Kunst des Lebens

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Kunst des Lebens

“Abschlüsse im Sein gibt es nicht. Der Weg war Maries Ziel. Dessen war sie sich in den vergangenen Monaten klar geworden. Sie hatte es auch mit ihrem Herzen erfasst, dem Ort, wo Verstand und Gefühl einander begegneten. HerzensVerstand und WeisheitsWissen.”

Leseprobe aus: „Ich sehe dich. Marie über das Leben, die Liebe und den Tod“
von Andrea Riemer

“Was ist schon Abschluss? Was heißt schon Ende? Es gab Etappen. Es gab Zwischenstationen. Marie hatte erfahren, dass es immer weiterging. Sie war durch unterschiedliche Stadien ihres Seins gegangen. Manches Mal hatte sie sich dahingeschleppt und wurde durchgeschüttelt. Es gab Tage, da ging einiges so gar nicht glatt. Es gab Momente, in denen sie haderte, zweifelte, zornig fragte und wütend auf alles und jeden war. Gelegentlich war sie enttäuscht – ein Ausdruck, dass sie zu viel erwartete und das Ego sich wieder einmal wichtigmachte.

Als sie Akzeptanz lernte, war sie einen Riesenschritt vorangekommen.

Nicht gutheißen. Nicht schönschreiben. Schon gar nicht schönreden. Einfach ein schlichtes Ja zu dem, was war und was ist.

Gleichzeitig wusste sie sich von einer unsichtbaren Hand getragen und geführt. Sie fühlte ihren göttlichen Funken klar und deutlich in sich. Den hat übrigens jeder in sich. Sie fühlte die starke Verbindung mit der Quelle, dem Ort allen Seins. Manche nennen ihn Gott, Universum, Schöpfer. Doch das sind alles menschliche Begriffe für etwas, das sich jeder Verbalität entzieht – und doch immer vorhanden ist.

Sie wusste mittlerweile auch, wie diese unkaputtbare Verbindung funktionierte. Dazu musste sie gar nicht viel tun. Warum sollte sie die göttliche Führung dauernd hinterfragen? Wichtig war, dass sie auf ihrem Weg zügig und achtsam einen Schritt vor den anderen setzen konnte. Rhythmus und Takt brauchten Zeit, bis sie sich einpendelten und bis Marie sich auf sie einstellte. Irgendwann war sie auf ihrem persönlichen Travelator unterwegs.

Sie hatte bislang alles gemeistert.

In der ihr eigenen Art. Sie war frei von Hass, Neid und Wut. Egal was es war. Sie blickte und blickt auf sich als Siegern. Allen Angriffen hatte Marie Stand gehalten und war daran gewachsen. Die sie führende Frage war: Wie kann ich morgen noch besser als heute sein?

Ihr Fundament war mittlerweile stabil geworden. Hätte man Marie das vor einigen Monaten gesagt, so hätte sie abgewehrt. „Nur nicht stabil, das ist starr, unbiegsam, und ich will raus, will Freiheit haben,“ das wäre vermutlich Maries Antwort gewesen, wahrscheinlich auch in einem ziemlichen deutlichen Tonfall, um keinen Zweifel offen zu lassen.

Heute war dies gänzlich anders. Ihr war klar, dass sie gerade aus der Stetigkeit ihre Freude und Freiheit gewann. Dieser scheinbare Widerspruch war für sie vollständig aufgelöst. Sie hatte es in ihrem Leben erfahren und sie wusste, wie wichtig ihr inneres Fundament war.

Wenn Marie ihr Ich nur noch auf ihren innersten Kern im Herzen richtete,

wurden alle anderen Identifizierungen zu Geschichten. Nichts anderes waren sie. Kleine und große Geschichten aus 1001 Nacht, die sie sich seit Urzeiten erzählte. Mittlerweile erkannte sie die Talkshow in sich innert weniger Minuten.

Vergangenes. Verlorengegangenes. Erwünschtes. Doch nicht Bekommenes. Herzensmenschen, die sich als totaler Fehlgriff entpuppten. Doch darüber musste sie sich nichts mehr erzählen. Sie hatte ihre Lektionen gelernt und war fit, offen und bereit für das, was kommen mag. Das Hin- und Herpendeln und Springen zwischen dem, was man als Vergangenheit und als Zukunft bezeichnete, war ihr unnütz geworden. Ihr persönlicher Travelator, das war ihre Richtung.

Ihr war auch bewusst geworden, dass der Stoff der alten Geschichten nicht die Grundlage für neue Geschichten sein konnte. Es wären reine Wiederholungen von etwas, das für sie auserzählt war. Die Zukunft begann für sie immer JETZT. Ihre Welt war bereit für Neues. Für komplett Neues, bislang für sie Unbekanntes.

Marie hatte dafür ihre Arme weit geöffnet.

Und siehe da, sie hatte erhalten. Und Marie konnte geschehen lassen, im tiefen Wissen und der ihr eigenen Weisheit, dass ihr das, was ihr bestimmt war, zum richtigen Zeitpunkt zufallen würde. Sie hatte Gedanken, Gefühle und Taten, also Innen und Außen immer mehr in Übereinstimmung gebracht. War dies einfach? Nein, keineswegs. Doch irgendwie ging es trotzdem leicht. Sie war wie eine Gärtnerin. In ihrem Garten gab es immer etwas zu tun, zu säen, zu pflegen, zu jäten, zu ernten, zu genießen, zu bestellen. Das war für sie gelebte Selbstreflektion, von der so viel geschrieben wurde. Marie lebte sie. Jeden Tag aufs Neue.

Wenn sie doch da und dort kurz, schlaglichtartig zurückblicke, dann mit den Augen einer Siegerin. Sie hat das Herz einer spirituellen Kriegerin. Sie ist die Kriegerkönigin. Marie hatte eine unglaubliche innere Stärke entwickelt, die getragen und gespeist von ihrer Verbindung in sich selbst und mit dem, das sie als Quelle bezeichnete. Diese Verbindung war und ist unkaputtbar.

Marie war sehr achtsam geworden.

Sie war zur Beobachterin geworden. Sie war leise geworden – und gleichzeitig präsent. Wie oft hatte sie durch hektisches Tun und äußere Betriebsamkeit Lieferungen und Geschenke gar nicht wahrgenommen?! Was war ihr alles entgangen? Nun – jetzt war es anders. Ruhe und Stille – Präsenz, wahre Präsenz erfüllte ihr Leben. Marie fühlte sich getragen und in ihrer Existenz absolut sicher. Daher musste sie sich in der Außenwelt nicht mehr unnötig wichtigmachen. Das empfand sie mittlerweile als anstrengend und auch lächerlich. Reine Zeitverschwendung. Fokus halten. Ihre hohe Frequenz halten. Damit war Marie beschäftigt genug.

Marie fand auch immer mehr Zeit, sich mit jener Frage auseinanderzusetzen, die sie seit ihrem letzten Krankenhausaufenthalt beschäftigte und nie losließ: „Wie sieht mein geglücktes Leben aus?“ Nein, nicht herumphilosophieren und Angelesenes wiederkauen. Keine schlauen Seminarinhalte unkritisch wiedergeben. Keine flapsigen Sätze über Bonusrunden und Sondergeschenke – sondern vielmehr das Leben in seiner gesamten Vielfalt und Vielschichtigkeit, in Licht und Schatten wahrnehmen und beobachten, was im Inneren geschieht und wie es sich in der Außenwelt zeigt.

Marie war froh und dankbar, am Leben zu sein und ihr Sein zu leben.

Sie lebte mehr denn je bewusst, sah in allem ein Wunder und eine kleine und große Offenbarung. Marie wusste um die Gnade, die ihr widerfahren war. Sie wusste auch, wie sie mit dieser Gnade jetzt umgehen musste. Sie konnte sie nicht aufsparen. Dann wäre sie verloren.

Also – wie sieht Maries geglücktes Leben aus? Gibt es auf diese Frage eine Antwort? Musste es darauf eine Antwort geben? Gibt es mehrere Antworten auf diese Frage, die vielleicht die Frage aller Fragen ist?

Die Antwort veränderte sich immer wieder für Marie. Es zeigte sich ein Kaleidoskop, eine Farbsymphonie, die ihr Antworten anbot, jedoch war nichts Verbindliches dabei. Zuerst war Marie enttäuscht, denn sie erwartete – wieder einmal – Sicherheit. Doch dann wurde ihr mehr und mehr gewahr, dass Sicherheit eine Fiktion aus der Außenwelt war, die mehr Unsicherheit erzeugte als sie Sicherheit bot. Ja – das Streben nach Gewissheit, und Sicherheit war die größte Fessel, die sie sich anlegen konnte.

Die Antwort kam auch immer dann, wenn Marie nicht bewusst danach fragte, wenn sie einfach nur dasaß und atmete, wenn kein Mobiltelefon eingeschaltet war und sie das Internet einfach Internet sein ließ. So sehr sie die neuen Medien mochte, lenkten sie doch von ihr selbst ab. Sie führten sie vom Leben weg, wenn sie nicht aufpasste.

So zeigten sich täglich unzählige Glücksmomente.

Innerer Frieden stellte sich mehr und mehr in Marie ein. Ein fabelhafter Zustand – immer wieder diese Nichtsmomente.

In einem dieser Nichtsmomente war Marie klargeworden, wer sie wirklich war, ein unsterbliches Seelenwesen, das Welten verbindet, sich unendlich geliebt fühlt und voll Freude bereit ist, präsent zu sein. Damit war sie in sich immer sicher. Wie konnte es anders sein?! Welche unsinnigen Gedanken und Gefühle werden da seit Jahrtausenden verbreitet, um Menschen unten zu halten, zu gängeln und klein zu halten?!

Nirgendwo war man sicherer als in sich! Nein – dieses Mal war es kein Verstandeswissen, sondern es war purer HerzensVerstand und reines WeisheitsWissen. Was sie also schon seit Monaten wusste und sich mantraartig immer wieder vorgesagt, war nun in ihr angekommen. Das war genau der Platz, wo diese Erkenntnis hingehört. Nur dort hin … Von dort aus konnte sich alles in der Außenwelt zeigen. Und dann traten Innen und Außen in einen harmonischen Tanz.

Marie fand heraus, dass damit ihre Seele alterslos und ewig war.

Die Verbindung zur Quelle war unkaputtbar. Daher hatte sie auch keine Angst mehr vor dem physischen Altern. Es war Teil des Ganzen. Sie konnte es herzlich willkommen heißen und sich an ihren gelernten Lektionen, ihren Erfahrungen und Erkenntnissen freuen. Marie gestaltete ihr Leben. Aktiv, nach vorne blickend, zuversichtlich, im inneren Frieden und mit Freude.

Was so platt klang, war von einer unglaublichen Schönheit und Tiefe. Denn – wenn sie alles in der Außenwelt losließ, so blieb Marie im Kern ihres Wesens bestehen. Das scheint unvorstellbar. Doch nichts und niemand konnte diesen Kern Maries zerstören: Ausgrenzung, Ignoranz, Hasstiraden, Pressekampagnen oder Unfälle konnten diesem inneren Kern nichts anhaben. Und nichts konnte ihr in der Außenwelt die Sicherheit geben, die sie in ihrem Inneren spürte. Sie war und ist die Kriegerkönigin. Dieses Bild umschreibt sie am klarsten.

Marie war erfüllt davon, Menschen zu zeigen, dass die Verbindung zwischen Welten sie zu ihrem inneren Kern führt. Marie war voll Freude präsent und wahrhaftig.

Ob sie auch gerne Vorbild war?

Sie nannte es Präsenz und Wahrhaftigkeit, denn Vorbild hatte für sie immer den Beigeschmack von etwas Besserem. Das fühlte sie so nicht für sich und das wollte sie auch nicht.

Ihr war bewusst geworden, dass das Leben es immer gut mit ihr meinte und immer auf ihrer Seite war und sein wird. So war es leicht für sie, in ihrer eigenen Form und in ihrem Inhalt präsent zu sein. Damit gestaltete sie ihr Leben jeden Tag aufs Neue, bewusst und dankbar für alles, was bislang geschah. Zweifel waren miteingeschlossen, denn diese waren Teil des Ganzen und führte sie in die Bedingungslosigkeit ihres Daseins.

Seit dieser Zeit „ganz weit da draußen“ wusste sie tief im Innern, dass sie geführt wurde. Das bedeutete, dass sie Wesentliches ungesagt lassen musste und nur annehmen konnte.

Und doch setzte sie ihr Sein in Beziehung zu diesem unsagbar Großen. Sie fühlte sich aufgefordert, sich jeden Tag aufs Neue einzulassen und die Begegnung mit sich und ihrem Umfeld mit offenem Herzen und wachem Verstand zuzulassen. Jeder Tag war und ist für Marie die Gelegenheit, noch besser als gestern und vorgestern zu werden. Es geht um die unzähligen Gelegenheit zu wachsen. Damit geht es darum, dem tiefsten Sinn des Lebens zu entsprechen. Dieser besteht in unaufhörlichem Wachstum als Mensch, als Frau und als Seele.

Ihr war bewusst geworden, dass ihre Fragen nie unverbrüchlich und verbindlich beantwortet wurden. Das war nicht der Sinn, das Sein zu durchschauen. Sie durfte es jeden Tag aufs Neue erobern, erfühlen, erkennen – so anstrengend dies an manchen Tagen für sie war, so sehr sie auch ab und an damit haderte.

Marie lebte mehr und mehr im Bewusstsein,

dass es um Erfahrung, um Erleben, um Wachstum, um Ausweitung, um das Leben schlechthin ging. Das lässt bekanntermaßen auch immer wieder einiges unbeantwortet. Sie wurde mehr und mehr die mutige und vertrauensvolle Abenteurerin, die leidenschaftlich Findende, die Unerklärbares auch unerklärt lassen konnte. Nein, sie fühlte sich nicht aufgespannt. Sie befand sich auch nicht mehr in der Spalte zwischen Alt und Neu. Sie hatte das Niemandsland verlassen und ihren Platz im Sein, im Kosmos gefunden. Der Platz war nicht endgültig, denn diese Kategorie gibt es im Sein nicht.

Ihr Weg zur Autorin – gleich, in welcher Spielform und mit vielen Zwischenschritten und Nebengleisen, die alle irgendwie dazugehörten – war geprägt von der Erfahrung, dass ohne das Göttliche gar nichts geht. Dazu stand Marie, so mystisch dies für manchen klingen mag.

Das Göttliche war für sie nichts Personifiziertes, vielmehr war es der vielfältige Ausdruck des Seins. Dieses Sein geglückt zu leben, bedeutete für sie, dass sie ohne Führung durch die Geistige Welt als Ausdruck des Göttlichen führungslos, orientierungslos und blind wäre. Sein ohne die Integration des Göttlichen, ohne das Göttliche zuzulassen, ist vielleicht möglich, jedoch für Marie nicht erfüllend. Diese Erkenntnis kann man bezeichnen, wie man will, nur nicht als beliebig und bequem, denn das Leben war für Marie nie bequem. Jede Zumutung erforderte von ihr Mut – hinzublicken, sich einzulassen, zu scheitern, zu erfahren und weiterzugehen.

Die Führung bedeutete für Marie, dass sie sich nicht mehr allein abstrampeln musste, sondern auch Freude am Leben haben wollte – und die stand ihr zu. Das wusste sie tief in ihrem Inneren. Es darf auch mal leicht gehen … dafür musste sie sich entscheiden, denn ohne klare Entscheidung geht gar nichts.

Für Marie stand das Göttliche selbst über allen Religionen.

So war es ihr gleich-gültig, welcher Richtung Menschen folgen. Jeder ist in seine Lebenswirklichkeit hineingeboren. Sie ist der Startpunkt für den eigenen Weg. Gott hat nichts mit Dogma, mit Ideologie zu tun, sondern war Marie eine Richtschnur für ihr Handeln, die immer wieder von ihr in einem neuen Zusammenhang angelegt werden wollte. Es ist dieser Zusammenhang, der immer wieder anderes vorgibt und anbietet. Dies meint nicht Beliebigkeit, sondern sich selbst und den, der man ist, und das, was man tut, infrage zu stellen – im Sinne eines „erkenne dich selbst“.

Auch wenn Menschen ihre Religion wechselten, das Innere blieb. Die Göttlichkeit war und ist ewig. Die Interpretation in der Außenwelt mochte sich wandeln, der Kern blieb jedoch. Es sind Erkenntnisse des ewigen Lebens, ewig belebt und ewig lebbar. Es sind Erkenntnisse des immerwährenden inneren Wachstums.

Allen Menschen wird das Göttliche zugemutet. Es drückt sich unter anderem im Wort aus. Diese Betrachtung erschien Marie jedoch stark verkürzt. Die Sprache ist eben nicht ausschließlich wortgebunden – vor allem nicht für sie als Frau der Sprache. Für sie war Ausdruck etwas Ganzheitliches, das durch das Andere erst zu dem wurde, das sie beflügelte, das sie erkennen und verstehen ließ und das ihr die Wahl, die Entscheidung und die Gestaltung ermöglichte.

Daher formten für Marie auch Bilder, Klänge und Töne eine Sprache, die über das Wort hinausgeht und einen Ausdruck erlaubt, der dem Wort allein verschlossen bleibt, ja verschlossen bleiben muss. Es geht dabei nicht um ein Entweder-oder, sondern vielmehr um ein Sowohl-als-auch.

„Welche Sprache erwächst aus meinem Sein?“, fragte sich Marie.

Letztlich ist Maries Sprache klar, bestimmt, einfach, konkret, nachvollziehbar. Sie fordert zum Leben auf. Sie fordert auf, das Leben bewusst zu erkennen und zu verstehen. Sie hilft, Entscheidungen zu treffen und zu diesen Entscheidungen auch zu stehen und gestaltend aktiv zu sein. Es ist dabei immer der Zauber des Anfangs, der uns führt. Wer nun – Marie oder die Sprache – oder gar beide? Buchstabieren beide Leben, Schreiberin und Geschriebenes? Ist eine Trennung sinnvoll? „Marie – nicht noch weitere Fragen!“, tönte es von irgendwo. „Lass uns weitergehen.“

Und dann, dann war Marie der Aufbruch möglich, ins Unbekannte – im Stillen geführt. Es war ein Gehen, das keineswegs reibungslos vor sich geht. Es gab in dieser Zeit zahlreiche Aufs und Abs, schlaflose Nächte, sorgenvollen Tage. Solange, bis Marie erkannte, was hinter all diesen Zumutungen steckte.

Was wurde für Marie erkennbar?

Jeder Tag wurde zum Aufbruch im Aufbruch, zum Neubeginn im Neubeginn. Dieser Neubeginn kam immer und ausnahmslos aus ihrem eigenen Inneren. Selbst wenn sie meinte, der Impuls sei von außen gekommen, nein, er war unbewusst im Inneren schon vorhanden.

Berührte einen der Finger Gottes? Marie dachte dabei immer an das bekannte Gemälde von Michelangelo, auf dem zwischen Adam und Gott ein kleiner Spalt gelassen ist. Nichts und niemand steht zwischen dem Göttlichen und dem Menschen, außer sie dachte sich jemanden in diesen Spalt hinein. Ansonsten wurde sie direkt von der Gegenwart des Göttlichen angesprochen.

Vieles passierte dabei einfach und Marie konnte es im Nachhinein gar nicht richtig zeitlich und räumlich festmachen. Marie konnte „es“ nicht machen. Wenn sie es auch nur leise versuchte, dann war sie schon gescheitert. Es geschah, wenn sie es geschehen ließ. Einmal still sein. Einmal Ruhe geben und lauschen … Und die Zumutung manch göttlicher Fügung ist immer vorhanden – bloß fehlen oft der Mut und das Vertrauen, diese Fügung zu erkennen. …

Marie fragte sich, ob man, um zum Göttlichen finden zu können, erst davon weggehen muss.

Die Abwesenheit ermöglicht Erkennen?

Ja – es ist die oftmals kritisierte Polarität im menschlichen Sein, die uns das Erkennen des anderen erst ermöglicht. Das Licht braucht den Schatten. Der Tag braucht die Nacht. Heiß braucht kalt.

Allein diese Beispiele reichten für Marie bereits, um die Botschaft erkennbar zu machen. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Weggehen, um anzukommen. Sich hinterfragen … Sich nur auf eine Seite zu begeben und die andere Seite zu verleugnen, hieß für Marie, sich zu begrenzen, sich etwas schönzureden, schönzudenken, schönzufühlen. Gleichwohl – die andere Seite bleibt, ob wir sie wollen oder nicht. Erfahrungsgemäß baut sich die abgelehnte Seite sogar noch mehr auf und begegnet uns in dem, was wir als Leben wahrnehmen, immer vehementer.

Solange, bis sie „Ja“ zum Leben sagte, ein schlichtes, kraftvolles Ja. Nicht mehr, nicht weniger. Und das war gelegentlich eine brisante Herausforderung. Dabei ist das „Ja“ um zwei Buchstaben kürzer als das „Nein“. Es braucht also nur halb so viel für den Schwung als für die Blockade. … einfach zum Hineinfühlen … was macht das in mir?

Was Marie sagen wollte, war, dass es wesentlich ist, auch alle anderen Seiten zu sehen, und dann zu erkennen, dass alles Ausdruck des Göttlichen ist. Nicht nur die sogenannt schönen, angenehmen Seiten, die Feel-good-Dinge, das Rundum-sorglos-Paket, die Komfortzone, die Federbetten unseres Seins.
Dann ist das Leben keine Zumutung im Sinne einer zornigen Entrüstung, sondern eine schlichte Umschreibung dessen, was auch ist und was nur durch unsere Wertung und Beurteilung, unsere Abtrennung zu dem wird, wie wir es sehen: schlecht, hässlich, abstoßend, verabscheuungswürdig, ein Abgrund seiend … nackt und ganz ohne Rüstung …

Maries Sein war und ist vielfältig. Es stellte sie vor verschiedenste Herausforderungen. Es stellte ihr Fragen, die oft mit einer Infragestellung des bisherigen Selbst verbunden waren und sind. Gerade dies wurde für sie zu einem der wesentlichen Prozesse, um dem nahezukommen, wofür sie hier ist, um zu wachsen, um sich auszuweiten, um zu erkennen, um zu verstehen, und alles wieder zu leben und dann mit dem nächsten Wachstumsschritt weiterzugehen. Dies ist ein nahezu endloser Prozess.

Aus der Zumutung wurde für Marie Mut.

Mut, den nächsten Schritt auf ihrem Weg zu tun, denn mehr war nicht erforderlich, um die Kunst eines geglückten Lebens zu leben. Daraus wuchs sie und sie wächst nach wie vor. Daraus erwuchs ihr Vertrauen, das die Grundlage für ihren Mut war, den nächsten Schritt zu tun.

Die Kunst des Lebens ist und bleibt ein Abenteuer. Dieses Abenteuer ist nie zu Ende. Für Marie ist es nie langweilig, immer voll von Überraschungen, jenseits aller sogenannter Pläne und Ziele. Sein ist daher ein dauerhaftes Wachstum im Fluss. Diesem Fluss gab sich sie jeden Tag aufs Neue anheim. Auch so ein scheinbar altmodisches Wort. Anheimgeben. Doch Marie achtete nicht darauf. Sie war im Fluss des Lebens. Sie war ihr Fluss ihres Lebens. Als Teil der Quelle konnte es nur so und nicht anders sein.

Sie hatte die beiden großen Trennungen, die Trennung von der Quelle, um als Seele Erfahrungen zu machen und zu wachsen und sich auszuweiten, und die Trennung in männlich und weiblich als Gestaltungs- und Schöpfungsgrundlage, überwunden. Das war der eigentliche Segen ihrer Reise.
Dabei wurde ihr bewusst, dass jeder Tag eine Fülle an Gelegenheiten bot, als Mensch, als Frau, als Seele zu wachsen. Sie fühlte sich als Siegerin, als Kriegerkönigin. Sie hatte die Klippen ihres Lebens bislang gemeistert. Gleich wie – doch sie hatte diese scheinbaren Hindernisse überwunden. Sie hatte erkannt, dass das Leben immer an ihrer Seite war. Und – sie war bereit, es zu nehmen und etwas daraus zu machen.

So konnte sie ihr Leben erfüllt leben. Und – Marie begann, aus tiefstem Herzen zu lieben … Sie war Ausdruck ihrer selbst, ihres Seins. Das veränderte sich immer wieder, weil sie sich ausweitete und wuchs. Alles war ihr dadurch möglich, der Kriegerkönigin, die eine Starke war und dem Leben begegnete und mit ihm Hand in Hand ging.”

Was für eine Perspektive?! Was für ein Leben!

Ich sehe dich!
In diesem Sinne, Das Leben gehört den Lebendigen … die sind auf Veränderungen eingestellt und lieben und begrüßen sie. Sie wissen um den Wechsel wie aus Ebbe und Flut.
Ich sehe dich!

19.08.2023
Außerordentl. Honorarprofessorin Dr.habil. Dr. Andrea Riemer, Ph.D.
Zur Autorin finden Sie alles Wissenswerte unter:
www.andrea-riemer.de

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Kunst des Lebens Andrea RiemerÜber Andrea Riemer:
nach einer einzigartigen, 25 Jahren umfassenden internationalen Karriere als Wissenschaftlerin und Beraterin für Sicherheitspolitik und Strategie (Doktorat in BWL, Ph.D. und Habilitation in Militärwissenschaften; außerordentl. Honorarprofessorin), hat sich Andrea Riemer ab 2012 als eine der erfahrensten Buchautorinnen und Vortragenden zu existentiellen Fragen des Lebens in der poetischen Philosophie etabliert.
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