Meditation für Menschen in unserer modernen westlichen Kultur

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Meditation für Menschen in unserer modernen westlichen Kultur – Leseprobe aus

von Anna Trökes
Kapitel: Meditation für Menschen in unserer modernen westlichen Kultur

In den Kulturen des Orients ist die Meditation seit jeher ein ganz wesentlicher Bestandteil der religiösen und spirituellen Kultur. Im Grunde ist es in den Kulturen des Okzidents nicht wesentlich anders, aber im Gegensatz zu ihnen wurde im Osten eine vielgestaltige und reiche »Meditationskultur« entwickelt.

Das bezieht sich einerseits auf die Ausrichtung, denn Meditation steht nicht für sich, sondern ist vielmehr ein wesentlicher Schritt auf dem Weg der Einswerdung. Daraus ergibt sich, dass in vielen Traditionen die Techniken der Meditation so entwickelt wurden, dass sie Übende sehr weit in die Vertiefung beziehungsweise Erweiterung der Wahrnehmung zu führen vermögen, bis hin zur Erfahrung »Ich bin es« oder »Ich bin ⁄iva« – also »Ich bin Gott«.

Andererseits beziehen sich diese Vielgestaltigkeit und dieser Reichtum auch auf die Methoden.

Sie bieten etwas für alle: für Anfänger/innen und Geübte, für Menschen, die Gott suchen, wie für Menschen, die mit der Vorstellung eines Gottes nicht so viel anzufangen wissen; für Menschen, die mehr intellektuell ausgerichtet sind, wie für ganz »schlichte Gemüter«; für Menschen, die gerne still sitzen, und solche, die nur durch Bewegung zu sich finden.

Es gibt eine so überwältigende Vielfalt von Meditationsmethoden, dass in diesem Buch nur ein verschwindend geringer Ausschnitt gezeigt werden kann. Viele dieser Traditionen entstanden vor Hunderten von Jahren und bestehen fast unverändert bis heute fort.

In Ländern wie Indien, Nepal, Tibet, Sri Lanka, Thailand, Burma und Japan wird Meditation nach wie vor in organisierter und privater Form praktiziert, und zwar gleichermaßen von Mönchen, Nonnen und Laien. Dort findet man es normal, wenn sich Menschen aller Berufe zu bestimmten Zeiten zurückziehen, um sich ihrer spirituellen Praxis zu widmen. Das ist gesellschaftlich nicht nur erwünscht, sondern sogar hoch angesehen.

Diese lebendige Meditationskultur übt auf westliche Menschen einen starken Reiz aus.

Im Westen waren Kontemplation und Meditation traditionell sehr stark in der christlichen Kirche verwurzelt, also in einer Tradition, die in vielen europäischen Ländern in den letzten Jahren nicht nur massiv an Einfluss, sondern auch an Ansehen verloren hat.
Das hat nicht nur zu tun mit diversen unseligen Verbindungen, die die Kirche in der Vergangenheit mit dem Staat und der Hochfinanz eingegangen ist, sowie ihrer Rolle in den Kriegen dieser Welt. Ich glaube, der wesentliche Grund ist, dass die Kirche im Ruf steht, erstarrt und verkrustet zu sein, und den Menschen mit ihren aktuellen Bedürfnissen nur wenig zu bieten hat.

Entsprechend sind die Kirchgänger inzwischen europaweit stark überaltert, und junge Menschen finden sich nur noch zahlreich zu den Kirchentagen ein. Im Christentum waren Zeiten der Verinnerlichung früher sehr stark mit dem religiösen Ritual und den kirchlichen Feiertagen verbunden, man denke nur an die Fastenzeit zwischen Karneval und Ostern.
Über den Kirchenkalender wurde in Übereinstimmung mit den Jahreszeiten festgeschrieben, wann Einkehr zu halten und wann die Zeit der Freudenfeste war. Dadurch bekamen die Tage, die Jahre und das Leben der Menschen Struktur und Ordnung. Die kirchlichen Rituale sahen Raum und Zeit für das Gebet und die Anbetung vor und gaben die Möglichkeit, Gefühle zu äußern.

Viele kirchliche Feste und Rituale haben vor allem während der letzten fünfzig Jahre an Bedeutung verloren oder sind zu touristischen Attraktionen verkommen.

Das gilt auch für den privaten Bereich. Nicht nur Geburtstage, sondern sogar Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen werden heute vielfach ohne größeren Aufwand und nur im kleinen Kreis begangen – man mag schon gar nicht mehr »gefeiert« sagen. Besonders in den Städten werden große Feste von den Eingeladenen oft als Belastung empfunden, und der Charakter der Dorffeste hat sich auch sehr gewandelt. Es gibt kaum noch besondere Tage, sondern nur noch Arbeitstage und freie Tage. In deren Verlauf gibt es nur noch wenige Rituale – außer vielleicht, dass man pünktlich um 20 Uhr die »Tagesschau« einschaltet.

Selten, dass ein Tischgebet gesprochen oder mit den Kindern vor dem Einschlafen gebetet wird. Es gibt keine anerkannten Momente der Andacht und der Reflexion, wie es früher das persönliche Gebet sein konnte. Vielmehr klagen die Menschen in unserer Kultur darüber, dass der Alltag wie ein Mahlstrom sei, der sie mit sich reißt und in dem sie oft alle Kraft und Aufmerksamkeit brauchen, um nicht unterzugehen und sich nicht zu verlieren. Manchmal hat es den Anschein, als hätten sich die Menschen der modernen Welt einen Alltag erschaffen, der nicht nur besagtem Mahlstrom ähnelt, sondern zudem einer emotionalen Wüste gleicht, in der alles auf ein reibungsloses Funktionieren ausgerichtet ist. Im Berufs- und Geschäftsleben haben Gefühle ebenso wenig Platz wie ein persönlicher Rhythmus von sich nach außen und nach innen wenden. Vielmehr haben viele Menschen inzwischen durch E-Mails und Mobiltelefone eine ununterbrochene Anwesenheitspflicht.

Tief drinnen jedoch ist in den Menschen das Bedürfnis nach sinnvollen Ritualen und Festen unverändert wach.

Nicht anders ist zu erklären, warum Zehntausende zur buddhistischen Einweihung oder zum Dalai Lama pilgern, um die halbe Welt reisen, um die Kumbha Mela in Indien oder den großen jährlichen Pow Wow in Gallup, Arizona, zu erleben. Nur aus dieser tiefen Sehnsucht ist zu verstehen, warum man heute in den Ashrams und Klöstern Indiens, Sri Lankas, Thailands und Japans so viele Menschen aus dem Westen antrifft, und zwar vor allem aus den Ländern, die mit ihren Ritualen und Festen besonders gründlich aufgeräumt haben wie Deutschland, die Schweiz, Italien und Israel. Manche bleiben nur ein paar Wochen oder Monate, manche ihr Leben lang – unfähig, sich wieder dem dürren Alltag und den Anforderungen ihrer Herkunftsländer zu stellen.

Natürlich spielen bei diesem spirituellen Tourismus romantische Verklärungen und Wunschdenken eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der harte Alltag anderer Kulturen wird willig ausgeblendet. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass auch eine unreflektierte Sehnsucht einen starken Antrieb bedeutet. Der Antrieb hilft, das in der Ferne Erlernte nicht nur nach Hause mitzubringen, sondern es auch so den hiesigen Begebenheiten anzupassen, dass es in unserer Umwelt überleben kann. Er hilft, das Fremde zu übersetzen, so dass es für die Menschen unserer Kultur verständlich oder anwendbar wird. So ist es mit Yoga und Zen, Tai Chi, Vipassana, Sufismus, tibetischen Praktiken und vielen anderen spirituellen Praktiken Asiens geschehen.

Was bietet die Meditation westlichen Menschen?

Abgesehen davon, dass eine regelmäßige Meditationspraxis hilft, dem Alltag Struktur zu geben, und sie wie ein tägliches Ritual vollzogen werden kann, abgesehen auch vom spirituellen Anliegen der Praktizierenden, gibt es einige ganz konkrete Gründe, die Menschen zur Meditation finden lassen und ihnen helfen, dabeizubleiben. Da in unserer Kultur keine Zeiten vorgesehen sind, in denen man sich von der Außenwelt und der Familie zurückzieht, muss man sich explizit einen Zeit-Raum einrichten, der einem ganz alleine gehört.

Wenn Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und der Chef akzeptiert haben, dass es eine bestimmte Zeit am Tag gibt, in der man nur im echten Notfall gestört werden darf, hat man damit einen Raum geschaffen, in dem man Abstand zum Getriebe des Tages gewinnen kann. Man lernt dort, aus einer gewissen inneren Distanz auf die Ereignisse und Begebenheiten zu schauen, die vor oder hinter einem liegen, und sie mit zunehmender Gelassenheit zu betrachten.

Es wird dem Übenden schnell deutlich, dass das scheinbare Nichtstun in der Meditation vielmehr ein wirklich sinnvolles Tun ist, oft viel sinnvoller als vieles, was man an seinem Arbeitsplatz tun und darstellen muss.

Mit Hilfe einer Meditationspraxis kann plötzlich das ganze Leben wieder Sinn und Ausrichtung bekommen.

Die Ausrichtung liegt in der Erkenntnis, dass Meditation ein wirksames Mittel ist, der Selbstentfremdung entgegenzuwirken, denn sie hilft einem immer wieder verlässlich, zu sich zu kommen, sich selbst zu finden und mehr und mehr in sich zu ruhen.

Wenn man regelmäßig meditiert, wird man nach und nach vielen Gedanken, Empfindungen, Stimmungen und Gefühlen begegnen, die man im Alltag unterdrücken muss. Vielleicht ist man in einem Beruf tätig, der es erfordert, dass man immer offen, zugänglich und freundlich ist, egal, wie einem gerade ums Herz ist.

Wenn man ein solches Verhalten Tag um Tag wiederholen muss, hat es die Tendenz, sich zu verselbständigen, so dass man vielleicht nach einigen Jahren ganz vergessen hat, dass da auch noch andere Verhaltensweisen und Gedanken sind. Sie sind zum Schattenanteil geworden: unsichtbar, aber dennoch machtvoll, da sie den Menschen unmerklich manipulieren und sich vor allem sehr stark in der Art der Stimmung und Gemütsverfassung niederschlagen.

Wenn man sich in der Meditation selbst begegnet, entsteht daraus Einsicht in das eigene Wesen mit den individuellen Licht- und Schattenseiten.

Und in dem Maße, in dem man Einsicht in das eigene Verhalten und die eigenen Reaktionen gewinnt, kann man auch lernen, das Verhalten und die Reaktionen seiner Mitmenschen besser zu verstehen und zu akzeptieren. In dieser Hinsicht wirkt eine regelmäßige Meditationspraxis stressreduzierend.

Die Regungslosigkeit des Körpers und das Stillwerden des Geistes helfen, erhöhten Blutdruck zu senken, Symptome der Nervosität zu lindern, durchgehend und tief zu schlafen und sich allgemein besser in den Ruhephasen zu regenerieren.

Regelmäßige Meditation trainiert auch unser vegetatives Nervensystem.

Es kann dann schneller vom anregenden Sympathikus auf den beruhigenden Parasympathikus oder Vagus umstellen. Außerdem lernt man zunehmend in anstrengenden Situationen, in denen der Sympathikus normalerweise auf Hochtouren läuft, entspannter und gelassener zu bleiben und die Ereignisse mit einem inneren Abstand zu betrachten.

Eine weitere wichtige Motivation hängt wahrscheinlich eng mit dem System zusammen, in dem sich die praktizierte Meditationsform entwickelt hat. Sie führt manchmal zu einer neuen spirituellen Heimat, aber auch oft zum Ersatzglauben. So praktizieren heute nicht nur viele Menschen beispielsweise buddhistische Meditationen, sondern konvertieren auch zum Buddhismus. Die Werte, die sie dort zu finden hoffen, sind vielfach solche, die sich auch in unserer christlichen Kultur finden ließen, aber im institutionalisierten Glauben zu wenig Raum und Ausdruck bekommen.

Menschen, die einen ganzheitlichen Weg der Körperarbeit praktizieren, wie Yoga, Tai Chi, Chi Gong, Aikido oder andere Methoden, werden dadurch fast automatisch zur Meditation geführt. Wenn man nach dem Üben bei sich angekommen und der Geist still geworden ist, erscheint es ganz natürlich, anschließend in dieser Stille sitzen zu bleiben.

So finden viele Menschen zur Meditation, die ursprünglich vielleicht lediglich etwas für ihre Gesundheit tun wollten. Die meisten Menschen, die die Disziplin aufbringen, regelmäßig zu meditieren, haben eine starke innere Motivation und sind oft spirituell Suchende.

Für andere ist heute Meditation ein Element ihres Lifestyles.

So gilt es inzwischen unter jungen, kreativ arbeitenden Menschen wie beispielsweise Models, Tänzern oder Schauspielern als in, von sich zu sagen, dass man meditiert. Die Zukunft wird zeigen, ob sich aus diesem Trend eine neue meditative Ausrichtung des Übens entwickelt, was natürlich wünschenswert wäre.


Vita: Anna Trökeskamphausen-portrait-anna-troekes

Anna Trökes zählt mit über 20 Publikationen zu Themen des Haṭha-Yoga und der Yoga-Meditation zu den erfolgreichsten Yoga-Lehrerinnen im deutschsprachigen Raum.
Sie unterrichtet seit 1974 die ganze Bandbreite des Yoga, ist seit 1983 Ausbilderin im BDY und anderen Institutionen der Yogalehrausbildung und leitet seit 1977 eine eigene Yogaschule in Berlin.

 



Buchtipp:Kamphausen-Cover-meditation-troekes

 Yogameditation – Ein Handbuch
von Anna Trökes

Die renommierte Yoga-Lehrerin Anna Trökes stellt in ihrem Buch die Hauptrichtungen der Yogameditation und ihre traditionellen Wurzeln vor und beschreibt ein großes Spektrum an einfachen wie auch komplexeren Meditationsformen. Sie zeigt ganz konkret, wie man sich auf die Meditation vorbereitet, wie man meditiert, wie man möglichen Hindernissen am besten begegnet und welche Hilfsmittel es gibt.
Ihr Buch vermittelt umfassend die theoretischen wie praktischen Grundlagen der Yogameditation.

Details zum Buch

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