Mensch Sein und Spiritualität

Loslassen, aber wie und was?

junge-pusteblume-dandelionLoslassen aber wie? Ein Geheimnis?

wie oft höre ich in Bezug auf schmerzhafte Gefühle die Worte: „ Das habe ich losgelassen“ – tapfer und entschieden, gerade so, als müsse der, der sie sagt, noch daran arbeiten, dass er sich das selbst glaubt.„Loslassen bedeutet, den Blick nach vorne zu richten, weg von der belastenden Situation hin zu einem neuen Weg“ las ich sinngemäß in der Broschüre eines Therapeuten.

Das erlebe ich anders und für mich stimmt das auch nicht. Es ist wichtig, sich bewusst zu entscheiden, neue Wege zu erkennen und zu gehen, aber das hat nichts mit Loslassen zu tun. Sondern mit einer sehr klaren, bewussten Entscheidung zum Neubeginn, zum Hinter sich lassen, die ich nur treffen kann, wenn der Zeitpunkt richtig ist. Heißt, wenn ich das, was geschah, verarbeitet habe, wenn der Schmerz gesehen worden ist, wenn genug getrauert wurde und die psychischen Bewusstseinsprozesse, die nötig sind, um weiterzugehen, abgeschlossen sind. Diese Art des „Loslassens“ ist das Ende eines Bewusstseinsprozesses, der nur möglich ist, wenn ich vorher das wahre Loslassen praktiziert habe: die bewusste Hingabe an das, was ist, die bewusste Aufgabe jeden Versuches, sich und andere zu manipulieren.

Denn echtes emotionales Loslassen hat nichts mit diesem resignierten und bewussten Abstandnehmen oder Weitergehen zu tun, das viele Menschen praktizieren, um einen schmerzhaften Verlust zu meistern. Wenn du unerwünschte Gefühle „loslässt“, was passiert dann? Nichts. Sie bleiben einfach bei dir, wenn sie noch nicht zu Ende gefühlt wurden. Es tut ja nicht deshalb weh, weil du den Schmerz festhältst, sondern weil er da ist.

Auf einer Webseite sah ich einen Luftballon, dessen Schnur durchschnitten wurde, als Synonym für das Loslassen von Schmerz, Kränkung und Trauer– doch so funktioniert es nicht. Schmerz ist eben kein Luftballon. Sondern eine Eisenkugel. Lässt du sie los, passiert gar nichts. Sie liegt dir weiterhin im Weg herum.
Wenn du dagegen die Kontrolle über deine Gefühle loslässt und dir erlaubst, zu fühlen, was du eben fühlst, dann kannst du es auch verarbeiten. Das emotionale Immunsystem greift und bringt dich nach einer angemessenen Zeit, nötigenfalls mit Hilfe von Außen, wieder ins Gleichgewicht.

Wenn dir jemand also sagt, du sollst loslassen, auch wenn dieser Jemand du selbst bist, dann darfst du erstmal eine sehr gerechtfertigte Gegenfrage stellen: „Was?“ Denn wenn du nicht definierst, woran du festhältst, dann ist „Loslassen“ wieder nur ein Schlagwort, an dem du messen kannst, ob du schon beinahe erleuchtet bist oder eben doch noch nicht so ganz.

Loslassen meint weder wegschicken noch zähneknirschend akzeptieren noch aufgeben. Das Loslassen, das dir hilft, weil es einen Heilprozess in Gang setzt, meint schlichtweg:

Gib die Kontrolle über das Geschehnis, das du nicht kontrollieren kannst, auf.

Das gilt auch und gerade für die Kontrolle über die Gefühle, die dich plagen. Loslassen bedeutet: gib dich dem hin, was ist. Du musst es nicht gut finden. Unterlasse dennoch jeden Versuch, deine Gefühle, deine Gedanken, andere Menschen oder dich selbst zu manipulieren.
Zumindest für einen Moment.

Fühle also, was ist.

Denn das setzt den Bewusstseinsprozess in Gang, der dich heilt. Es ist ein immenser Akt der Hingabe und des Vertrauens in die eigene Kraft und in die Prozesse des Lebens, die Kontrolle wahrhaft loszulassen und dich dem zu stellen, was ist. Der nicht zu jedem Zeitpunkt richtig ist! Kluges Loslassen setzt voraus, zu erkennen und anzuerkennen, was du nicht ändern kannst. Denn vieles kannst du sehr wohl ändern und mit gestalten, ja, mitschöpfen. Und dann ist „loslassen“ keine gute Idee. Doch du kannst erst dann erkennen, was du wirklich willst und brauchst, wenn du ungeschminkt erkannt hast, was du fühlst.

Wenn du wirklich und wahrhaftig die Kontrolle über dich, deine Gefühle und über andere Menschen oder Tiere loslässt, dann erlaubst du den Dingen, ganz und gar zu sein, wie sie eben sind. Du lässt, um es bildlich auszudrücken, die Bälle, mit denen du jonglierst, fallen und erlaubst ihnen, dahin zu rollen, wohin sie rollen wollen. In dem Vertrauen, dass es eine höhere Ordnung gibt, die weiß, was sie tut und die einen besseren Plan hat als der, den du verfolgst! Loslassen meint, du ziehst deinen Kontroll-, aber auch deinen Schöpferimpuls aus einer Angelegenheit heraus und überlässt die Dinge für einen Moment lang dem Leben selbst.

Wenn du „Loslassen“ durch „Geschehenlassen“ ersetzt, dann verstehst du sicherlich besser, was es in Wahrheit bedeutet.
Warum halten wir überhaupt unangemessen fest, kontrollieren, praktizieren also das Gegenteil von Loslassen? Beinahe immer, weil wir Schmerz, Scham oder Angst vermeiden wollen. Und warum ist das keine gute Idee? Weil es nicht funktioniert. So einfach ist das. Denn das Leben folgt seinen eigenen Gesetzen, ob sie uns gefallen oder nicht.

Bewusstes Loslassen, Geschehenlassen setzt Demut voraus, das Wissen darum, dass du nicht allmächtig bist. Und auch nicht zu sein brauchst! Denn das ist die gute Nachricht: Es gibt jemanden, der sich um deine Angelegenheiten kümmert, wenn du sie in seine Hände gibst. Ob du ihn Gott nennst, Lebensenergie, Chi, Universum oder einfach Evolution, das liegt ganz bei dir.
Das bewusste, schöpferische Geschehenlassen kannst du am Beispiel des Eiskunstlaufens gut verstehen. Du hast natürlich vernünftiges Werkzeug, gute Schlittschuhe, das du beherrschst, sonst brauchst du erst gar nicht anzufangen. Du hast eine Eisbahn, die dir zur Verfügung steht, also eine Gelegenheit, dein Können anzuwenden.

Du weißt, wie man Figuren ansetzt, bringst all deine Kraft, deine Geschicklichkeit, deine Konzentration in deinen Körper und in deinen Geist, überwindest eventuelle Ängste und Zweifel und stellst dich der Herausforderung. Du hast also alles zum Gelingen beigetragen, was dir möglich ist. Du setzt an zum doppelten Rittberger, einem komplizierten Sprung – und jetzt musst du loslassen, du musst den Dingen ihren Lauf lassen, dem Schwung Raum geben. Du musst dich dem, was du in Gang gesetzt hast, anvertrauen. Du musst geschehenlassen – und dann, wenn deine Füße den Boden wieder berühren, erneut die volle Verantwortung für die Bewegungsimpulse, die du setzt, übernehmen! In diesem Wechsel aus der Kontrolle über das, was geschieht und dem Loslassen jeder Aktivität, sei sie physisch, emotional oder mental, verlaufen erfolgreiche kreative Prozesse.

Die Fragen, die du dir stellen darfst, um erfolgreich loszulassen, sind diese:

  • Habe ich alles beigetragen, um diesen Prozess zum gewünschten Ausgang zu führen?
  • Habe ich alles unterlassen, was den gewünschten Ausgang gefährden könnte?
  • Kann ich heute, jetzt, in diesem Moment, noch etwas beitragen, um mein Ziel zu erreichen?

Wenn du die ersten beiden Fragen mit Ja und die letzte mit Nein beantworten kannst, ja, musst, dann gibt es nichts mehr für dich zu tun. So gerne du kontrollieren, festhalten, verändern würdest, von nun an nimmt das Geschehen seinen Lauf. Du kannst dich dagegen wehren, zu fühlen, was du wirklich fühlst, aber mehr auch nicht.

Und so stelle dir jetzt bitte folgende Frage:
Bin ich bereit, zu fühlen, was ich wirklich in Bezug auf diese Angelegenheit fühle?

Wenn du ja dazu sagst, dann bist du auf dem besten Weg, bildlich gesehen deine Hände zu öffnen und dich dem Leben anzuvertrauen.
Und das ist die klügste Strategie, die man haben kann, um das Leben zu meistern.

Susanne Hühn

Autor

13. Oktober 2017

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1 Kommentar

  • Ein wunderbarer Artikel, der das “Loslassen” (endlich) mal in einen neuen Blickwinkel stellt. Ich denke auch, dass es meist missverstanden wird – und habe es auch schon selbst so praktiziert. Mit dem Ergebnis, dass es nicht wirklich gut tat. Im Gegenteil. Es kam gefühlt in neuen Facetten irgendwie / irgendwann wieder zum Vorschein.
    Die letzte Frage “Bin ich bereit, zu fühlen, was ich wirklich in Bezug auf diese Angelegenheit fühle?” trifft es in meinen Augen genau :-). Vielen Dank!

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