Bewusst-Sein

Perfektionismus – oder wie vermiest man sich das Leben

frau-haare-foen-womanPerfektionismus oder wie vermiest man sich das Leben

Als jemand, der viele Jahre Perfektionismus lebte, schreibe ich die folgenden Gedanken sozusagen aus berufenem Munde. Nie war etwas gut genug. Nie war etwas ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte – ohne die tatsächliche Vorstellung zu kennen. Man konnte es mir auch nie richtig und recht machen. Es wurde herumgemäkelt, herumgezupft, zurechtgerückt und – auf etwas Imaginäres, das nie kam, gewartet.

Kennen Sie dieses Gefühl? Dann sind Sie hier richtig, um ein wenig tiefer zu graben.

Druckmacher, Antreiber, Richter, Perfektionist – wie beim Zauberlehrling

Dies sind bekannte, sogenannte innere Figuren. Man kann sie auch als innere Eigenschaften bezeichnen. Sie sind Spielformen von Perfektionismus. Du musst, komm schon, mach endlich weiter, wann kommst du denn endlich in die Gänge, das ist ja schon wieder nicht ganz … diese und ähnliche Sätze begleiten einen wie eine nicht enden wollende Hintergrundmusik. Sie erzeugen im Regelfall einen Druck, der irgendwann in Angst übergeht. Oft ist sie unspezifisch. Wir trauen uns dieses und jenes nicht, weil wir Angst vor Fehlern, vor dem Scheitern, vor dem nicht Entsprechen, vor dem nicht Genügen haben – und dann kommt die Keule von außen. Doch sie kommt viel öfter aus unserem eigenen Inneren. Wir sind oft gnadenlos in der Selbstverurteilung – wohl auch, weil die Grundmelodie, die Grunddisposition, mit der wir Leben begegnen, angstgetrieben und mangelbasiert ist. Das zieht sich durch und nährt die angeführten Figuren. Sie sind schon dickgefressen – und wir geben ihnen noch immer Raum in uns. Nachspeise inklusive…

Was ist die erste Reaktion, wenn wir sie entdecken? Anstatt die Erfahrung des Fehlers, des Scheiterns als etwas zu betrachten, das wertvoll wie Gold ist – ohne dass man sie bewusst herbeiführt – wollen wir sie wegmachen. Erfahrung an sich ist neutral. Sie wird erst dann zur Niederlage, wenn wir sie via unsere allgegenwärtigen Verurteilungen und Bewertungen dazu machen.

Dabei – und dessen sind sich wenige bewusst – sind wir vollkommen, von wo wir herkommen. Die scheinbare Unvollkommenheit ist menschenerdacht und menschengemacht. Die Grundisposition zum Leben ist entweder Liebe oder Angst. Welche Seite dominiert? Sie wissen die Antwort schon. Die Bewertung in besser und schlechter führt zu einem Wettbewerb, der sinnentleerter nicht sein kann. Und dann ist der Zauberlehrling aktiv – die Geister, die ich rief … Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sind zu wenig ausgebildet. Daher ist Platz für die inneren Quälgeister.

Das Menschen- und Lebensbild

Unser Menschen- und Lebensbild prägt unsere Realität. Diese Prägung geschieht oft unbewusst – meistens bei der Geburt unbewusst und dann in den ersten Kinderjahren. Wird das Leben als schwer, kompliziert und unfreundlich empfunden, dann zeigt es sich so im äußeren Bild – und dann muss es korrigiert werden, um einem Idealbild, das oft gesellschaftlich und aus der Sippe kommend vorgegeben ist, zu entsprechen. Nicht aus dem eigenen Inneren kommend, aus der eigenen Vollkommenheit, sondern aus der als gegeben angenommenen Trennung – von wem auch immer – die Trennung wird zur Lebenslast. Damit wird die Unvollkommenheit zur weiteren Lebenslast – und die Sucht zum Perfektionismus, der letztlich dem Tod entspricht, weil er das Perfekte nie erreichbar ist. Wir leben mit aller Kraft somit am eigentlichen Leben, das vollkommen ist, vorbei. Es ist uns im Grunde wohlgesonnen und will unsere Ausweitung. Wir wollen haben, aus lauter Angst, machen uns eng und ziehen uns krampfhaft zusammen. Von Ausweitung ist da nicht mehr die Rede. Würden wir geben und teilen, dann gingen wir von innen nach außen, also dorthin, wo wir hingehören mit unserem Geburtsrecht auf innere Ausweitung.

Wenn man es schafft, die eigene Vollkommenheit anzuerkennen als das, was sie ist, dann hat man unglaublich viel gemeistert und eine richtig gute Lebensbasis gelegt. Das braucht Bewusstsein und Achtsamkeit – und ein wenig Disziplin und Hingabe.

Der Weg zu Vollkommenheit

Die Basis wird mit der Grunddisposition zum Leben gelegt. Der Weg zu Vollkommenheit geht meistens über die Angst, die Angst nicht liebenswert zu sein, nicht genug zu sein. Angst wird zum Treiber für Perfektion – siehe die gewählte Grunddisposition. Das vielzitierte Sicherheitsbedürfnis ist oft angstgetrieben. Ordnungsfreaks haben oft Angst vor ihrer eigenen Unordnung. So entsteht ein Druck, zu müssen, zu sollen, zu übertriebener Sorge. Das Unperfekte wird ausgegrenzt und rutscht ins Unbewusste. Die Schwächsten werden abgeschoben – Kinder, Alte, Flüchtlinge. Das Nichtideale wird unter die Decke geschoben.

Doch was geschieht nun? Um auch diesem Ausdruck des Göttlichen Raum zu geben, kommt es seit einiger Zeit zu Enthüllungen, zu Aufdeckungen, zur Apokalypse. Sei es Facebook, sei es #metoo, seien es Korruption, Schmiergeldskandale, Nachrichtendienstunregelmäßigkeiten, seien es Affären, Verhältnisse, was auch immer – sie treten in dieser Aufdeckungszeit zu Tage, um alles rund und ganz zu machen. Was wie ein Widerspruch gilt, ist eine natürliche Entwicklung. Das Ganze strebt in ein neues Gleichgewicht.

Der Schatten will schlicht angesehen werden, angenommen, integriert werden. Die Schokoladenseite schmilzt dahin. Es kommt der Kern mit all seinen Flecken zum Vorschein. Wer immer versucht zu verhindern, Angst hat, Fehler zu machen, der trifft keine mutigen Entscheidung. Die Überabsicherung von Vorhandenem durch ein komplexes Geflecht an rechtlich verbindlichen Richtlinien funktioniert nicht mehr. Sie stranguliert etwas, das sowieso gehen darf, weil Neues nachkommen will. Dafür muss der Platz freigemacht werden. Perfektionismus ist dabei eines der größten Hindernisse.

Wie geht man mit der sich mehr und mehr zeigenden neuen Situation um?

Die Lösung liegt im Bewusstsein, dass zum ersten vieles eine Frage der unbewusst gewählten Grunddisposition ist. Danach ist es eine Frage des Erkennens, dass Integration die Lösung ist und nicht die Verdrängung und die Trennung, um ein nach außen perfektes Bild abzugeben. Wenn der Kern mit seinen Flecken erkannt und integriert wird, dann verschmilzt er mit der Schokolade zu etwas Neuem – denken Sie sich etwas Schönes aus, was das Neue ist – seien Sie durchaus fantasievoll dabei.

Das bedeutet auch, dass man den Mut hat, zurückgewiesen zu werden und nicht akzeptiert zu werden. So what?! Wenn mich Altes zurückweist, was soll’s? Ich bin bereits im Neuen. Warum soll ich mich vom Alten abgrenzen, es verurteilen und verdrängen. Mein Fokus geht auf das Neue. Dem verhelfe ich zum Leben. Ob es perfekt ist? Das ist mir reichlich gleichgültig. Das Neue darf sich entfalten, darf wachsen, darf sich ausweiten.

Es geht um Gefühle wie Mut, Klarheit, Entschiedenheit und Vertrauen. Sie erschaffen ein Genugsein als inneres Gefühl. Hinzu kommen Respekt, Mitgefühl, Toleranz und die Liebe des bislang Abgetrennten und Verdrängten. All das ermöglicht Integration – des scheinbar Perfekten und des scheinbar Unperfekten.

Ist es einfach? Nein – es verlangt nach stetigem Bewusstsein und nach gründlicher Achtsamkeit. Sie mögen dies als Schlagworte lesen, doch für mich sind dies untrennbare Lebensbestandteile, die Leben für sich ermöglichen und in den Fluss bringen.

Wenn alle gleich sind, leben wir in und als Kopien. Das bringt keine Bewegung. Und Leben ist Energie und daher gleichzeitig immer in Bewegung. Wenn scheinbare Gegensätze auftreten, dann lösen sie ein Mehr an Bewegung aus.

Das scheinbar Unperfekte macht das Leben dynamisch und lebendig. Wer sich für diese – vielleicht – neuen Gedanken öffnet, der kann sie auch leben – und damit das Leben in seiner Vielfalt leben. Im Übrigen auch mit einer neuen Grundmelodie zum Leben. Seien Sie Ihr eigenes Original – und Sie sind auf der GewinnerInnenseite des Lebens.

06.05.2018
Dr.Andrea Riemer


Zum Abschluss ein tröstlicher Gedanke – als Mutmacher am Weg.

„Sie wusste, das Leben war immer auf ihrer Seite, manches Mal anders als sie es sich wünschte, doch es war immer da. Das Leben liebte Marie und es war geduldig mit ihr. Und doch forderte es sie immer wieder auf, Altes fühlbar und sichtbar abzuschließen. Dann erst war Platz für Neues.“
Dr.Andrea Riemer

cover-Botschaften-andrea-riemerText aus ihrem neuen Buch:
Andrea Riemer, Botschaften vom Leben, dielus edition, Leipzig 2018 (mehr dazu samt Leseprobe unter
www.andrea-riemer.de/das-neue-buch). 

Zur Autorin: www.andrea-riemer.de

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