Muße ist die Energie des Nichtstun

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musse-haengematte-frau-natur-hammrockMuße ist die Energie des Nichtstun

Nicht nur in der Ruhe liegt die Kraft – sogar noch mehr im absichtslosen Nichtstun. Eine Hymne auf eine sträflich unterschätzte Aktivität.

Gibt es ein schöneres Gefühl als das der Muße? Wenn Zeit keine Rolle spielt und du dich selbstvergessen einfach nur dem Müßiggang hingibst; wenn alles bereits erledigt ist und nichts Dringendes ansteht, um das du dich kümmern musst, wenn niemand etwas von dir will und wenn es völlig ausreicht, einfach zu atmen und zu SEIN, sonst nichts, verloren im Tun oder Nichtstun, ganz nach Belieben. Alles ist gut. Du bist bei dir, ganz in deiner Mitte. Mit jedem Atemzug gewinnst du mehr Zugang zu deiner eigenen Kraft und spürst, wie deine Lebensgeister wieder geweckt werden, wie sie fröhlich lachend aufsteigen und herumtollen wie junge Hunde.

Du genießt Muße – diesen herrlich altmodischen und so köstlichen Zustand, den die hektische Freizeitindustrie völlig aus unserem Alltag vertreiben möchte. Kannst du hier hineinfühlen – oder ist es bereits zu lang her, als dass du dich noch daran erinnern könntest? Muße kommt nur, wenn es kein „Muss“ gibt, wenn der Gewaltmarsch der täglichen Pflichten durch ein verspieltes Schlendern, das „ich muss“ durch ein „ich möchte gern“ ersetzt wird. „Nur in einem ruhigen Teich spiegelt sich das Licht der Sterne“, sagt ein altes Sprichwort aus China. Doch wissen wir, wie und wo wir diese Muße im Alltag finden? Wissen wir bei all dem „Relaxen“ und „aktivem Abschalten“ überhaupt noch, was Muße ist?

Die Muße ist ein scheues Reh.

Es flieht, wenn wir ihm nachjagen, und kommt zu uns, wenn wir geduldig darauf warten. „Ruhe zieht das Leben an, Unruhe verscheucht es.“, wusste der Schweizer Dichter Gottfried Keller. Doch wer hat heute noch Zeit und Kopf für Ruhe und Geduld, wenn Stresshormone im Körper Salsa tanzen? Reize, mit denen wir von außen überflutet werden, regen die Hormondrüsen an, Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol auszustoßen. Sie versetzen den Körper in Alarmbereitschaft: Herzschlag, Atem und Blutdruck erhöhen sich, damit wir jederzeit kämpfen oder fliehen können, wenn es wirklich brenzlig wird. Bei gebannter Gefahr kann sich der Hormonspiegel wieder auf seinen normalen Stand einpendeln. Wenn die äußeren Reize aber einfach nicht abnehmen, bleibt er konstant oben und bringt alles aus dem Gleichgewicht, uns schlimmstenfalls ins Burnout. Und diesen massiven Außenreizen sind wir nicht nur während der Arbeitszeit ausgesetzt, sondern viel zu oft auch in unserer Freizeit.

Wir wollen jede Minute optimal nutzen, sind ständig erreichbar und haben jederzeit alles verfügbar, Information wie auch Unterhaltung. Das ist der Anspruch unserer Gesellschaft: aktiv ist gefragt, passiv wird verpönt. Selbst wenn wir nichts tun, sollen wir etwas tun: nicht nur stillsitzen, sondern meditieren; nicht nur abschalten, sondern bewusst regenerieren. Nur SEIN, ohne etwas zu erledigen oder zu überlegen – das ist für die meisten Menschen das Mühsamste überhaupt. Wahre Entspannung ist keine Ablenkung und keine Berieselung. Der Weg zu ihr führt nicht über unsere beliebtesten Freizeitdrogen: Essen und Alkohol, Internet und Fernsehen. Sie wird nicht erreicht, wenn wir in Freizeitstress verfallen, vom Yoga-Kurs zur Meditation hecheln und noch kurz eine Runde joggen, bevor wir uns im heißen Bad entspannen, um danach schön ins Theater zu gehen. Wahre Entspannung bedeutet nicht nur, den Kopf abzuschalten, sondern: allen Zwang vergessen, um das Tun zu genießen, das keinen Zweck verfolgen und zu keinem Ergebnis führen muss.

Ohne Entspannung keine Muße

„Die Muße scheint Lust, wahres Glück und seliges Leben in sich selbst zu tragen“, hat Aristoteles – wie es klingt, leicht erstaunt – festgestellt. Wir kannten sie nicht von Anfang der Menschheitsgeschichte an; erst, als wir nicht mehr 24 Stunden am Tag mit Überleben beschäftigt waren, konnte sie sich uns zeigen. Das Wort kommt von „muoza“, was im Althochdeutschen soviel wie Gelegenheit oder Möglichkeit bedeutet. Der Duden spezifiziert, sie sei „freie Zeit und (innere) Ruhe, um etwas zu tun, was den eigenen Interessen entspricht.“ Diese hochinteressante Definition weist schon darauf hin, warum die Muße in unseren Zeiten so selten geworden ist: Es ist nicht die Freizeit allein, denn rein objektiv haben wir davon aktuell in nie zuvor dagewesener Fülle.

Es ist die innere Ruhe, die uns ermöglicht, etwas mit ihr zu anzufangen, was nur den eigenen Interessen folgt, nicht denen anderer oder solchen, die uns von außen mehr oder weniger subtil auferlegt werden. Muße ist nicht bloßes Nichtstun, sondern ein Schaumbad für die Lebenslust, ein Koffein-Schub für die Kreativität. Nur, wenn wir diese mentale Freiheit haben, können wir uns selbst reflektieren und unsere grauen Zellen all das verarbeiten, was der Alltag bringt, Ordnung im Vorhandenen und so auch Raum für Neues schaffen.

Die Neurologie hat es bewiesen: Es gibt einen „Leerlauf“ im Gehirn, das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk (default mode network), das um die Jahrtausendwende entdeckt wurde. Damit werden bestimmte Regionen im Gehirn bezeichnet, die erst dann aktiv werden, wenn wir unsere Gedanken nicht fokussieren, wie wir es machen, wenn wir eine Aufgabe lösen oder intensiv grübeln. Sie treten erst dann auf den Plan, wenn unser Gehirn ohne Ziel spazieren geht, wenn wir uns „langweilen“ und unseren Wachträumen nachgeben. Dieses Ruhenetzwerk ist bei Alzheimerpatienten, Autisten und Traumatisierten beschädigt, was die Vermutung nahelegt, dass es wichtig für die Wahrnehmung der eigenen Identität ist. Lärm und Reizüberflutung hindern unser Hirn daran, in diesen Zustand zu kommen; eine Reduzierung der Außenreize intensiviert dagegen den mentalen Leerlauf. Unser Geist kann erst dann wirklich entspannen, sich sortieren und kreativ werden, wenn wir ihn von der Leine lassen. Dann finden wir auch den Weg zu unserer eigenen inneren Kraft.

Sofortmaßnahmen bleiben an der Oberfläche.

Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh bringt den unentspannten Zustand unserer Zeit auf den Punkt: „Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tu irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tu nicht einfach irgendetwas – sitz nur da.“ Es ist aber unendlich schwierig, aus unserem Alltagstempo heraus einfach zu entschleunigen. Das ist, als wäre man mit 130 auf der Autobahn unterwegs und wollte dann unvermittelt auf dem Randstreifen parken, um dort ein wenig zu rasten. So funktioniert es eben nicht. Um zur echten Entspannung zu kommen und diesen Zustand im Leben zu verankern, braucht es ein gewisses Maß an Übung.

Es gibt zwar eine ganze Reihe von Sofortmaßnahmen, die punktuell die Entspannung fördern – aber diese gehen nicht wirklich in die Tiefe. Dazu gehören pflanzliche Hilfen wie Baldrian, Hopfen, Melisse und Lavendel, die einen zeitweise beruhigen, aber keine innere Ruhe ersetzen, oder ein Power-Nap nach der Arbeit, der frisch macht, aber keine echte Tiefenentspannung bringt. Mit Tipps für effizientes Zeitmanagement – wie beispielsweise Dinge zu delegieren oder Leerlaufzeiten bewusst im Kalender einzuplanen – bekommen wir vielleicht mehr Freizeit, aber damit ist noch lange nicht gesagt, dass wir sie auch genießen können. Techniken wie Autogenes Training, Atmenübungen oder Progressive Muskelentspannung sind zwar gute Hilfen, um immer schneller abschalten zu können. Doch wahre Muße reicht noch tiefer.

Zwei Schritte zur Muße

Laotse sagt:

„Der Weg des Himmels ist nicht blosses Nichthandeln, sondern tätiges Nichthandeln – ein Tun im Sinne der natürlichen Ordnung.“

Um zu dieser natürlichen Ordnung zurückzufinden, gibt es zwei Schritte: Achtsamkeit und Akzeptanz. Mit ersterer können wir unser Leben beobachten und schauen, wie es wirklich um unsere Work-Life-Balance bestellt ist. Wir identifizieren mit Hilfe der Aufmerksamkeit die Situationen oder Menschen, die uns Stress bereiten oder Zeit rauben, ohne uns im Ausgleich dafür etwas zu geben, das wir brauchen. Wir erkennen, wann wir am meisten aus unserer eigenen Mitte entfernt sind und nicht die eigenen Interessen verfolgen, sondern auf Forderungen und Erwartungen von außen reagieren. Wir lernen dank der Achtsamkeit, wahrzunehmen, bei welchen Gelegenheiten uns Energie entzogen wird. Wir finden die Tätigkeiten, die uns unserem Gehirn eine Auszeit schenken und uns so mit neuer Kraft aufladen. Wenn wir dies wissen, können wir die Konsequenzen daraus ziehen.

Doch um dazu bereit zu sein, ist es oft notwendig, dass wir erst einmal uns selbst die Erlaubnis dafür geben. Spüre ehrlich in dich hinein, wie es sich anfühlt, wenn du sagst: „Diese halbe Stunde gehört mir, nur mir – nicht meiner Familie, nicht meinem Chef, nicht meinem Handy oder dem Fernseher. Ich mache jetzt einfach, wonach mir der Sinn steht.“ Hörst du da sofort den Gedanken: „Das geht doch nicht, ich muss doch erst noch…“? Oder spürst du ein schlechtes Gewissen? Hast du das Gefühl, du müsstest dich vor irgendjemandem dafür rechtfertigen, dass du frei über deine Zeit verfügst – gar vor dir selbst? Glaubst du, du hast es nicht verdient, dich ausruhen zu dürfen? Befürchtest du, andere Leute könnten dich als „faul“ bezeichnen? Hast du Angst vor Langeweile? Hast du Angst vor den Gedanken und Gefühlen, die auftauchen könnten, wenn du sie nicht durch Aktionismus verdrängst? Wer Muße genießen will, muss lernen, innere Ruhe und Nichtstun auszuhalten. Sich auf das pure Sein konzentrieren – und dann selbst diese Konzentration loslassen und einfach nur SEIN, ohne Absicht oder Aufgabe.

Muße ist individuell

„Wenn der Mensch zur Ruhe gekommen ist, dann wirkt er“, sagt der italienische Dichter Petrarca. Und jeder von uns wirkt anders. Die einen schaffen sich für den Genuss der Muße einen Rückzugsort: Ob mental wie in der Meditation oder real wie auf in einer Ecke auf dem Dachboden. Die anderen verbinden die Mußezeiten mit einem Ritual, sei es das Aufbrühen eines Tees, das Abspielen klassischer Musik (was für harmonische Hirnströme sorgt) oder das „zeremonielle“ Abschalten von Telefon und Türklingel.

Für manche bringt die Muße den Musenkuss: Sie malen, gestalten oder schreiben. Viele pflegen die Muße in der Natur, ob beim Spazierengehen im Wald oder Sonnenbaden im Garten. Eines ist all diesen Ansätzen gleich: Man lässt die Gedanken wie Wolken über den Himmel des Geistes ziehen, ohne sie festzuhalten. So können wir uns selbst wieder näher kommen. Je öfters wir uns auf diese Inseln in den tosenden Meeren des Alltags zurückziehen, desto schneller und leichter finden wir den Zugang zur Muße – und damit zur eigenen Kraft.

In der Ruhe liegt die Kraft.

Die zeigt sich nämlich am liebsten in diesen absichtsfreien, entspannten Momenten, wenn wir uns selbst wieder spüren können. Unsere Kraft ist ja immer präsent, immer bereit, aus der Quelle in unserem Inneren zu sprudeln, wenn wir sie nur lassen und darauf verzichten, sie mit Pflichten und Aufgaben und dem ewigen MÜSSEN zuzubetonieren. Dann kann sie nach oben steigen und sich dort, in uns, in unserem Leben, entfalten.

Schaffen wir uns also nicht nur Freizeit in unserem Leben, sondern gestalten wir Freiräume und geben wir uns die Freiheit, über diese nach Belieben zu verfügen. Sonst geht es uns so, wie es Marie von Ebner-Eschenbach schildert: “Wer nach immer Größerem jagt, ohne sich jemals Zeit zu gönnen, es zu genießen, ist wie ein Hungriger, der ständig kocht, sich aber nie an den Tisch setzt.” Setzen wir uns hin und schlemmen wir – die Muße lässt sich nicht im Schnellimbiss genießen.

11.07.2021
Martina Pahr
Autorin, Bloggerin und PR – Expertin

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Martina Pahr

ist Autorin, Bloggerin und PR – Expertin, hat vor einigen Jahren den Sprung ins kalte Wasser gewagt und sich selbständig gemacht. Seither tut sie, wovon sie immer geträumt hat, und lebt vom Schreiben.
Beruflich wie auch privat setzt sie sich mit den spirituellen Aspekten des Lebens und den vielen Erscheinungsformen der New-Age-Bewegung auseinander – und nicht immer ist ihr gesunder Menschenverstand überzeugt von dem, was er vorgesetzt bekommt. Sie glaubt ungebrochen an das (viel zu oft ignorierte) Göttliche im Menschen: Eigenverantwortlichkeit und Eigenmächtigkeit, Selbstwert und Selbstheilungskräfte.
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