Menschheit, ein zerlegter Komplex: Ist Einheit eine Utopie?

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Menschheit authentizitaet wasserfall gesicht haende waterfallMenschheit, ein zerlegter Komplex: Ist Einheit eine Utopie?

– Was trennt die Menschheit voneinander? Diese Frage kann in wenigen Worten wie folgt beantwortet werden: „Der Mensch selbst.“
Die Problematik der Spaltung der Menschheit kann aus drei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden:

  • Der introvertierten Weltanschauung.
  • Der extrovertierten Weltanschauung.
  • Einer Mischung der beiden Weltanschauungen.

Die Begriffe „introvertiert“ und „extrovertiert“ werden in der Umgangssprache oft missbräuchlicherweise an der Stelle der Begriffe „verschlossen“, „in sich gekehrt“, „sozial inkompetent“ und „aufgeschlossen“, „kontaktfreudig“, „sozial kompetent“ verwendet.

Die introvertierte Weltanschauung der Menschheit

(ein introvertierter Mensch) sieht das Problem und die Lösung im Menschen (in sich selbst), während die extrovertierte Sicht (eine extrovertierte Person) ihren Fokus auf der Außenwelt hat, wo sie nach der Ursache der Probleme und deren Lösungen sucht. Dabei kann ein introvertierter Mensch gesellig, aufgeschlossen und kontaktfreudig sein, wie der Extrovertierte in sich gekehrt, verschossen und kontaktscheu sein kann oder umgekehrt.

Diesem Artikel liegt die introvertierte Perspektive zugrunde, da die Erfahrung und Beobachtung zeigen, dass dies der einzig effektive Weg zu einer wahrhaftigen Problemlösung ist.

Betrachten wir die Welt im Allgemeinen aus der introvertierten Sicht, so ist alles, was wir draußen sehen, erleben und wahrnehmen ein Endergebnis unseres (individuellen und kollektiven) Inneres – oder in Jungs Worten „eine Projektion“. So, zum Beispiel, ist der Abfall, den wir in der Welt sehen, nichts weiter als eine Manifestation unseres seelischen Ballasts: Ängste, Traumata, Verletzungen, negative Gedanken, Vorurteile, etc. Ein Mensch, dessen Inneren – seine Seele – gereinigt und „sauber“ ist, würde seinen Müll nicht in der Außenwelt liegen lassen. Oder jegliche zwischenmenschlichen Konflikte sind nichts weiter als innere Uneinigkeiten der jeweiligen Beteiligten, die sich in den Interaktionen mit anderen manifesteren. Somit wäre ein effektiver Weg zur Beseitigung jeglicher unerwünschter äußerer Umstände eine tiefe Auseinandersetzung mit unserem Inneren.

Menschheit – Die Betrachtung der Problematik der menschlichen Spaltung aus der introvertierten Sicht mag auf dem ersten Blick keinen rationalen Sinn ergeben.

Wie soll auch das, was den Mann von der Frau, den schwarzen Mann von dem Weißen oder den Juden von dem Christen trennt, mit dem inneren des Menschen zu tun haben? Doch werde ich versuchen, diesen Gedankengang so gut wie mir möglich zu veranschaulichen. Ein anschauliches Beispiel für diese These liefert uns die Geschichte Siddharthas von Hermann Hesse oder mein eigenes Buch „Das kleine, schwarze Fischlein – a diary“.

Betrachten wir den Menschen als ein Komplex, das aus mehreren Schichten besteht. Die erste und am einfachsten erkennbare Lage ist das, was wir „Bewusstsein“ nennen: Alles, was wir – über uns und unser Umfeld – mit den fünf Sinnen wahrnehmen und speichern können. Dieser Teil macht im Vergleich zu dem Rest ein kleiner Bruchteil von uns aus. Die zweite Lage ist das persönliche Unbewusste: Alles, was wir unbewusst in uns saugen, alle verdrängten oder vergessenen Erfahrungen aus diesem Leben und darüber hinaus, unsere Erlebnisse aus den früheren Leben – dies gilt unabhängig davon, ob wir an Reinkarnation glauben oder nicht. Auch in diesem Bereich gibt es bereits mehr als genug Studien – wie die von Dr. Michael Newton – die zumindest die Möglichkeit der Wiedergeburt der menschlichen Seele nicht ausschließen, auch wenn sie sie nicht zu hundert Prozent beweisen können. Und die dritte Schicht wäre das kollektive Unbewusste: Alles, was in dem kollektiven Feld je vorhanden war, ist oder sein wird, inklusive kollektiven Glaubenssätze, religiösen und kulturellen Urbilder aller Erdbewohner usw.

Das kollektive Unbewusste ist keine „Theorie“ oder „Hypothese“,

sondern – wie u.a. Jungs jahrelange empirische Studien und Beobachtungen zeigen – so real wie die Sonne und die Erde, bloß unsichtbar für diejenigen, deren Augen zu den inneren Geschehnissen verschlossen sind. Jeder von uns hat sicherlich mindestens einmal einen Traum gehabt, mit dem er sich persönlich nicht identifizieren konnte, oder in einer bestimmten Situation auf einer Art und Weise so gehandelt, dass er sich selbst fremd war. Das ist, wenn uns (in unseren Träumen) der Zugang zu dem kollektiven Unbewussten geöffnet wird, oder (im Wachleben) unsere Urbilder – die Archetypen – durch uns agieren.

Rumi beschreibt dieses kollektive Aspekt des Menschen mit folgenden Worten: „Du bist kein Tropf im Ozean, sondern der Ozean in einem Tropfen.“ Ändern wir nun diese Aussage wie folgt: „Du bist ein Tropf im Ozean und der Ozean in einem Tropfen“, so veranschaulichen wir die Individualität und Kollektivität des Menschen in wenigen Worten.
Die Beziehung zwischen dem Selbst und dem kollektiven Unbewussten kann in der ersten Näherung durch die Analogie zu der Beziehung zwischen dem Individuum und der Sozietät geschildert werden. Der Mensch ist nicht die Gesellschaft, doch wird er durchgehend von jener geprägt, so wie das Selbst nicht mit dem kollektiven Unbewussten identisch ist und doch von jenem stark beeinflusst wird.

Jede der drei erwähnten Schichten des Menschen ist an und für sich mehrschichtig.

Dies macht aus einem einzigen Menschen ein Komplex von unzähligen bewussten und unbewussten Teilen. Verantwortlich für die Problematik der Spaltung sind die unterbewussten Lagen in uns: das persönliche und kollektive Unbewusste.

Ein simples jedoch geläufiges Beispiel zur Darstellung dieser Thematik liefern uns diejenigen Ex-Raucher, welche eine große Abneigung gegenüber den Rauchern entwickeln, nachdem sie selbst mit dem Rauchen aufhören. Diese feindliche Einstellung kommt daher, dass sie zwar – aus welchem Grund auch immer – mit dem Konsum der Zigaretten aufgehört, jedoch mit dem Raucher in sich keinen Frieden geschlossen haben. Dieser Konflikt zwischen zwei inneren Teilen eines und desselben Menschen stammt aus dem Versuch, den einen Teil (Raucher) durch eine völlige Identifikation mit dem anderen (Nicht-Raucher) zu verdrängen, und alles Verdrängte landet in dem Unterbewusstsein und wird auf die Außenwelt projiziert.

In anderen Worten: Der fanatische Ex-Raucher in unserem Beispiel verachtet den Raucher in sich selbst und projiziert dieses feindliche Bild von sich selbst und damit seine eigene innere Spaltung auf die Raucher um sich herum und sorgt damit für eine äußere Spaltung. Denn für ihn spaltet sich die Menschheit – solange jener innere Konflikt besteht und die Projektion stattfindet – in zwei Gruppen: Raucher und Nicht-Raucher, wobei die Letzteren – durch seine eigene Bewertung – den Ersteren überlegen wären.

In diesem Beispiel liegt ein innerer Konflikt in dem persönlichen Unbewussten der (inneren und äußeren) Spaltung zugrunde. Wobei zu erwähnen ist, dass die bloße Feststellung und Gruppierung nach gewissen Eigenschaften (z.B. die Kategorisierung in „Raucher/Nicht-Raucher“) alleinig nicht für die Spaltung sorgt, sondern viel mehr die Bewertung und der damit verbundene höhere oder niedere Rank, den die eine Gruppe gegenüber der anderen bekommt.
Während die äußere Spaltung im Fall des fanatischen Ex-Rauchers ihre Wurzel in einem inneren Konflikt in dem persönlichen Unbewussten hat, haben Trennungen zwischen Geschlechter, Rassen, Religionen, Kulturen, Nationalitäten, Farben und den Gleichen ihre Ursache in dem kollektiven Unbewussten.

Jenen Gedankengang versuche ich anhand der aller ersten Aufteilung der Menschheit, zu erklären: die Trennung zwischen den Geschlechtern, der Ursprung aller Spaltungen.

„Deine Seele ist die ganze Welt“, heißt es in Hermann Hesses Siddhartha. In dieser Ganzheit stecken das Weibliche und das Männliche gleichsam drin. Die chinesische Philosophie spricht in diesem Zusammenhang von „Yin und Yang“, was Jung „Anima und Animus“ nennt. Dabei hängt die Manifestation der jeweiligen Energien nicht zwangsläufig mit dem biologischen Geschlecht zusammen. So kann sich die männliche Energie in einem weiblichen Körper manifestieren oder umgekehrt. Je nachdem welche Maske bewusst ausgelebt wird oder mit welcher Persona sich ein Mensch mehr identifiziert, bleibt der Gegenpol im Schatten des Unbewussten und wird somit projiziert.

So entwickelt, zum Beispiel, ein Mann, der sich mehr und mehr mit seinem Animus so identifiziert, dass er darin schmilzt und somit die Anima in sich völlig verdrängt, eine feindliche Einstellung gegenüber jenem unbewussten Teil in sich. Es findet ein innerer Konflikt statt, dieses Mal in dem kollektiven Unbewussten. Er spürt Emotionen, welche von der Gesellschaft um ihn einem Mann nicht zugeschrieben werden.

„Ein echter Mann weint nicht“, hallt in seinem Kopf in dem Moment, in welchem sich seine Augen mit Tränen füllen. Das Augenwasser trocknet und der Kloß im Hals wird runtergeschluckt und damit auch die Anima. Unsere Archetypen können in der ersten Näherung wie eigenständige Persönlichkeiten betrachtet werden, was in Wirklichkeit nicht so ist, doch gibt uns diese Analogie die Gelegenheit, uns ein grobes Bild von diesem schwer in Wörtern wiederzugebenden Konzept zu verschaffen.

Wenn sie unterdrückt werden, fangen sie den Kampf um eine Manifestation an.

Durch die Unterdrückung der Anima des Mannes, entwickelt er ein frauenfeindliches Bild vor allem gegenüber jener Frauen, die eine Manifestation des Anima-Achetypus sind und gleichzeitig zieht er genau die Sorte Frauen in sein Leben an, die eine dominierten Anima besitzen. Dass so eine Partnerschaft zwischen zwei nicht balancierten Menschen nur eine reine Katastrophe voller gegenseitigen Vorwürfe sein wird, bedarf aus meiner Sicht keiner weiteren Erläuterungen.

Doch in Wirklichkeit gilt diese gegnerische Einstellung nicht der Frauen in der Außenwelt, sondern der Anima in sich drin. Das Gleiche gilt selbstverständlich für die Frau, die sich mit ihrer Anima-Maske so identifiziert, dass der Animus in ihr gar keine Chance mehr hat, sich „zu Wort zu melden“. Der Satz „Männer sind Schweine“ kann nur aus dem Munde jener Frau herauskommen, in deren Inneren ein Kampf zwischen Anima und Animus stattfindet.

Diese Darstellung der Spaltung der Geschlechter kann nun als eine Vorlage zum Verständnis jeglicher Trennungen im kollektiven Feld verwendet werden, denn die Ganzheit der Seele besagt, dass auch in dem Christen einen Teil des Juden steck, so wie der weiße Mann den Schwarzen in sich trägt. Somit ist die Bewusstmachung der täglichen Projektion ein effektiver Weg zur Selbsterkenntnis und ein Lösungssatz zur Beseitigung der menschlichen Spaltung.

Menschheit eine Einheit, ein unerfüllbarer Traum?

Nach dem Erkennen der Wurzel des Problems liegt die Lösung auf der Hand. Wenn die in der Außenwelt existierende Spaltung der Menschheit nichts weiter als eine Projektion der inneren Spaltung jedes einzelnen Menschen ist, dann kann die Einheit der Menschheit alleinig durch die innere Vereinigung aller Teilen eines und desselben Menschen erreicht werden, so wie es für Hermann Hesses Siddhartha am Ende der Fall war oder für „Das kleine, schwarze Fischlein“.

Ein Leitfaden dazu liefert uns die Beobachtung unserer eigenen Vorurteile. Das ist ein wunderbarer Anfang zur inneren Einheit. Wird mir bewusst, dass ich über den betrunkenen Obdachlosen innerlich geurteilt habe, so gehe ich in mich, finde den Obdachlosen in mir, lerne ihn kennen, umarme ihn und schließe Frieden mit ihm ab und schon haben sich zwei getrennte Teile in mir vereinigt und die äußere Einheit schleißt sich daraus an. Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der uns indoktriniert wurde, dass Problemlösungen jede Menge Geld kosten müssen, dass ein Problem nur durch teure Kurse, Bücher, Behandlungen, Therapien, Beratungen oder Führer, Gurus und Spezialisten gelöst werden kann. Dabei gibt es eine sehr leichte Formel zur Bewältigung jeglicher Differenzierungen, die jeder ohne „Führung“ durchführen kann, wenn er in sich geht: Die Wurzel des Problems zu finden und dort befindet sich ebenso die Lösung.

Ob die Einheit nun eine Utopie ist?

Das wäre vielleicht zu pessimistisch so etwas zu behaupten. Aus meiner Sicht ist die Einheit ein Ziel, das wir als Menschheitsfamilie anstreben (sollten). Und wie bei fast allen anderen Erfahrungen im Leben ist auch in diesem Fall der Weg viel wesentlicher als das Ziel selbst.
Folgender Gedanke mag auf dem ersten Blick widersprüchlich wirken, doch das ist das große Geheimnis des Lebens: Das, was dualistisch scheint, ergänzt sich in Wirklichkeit. Die Trennung der Menschheit ist in der Tat die notwendige Bedingung zur Einheit.

Wie Rumi es in einem Vers wiedergibt: „Doing as others told me, I was blind. Coming when others called me, I was lost. Then I left everyone, myself as well. Then I found everyone, myself as well.“1

Was das Wort „Others“ (Die anderen) in diesem Zusammenhang bedeutet, kann von jedem von uns im Bezug auf seiner jetzigen Situation interpretiert werden. So kann mit „Others“ die Menschen um einen herum gemeint sein; Familie, Freunde, Arbeitskollegen, oder aber die Gesellschaft, die Religion, die Kultur, in denen wir eingeboren sind, jegliche Glaubenssätze, oder gar das kollektive Unbewusste. Doch eins ist eindeutig: Um die Einheit zu erreichen, musste sich Rumi erst von allem lösen, selbst von sich selbst oder besser gesagt von den Masken, mit denen er sich zuvor identifiziert hatte.

Ein Fernsehergerät funktioniert nur als Ganzes, doch verstanden wird es nur dann, wenn es in seinen Einzelteilen zerlegt wird. So hat sich die Seele der Menschheit, in der das Ganze steckt, in ihren Einzelteile zerlegt und manifestiert, damit sie durch die bewussten Sinne wahrgenommen, studiert und verstanden wird. So entstanden der Mann und die Frau, die unterschiedlichen Rassen, Kulturen und Religionen als Manifestation jener inneren Bilder der kollektiven Seele.
Doch genauso wie das Fernsehergerät in seinen zerlegten Teilen studiert und verstanden werden kann, jedoch nur als Ganzes funktioniert, genauso ist auch die menschliche Seele nur als Ganzes funktionsfähig.

Welche Entwicklungsperspektive gibt es für die Menschheit?

Diese Frage bleibt so offen, wie die Zukunft der Menschheit und hängt einzig und allein von jedem Einzelnen von uns ab. Gerade jetzt, wo die Spaltungen so augenscheinlich sind wie selten zuvor, haben wir die beste Möglichkeit, zur Einheit zu gelangen. Die introvertierte Weltanschauung sieht zurecht das Individuum als die führende Gewalt, Änderungen herbeizuführen. Wir können da sitzen und hoffen, dass eine Macht von außen uns befreit – sei es ein anderer Mensch, auf den wir unsere Hoffnung setzen oder eine höhere Gewalt. Doch dies wird nichts außer einer Illusion gefolgt von einer großen Enttäuschung sein.

Das zeigt uns ein Blick in die jüngste Geschichte:

Ist Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wahrhaftig von den Alliierten befreit worden? Würde ein echt befreites Volk nur kurze Zeit nach der angeblichen Befreiung wieder einmal in so einem großen Käfig sitzen wie dem Jetzigen? Es gibt zahlreiche Beispiele in der Geschichte, die eindeutig darauf hinweisen, dass eine Befreiung von außen eine Fantasievorstellung ist. Das heißt, wie sich die Menschheit als Ganzes entwickeln wird, hängt alleinig von der Entwicklung jedes Individuums ab.

Das Baby muss neun Monate im Mutters Leib verweilen, bevor es das Licht der Welt erreichen kann, aber genauso notwendig ist die Trennung von der Mutter nach neun Monaten, wenn es weiterleben will. In den ersten Jahren kann das Kind nur in der Gesellschaft anderer Menschen überleben. Doch dann kommt die Pubertät, wenn die Trennung von der Familie der einzig gesunde Weg zum Überleben ist. Wird diese Trennung etwa durch die Ängste der Eltern verhindert, so trennt sich der Mensch nie wirklich von seinen primären Bindungen und bleibt somit für immer „ein Kind“ unabhängig davon, wie alt er auf dem Papier wird.

Der Mensch, der es geschafft hat, die zweite Phase der Trennung zu vollenden, hat die Möglichkeit einige Jahre später eine weitere und tiefere Trennung zu vollziehen, die ihn letztendlich zu der Einheit führen kann:

Die Trennung von der Gesellschaft, allem, was ihn in den Jahren des Lebens in Form von Glaubenssätze injiziert wurde, vom Blut und Boden, und letzten Endes von allen Masken, mit denen er sich jahrelang identifiziert hatte. Dabei muss der Mensch sich nicht nur von Vater und Mutter trennen, er muss auch alle gesellschaftlichen Fesseln zerreißen, die ihn zu einem Abhängigen von einem Herren machen.

Der nächste Schritt der Entwicklung wäre, eigene Prinzipien und Überzeugungen zu erwerben und damit sich selbst treu zu werden, anstatt einer äußeren fremden Stimme zu gehorchen.
Zu wahren Freiheit gelangt letztendlich nur derjenige, dem es gelingt, sich von allen primären Bindungen zu lösen, welche ihm zwar Sicherheit gewähren, ihn jedoch gleichzeitig abhängig und unfrei machen. Diese Etage erreichen nur wenige Menschen, weil die meisten die zweite Phase während der Pubertät nicht völlig vollziehen können.

Die Entwicklung der Menschheit als Ganzes kann durch eine Analogie zu dem obigen Beispiel veranschaulicht werden.

Entsteht „das Ganze“ nicht aus jedem Einzelnen von uns? Was wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist jedoch, dass die Mehrheit der inkarnierten Seelen unerfahrenen Seelen sind. Daher bleibt die Frage offen, wann diese Einheit nun erreicht werden könnte. Kann ich von einem Erstklässler, der gerade dabei ist, die einfachsten mathematischen Operationen zu lernen, erwarten, Einsteins Relativitätstheorie zu verstehen oder von einem Kind, das gerade die ersten Schritte in seinem Leben gelaufen ist, verlangen, ein Marathon zu laufen?

Zusammengefasst heißt dies für den erwachten Menschen, dass er, der seine eigenen Trennungs- und Einheitsprozesse vollzogen hat und zum Ganzen wurde, nur durch Verständnis, Geduld, Offenheit und Vertrauen in dem ganzen Prozess die äußere Einheit manifestieren kann. Jegliches Urteilen über die äußeren Umstände und das Verhalten anderer Menschen sorgt für eben mehr Spaltung des ganzen Komplexes.

Es ist schwer, eine eindeutige Prophezeiung der menschlichen Entwicklung zu treffen.

Von dem Ausgangspunkt, an dem wir uns momentan kollektiv befinden, ist alles möglich. „Die Freiheit beginnt mit der Fähigkeit des Menschen zu leiden, und er leidet körperlich und geistig, wenn er unterdrückt wird“, schreibt Erich Fromm in seinem Werk „Ihr werdet sein wie Gott“. Das ist das Schöne, aber gleichzeitig auch für viele Menschen das Beängstigende an der Geschichte, und eben diese Urangst vor dem Unbekannten hält sie davon ab, das Alte und Bekannte loszulassen.

Was sich am Ende als Ergebnis manifestiert, hängt einzig und allein von uns selbst ab: Schaffen wir es, uns als Individuum zu befreien, wird das Goldene Zeitalter nicht weit weg von uns liegen. Dabei ist es aus meiner Sicht nicht einmal notwendig, dass jedes Individuum diese Befreiung völlig erreicht.

Zu einem kollektiven Erwachen reicht das Erwachen einer relativ kleinen Gruppe der Menschen, die es schaffen wird, die Welt von innen nach außen zu ändern und die innere Einheit in der Außenwelt zu manifestieren. Doch damit dies tatsächlich passiert, muss diese kleine Gruppe wahrhaftig zur inneren Einheit gelangt sein, denn ich kann zwar versuchen, nach außen den Eindruck zu erwecken, ich sei „erleuchtet“, weil ich bestimmte Kriterien erfülle, regelmäßig meditiere oder Yoga betreibe oder große Sprüche klopfe, doch das höhere Bewusstsein bleibt ziemlich unbeeindruckt davon, da es dem Menschen in das Innere schaut und sich nicht tricksen lässt. Am Ende zählen die Taten und nicht die Worte.

Schaffen wir es nicht, diesen Schritt zu wagen, dann wird das Goldene Zeitalter trotzdem kommen, doch erst nach einer langen kollektiven dunklen Nacht der Seele, während der die Menschheit noch mehr unterdrückt werden wird, damit sie noch mehr leidet und dies wird so lange weitergehen, bis der Grad des Leidens die menschliche Belastbarkeitsgrenze und Anpassungsfähigkeit überschreitet.

Warum sind Frauen wichtig für die Einheit der Menschheit?

Diese Frage kann und will ich in dieser Form nicht beantworten, weil ich nicht in „Mann und Frau“ denke. Die Formulierung „Warum sind Frauen wichtig für die Einheit der Menschheit?“, sorgt für jede Menge weitere Fragen, die ebenfalls beantwortet werden müssten, wie zum Beispiel: „Sind Männer denn nicht wichtig für die Einheit?“ – „Warum sind Männer wichtig für die Einheit?“, usw. Das Denken in „Mann und Frau“ an sich ist die Voraussetzung für die Spaltung. Doch möchte ich dieses Thema auch nicht einfach so stehen lassen. Daher beziehe ich mich auf meine eigene Weltanschauung, in der es kein „Mann und Frau“ gibt, sondern männliche und weibliche Energien.

Wie bereits erwähnt, kann sich jeder dieser Polen unabhängig von dem biologischen Körper manifesteren. Und meine Beobachtung zeigt, dass dies mittlerweile kein Einzelfall ist, sondern sehr oft vorkommt, dass gerade der eine energetische Pol sich in dem körperlichen Gegenpol manifestiert – vielleicht weil wir eben der Einheit näher kommen, und durch die Manifestation der weiblichen Energie im Körper eines Mannes oder umgekehrt, versuchen, die innere Einheit und das Gleichgewicht der Geschlechter in uns zu erreichen.

Die weibliche Energie spielt in der Tat eine wesentliche Rolle für die Einheit der Menschheit und ist – soweit ich es beurteilen kann – momentan in Führung.

Wir leben seit Generationen in einer männerdominierten Welt, in der die maskuline Energie viel Raum eingenommen hat, um sich zu manifestieren. Das Ergebnis daraus ist, die Entstehung einer hoch industrialisierten, digitalisierten, technischen und materialistischen Welt, in der die Emotionen und die menschlichen Werten an der Bedeutung verloren haben. Diesen Schluss will ich ohne Bewertung in den Raum stellen.

Das ist in der Tat ein Teil des Prozesses gewesen, denn alles, was in der kollektiven Seele steckt inklusive den Schatten, sollte auch den Raum bekommen, sich zu manifestieren, um damit aus dem Schatten heraus und ins Licht gestellt zu werden. Doch bewirkte diese Dominanz der männlichen Energie gleichzeitig eine Unterdrückung des weiblichen Poles, während der alles Seelisches und damit die Emotionen und Werten immer mehr an Farbe und Bedeutung verloren haben.

Dieser Prozess kann nicht unendlich so weitergehen, ohne irgendwann in sich zu kollabieren, denn jedem Ungleichgewicht muss früher oder später ein Gleichgewicht folgen.

Daher ist ein Erwachen der weiblichen Energie als Nächstes zu erwarten: Das sich Befreien von allen Unterdrückungen und Erpressungen und von den Masken, die sie jahrelang tragen musste und stet trägt. Leider haben wir auf dem Weg zur Gleichberechtigung etwas missverstanden: Damit Mann und Frau die gleichen Rechte haben „dürfen“, musste sich die Frau immer mehr männlichen Masken aufsetzen: Frauenquote für höhere Positionen! Ganz ehrlich, wer braucht denn schon so etwas?

Mit der Frage, ob dies, was von der weiblichen Energie im Namen der Gleichberechtigung verlangt wird, der Natur jenes Poles entspricht, haben wir uns wenig bis gar nicht beschäftigt, vielleicht weil ihre Eigenschaften und Spezialitäten als „unwichtig“ und „unwesentlich“ kategorisiert wurden.

„Nur eine Hausfrau“ zu sein, ist zum Beispiel, etwas „Niederes“. Eine Frau ist „nur dann“, etwas, wenn sie sich mit der Maske einer beruflichen Stellung präsentieren kann (Identifikation mit der männlichen Energie). Damit will ich zu keinem Punkt gesagt haben, dass Frauen zu Hause bleiben und nicht arbeiten sollten. Vielmehr geht es hier um ein Gleichgewicht der beiden Polen in demselben Menschen, unabhängig von dem biologischen Geschlecht.

Genauso wichtig wie die berufliche Position für die Entwicklung eines Menschen sein kann, genauso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – sind die Aufgaben einer „nur eine Hausfrau“ als ein Urbild, denn sie ist die Manifestation der weiblichen Eigenschaften: Sie gebärt Liebe, sie erzieht, sie sorgt für die Einheit der Familie, sie ist die emotionale Stütze des familiären Komplexes und vieles mehr. Nun ist es so, dass in einer tief materialistischen Welt, in welcher wir leben, die seelischen Aspekte immer mehr an der Bedeutung verlieren.

Eine wesentliche Rolle der weiblichen Energie zur Einheit, ist somit aus meiner Sicht, eine tiefe Auseinandersetzung mit jenem Pol für jeden von uns, ob nun Mann oder Frau, denn das Weibliche steckt in uns allen drin.

Das (An)Erkennen der weiblichen Stärken und Schwächen und zu guter Letzt das Zusammenführen der beiden Teilen, ist ein wesentlicher Teil des Vereinigungsprozesses, so dass sie mit ihren Gegenseitigkeiten akzeptiert und anerkannt werden und sich ergänzend neben einander leben können.

Und wie alles bereits Erwähnte in diesem Artikel fängt auch hier der Prozess in jedem Individuum an, wo er ebenfalls endet, indem jeder Einzelne, ob Mann oder Frau, sich mit seiner Weiblichkeit und Männlichkeit auseinandersetzt, deren Stärken unterstreicht und deren Schwächen aus dem Schatten lockt, entdeckt und akzeptiert.

Doch die Voraussetzung dafür ist, das Erreichen jener Stufe des Seins, die uns ermöglicht, Dinge vorurteilsfrei zu betrachten, und dies wiederum wird durch die Loslösung alter Glaubenssätze und jeglicher Vorurteile den Geschlechtern gegenüber möglich.

Somit wird der ungültige Glaubenssatz „Ein echter Mann weint nicht“, mit einem Neuen „Ein ausgeglichener Mann zeigt Emotionen“, oder „Es gibt gewisse physikalische Leistungen, die eine Frau aufgrund ihrer Anatomie nicht erbringen kann“, mit „Es gibt nichts auf der Welt, was ein Mann erreichen kann und eine Frau nicht, während es sehr wohl eine Sache gibt, die alleinig von den Frauen ausgetragen werden kann: Schwanger zu werden“, ersetzt.

Diesem Schritt würde eine Wertschätzung und „aus dem Schlaf Weckung“ der Eigenschaften der weiblichen Energie folgen, die Änderung unserer Sicht zu dem bereits Entdeckten und immer gewesenen.

„Nur eine Hausfrau“ zu sein, sollte keine „Schande“ sein, sondern viel mehr eine anerkannte Option und bewusste Entscheidung, die als eine der bedeutsamsten Berufungen verbunden mit großen Aufgaben und Verantwortungen für die Gesellschaft angesehen und wertgeschätzt wird. Die Familie ist die Wiege, in welcher der Mensch für sein gesellschaftliches Leben vorbereitet wird. Bleibt das Feuer der Liebe, Emotionen und Fürsorge in der Familie kalt, so löscht sich das Feuer der Liebe in der großen Gesellschaft immer mehr, so dass das Ergebnis nur eine emotionale Eiszeit der Menschheit sein kann: Eine Sozietät, in der die materielle Werte immer mehr und mehr in den Vordergrund treten, während die menschlichen Lebensprinzipien immer weiter in den Hintergrund geschoben werden.

Am Ende wird nicht dasjenige Kind zu einem glücklichen Erwachsenen und ein gesunder Teil der Gesellschaft, welches diversen Sprachschulen, Ballettkurse und Klavierstunden genießen und PlayStation 4 zocken durfte oder eine Professorin, Ärztin, Richterin oder gar Kanzlerin als Mutter hatte, sondern dasjenige, welches nach der Schule ein warmes Haus betrat, in dem sich ein offenes, urteilfreies und liebevolles Ohr für seine Leiden und Freuden befand.

07.07.2021
Sara Sadeghi
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Sara Sadeghi sara-sadeghi

Die 37-jährige Freiheitsliebhaberin arbeitet heute als zertifizierter Coach für psychische Gesundheit, Bewusstsein und Spiritualität und Energietherapeutin und hat bereits hunderte von Menschen mit ihrer Geschichte inspiriert und geholfen. In ihrem Buch „Das kleine, schwarze Fischlein – a diary“ berichtet sie über ihren Verwandlungsprozess von der Raupe in einen Schmetterling und über ihren Selbstfindungsprozess und die Herausforderungen, die ihr auf diesem Weg gestellt wurden.
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