Samhain – das wohl unerklärlichste Fest von allen

Samhain-pumpkin

Samhain-pumpkinSamhain – das wohl unerklärlichste Fest von allen

Es ist bereits kühl geworden und die Nächte werden länger und länger. Verträumt blicke ich in den dunklen Himmel und sehe den silbrigen Mond seine Bahn ziehen. Auch er scheint sich auf das kommende Fest vorzubereiten, das am 11. Neumond im Jahr eine ganz besondere Magie mit sich bringt. Ich spüre sie bereits in der Luft. Und jeden Tag wird sie stärker und klarer.

Der Sommer ist vorüber. Der Winter beginnt und damit ein neues Jahr. Es wird Zeit, mich vorzubereiten, die Ahnen-Gedecke hervorzuholen und mich daran zu erinnern, woher ich komme. Nach Samhain, dem keltischen Neujahrsfest, wird alles ruhiger und stiller. Die Feuer züngeln dann in allen Stuben und versuchen verzweifelt, die bittere Kälte des Winters und den Tod, den er mit sich bringt, fern zu halten. Nicht bei allen wird es gelingen. Und wenn der Frühling naht, werden die Alten und Schwachen nicht mehr unter uns sein.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich auf dem Schoß meiner Großmutter gesessen habe und sie mir vom großen Sonnengott erzählte.

Dass er gütig ist, uns wärmt und dafür sorgt, dass alles wächst und gedeiht. Und auch, dass er an Samhain stirbt und dann die große Muttergöttin die Herrschaft übernimmt. Sie beschützt in der Winterzeit den Sonnengott, der zu Yul neugeboren wird und heranwächst, bis er an Beltane wieder voller Kraft die Führung übernimmt. Die große Muttergöttin wacht in dieser Zeit aber auch über uns und schenkt uns Intuition und Innenschau.

Wie meine Familie, war auch ich immer ein Bauer und Kräutersammler. Samhain ist der letzte Tag der Ernte und so habe ich an diesem Tag immer bis zum Einbruch der Dunkelheit alles geerntet, was ich auf den Feldern, Wiesen und in den Wäldern noch finden konnte. Danach habe ich niemals auch nur ein einziges Samenkorn angerührt. Das verbietet uns der Respekt, denn alles, was nun noch essbar ist, gehört ab Samhain den Naturgeistern.
Nun kommt die Zeit des Abschieds und Loslassens, weshalb wir noch einmal ausgiebig, das Leben und seine Gaben feiern. Für sehr lange Zeit wird es nun keinen Überfluss mehr geben.

Mein Vater sagte immer, der Winter hilft uns, zurück zu uns selbst zu kommen und neue Energien zu sammeln.

Und in der Tat, hatten wir in den Wintermonaten immer viel Zeit, um Altes zu reparieren, heilen zu lassen und auf unsere innere Stimme zu lauschen.
Ich wusste schon früh, dass zu Samhain die Gesetze von Raum und Zeit aufgehoben sind. Mit Einbruch der Dunkelheit endet das alte Jahr.

Doch erst mit dem nächsten Tagesanbruch beginnt das Neue. In dieser Lücke entsteht ein magischer Ort. Ein Raum für Blicke in die Zukunft und auch, um uns mit den Verstorbenen auszutauschen und sie um Rat zu bitten.

In dieser anderen Welt können wir auch der alten weisen Mutter begegnen. Sie hütet alles Vergangene, beschützt die Gegenwart und zerstört, was nicht mehr dazu gehört. So bereitet sie vor auf die Zukunft. Die Elfen, Zwerge, Devas und Gnome sind ihr unterstellt und helfen uns Menschen bei der Klärung von Fragen und unterstützen uns bei allem, was wir tun. Sie lieben süße Speisen, weshalb ich ihnen als Kind immer eine Schüssel Brei auf die Hausschwelle gestellt habe.

Samhain ist nicht nur ein Familienfest, sondern auch die Nacht der Feen und Geister.

Großvater sagte, er habe sogar schon gesehen, wie sich in dieser Nacht Grabhügel geöffnet haben. Er hat die Türen aber immer unverschlossen gelassen. Damit die Verstorbenen unsere Gastfreundschaft erkennen können, hat er gesagt. Und klopfte mal ein Fremder an die Türe, hat er ihn hereingebeten und fürstlich versorgt. Er sagte, man kann nie wissen, ob es ein Verstorbener, oder sogar einer der Götter ist, die um Einlass bitten.

Mir hat es immer gefallen, an die Toten zu denken und besonders die, die letztes Jahr von uns gegangen sind, noch einmal zu ehren. Mir war dadurch immer bewusst, dass der Tod zum Leben dazu gehört und ich habe so ein Gefühl tiefer Verbundenheit zu meinen Ahnen. Ich komme aus ihnen und sie leben auch immer noch in mir. Und wenn sich in der Zeitenspalte die Vorhänge zwischen den Welten -dem Diesseits und dem Jenseits- lichten, kann ich ihnen noch einmal begegnen.

Die Zeit vergeht wie im Fluge und auf meiner langen Reise durch die Jahrhunderte sehe ich, wie sich alles verändert.

Die Christen kommen und Papst Gregor der Vierte verfügt 837, dass unser Neujahrfest umbenannt werden muss. Es soll jetzt am Tag nach Samhain sein und Allerheiligen heißen. Wir sollen nun ihre Heiligen verehren und uns auf diese konzentrieren. Er will, dass wir vergessen. Unsere Feste, unsere Bräuche –und unsere Wurzeln. Für Gregor scheinen wir unbequem zu sein, mit unseren eigenen Vorstellungen über das Leben und den Tod.

Doch egal, was sie uns auch erzählen, Samhain bleibt das Ende des Winters. Name hin oder her. Wir lassen uns unsere Rituale nicht nehmen und wenn es sein muss, gehen wir fort. An einen Ort, wo wir so leben dürfen, wie wir es wollen.

Ich verstehe einfach nicht, warum sie immer alles unter Kontrolle haben müssen. Können denn nicht ihre und unsere Bräuche nebeneinander bestehen?

Wir schreiben bereits das 16. Jahrhundert und Samhain wird nun tatsächlich umgetauft in, der Abend vor Allerheilgen -All Hallows Eve.

Wenn es mich nicht so furchtbar traurig machen würde, müsste ich sogar darüber lachen. Die Zeitenspalte existiert –egal, wie sie es nennen. Sie schimpfen uns Heiden und Abergläubige. Doch was ist, das ist!

Die letzten Jahrzehnte waren nicht leicht. Wir schreiben bereits das Jahr 1850 und viele von uns Kelten sind auf die große grüne Insel geflüchtet. Auch hier heißt unser Neujahrs-Fest, Abend vor Allerheiligen -Halloween. Doch die Worte scheinen mir inzwischen leer und ungefüllt. Bedeutungslos. Es herrscht dieser Tage eine schreckliche Hungernot im Lande. Es gibt keine Rüben mehr, nur noch diese orangenen dicken Dinger, die sie Kürbis nennen. Aber Not macht erfinderisch. Eigentlich schmecken sie sogar ganz gut. Und als Laterne taugen sie auch.

Inzwischen glauben sie hier, dass man in der Samhain-Nacht, nicht nur den Ahnen begegnen kann.

Deshalb schneiden sie nun Fratzen in die Kürbisse, um die Geistwesen abzuschrecken. Manche verkleideten sich sogar, um die bösen Geister zu täuschen und Unheil von sich und ihren Familien abzuwenden.

Wahrscheinlich haben sie sich im Laufe der Jahre viele Feinde gemacht und nun Angst, dass die Geister der Verstorbenen es ihnen heimzahlen. Sie stellen sogar Hexenbesen vor die Türe, um zu verhindern, dass sich ein böses Wesen in ihr Haus verirrt.

Stell sich das mal einer vor. Erst vor kurzem, wäre man dafür noch auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Das Leben ist verrückt und die Menschen sind es auch. Wer spürt heute schon noch in sich? Wer nimmt noch die Wende wahr? Den Wechsel von äußerer Aktivität zu innerem Wachstum? Wer erinnert sich noch bewusst an das Vergangene, an das Alte? Wir haben unseren Ahnen immer den höchsten Respekt gezollt.

Egal, ob sie noch lebten, oder schon hinüber getreten waren. Heute schaut man sie kaum noch an, belächelt sie und schließt sie aus. Dabei haben sie so viel zu erzählen. Sie wissen Dinge, die die Jungen vielleicht niemals erleben werden. Alle wollen nur noch Geld und Macht und noch mehr Geld. Heute scheinen sich in diesem Halloween eher ihre Urängste widerzuspiegeln. Und wahrscheinlich ist das der wahre Grund, warum sie wild verkleidet und schreiend von Haus zu Haus ziehen.

Damals haben wir an Samhain noch gesungen und getanzt.

Und wir haben den Toten immer Kerzen ins Fenster gestellt, um sie auf dem rechten Weg zu halten.
Nach Sonnenuntergang löschten wir dann alle Feuer. Im ganzen Dorf wurde es stockfinster. Erst der Druide zündete später das Hauptfeuer im Dorf an, von dem wir alle das neue Licht zurück in unsere Häuser brachten. Großmutter backte immer Kuchen und versteckte darin einen Ring. Wer ihn fand, würde im nächsten Jahr verheiratet. Ich habe lange darauf gewartet, dass ich der Glückliche bin, aber jede einzelne meiner Schwestern schienen vor mir dran zu sein.

Noch heute rieche ich den köstlichen Duft von Braten, Punsch und all den anderen herrlichen Dingen. Niemals, in all den vielen Jahren meiner endlosen Reise, gab es für mich ein besseres Fest.

Wir sind an Samhain immer früh zu Bett gegangen.

Vater sagte, wir wollen die Stube unseren Ahnen überlassen. Oft knackte und knarzte es dann im ganzen Haus und ich zog mir die Decke bis weit über den Kopf. Großvater hatte nämlich erzählt, dass in dieser Nacht schon einige Leute verschwunden sind, weil sie zu neugierig waren und so auf die falsche Seiten geraten sind. Mutter zog sich immer einen alten Lumpen über, um sich den Verstorbenen ein wenig näher zu fühlen, nicht aber um sie zu vertreiben. Dazu hatte sie viel zu viel Achtung vor ihnen.

Am anderen Morgen, wenn dann der Hahn das erste Mal rief, war alles wieder vorbei. Die Geistwesen kehren dann nämlich in ihr Reich zurück. Unser Druide sagte, man solle sich bis dahin nicht umdrehen, wenn man Schritte hinter sich hört-sonst kann es passieren, dass einen die Toten bei sich behalten. Aber ohne Tod gibt es auch kein neues Leben, hat Vater dann gesagt.

Und dann erzählte er uns vom bösen und trunksüchtigen Jack O‘Lantern, der den Teufel überlistet hat, als dieser ihn holen wollte. Zweimal konnte Jack den Teufel überlisten, bis dieser ihm versprach, ihn bis in alle Ewigkeit in Ruhe zu lassen. Doch Jacks Raubbau an seinem Körper ließ diesen schließlich doch verfallen und als er an die Himmelstüren klopfte, wurde ihm der Eintritt verwehrt. Er war einfach ein zu bösartiger Mann gewesen.

Der Teufel aber, bei dem Jack nun um Einlass bat, hatte diesem das Versprechen gegeben, ihn niemals zu holen und so schickte er ihn dahin zurück, woher er gekommen war. Da der Weg aber so weit war und die Nacht so kalt, schenkte ihm der Teufel aus Mitleid ein glühendes Stück Kohle, direkt aus dem Feuer der Hölle. Jack höhlte seine Rübe aus, die er als Wegzehrung mitgenommen hatte und steckte die glühende Kohle hinein. Seitdem soll er mit seiner Laterne an Samhain durch die Dunkelheit wandern und auf den Tag des Jüngsten Gerichts warten, um endlich Ruhe zu finden.

Vater erzählte die Geschichte jedes Jahr.

Und auch, wenn wir sie im Geiste alle mitsprechen konnten, machten wir währenddessen keinen einzigen Mucks. Die Nacht an sich, mit ihrer Magie und all den Geheimnissen ließ uns vor Ehrfurcht fast erstarren.

Doch damals ist nicht heute. Heute ist alles anders. Modern. Vieles ist gut. Das Meiste ist besser. Doch ich vermisse den Geist der alten Feste, der irgendwie im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen ist.

Ich weiß nur, dass Samhain das wohl unerklärlichste Fest von allen ist.

Geheimnisvoll und magisch.
Für mich war es immer so etwas wie ein Versprechen. Nämlich, dass es nach dem Tode weiter geht. Dass es die Wiedergeburt tatsächlich gibt und die Hoffnung auf Leben niemals endet.

30.10.2020
Namasté!
Heike Erbertz


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