht gleich beim ersten Treffen mit deiner Mutter einen schlechten Eindruck machen.«
Emily schlug Nick sanft auf den Kopf. »Du Witzbold! Das könntest du niemals!«Dann schaute sie ihn strahlend an.
Nick stand auf.»Ich muss jetzt Beth helfen. Wir sehen uns später, richtig?«
»Richtig!«, antwortete Emily forsch und stand auf.  

Nick ging in die Küche, doch statt Beth zu helfen, die noch gar nicht dort war,

packte er ein paar Sachen in einen Korb und stellte ihn neben sich. Dann endlich kam Beth und zeigte Nick, was sie für die beiden zum Essen vorbereitet hatte. Nach ihrem Feierabend war sie am Tag zuvor noch zwei Stunden in der Küche geblieben und hatte einen italienischen Nudelsalat gezaubert. Als Nachtisch gab es Himbeercreme, und zum Trinken hatte sie einen sommerlichen Wassermelonen-Zitronen-Saft gemacht.

Als Nick das Essen im Kühlschrank sah, umarmte er Beth herzlich und sagte: »Danke, Beth! Danke!«
»Oh nein, mein Lieber! Ich danke dir! Es war so wunderbar mit dir hier. Du warst mit Abstand die beste Unterstützung, die ich je hatte.«
»Ja«, sagte Nick, der seine Umarmung löste.»Es ist jammerschade, dass ich morgen den letzten Tag hier bin.
«Beth grinste, als Nick das sagte. »Komm jetzt, ab, hinaus mit dir! Bereite dein Picknick vor! Und deck den Korb ab, nicht, dass die Vögel dir dein Essen stibitzen und ihr später nichts mehr vorfindet.«

Eilig kramte Nick seine Sachen zusammen und schlich durch den Gang hinaus.

In seiner rechten Hand trug er den gefüllten Korb, und unter seinem linken Arm klemmte die orangefarbene Decke, die er in einer Abstellkammer gefunden hatte. Als er an der Wiese ankam, auf der er erst gestern mit Emily gesessen hatte, breitete er die Decke faltenlos aus und stellte das Geschirr darauf. Einige Minuten lang rückte er immer wieder an den Tellern herum und blickte nervös in den Korb.

Es sollte einfach alles perfekt aussehen. Als er dann wirklich zufrieden war und wieder in die Klinik zurückgehen wollte, blieb er stehen und pflückte doch noch ein paar gelbe Blumen, die am Wegesrand wuchsen. Diese verteilte er dann auf der Decke. Anschließend trat er ein paar Schritte zurück, um sich sein Kunstwerk anzusehen. Er stellte sich vor, wie er mit Emily im Sonnenschein auf der Wiese liegen und sie zusammen lachen würden.

Der Gedanke alleine reichte aus, um Nick ein wohliges Gefühl in den Bauch zu zaubern.

Das mussten die berühmten Schmetterlinge im Bauch sein, von denen jeder sprach. Nick ließ das Essen im Korb und ging schließlich wieder zurück zur Klinik. Der größte Teil der Mädchen war wieder in einer Therapiesitzung, von daher war die Gefahr gering, dass sich jemand an dem Korb vergreifen würde.

Glücklich half er Beth noch ein wenig in der Küche. Dann, kurz vor 12 Uhr, sagte er Dr. Morton Bescheid, dass er Emily jetzt für einen Moment entführen würde, und lief die Treppe hinauf zu den Zimmern der Patientinnen.
Nick klopfte an die Tür, und Emily rief von innen: »Ja!« Sie räumte gerade ihre Kleidung aus dem Schrank.

Als sie Nick erblickte, lächelte sie ihn dankbar an.»Es ist so schön, dass ich von hier wieder weg kann. Ich kann es kaum glauben!«, sagte sie und nickte. »Ich habe meine Mum viel zu lange alleine gelassen!«
Sie schien deshalb etwas betrübt zu sein, und Nick ging zu ihr, um ihren Kopf wieder zu heben.

»Schau geradeaus, nicht nach unten! Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.

Du hast die Zeit gebraucht, und sie versteht das ganz gewiss. Wenn sie nur halb so toll ist wie du, wird sie keine Sekunde darauf verschwendet haben, böse auf dich zu sein. Also sei du es ebenfalls nicht!«
»Nick«, rief Emily, etwas errötet. Sie ergriff seine Hand, machte eine eilige Bewegung zu ihm hin und gab ihm schnell einen Kuss auf die Wange.
»Oh, ähm«, sagte Nick verdutzt, »wow! Also … egal … hör mir einfach nicht zu«, lachte er dann schließlich.

Emily kicherte ebenfalls und wandte sich wieder ihrem mittlerweile fast leeren Schrank zu.
»Kann ich dir helfen?«
Emily schüttelte mit dem Kopf. »Nein, ich bin gleich fertig. Was machst du eigentlich hier?« »Es ist fast 12 Uhr!«»Oh, schon wieder Zeit zu essen.«
»Stimmt etwas nicht?«

»Nein, nein, Nick. Ich bin es einfach nicht gewohnt, regelmäßig zu essen.

Die letzte Zeit war es eine Qual für mich, nach unten zu gehen und die anderen dabei zu beobachten, wie sie etwas taten, was ich auch gerne getan hätte. Das war nicht schön.«
»Jetzt ist es vorbei, oder?«
Emily nickte stillschweigend und schloss die Schranktür. Sie öffnete sie dann noch einmal kurz, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich alles ausgeräumt hatte, und dann rief sie Nick zu: »Fertig!«

Sie verließen das Zimmer und gingen den Gang entlang.»Was gibt es denn heute zu essen?«, fragte Emily.»
Für dich oder für die anderen?«
»Was hat denn das wieder zu bedeuteten?«, lächelte sie. »Bekomme ich eine Extrawurst?«
»Viel mehr als das!«, erwiderte Nick laut. Als sie am Speisesaal ankamen, sagte Nick zu Emily: »Warte kurz!«, und ging schnell hinein, um Beth Bescheid zu geben. Diese streckte ihren Daumen nach oben, um Nick Glück zu wünschen. Dann ging Nick wieder hinaus und schloss demonstrativ die Tür hinter sich. »Hier gibt es heute nichts für dich!«Emily wunderte sich.
Sondern?«

»Komm mit!«, sagte er und reichte Emily seine Hand.

Sie ergriff sie und folgte ihm. Zusammen gingen sie in den Park der Klinik. Das Wetter war ausgezeichnet, es war sehr warm, aber nicht so warm, dass sie hätten schwitzen müssen. Durch den Regen vor wenigen Tagen waren alle Farben voller Kraft. Jede Blume und jeder Grashalm erstrahlte in vollem Schein.»Komm!«, sagte Nick und ging mit Emily weiter in den Park hinein, bis sie die Decke auf dem Rasen sehen konnte.

»Ist das wahr? Hast du ein Picknick vorbereitet?«Nick war ganz verlegen und traute sich kaum, sie anzuschauen.
»Ja! Wieso denn nicht?« Emily löste sich von Nicks Hand und ging die letzten Meter schneller.
»Das ist so lieb von dir!«, flüsterte sie mit hoher Stimme und himmelte Nick für ein paar Sekunden an.

Doch sie war sich ebenfalls unsicher, wie weit sie gehen konnte, und setzte sich daher auf die Decke.

»Was gibt es denn?«, fragte sie grinsend und klopfte mit der Hand auf den Boden, um Nick zum Setzen zu bewegen.
»Also«, antwortete er und öffnete den Korb, »wir haben einen italienischen Nudelsalat, ein bisschen Obst, einen leckeren Saft und, hm … einen Nachtisch.«

»Ich nehme den Nachtisch!«, erwiderte Emily sofort, und Nick schüttelte energisch den Kopf.
»Nein, nein, nein! Wir wollen doch auch etwas Vernünftiges essen, oder?«Nick wusste, dass sie nur Spaß gemacht hatte, und häufte jedem eine kleine Portion Nudeln auf die Teller.

Sie waren noch etwas auf Abstand, und jeder aß seinen Nudelsalat, doch die Spannung zwischen ihnen hätte wohl jeder gespürt, der an dem Rasen vorbeigekommen wäre.»Nick, ich hätte dich das vorhin einfach gleich fragen sollen: Hast du vielleicht Lust, nachher mit zu mir nach Hause zu kommen? Dann kann meine Mutter dich ein bisschen besser kennenlernen als nur in den paar Minuten, wenn sie mich abholt.«Emily blickte etwas verlegen auf die Seite.»Also nur, wenn du willst. Und natürlich fahren wir dich dann wieder nach Hause!«

»Ähm, ja, ähm«, antwortete Nick überrascht, »natürlich, gerne. Ich kann euch mit dem Fahrrad hinterherfahren. Wohnst du unten in der Stadt?«
Emily schüttelte den Kopf und lächelte.»Mit dem Fahrrad wäre das ein bisschen weit. Wir wohnen außerhalb der Stadt. Kennst du die Schlucht?«

Nick Augen begannen zu glänzen. »Oh ja, die kenn ich!«

»Das ist nicht weit von uns, und manchmal gehe ich zu Fuß dort hin. Ich liebe diesen Ort!«
»Ich auch!«, rief Nick und überlegte dann für einen Moment, ob es zu plump gewesen war, was er gesagt hatte.
»Vielleicht kriegen wir dein Fahrrad in den Kofferraum«, sprach Emily weiter. »Obwohl ich nicht glaube, dass wir es da hineinbekommen werden.«

Nick schüttelte den Kopf. »Nein, ich lasse mich morgen früh einfach von meiner Mutter hierherbringen. Das ist kein Problem.« Emily grinste. »Das ist wirklich toll. Also, du kommst nachher mit mir?«
»Wenn das dein Wunsch ist, mach ich das!«
»Wirst du mir ab jetzt alle meine Wünsche erfüllen?«, fragte sie spontan und zugleich ganz bewusst.

Nick bekam eine leichte Gänsehaut und rieb sich mit den Händen über die Arme. »Ich weiß ja nicht, welche Wünsche du hast, aber ich denke, ein paar deiner Wünsche könnte ich dir erfüllen!«
Emily war mit den Nudeln fertig und legte den Teller neben sich auf den Boden.»Ist das alles echt?«, fragte sie leise.
Nick hatte gerade seinen Mund voller Nudeln und murmelte nur: »Ich denke schon!«

Emily wirkte wieder traurig, und Nick schluckte schnell die Nudeln hinunter.

Er berührte ihren Arm und rückte ein Stück näher.»Lass die Vergangenheit hinter dir, Emily, und schau nach vorne. Auch mir kommt das alles manchmal fremd vor, doch ich bin glücklich damit. Du darfst auch glücklich sein! Du hast lange genug gelitten!« Emily legte ihre Hand auf Nicks und sagte: »Ja, du hast recht. Ich bin einfach überwältigt vor Freude und gleichzeitig so traurig!«
»Das darfst du auch, denn ich glaube nicht, dass es einfach so schnell verschwinden wird.« Emily nickte und lächelte dann wieder. »

Es ist schön, dass ich wieder essen kann.

Ich meine, das ist das Normalste der Welt, aber in den letzten Wochen fiel es mir wirklich schwer!«
Nick lächelte nur, denn er war ebenfalls froh, dass sie es geschafft hatte. Bei dem Gedanken, dass sie hätte zwangsernährt werden sollen, schmerzte sein Herz.

Er genoss jede Sekunde, die Emily in seiner Nähe war. Er war so dankbar für das, was er in diesem Moment erleben durfte. Noch für eine Weile blieben sie auf dem Rasen und unterhielten sich über die Klinik. Dann erzählte Emily von ihrer Mutter und lachte dabei immer wieder.

Nick hatte etwas Bammel, und ab und zu übertrieb Emily auch absichtlich, um Nick zu ärgern. Sie fand eindeutig Gefallen daran, dass Nick wegen der Begegnung mit ihrer Mutter nervös war. Dass er so aufgeregt war, zeigte ihr deutlich, dass sie ihm wichtig war.Genauso, wie Nick es sich vorgestellt hatte, saßen sie auf der orangefarbenen Decke auf dem von Blumen übersäten Rasen und lachten miteinander. Alle seine Wünsche waren in Erfüllung gegangen, und die einzige Bitte, die er noch hatte, war der, auch in Zukunft jeden Augenblick des Glücks mit Emily teilen zu können.

»Sag mal, wollen wir nicht den Nachtisch essen?«, unterbrach Emily Nicks Gedanken.»Ja, hol ihn her!« Emily stellte die Schüssel und zwei Dessertschälchen auf den Korb und füllte etwas von der Creme in die Schälchen. Für Nick gab es eine Riesenportion, und für sich selbst gab sie etwas weniger hinein.»Lecker!«  Emily aß ein bisschen von der Creme und stellte ihr Schälchen dann beiseite.

Nick beobachtete sie dabei. Emily aß zwar nicht sehr viel,

aber sie hatte offenbar keine Probleme damit, überhaupt zu essen. Beth hatte aber wirklich die leckerste Himbeercreme gemacht, die er jemals gegessen hatte.»Beth ist wahrlich ein Segen für diese Klinik!«, rief er.»

»Das stimmt, ich mag sie auch sehr. Sie ist ein guter Mensch.«
»Ich werde sie wirklich vermissen«, sagte Nick nachdenklich.»Ich auch.
»Aber da ich ja für die nächsten drei Monate noch zweimal in der Woche hier bin, bleibt noch genug Zeit, Beths Kochkünste zu bewundern und mit ihr zu quatschen.«

Zwei Stunden lang saßen sie auf der Decke und redeten miteinander.

Emily erzählte nichts aus ihrer Vergangenheit, doch Nick akzeptierte das. Er wusste, dass sie sich ihm irgendwann ganz öffnen würde. Doch für den Moment war es gut so, wie es war. Die Vergangenheit lag hinter ihr, und wenn sie sich ein Jetzt erschaffen würde, das ihr Kraft und Vertrauen gab, könnte sie immer noch in die Erinnerungen eintauchen, doch mit einem anderen Gefühl und anderen Gedanken. Dann würde sie vielleicht nicht mehr so leiden wie bisher, denn sie hätte etwas, worauf sie sich freuen könnte.

Als Nick und Emily wieder zurück zur Klinik gingen, wurden sie immer wieder vom Personal und von den anderen Mädchen angelächelt. Es war so offensichtlich, dass die beiden sich gern hatten, und alle freuten sich für sie. Emily ging hinauf, um ihre Koffer ganz fertig zu packen, und Nick ging in die Küche, um Beth zu helfen.

Als es schließlich Nachmittag geworden war, ging Nick noch einmal hinauf zu Emily. Es war mittlerweile 16.30 Uhr, und Emilys Mutter würde bald kommen.

Wie aufregend das für ihn war!

Es war nicht direkt Angst, aber er war wirklich sehr nervös, weil er nicht wusste, wie Emilys Mutter auf ihn reagieren würde. Vielleicht würde er ihre Erwartungen nicht erfüllen können, und das beunruhigte ihn. Emily war fertig, als Nick ihr altes Zimmer betrat. Er nahm ihre beiden Koffer, um sie hinunterzutragen. Etwas wehmütig blickte Emily in den Raum, der ihr in den letzten Wochen ein Zuhause geboten hatte.»Gehen wir!«, sagte sie dann und lächelte.

Nick musste all seine Muskeln anspannen, um die Koffer auch wirklich tragen zu können. Doch er bestand darauf, sie ganz alleine hinunterzubringen. Dr. Morton, Dr. Simont, Dr. Fisher, einige Pfleger und Beth standen unten im Foyer und warteten dort auf Emily und Nick, denen es unangenehm war, so empfangen zu werden.

»Emily, wir möchten uns von dir verabschieden!«Dr. Morton reichte ihr einen kleinen Korb mit Präsenten und Erinnerungen an die Klinik. »Du bist wirklich ein besonderes Mädchen. Du hast wahre Größe bewiesen und das Unmögliche möglich gemacht!«»Und wir freuen uns so, dass du wieder glücklich bist!«, fügte Beth noch hinzu und zwinkerte Nick zu, der verlegen seinen Kopf abwandte.

Für ein paar Minuten standen sie alle dort und redeten miteinander.

Emily und Nick befanden sich dabei noch auf der Treppe. Dann verabschiedete sich Dr. Simont und ging wieder an die Arbeit. Auch die Pfleger und die Psychologin verabschiedeten sich bald. Am Ende standen nur noch Beth und Dr. Morton bei ihnen.»Nick«, sagte Dr. Morton und reichte ihm die Hand.
»Was soll das? Ich bin doch morgen wieder da.«
Dr. Morton schüttelte den Kopf: »Ich glaube, du warst lange genug hier. Verbringe den morgigen Tag mit Emily und nicht hier bei uns!«
»Geht das denn?«, fragte Nick und stockte im nächsten Augenblick. Emily wusste ja noch gar nicht, dass er wegen der Strafarbeit hier war.
»Das geht.« Dr. Morton lächelte Nick an und bedankte sich: »Ich danke dir, Nick. Für alles! Du bist wirklich ein toller Junge!«, sagte er dann und verabschiedete sich.»Übrigens«, sagte er noch, bevor er im Durchgang verschwand, »falls du wirklich einmal darüber nachdenkst, Arzt zu werden: Du hast hier eine Stelle!«

Nick kicherte verlegen und bedankte sich. Als Dr. Morton verschwunden war, packte Beth ihren Schützling und drückte ihn an sich. Dicke Tränen kullerten aus ihren Augen.»Oh, Beth!«, sagte Nick und tröstete sie. Beth war einfach wie eine Mutter und hatte Nick ins Herz geschlossen.

»Nein, nein! Es ist eine Schande, dass du hier nicht länger arbeitest!

Es war so schön mit dir!« »Ich werde wiederkommen! Vielleicht sogar öfter als dir lieb ist.«»Das hoffe ich«, flüsterte Beth und winkte, als sie in den Speisesaal ging. Plötzlich hörte Nick ein Geräusch und drehte sich um. Eine Frau mit halblangem braunem Haar stand in der Tür, und sofort lief Emily weinend auf sie zu.

Auch die Frau fing an zu schluchzen und öffnete ihre Arme.»Mein Schatz!«, sagte sie und hielt Emily ganz fest. Einige Augenblicke lang beobachtete Nick gerührt die Szene, dann löste Emily sich von ihrer Mutter, nahm ihre Hand und führte sie zu Nick. Dieser streckte schüchtern eine Hand nach vorne, um sich vorzustellen. Doch bevor er die Hand überhaupt ganz ausgestreckt hatte, hatte Emilys Mutter ihn bereits gepackt und umarmt.»Du bist also Nick, der edle Ritter!«

Einige Sekunden lang hielt sie Nick fest, und dieser war kaum fähig, sich zu bewegen, so überwältigt war er.
»Mum, sag so etwas nicht, er wird ja ganz rot!«»Sorry, du hast recht! Nick, ich danke dir von ganzem Herzen für das, was du für meine Tochter getan hast, und es ist mir eine große Freude, dich kennenzulernen!«

Nick konnte sehen, dass sie wirklich so empfand,

denn ihre Augen wurden feucht, als sie das sagte.»Mir auch!«, erwiderte Nick schüchtern.»Danke!«
Emilys Mutter ging noch für einen Moment in Dr. Mortons Zimmer, um den weiteren Ablauf mit ihm zu besprechen, doch schon nach wenigen Minuten kam sie wieder zurück und nahm Nick und Emily mit. Sie konnte es kaum erwarten, ihre Tochter wieder bei sich zu haben.

Nick ging zu seinem Spind und entnahm zum letzten Mal seinen Rucksack. Dann ging er ins Foyer, gab schweren Herzens den Schlüssel bei Steph ab und verabschiedete sich auch von ihr.

Emily und ihre Mutter hielten sich die ganze Zeit an den Händen.

Als Nick beobachtete, wie Emilys Mutter ihr Kind anlächelte, konnte er für einen Moment spüren, wie schwer die letzten Wochen für sie gewesen waren. Vor der Tür stand ihr Auto, und zusammen mit Nick räumte sie die beiden Koffer in den Kofferraum. Emily und Nick stiegen ein. Emilys Mutter schloss eilig den Kofferraum, setzte sich nach vorne hinters Lenkrad, blickte im Rückspiegel Nick und Emily an und sagte: »Dann mal los nach Hause!«

Sie war so glücklich. Endlich hatte sie ihre Tochter wieder bei sich. Sie fuhren die Straße hinunter in die Stadt, an den prächtigen Gärten und Häusern vorbei. Nick und Emily saßen einfach glücklich auf der Rückbank des Autos und sagten gar nichts. Als sie schon fast in der Stadt waren, nahm Emily Nicks Hand und umschloss sie ganz fest mit ihren Händen. Nick drehte seinen Kopf zur Seite und lächelte Emily an.

Welch ein magischer Augenblick.

Es war das erste Mal, dass sie seine Hand nahm.»Oh Gott«, rief Nick plötzlich. »Jetzt hätte ich beinahe … Entschuldigung, Frau Brown, aber ich muss noch einmal dringend in den Park. Können Sie mich dort rauslassen?«
»Barbara, du kannst mich ruhig Barbara nennen! Und wir warten gerne auf dich, ich habe dich ja noch gar nicht richtig kennengelernt.«
»Okay, das wäre toll«, antwortete er und wandte sich dann wieder Emily zu.»Emily, ich muss kurz in den Park, dort wartet jemand auf mich. Ich sage ihm Bescheid, dass ich morgen zu ihm komme. Wartest du hier auf mich, oder kommst du mit?«
»Ich warte hier.«

Als Emilys Mutter am Park hielt, stieg Nick rasch aus und sagte noch: »Ich bin sofort wieder da!«

»Kein Stress, kein Stress!«, erwiderte Emilys Mutter.»Wir warten auf dich.«

Nick packte schnell seinen Rucksack und rannte in den Park. Das war das erste Mal, dass er Jack vergessen hatte. Er hätte nie gedacht, dass das passieren könnte. So schnell er konnte, rannte er zu den Bänken am Springbrunnen.Erst als er sah, dass Jack nicht dort war, wurde er langsamer.»Mist!«, sagte er noch.

Er hätte ihm so gerne erzählt, dass Emily draußen vor dem Park auf ihn wartete und er sie am nächsten Tag vielleicht einander vorstellen könnte. Das hätte selbst Jack wohl nicht erwartet. Nick wollte schon umkehren, als er plötzlich etwas im Sonnenlicht auf der Bank liegen sah. Verwundert trat er ein paar Schritte nach vorne und ging auf die Bank zu. Es war niemand am Springbrunnen, obwohl das Wetter so wunderbar war an diesem Tag und der Park doch gut gefüllt war.

»Das ist …«, sagte Nick erstaunt und ging näher zur der Bank.

Es war Jacks Mütze, die dort lag, genau auf der Bank, auf der sie sonst immer saßen. Nick lachte kurz und war sich sicher, dass Jack in der Nähe finden würde. Er würde ihn sofort dafür zur Rechenschaft ziehen, dass er einfach die Mütze dort liegen gelassen hatte. Nick blickte sich um, doch wohin er auch schaute, Jack war weit und breit nicht zu sehen.

Er blickte um die Büsche herum und schaute nach, ob Jack sich hinter dem Baum versteckt hatte, doch leider war Jack auch dort nicht zu sehen. Dann ließ er sich auf die Bank fallen und hob die Mütze auf. Unter der Mütze lagen ein zusammengefalteter Brief und ein Taschenmesser.»Was ist denn das?«, fragte Nick sich und faltete den Zettel langsam auseinander.

Zögerlich begann er zu lesen:

Mein lieber Freund Nick,dorthin, wohin ich jetzt gehe, kann ich deine Mütze leider nicht mitnehmen, doch ich danke dir so sehr für die Freude, die du mir mit ihr und mit jeder einzelnen Sekunde unserer gemeinsamen Zeit gemacht hast.

Nick schluckte, und Tränen schossen in seine Augen.
»Nein, Jack!«, flüsterte er leise und wischte seine Tränen ab. Er wusste, dass Jack sich mit diesem Brief verabschieden wollte. Er zitterte, als er weiter las.

Ich kann dir gar nicht beschreiben, welch ein Segen du für mich warst. Meine Dankbarkeit kann ich nicht in Worte fassen. Ich habe ein Geschenk für dich, Nick. Dieses Taschenmesser habe ich einst von meinem Vater geschenkt bekommen. Sicherlich wirst du dich an die Gravur in der Bank erinnern.
Dieses kleine Herz habe ich vor 16 Jahren an einem Wintertag ins Holz geritzt, genau mit diesem Messer, das du jetzt in der Hand hältst. Diese Gravur habe ich gemacht, als meine Tochter zur Welt kam. Denn dies war der wunderbarste Augenblick in meinem Leben. Nick, ich danke dir so sehr von ganzem Herzen, dass du mein Kind wieder glücklich gemacht hast!

»Nein!«, sagte Nick und schüttelte unter Tränen seinen Kopf. »Das kann nicht sein!«

Es geschah als ich Emily von einer Feier abholen wollte. Jugendliche waren auf der Straße, und ich konnte einfach nicht rechtzeitig reagieren. Als ich ihnen auswich und von der Straße abkam, war alles vorbei.
Zu sehen, wie sehr sie unter meinem Tod litt, war der größte Schmerz, den ich in meinem so kurzen Leben erfahren musste.
Und zu sehen, wie sie lachend mit dir auf der Wiese lag, erfüllte mein Herz mit größter Dankbarkeit und Freude.
Sie ist mein Ein und Alles, Nick. Sie ist das größte Geschenk für mich auf Erden. Pass auf sie auf, und gib ihr jeden Tag die Liebe, die sie verdient hat. Sie ist etwas Besonderes, genauso wie du, mein Freund.

Ich danke dir für jeden Augenblick, den wir gemeinsam hatten.
In Liebe,dein Freund Jack.

Nick legte den Brief beiseite und vergrub den Kopf in seinen Armen.

Er konnte kaum atmen, so sehr weinte und zitterte er.
»Das kann doch gar nicht sein«, sagte er immer wieder, und dann hob er seinen Kopf und rief mit aller Kraft in den Himmel: »Jack!« Doch Jack war gegangen, dorthin, wo er schon vor langer Zeit hätte hingehen müssen.

Noch ein paar Minuten lang saß Nick still auf der Bank, kaum fähig, etwas zu denken. Jack war wirklich von ihm gegangen, und Nick musste zugeben, dass er dies die ganze Zeit gewusst hatte. Er hatte es gespürt, doch er hatte es nicht wahrhaben wollen. Schließlich nahm Nick das Messer in die Hand und klappte es auf. Rechts unter das Herz, das Jack einst hinterlassen hatte, ritzte er vorsichtig ein weiteres und fügte in kleinen Buchstaben die Worte »Emily und Nick« hinzu.

Schließlich packte er das Messer und die Mütze in seinen Rucksack und erhob sich von der Bank.
»Danke, Jack!« flüsterte er und lief in Richtung Ausgang, wo seine Emily bereits auf ihn wartete.   
ENDE
© Georg Huber

 

Den Roman
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30.06.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
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