Achtsamkeit

Achtsamkeit und Gewahrsein Medizin aus der Stille

Achtsamkeit und Gewahrsein-medizin-aus-der-Stille-oeffnen-fliessen-manAchtsamkeit Kraft und Weite im Gewahrsein erfahren
Leseprobe: Medizin aus der Stille

Achtsamkeit und Gewahrsein – DIE ALLTÄGLICHE PRAXIS. Jung und nach Wahrheit suchend kam ich in Kontakt mit einem Sufi-Orden und bat um Unterweisung. Mein Lehrer gab mir eine ganze Reihe von Übungen, unter denen auch ein einfaches, mit dem Atem verbundenes Gebet war:

„Öffne mich, Herr, und lass mich fließen.“

Bei jeder Einatmung sollte ich lautlos „Öffne mich, Herr“ sagen und bei jeder Ausatmung „und lass mich fließen“.

Ich nahm mir diese Praxis zu Herzen, wiederholte sie, wann immer ich mich an sie erinnerte wenn ich auf meinem Kissen saß, eine Straße entlang spazierte, eine Tür öffnete, eine Mahlzeit zubereitete, einen Löffel Suppe zum Mund führte. Öffne mich, Herr, und lass mich fließen.
Wie nur wenige Angehörige meiner Generation hatte ich dabei mit dem Wort „Herr“ kein Problem.

Ich war in keiner theistischen Tradition aufgewachsen, sodass für mich in diesem Wort nichts von einem autoritären Patriarchat mitschwang es bezeichnete einfach alles, was ich über die Wirklichkeit nicht begriff, alle Ehrfurcht gebietenden Kräfte, die im Universum wirken. Ich war ein ganz typischer junger Mann, tief in meinen Gedanken und Gefühlen verstrickt. Ich vertraute nicht darauf, mich öffnen zu können, aber „Herr“ diese nicht zu begreifende Macht hinter allen Dingen  konnte ich ansprechen und mich unterordnen.

Öffne mich, Herr, und lass mich fließen.

Ich wiederholte das Gebet so oft, dass die Worte für mich durchlässig wurden und nur eine unwillkürliche Bewegung des Öffnens blieb, wann immer ich mit dieser Absicht einatmete – wie eine Schaukel, die im Freien durch die Luft schwingt. Es wurde zu meiner mir „ureigenen“ Praxis und ist dies immer noch.

Neulich besuchte ich einen Freund und begegnete dort in Form einer gerahmten Kalligrafie folgenden Worten von Chögyam Trungpa Rinpoche:
Die alltägliche Praxis besteht einfach darin, vollständige Akzeptanz und Offenheit gegenüber allen Situationen und Gefühlen zu entwickeln sowie gegenüber allen Menschen und alles völlig ohne geistige Vorbehalte und Blockierungen zu erleben, sodass wir uns nie in uns selbst zurückziehen oder uns selbst zum Zentrum machen.

Da war es. Die Lehre meines kleinen Atemgebetes war im Satz Trungpas in Worte gefasst worden. Seine Worte sagen dir nicht, wie du auf all die Situationen und Gefühle reagieren sollst; sie geben dir auch keine moralischen Leitlinien. Sie weisen einfach auf die nackte Offenheit hin, durch die das Leben auf höchst authentische Weise gelebt werden kann.

Der letzte Teil des Satzes ist besonders eindringlich:

„…, sodass wir uns nie in uns selbst zurückziehen oder uns selbst zum Zentrum machen.“

Wie vertraut uns diese Rückzugsbewegung und diese Tendenz, sich zum Zentrum zu machen, doch ist! Tun wir das nicht tausendmal am Tag? Hektik kommt auf, wir kommen zu spät zur Arbeit, jemand fällt uns ins Wort oder kritisiert uns, unsere Familie nimmt uns für selbstverständlich, wir fühlen uns unzulänglich oder einsam, wir sehen für uns keine bedeutende Zukunft mehr.

Wir haben uns in unserem Selbst zentriert und schließen uns dem neurotischen Drama der Welt an. Doch zumindest denken wir, wir wüssten, was geschieht; wir haben einen Standpunkt.

Tiefes Vertrauen ist nötig, um sich von der Grundlage unseres festen Standpunktes her, aus unserem Rückzug heraus zu öffnen. Vielleicht liegt darin der Nutzen des Wortes „Herr“ in der Hingabe an die universellen Kräfte, die wir nicht verstehen, die jenseits unseres Standpunktes liegen. Öffne mich, Herr.

Aber darin liegt auch etwas Seltsames.

  • Wer ist dieses „Ich“, das geöffnet wird und das fließt?
  • Wenn sich das Ich öffnet, ist es dann noch ein Ich?
  • Wenn das Ich in den Fluss kommt, was fließt denn dann?

Wir haben es hier mit dem Kern dieser Praxis für den Alltag zu tun. Genau hier verändert sie sich von Worten und guten Ratschlägen hin zu einer Konfrontation mit der Wahrheit. Hier müssen wir aufhören zu denken und nach uns selbst Ausschau halten. Welches Ich öffnet sich?
Wenn wir hinschauen, finden wir nichts! Nur einfach klares, offenes Gewahrsein unmittelbar und ganz natürlich geschehend.

Shabkar Lama, ein Mystiker und Wandersänger aus dem tibetischen Hochland des 19. Jahrhunderts, spricht ebenfalls genau diese Frage an:
Welches Ich öffnet sich?
Schau nicht auf das Gesehene, sondern auf den Betrachter. Wenn du bei deiner Suche nach dem Betrachter diesen nicht findest, dann ist deine Sicht kurz vor dem Punkt der Auflösung. Dieses Sehen, bei dem es überhaupt nichts zu sehen gibt, aber das dennoch nicht einfach leeres, ausdrucksloses Nichts ist, ist lebendige, reine, unverstellte Wahrnehmung des Hier und Jetzt …

Kein Betrachter, kein Meditierender, kein Akteur, kein Ich und schließlich: kein Herr! Nur diese lebendige Offenheit, frei von einem Ich, frei vom Rückzug in ein „ich selbst“. Diese Freiheit ist das, was fließt, ganz von alleine. Atmend, jetzt: Öffne mich, Herr, und lass mich fließen.

DER ERSTE MOMENT

Die Uhr tickt. Die Sonne geht auf. Das Heute nimmt den Platz von gestern ein. Der Atem gibt sich diesem Atemzug jetzt hin. Die Spitze meines Stiftes bewegt sich über das Papier, deine Augen bewegen sich über die Worte, jeder Augenblick, jeder Moment ein Hingeben, ein Loslassen.
Loszulassen ist das Geschenk der Leere und in diesem Moment die Entstehungsgeschichte von dir und mir.

Wie intim das ist: Immer zu beginnen, indem wir los lassen!
„Der Ort des Freilassens ist der Ort, wo alles beginnt“, heißt es in einer tibetischen Schrift mit dem Titel „fte Garland of Pearls“ (dt. Eine Kette aus Perlen). Durch die Gnade des Verschwindens des vorherigen Augenblicks tauchen wir in diesem Moment auf. Dies vollzieht sich nicht nur einmal, sondern immer. Es ist das alltägliche Wunder  der gesamte Kosmos wird in jedem Augenblick wieder frisch und neu.

„Nirvana“, schrieb Nagarjuna, „ist das Loslassen dessen, was entsteht und vorübergeht.“

Das bedeutet, dass Nirvana was sich als „erfrischende Leichtigkeit“ übersetzen ließe in der Art und Weise jedes Moments gegenwärtig ist und so sich ganz leicht darbringt und alles durch Loslassen frisch und neu werden lässt.
In den Lehren des Zen und des Dzogchen wird das Mysterium dieses gleichzeitigen Verschwindens und Auftauchens „der erste Moment“ genannt.
Der erste Moment ist, bevor uns Gedanken über ihn kommen. Unsere Vorstellungen können ihn nicht berühren. Er ist die leere Lichtung, die so nah ist, dass wir sie nicht sehen können. Wir können sie nicht sehen, wir können sie nicht denken, und dennoch ist der erste Moment das intimste und unmittelbarste Mysterium, das wir mit dem ganzen Universum teilen.

Auch wenn wir den ersten Moment nicht sehen können, muss die Praxis unseres Lebens darin bestehen, ihn niemals aus dem Blick zu verlieren. Das heißt, dass das Loslassen, das Leere ist, uns auf die gleiche Weise vertraut und gegenwärtig werden muss, wie uns Raum oder Schwerkraft vertraut und gegenwärtig sind. Wir müssen zulassen, dass das Loslassen unsere fixen Ideen von uns fortspült. Glücklicherweise funktioniert das ganze Universum so; daher wird uns dabei geholfen.

Unsere Lebenspraxis besteht jedoch nicht nur darin, dass wir uns für den Fluss des Loslassens öffnen.

Gleichzeitig werden wir auch erschaffen. Es gibt keine Lücke zwischen der Leere dem Loslassen  und unserem Erscheinen im Laufe unseres Tuns.
In diesem Moment erscheint das Universum spontan in seiner Ganzheit, und ich und du sind dabei inbegriffen. Diese Spontaneität ist ein Weg, unsere wechselseitige Verbundenheit mit allen Ereignissen überall zu spüren.

Alles erscheint gleichzeitig jetzt, geboren aus dem ersten Moment.
In dem Maße, in dem wir uns als Schnittfläche zwischen der Leere und dem Erscheinen erleben, funktioniert unsere Lebenspraxis. Während es unsererseits äußerster Entschlossenheit bedarf, um dies zu erkennen, ist die Praxis selbst mühelos, da sie ja aus allem besteht, was auf die eine oder andere Weise ohnehin geschieht. Unsere Entschlossenheit ist keine Anstrengung oder etwas, das wir vollbringen und so geschehen lassen. Es ist reines Vertrauen, das jedes Atom unseres Seins durchstrahlt. Wir müssen nichts anderes tun, als loszulassen und uns zu öffnen.

Wenn wir uns in den ersten Moment hinein öffnen, können wir uns vollständig unserem Leben zuwenden; wir können uns auf sanfte und kluge Weise darum kümmern. Wenn wir uns öffnen und in diesen ersten Moment hineingleiten, gibt es keine Empfindung, von anderen getrennt zu existieren. Wir nehmen kein Selbst wahr, das versucht, seinen eigenen Weg mitten in allem anderen durchzusetzen.

Unsere Fähigkeit, auf das Geschehen zu reagieren, ist feinfühlig und von müheloser Leichtigkeit. Hier sind wir nicht falsch; es gibt aber auch keine Verdienste für unsere Taten. Hier sind wir ruhig, obwohl sich alles verändert und aus Loslassen besteht. Würdevoll und anmutig bewegt sich unser Körper. Unsere Gedanken und Gesten sind voller Großzügigkeit. Im ersten Moment haben wir nichts zu verlieren. Unser Glück kennt keinen Grund, ist ohne Ursache.

GIB DIESEN GEDANKEN AUF

Was löst bei uns ein Gefühl des Unbehagens, der Sorge, des Ärgers, der Abwehr, der Eifersucht oder der Voreingenommenheit aus? Ist der Grund dafür tatsächlich, dass die Zustände in der Welt um uns herum und die Handlungen der Menschen, denen wir begegnen, diese Gefühle bei uns erzeugen? Oder ist da etwas anderes am Werk?

Wenn wir die Beschaffenheit dessen, was die Buddhisten als „schwierige Emotionen“ bezeichnen und was zu den genannten Gefühlen gehört, einer genaueren Überprüfung unterziehen, dann werden wir als Erstes bemerken, dass sie von Gedanken begleitet sind. Betrachte beispielsweise einmal den folgenden Gedankenstrom:

Mein Freund ist nicht mehr so aufmerksam wie sonst. Ich sah, wie er dieses andere Mädchen angeschaut hat.
Wahr­scheinlich wird er mich verlassen. Das wird schrecklich. Keiner wird jemals wieder mit mir zusammen sein wollen.
Ich werde für immer allein sein.

Gedanken wie diese türmen sich auf, und schließlich fangen wir an, ihnen zu glauben.

Dies ist eine der Methoden, mit denen das ängstliche Ego sich selbst davon überzeugt, dass es etwas Substanzielles ist: Immer wieder wiederholt es seinen Standpunkt bezüglich der wechselhaften, gefährlichen Zustände in der Welt. Das Selbst als Opfer hat jetzt einen Platz, an dem es leben kann. Solange es an seinen Ansichten und Ängsten festhält, ist ihm seine „Position“ sicher.

Achte darauf, dass es nicht die Gedanken selbst sind, sondern unser Festkleben an ihnen, das die betrübenden Emotionen erzeugt. Wenn wir aber nicht ständig nach solchen Gedanken greifen und an ihnen festhalten, dann verlieren diese ihre Ladung und haben auch nicht länger die Macht, unser emotionales und psychisches Leid zu füttern.

Du kannst diese Aussage selbst überprüfen, indem du dir einen Zeitpunkt in der Vergangenheit ins Gedächtnis zurückrufst, an dem du aus irgendeinem Grund ängstlich oder eifersüchtig oder ärgerlich warst. Nimm wahr, dass du jetzt diese Gefühle nicht verspürst.
Warum? Weil du nicht länger dem Klammergriff der Gedanken ausgesetzt bist, die diese Gefühle begleitet haben, und sie für dich jetzt einfach nicht mehr von Bedeutung sind. Mit der Zeit haben sie ihre Ladung verloren.

Diese einfache Dynamik dieses Klammern an unseren Gedanken, welches emotionales und psychisches Leid erzeugt und aufrechterhält könnte uns einen Hinweis darauf geben, wie wir uns von diesen unbehaglichen Empfindungen befreien können.
Doch zunächst müssen wir einen etwas tieferen Einblick in die Natur der Gedanken und in die Art und Weise, wie wir an ihnen festkleben, gewinnen.
Wir Menschen denken viel, aber wissen wir eigentlich wirklich, was Denken ist?
Wissen wir, wie wir denken?

Lasst uns ein kleines Experiment machen:

Stell dir irgend etwas vor, ganz egal was, und nimm wahr, ob du herausfinden kannst, wo dieser Gedanke herkam.
Hast du ihn „erschaffen“? Wie?
Warum ist speziell dieser Gedanke erschienen und nicht irgendein anderer?
Schau genau hin. Achte darauf, ob du den exakten Ort oder Augenblick aufspüren kannst, in dem du einen spezifischen Gedanken „produzierst“, dir diesen Gedanken „machst“. Ich starte jetzt auch einen Selbstversuch damit und beobachte, wie ich die nächsten Worte in diesem Satz finde. Ich kann nicht herausfinden, wie ich es tue. Zunächst ist das Wort nicht da, dann ist es da. Manchmal kommt mir ein Wort und es scheint das Richtige zu sein, aber nach einigen Momenten merke ich, dass es doch nicht so genau passt, und ich versuche es mit einem anderen Wort oder einem anderen Satz.

Das neue Wort, der neue Satz sie erscheinen auf die gleiche wundersame Weise wie die Worte und Sätze davor, aus dem Nichts!
Betrachten wir jetzt eine weitere, scheinbar magische Eigenschaft eines Gedankens: Beobachte einmal den Strom der Gedanken in deinem Geist und überprüfe, ob du bei einem bestimmten Gedanken herausfinden kannst, wohin er geht, wenn er beendet ist. Was stellst du fest? Er verschwindet! Der kleine Gedanke lässt keine Spur zurück, er löst sich einfach in Luft auf.

Wenn du bis hierhin bei diesem Gedankenexperiment geblieben bist, könntest du erkennen, dass deine Gedanken weniger Substanz haben, als du angenommen hast. Sie kommen aus dem Nichts und verschwinden ins Nichts.
Diese Substanzlosigkeit der Gedanken lässt sich bei den zufällig ausgewählten Gedanken unseres Experimentes leicht erkennen; es wird jedoch viel schwieriger, wenn wir das Experiment mit Gedanken durchführen, die für uns „von Bedeutung“ sind  Gedanken, an die wir glauben und an denen wir uns festhalten. Wenn uns unsere Gedanken erzählen, wir seien nicht gut genug oder wir müssten uns verbessern oder andere seien nicht gut genug oder dies oder das habe Schuld an irgendetwas oder sei falsch oder etwas Schlimmes könnte passieren  diese Art von Gedanken „krallen sich“ uns. Achtsamkeit und Gewahrsein! Finde dein Glück in der Achtsamkeit!

Huang Po, der Zen-Meister aus dem 9. Jahrhundert, merkte einmal an:

„Dein einziger Trost sollte darin bestehen, an keinem Gedanken festzuhalten, während ein Gedanke auf den anderen folgt.“

Wie können wir das tun? Wie können wir vermeiden, uns an unseren Gedanken festzuhalten, und dies besonders dann, wenn dabei unser Wohlergehen auf dem Spiel zu stehen scheint? An dieser Stelle ist es hilfreich, eine einfache praktische Übung durchzuführen. Zunächst sollten wir das mit weniger wichtigen Gedanken tun, danach mit den Gedanken, an die wir fest glauben.
Ich nenne diese Praxis: „Gib diesen Gedanken auf.“ Suche die Achtsamkeit. 

Vielleicht magst du sie direkt ausprobieren, sobald du den Rest dieses Abschnitts gelesen hast.

Halte einfach für ein paar Augenblicke inne und ruhe in deinem natürlichen, klaren Geisteszustand.
Warte. Irgendwann wirst du merken, dass dir ein Gedanke kommt. Sobald du das merkst und ganz gleich, worum es dabei geht, gib dein Interesse an diesem Gedanken auf. Achtsamkeit und Gewahrsein!

Damit meine ich nicht, du solltest versuchen, den Gedanken nicht stattfinden zu lassen oder ihn zu leugnen oder abzulehnen. Lass einfach dein Interesse daran los. (Wenn du meinst, es sei ein wirklich wichtiger Gedanke, und du das Gefühl hast, du kannst es dir nicht erlauben, dein Interesse daran loszulassen, sage dir, dass du ihn in fünf Minuten wieder aufnimmst.) Gib diesen Gedanken auf. Achtsamkeit und Gewahrsein! Lebe Achtsamkeit.

Lass ihn einfach los; lass dein Interesse an ihm verlöschen; gib deinen Glauben an seine besondere Wichtigkeit, seine Vorrangstellung und seine starke Wirkung auf „dich“ auf. Nimm jetzt sorgsam wahr, was geschieht. Falls du feststellst, dass du dein Interesse an dem Gedanken aufgegeben hast, merkst du vielleicht, wie ein feines Gefühl von Offenheit entsteht. Es mag nur kurz auftreten schnell kann ein anderer Gedanke seine Stelle einnehmen. Das kann sogar der Gedanke sein: „Oh, sieh nur! Ein Gefühl von Offenheit!“

Wage es in diesem Fall ein weiteres Mal, diesen Gedanken aufzugeben,

und dann den nächsten und den darauffolgenden und so weiter. Das muss nicht mit Anstrengung verbunden sein das Aufgeben, um das es hier geht, bedarf keines Kraftaufwands, nicht einmal die Absicht dazu ist nötig. Übe Achtsamkeit!
Lass dein Interesse an den Inhalten deines Gedankenstroms einfach los. Achtsamkeit und Gewahrsein!

Das Experiment geht tief; es ist es wert, in jeder beliebigen Situation, in der du dich befindest, selber weiter zu erforschen, was dabei geschieht. Vielleicht bist du besorgt darüber, dass du völlig leer wirst, wenn du deinen denkenden Verstand auf diese Weise aufgibst, oder dass du nicht mehr begreifst, was vor sich geht, oder dass du ganz unvorbereitet auf das bist, was von dir verlangt wird. Doch sobald dir die Dynamik dieser Praxis, die Gedanken aufzugeben, ein wenig vertrauter wird, wirst du bemerken, dass eine andere Art von Wissen und Kenntnis zum Vorschein kommt. Achtsamkeit und Gewahrsein!

Wirst du dann in dieser Praxis noch gewandter, entdeckst du vielleicht, dass zusätzlich zur Erfahrung eines Gefühls der Offenheit, der Weite und der Stille, die das Loslassen deines Interesses an dem Gedanken begleitet, auch noch ein Gefühl der Erleichterung, vielleicht sogar ein Gefühl der Freude entsteht. Diese Freude hat nichts mit irgendeinem Anlass zu tun sie hat keinen Grund. Es ist die Freude, die dem klaren, offenen Gewahrsein innewohnt. Achtsamkeit und Gewahrsein!

Die Notwendigkeit, irgendetwas herauszufinden, bleibt hinter dir zurück.

Einen Augenblick lang oder länger findest du dich in einem Raum des Nicht- Wissens wieder, der klare, offene Präsenz ist. Wie der Dalai Lama sagte:

“Ich sitze am Tisch des Nicht-Wissens und lade dich ein, dich hier zu mir zu setzen.“

Sobald dir das Aufgeben weniger wichtiger Gedanken geläufig geworden ist, kannst du erkunden, wie es ist, die Gedanken aufzugeben, in die du mehr investiert hast. Nehmen wir einmal an, du bist auf einer Party und nimmst an einem Gespräch mit einer Gruppe von Leuten teil. Du sagst etwas, das bei jemand anderem eine kritische Reaktion auslöst oder bewirkt, dass sich jemand darüber lustig macht.

Du nimmst wahr, wie deine Stimmung sinkt und es bis in deinen Magen hinein spürbar ist. In deinem Kopf wuchern die Gedanken: Ich wusste, dass mich diese Person nicht ausstehen kann; sie ist so fies; jetzt werden die anderen mich auch angreifen; ich bin solch ein Idiot, warum habe ich nichts dazu gesagt? Achtsamkeit und Gewahrsein!

Ich hasse diese Party! Und so weiter. Achtsamkeit und Gewahrsein!

Sobald du feststellst, dass diese Art von Gedanken bei dir hochkommen, gib sie auf. Lass dein Interesse an ihnen los. Mach dich von ihnen frei. Sonst muss nichts passieren. In der Offenheit des Nicht Wissens bist du völlig sicher und unschuldig. Du brauchst dich nicht zu verteidigen oder irgend jemanden zu verurteilen. Du bist die klare Präsenz, die du ohnehin bist. Nur das.

Statt den nächsten Augenblick mit besorgten Gedanken vorzuprägen, gibst du deine Investition in diese Gedanken auf; jetzt ist der nächste Moment offen, sorglos und frei. Achtsamkeit und Gewahrsein!

Es ist nicht nötig, die Welt um dich herum zu beurteilen; du erlaubst ihr einfach zu sein, was sie ist. Wenn die Situation eine Reaktion von dir erfordert, dann ist das eben so; du reagierst, aber nicht aus einer Abwehrhaltung heraus oder zur Verteidigung oder auf der Basis eines Urteils, sondern aus der natürlichen Leichtigkeit deiner Präsenz heraus.

Im stillen Mysterium des Aufgebens deiner Gedanken hast du auch jede Fixiertheit auf eine Vorstellung oder einen eingenommenen Standpunkt losgelassen. Dann heißen dich Offenheit, Ruhe und eine äußerst feine Freude willkommen  eine Leichtigkeit des Seins. Indem du etwas hingegeben hast, das keinen wirklichen Wert besitzt, hast du die Welt gewonnen. Achtsamkeit und Gewahrsein…

Leseprobe aus dem Buch:cover Elias Amidon

Medizin aus der Stille
Kraft und Weite im Gewahrsein erfahren
Autor: Elias Amidon 

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Elias AmidonPortait-Amidon-Elias

Elias Amidon ist der spirituelle Leiter (Pir) des Sufi Way International, eines mystischen Ordens in der Linie des Sufi Inayat Khan. Seit über 43 Jahren in diesen Weg des Sufismus eingeweiht, studierte Pir Elias bei Sufis des Qadiri-Ordens in Marokko, mit buddhistischen Lehrern aus der Tradition des Theravada-Buddhismus in Thailand, mit indianischen Lehrern der nordamerikanischen Assemblies of the Morning Star, bei christlichen Mönchen in Syrien, Zen-Lehrerinnen der White Plum Sangha und zeitgenössischen Lehrern aus der Tradition des Dzogchen. Seit über drei Jahrzehnten leitet er Programme im Bereich des Sufismus; seit 2005 führt er Programme und Trainings zum Open Path durch. www.sufiway.org

 

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