Gesellschaft

Macht und Spiritualität

810-450-Loewe-friedlich-Augen-lionMacht und Spiritualität

Das Böse wandelt sein Gesicht, es passt sich an die Zeit an… und ich glaube nicht, dass die Grenzen des Vorstellbaren erreicht sind, leider nicht.

Der Psychologe Dacher Keltner von der Universität Berkeley hat herausgefunden, dass Menschen mit Macht sich tendenziell wie Menschen mit einem Hirnschaden benehmen. „Man kann Machterfahrung als einen Vorgang beschreiben, bei dem jemand einem den Schädel öffnet und den Teil rausnimmt, der besonders wichtig für Empathie und sozial angemessenes Verhalten ist“, sagt er.

„Machtbeziehungen gibt es überall, in jedem sozialen Gefüge“, sagt Erich Witte, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg. „Und nur in den seltensten Fällen kann jemand Machtmissbrauch widerstehen.“ Wenn ein Mensch erst einmal Macht bekomme, falle es äußerst schwer, sie nicht zum eigenen Vorteil einzusetzen. Egal, wie freundlich und hilfsbereit die Person vorher gewesen sei. Es handele sich dabei um einen evolutionär begründeten Mechanismus, der automatisch ablaufe, wenn man nicht bewusst dagegen ankämpfe.

Macht als ein Phänomen menschlichen Erfindungsgeistes

Macht ist ein politisch-soziologischer Grundbegriff, der für Abhängigkeits- oder Überlegenheitsverhältnisse verwendet wird, d. h. für die Möglichkeit der Macht-Habenden, ohne Zustimmung, gegen den Willen oder trotz Widerstandes anderer die eigenen Ziele durchzusetzen und zu verwirklichen. Macht kann von Personen, Gruppen, Organisationen (Parteien, Verbänden, Behörden) bzw. dem Staat ausgeübt werden oder von gesellschaftlichen (wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen, kulturell-religiös geprägten) Strukturen ausgehen. Demzufolge wird zwischen persönlicher und sozialer Macht sowie Macht-Strukturen unterschieden. Entsprechend ihrer (sozialen) Entwicklung verfügen alle Gesellschaften über unterschiedliche (persönliche, soziale, anonyme) Macht-Positionen. Macht-Verhältnisse beschreiben immer zweiseitige (Austausch-)Verhältnisse, bei denen eine Seite über (mehr oder weniger) Macht verfügt (z. B. über Belohnung, Bestrafung) und Einfluss nehmen kann (z. B. über Anreize, Wissen) und die andere Seite dies (positiv) akzeptiert, keinen Widerspruch erhebt bzw. nichts gegen die Ausübung der Macht unternimmt oder zur Duldung oder Befolgung gezwungen wird. Probleme der Macht-Ausübung können dadurch verstärkt werden, dass keine persönliche Zuordnung der ausgeübten Macht mehr möglich ist, weil Macht anonym (z. B. aufgrund wissenschaftlich-technischer, wirtschaftlich-technischer Strukturen oder Sachzwänge) ausgeübt wird. Da Macht ein generelles Phänomen sozialer Gemeinschaften ist, bleibt es eine dauerhafte politische und soziale sowie ethische und erzieherische Aufgabe, Missbrauch von Macht zu verhindern. In der politischen Praxis wurden hierfür entwickelt: a) institutionelle Beschränkungen (durch Gewaltenteilung, Rechtsordnung, zeitliche Begrenzung), b) das politisch-soziale Prinzip der Gegenmachtbildung (Checks and Balances) und das Prinzip der Öffentlichkeit (Information, Transparenz, öffentliche Auseinandersetzung) und c) vertragliche und rechtliche Formen freiwilligen Verzichts auf Ausübung oder Nutzung vorhandener Macht (z. B. zwischen Staaten). Können Macht-Verhältnisse auf Dauer errichtet werden und prägen sie entsprechende soziale Regeln und Ordnungen, wird dies soziologisch als legitime Machtausübung bzw. legitime Herrschaft bezeichnet.

810-450-Auge-Krokodil-crocodileMasse, Angst und Macht

Elias Canetti (1905 – 1994) hat sich Zeit seines Lebens intensiv mit dem Thema Macht und Massen auseinandergesetzt. Er sieht in der Angst des Einzelnen den Hauptgrund zur Entstehung von Massen. Das Leben in der Masse hebt einerseits die Angst des einzelnen auf, bringt andererseits viele Zwänge mit sich, die zu einem Konflikt der Einzelnen mit und in der Massengesellschaft führen.
Die Masse ist im soziologischen Sinn jede Gruppe von Menschen, innerhalb derer die Einzelnen bis zu einem gewissen Grad ihre Persönlichkeit aufgeben und durch wechselseitige Beeinflussung von ähnlichen Gefühlen und Trieben erfüllt sind. Das Leben in der Masse bedeutet auch eine Vielzahl von Normen und Verboten, die die Freiheit der Individualität jedes Einzelnen beschränken. Mit dieser Beschränkung will die Macht ein Ziel erreichen und zwar die Einzelnen in dauerhaften Massen zu verwandeln, um sie leichter regieren zu können.
Aus der Beschränkung der Individualität der Einzelnen in der Masse und aus dem Versuch, sie auszunutzen, entsteht der Konflikt des Einzelnen in der Massengesellschaft mit der Macht, mit den Mitmenschen, mit sich selbst und mit den Einschränkungen und Grenzen, die das Leben in der Masse mit sich bringt. Canettis Auseinandersetzung mit dem Phänomen Masse gewinnt heutzutage mehr an Bedeutung, da die Tendenz der Vermassung der Menschen immer stärker wird, jeden Tag hören wir von neuen wirtschaftlichen und politischen Abmachungen, die das Zusammenleben der Menschen auf der ganzen Welt zu organisieren versuchen, die aber zugleich die Menschen in Massen zusammendrängen. Die einzige mögliche Rettung aus der Krise ist nach Canetti die ‚Verwandlung’.

In seiner philosophischen und anthropologischen Studie ‚Masse und Macht’ (1960) hat Canetti den Begriff der ‚Verwandlung’ aufs Neue geprägt, unter dem er die Fähigkeit des Menschen versteht, die anderen Menschen zu verstehen, sie zu fühlen und sich gegen die Macht zu schützen. Canetti hält die ‚Verwandlung’ für die wichtigste Fähigkeit und Gabe des Menschen. Der Mensch – so Canetti – ist im Laufe seiner Geschichte immer weniger zu Verwandlungen fähig. In der scharfen Trennung der verschiedenen Wissenschaften, einer Trennung die aus der Aufklärung hervorgegangen ist, sieht Canetti die Wurzeln der Unfähigkeit des modernen Menschen sich zu verwandeln. Jede Wissenschaft, die Naturwissenschaften, die Psychologie und die Soziologie, hat versucht, die Welt aus ihrer Perspektive zu erklären. Canetti kritisiert die Beschränktheit auf ein System, da das Kräftespiel der Gesellschaft vielseitig ist. Um die Gesellschaft zu verstehen, braucht man also umfassendere und tiefere Einblicke in sie. Die Geschlossenheit eines Systems, sei es eine politische Ideologie oder eine wissenschaftliche Vorstellung, macht es unmöglich, die moderne Gesellschaft in ihrer Komplexität zu verstehen, und damit wird auch jeder Verbesserungsversuch mangelhaft. In der Möglichkeit des Menschen, sich zu ‚verwandeln’, das heißt sich selbst zu sein und ein oder mehrere andere auch, sieht Canetti die einzige Möglichkeit, die Vielfalt des Lebens und die verschiedenen Menschen verstehen und verbessern zu können. In der Möglichkeit des Menschen, sich zu ‚verwandeln’, das heißt er selbst zu sein und ein oder mehrere andere auch, sieht Canetti die einzige Möglichkeit, die Vielfalt des Lebens und die verschiedenen Menschen verstehen und verbessern zu können.

810-450-Puma-lauernd-pumaDer Begriff der ‚Verwandlung’ wird von Canetti nicht genauer definiert, er sieht aber in der ‚Verwandlung’ die einzige Möglichkeit, die Menschen zu verstehen. Wenn man die Menschen nicht von außen, sondern von innen betrachtet und sich in sie ‚verwandelt’, kann man sie besser verstehen und ihnen bei der Lösung ihrer Probleme effektiver helfen. Ansätze für die ‚Verwandlung’ findet Canetti in den Geschichten der australischen Buschmänner. Die Verwandlung, die der Buschmann gelernt hat und unaufhörlich ausübt, ermöglicht ihm, das Kommen eines Menschen oder eines Tieres vorauszuahnen, weil er seine Wunden, Schmerzen und Gefühle kennt und an seinem eigenen Körper empfindet. Wenn er z.B. am eigenen Körper, am tiefen Teil seines Nackens etwas fühlt, weiß er, dass ein Strauß kommt, da der Strauß sich dauernd am selben Ort kratzt. Der Buschmann verwandelt sich in den kommenden Strauß, bzw. in den anderen und bleibt dabei aber er selbst. Er ist zugleich er selbst und das Tier oder der andere. Dabei verliert er seine eigene Identität nicht.
Ein anderes Beispiel für die Verwandlung bei den Buschmännern ist die Geschichte eines Vaters, der seinen Kindern sagt, dass ihr Großvater in der Nähe ist, weil er an seinem eigenen Körper die Wunde des Großvaters fühlte, kurz danach der Großvater erscheint wirklich. Das Vorausahnen, dass der Großvater kommt, ist hier ein Ansatz zu Verwandlungen in eine direkte Form. Die ‚Vorgefühle’ und der Prozess der Einfühlung sind eine Art Kommunikation. Wenn ein Mensch oder ein Tier sich den Buschmännern nähert, empfinden sie eine Art Klopfen in ihrem Körper. Dieses Klopfen spricht zu ihnen und macht ihnen Mitteilungen von dem sich nähernden Tier oder Menschen. Die Buchstaben dieser Mitteilungen sind in ihren Köpfen. Diese Klopfzeichen kann nicht jeder verstehen, nur der, der das gelernt und geübt hat.

Wer die Klopfzeichen, bzw. die Verwandlung nicht empfindet, der ist in Gefahr, denn er kann zu jeder Zeit von einem Tier oder von einem feindlichen Menschen überrascht werden, er hat sozusagen keinen Zugang zu seiner Umgebung. Mit dem Begriff der ‚Verwandlung’ bezeichnet Canetti also die Fähigkeit des Menschen, in einer unmittelbaren Beziehung zu seiner Umwelt zu stehen. ‚Sich verwandeln’ bedeutet für Canetti, sich den sich ständig ändernden Naturverhältnissen anzupassen.

Adler am HimmelIndem er sich in die Dinge seiner Umgebung verwandelt, kann er sich diese aneignen. Der Mensch ist, laut Canetti, die Summe aller Tiere, in die er sich im Laufe seiner Geschichte verwandelt hat. Wenn der Mensch aber keinen Zugang zu seiner Umwelt und damit auch nur geringe Chancen zur Verwandlung hat, bedeutet das für ihn eine große Beschränkung seiner Entwicklung. Genau in diesen Zustand ist der Mensch jedoch, laut Canetti, in der modernen Zeit geraten. Der Ausfall der Verwandlung in der modernen Zeit hat zwei Gründe: Der erste Grund ist die zunehmende Technisierung, die den Menschen mehr und mehr von seiner Natur trennt. Der Mensch lebt nicht mehr mit den Tieren zusammen, im Gegenteil, sie sind jetzt eingesperrt in zoologischen Gärten. Der zweite Grund ist die moderne Machtstruktur, die den Einzelnen und den Massen ‚Verwandlungsverbote’ vorschreibt.
Canetti sieht den Prozess der Zivilisation durch sich verfestigende Machtstrukturen auf politischer und ökonomischer Ebene gekennzeichnet, womit die potentielle menschliche Vielfalt eingeschränkt und seine Fähigkeit zur Verwandlung auf ein Minimum reduziert worden sei.
Das ist der Kern des Konflikts des Einzelnen in der modernen Massengesellschaft. Indem der Mensch sich nicht mehr verwandeln kann, hat er die wichtigste anthropologische Grundlage verloren, die es ihm ermöglicht hatte, seine Umwelt zu ‚erfassen’, sich in ihr zu verwirklichen, sie zu beeinflussen und sie damit auch zu ändern.

Verwandlung hier als ein spiritueller Prozess verstanden, macht deutlich, woran es den menschlichen Errungenschaften mangelt. Spiritualität (Intuition und Empathie). Würde sich die Angst des einzelnen transformieren in ein bedingungsloses Vertrauen, bliebe nur noch die Angst der Mächtigen, ihre Macht und Kontrolle über die Angst der Masse zu verlieren.
Macht bis hin zum Machtmissbrauch in all seinen Facetten, im großen wie auch im kleinen, in all seiner Destruktivität, verträgt sich nicht mit universeller Spiritualität, als Ausdruck zur Liebe, Harmonie und des Friedens. Macht und Spiritualität schliessen sich einander aus.

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