Körper, Geist, Seele

Schlaf- und Traumphasen

Auszug aus:
Das große Buch vom Träumen

Schlaf- und Traumphasen

Träumen ist offenbar eine sehr hoch entwickelte Funktion des Gehirns.
Christof Koch

Sind die genannten Voraussetzungen für einen guten Schlaf gegeben und die persönlichen Belange dabei berücksichtigt, kann der Entspannungs- und Regenerationsvorgang im Schlaf losgehen. Das A und O ist, sich rundherum wohlzufühlen. Die Schlafphasen und die Übergänge zwischen Wachen, Schlafen und Träumen sind vielfach beschrieben worden. Physiologisch gesehen werden mehrere Stadien in bestimmter Reihenfolge durchlaufen.

Einschlafphase

Das Einschlafen wird auch hypnagoge Phase, die »in den Schlaf führende Phase« genannt. Die Augen sind dabei geschlossen, bewegen sich immer weniger und gehen von flinken horizontalen Bewegungen in immer langsamer werdende vertikale über. Auch die Skelettmuskeln entspannen sich nun, Herzschlag und Atmung werden schön ruhig und gleichmäßig, und die Hirnströme gehen allmählich von den Betawellen, die den Wachzustand beherrschen, in die langsameren Alphawellen über. In dieser Phase zeigen sich kurze, oft absurde Traumbilder, die sich schnell abwechseln und wie in einem Film Revue passieren, so dass sie kaum erfasst werden können. Die Gedanken kommen und gehen, waches Bewusstsein und innerliches Loslassen wechseln sich miteinander ab und fließen ineinander über, bis das kurze Bilderschauspiel ein Ende nimmt und ein erster leichter Schlaf einsetzt.

Phase 1: Leichtschlafphase (Non-REM-Schlaf)

Der Leichtschlaf vollzieht sich in mehreren Phasen. In der ersten Phase bewegen sich die Augen unregelmäßig hin und her, doch immer noch so langsam, dass diese Phase den Namen »Slow Eye Movement« (SEM) erhielt. Die sich weiter entspannenden Muskeln zucken gelegentlich noch reflexartig, was zum plötzlichen kurzzeitigen Aufwachen führen kann. Die Frequenz der Gehirnströme sinkt von den Alphawellen noch mehr ab, zu Thetawellen.

Phase 2: Schlafphase (Non-REM-Schlaf)

In der nächsten, etwas tieferen Phase bewegen sich die Augen fast gar nicht mehr. Auch die Muskelspannung hat sich fast vollständig gelöst. Nur die Frequenz der Gehirnwellen ist reger geworden. Seltener werden in dieser Phase Träume beobachtet, und wenn sie kommen, dann befassen sie sich oft mit der gegenwärtigen Situation und den um sie kreisenden Gedanken und den möglicherweise anstehenden Aufgaben und Problemen. Diese im Laufe des Schlafens immer länger werdende und von Thetawellen begleitete Schlafphase macht in etwa die Hälfte des gesamten Nachtschlafes aus.

Phase 3: Übergangsphase in den Tiefschlaf (Non-REM-Schlaf)

Schließlich tauchen die Schlafenden noch ein Stückchen tiefer in den Schlaf ein, und die Muskeln entspannen sich noch mehr. Die messbaren Hirnströme sind nun stark abgefallen. In dieser Phase werden die sehr langsamen, aber hoch ausschlagenden Deltawellen vermehrt, d.h. bis zu 50%, gemessen.

Phase 4: Tiefschlaf (Non-REM-Schlaf)

Der Schlaf hat jetzt seinen Höhepunkt oder besser gesagt Tiefpunkt erreicht. Rund die Hälfte der gemessenen Hirnströme sind jetzt Deltawellen. Die Körperfunktionen von Herz, Atmung, Muskeln sowie die Augenbewegungen sind dem Nullpunkt nahe. Doch das Gehirn arbeitet noch zu etwa 80%. Für die physische, emotionale und mentale Gesundheit spielt diese Phase die entscheidende Rolle. Sie regeneriert, verleiht neue Energie und stärkt die Abwehrkräfte.

Der Tiefschlaf zieht sich ungefähr eineinhalb bis zwei Stunden hin. Wenn diese Phase zum zweiten Mal eintritt, ist sie rund eine halbe Stunde kürzer. Phasen 3 und 4 werden als »Slow Wave Sleep« (SWS), als langsamwelliger Schlaf charakterisiert. Im Tiefschlaf treten Phänomene auf wie das Sprechen im Schlaf (Somniloquie) und das Schlafwandeln (Somnambulie, Somnabulismus), und auch in luziden Träumen (siehe unten den Abschnitt »Luzidität im REM-Schlaf«) sprechen die Träumenden gelegentlich.

Geheimnisse werden allerdings, zum Glück oder leider, im Schlaf eher nicht ausgeplaudert. Dass Cassio in Shakespeares Othello im Schlaf sein Verhältnis mit Desdemona verrät, ist Fiktion. David Luke berichtet von einem gemeinsamen Traum mit einer Frau, in dem er zu einer Notlüge greift, die die Träumerin aber nicht, im Unterschied zu den anderen Details, im Traum aufdeckt. Wer aus dem Tiefschlaf gerissen wird, hat Schwierigkeiten, sich wieder zu orientieren. Schlafwandler soll man nicht aufwecken, wohl aber bei ihren abenteuerlichen Aktionen gut im Auge behalten (siehe Kapitel 1, »Mond und Schlafwandel«).

buch-frau-schlaf-traum-womanPhase 5: Rapid-Eye-Movement-Phase (REM-Schlaf)

Im Jahr 1953 wurde die Phase der schnellen (»rapid«) Augenbewegungen in einem Chicagoer Labor von Nathaniel Kleitmann (1895 – 1999) identifiziert. Nicht nur die Augen sind jetzt aktiver, sondern auch die Atmung und das Gehirn sind lebendiger, während die Skelettmuskeln am meisten entspannt sind.

Die REM-Phase wurde früher als die Traumphase schlechthin bezeichnet, doch inzwischen wissen wir, dass es überhaupt keinen Schlaf ohne Träume gibt. Für die Trauminhaltforschung ist diese Phase ideal, denn wird die schlafende Person jetzt aufgeweckt, kann sie oft ganze Romane von ihren Traumerlebnissen erzählen. Die Bildeindrücke im REM-Traum sind viel lebhafter, und die Erinnerung an Träume ist in REM-Phasen erheblich besser als in Nicht-REM-Phasen. Im REM-Schlaf werden Thetawellen und Alphawellen, vorrangig jedoch Betawellen gemessen.

In einer Nacht von acht Stunden werden bis zu fünf REM-Phasen durchlaufen (bei älteren Personen nur drei Phasen), woraus sich eine Traumzeit von insgesamt knapp anderthalb Stunden im Schnitt ergibt, was ungefähr ein Fünftel der gesamten Schlafzeit ausmacht. Die Zeit, die im Traum auf einzelne Aktivitäten verwandt wird, entspricht dabei in etwa der Zeit, die im Wachzustand auch benötigt würde. Handelt es sich um eine Entscheidung, liegt der Sachverhalt anders, da die jüngste Forschung gezeigt hat, dass das Gehirn, und zwar der Motorcortex, im Wachzustand bis zu zehn Sekunden eher reagiert, als die Entscheidung von der Versuchsperson bewusst getroffen wurde, um zum Beispiel eine einfache Hand- oder Fingerbewegung auszuführen. (Dylan Haynes, Charité, Berlin, 2014)

Die Muskellähmung des REM-Schlafs, die Schlafparalyse oder Schlafstarre, kann als sehr bedrohlich und beängstigend empfunden werden, falls der Träumer in dieser Phase seines Körperzustandes zum ersten Mal und ohne nähere Kenntnis davon aufwacht und sich seiner Verfassung bewusst wird. Es ist die Zeit der Alpträume, in denen man nicht weglaufen kann, von Monstern verfolgt wird oder nicht mehr atmen kann, vom Alb selbst erdrückt wird (siehe Kapitel 3, »Mythen, Märchen und Volksweisheit«). In dieser Zeit kann auch ein Außerkörperliches Erlebnis ausgelöst werden und – von darin geübten Menschen – gezielt provoziert werden.

Anders als der Alptraum tritt der sogenannte Nachtschrecken oder Nachtterror (Pavor nocturnus) in Non-REM-Phasen (NREM) auf. Er betrifft vorrangig Babys und Kinder, die plötzlich im Bettchen hochfahren, panische Angst haben und schreien. Die Augen sind dabei weit aufgerissen, das Herz rast, die Atmung geht viel schneller, und sie schwitzen. Erst nach ein, zwei Minuten kommen sie wieder voll zu sich. Helfen lassen sie sich nicht dabei, dann werden sie nur noch wilder. Wichtig ist jetzt, auf sie aufzupassen, so dass sie sich nicht verletzen. Zwei bis fünf Prozent aller Kinder zwischen drei und fünf Jahren leiden unter dem Nachtschreck, Erwachsene nur selten. Die Gründe sind ungeklärt, doch die Horrorbilder, an die sich die Kinder erinnern, ähneln den Eindrücken von Alpträumen. Im Unterschied dazu sind es aber nur Bilder, keine Geschichten. Am Morgen wissen sie von nichts mehr.

Durch Positronen-Emmissions-Tomografie, kurz PET-Aufnahmen, konnte nachgewiesen werden, dass während des REM-Träumens bestimmte Gehirnareale aktiviert sind, die mit dem Imaginationsvermögen, der Wahrnehmung von Bewegungen und mit Emotionen zu tun haben, während die Bereiche für Willensakte und die Urteilsfähigkeit über das, was logisch und vertraut ist, weniger involviert sind. Diese Enthemmung des kritischen Denkvermögens wirkt sich nun befreiend auf das schöpferische Potential aus. Das Wegfallen der »Zensur« im REM-Traum ist schon früher beschrieben worden, doch damals ging es um eine moralische Zensur, die sich auf das Sexuelle und Aggressive beschränkte. (Sigmund Freud)

Ein weiterer vorteilhafter Aspekt: REM-Träume haben vor allem die Funktion, das Gedächtnis für Lernaufgaben zu stärken, wie der Psychiater und Traumforscher Robert Stickgold hervorhebt. (Harvard Medical School)

Luzidität im REM-Schlaf

Innerhalb der REM-Phasen gibt es noch eine großartige Besonderheit: Die Träumenden können bisweilen ihr bewusstes Denken behalten oder es – und das ist der häufigere Fall – mitten im Traum wiedergewinnen, das heißt sie wissen dann sehr wohl, dass sie träumen und sind trotzdem gleichzeitig wach und bewusst, ja hellwach und voll bewusst. Dies sind die luziden oder klaren Träume. Das Gehirn ist in den REM-Phasen noch aktiver als während des Wachseins, d.h. die Frontallappen (Lobus frontalis) sind noch stärker aktiviert als im Wachen. Jetzt werden die für den Wachzustand typischen Betawellen gemessen, außerdem treten Gammawellen, die eher dem Wachzustand ähneln und vor allem während des Meditierens zu messen sind, vermehrt auf. Das alles deutet auf eine bewusste Konzentration auf eine bestimmte Sache oder Angelegenheit hin, auf eine sehr anspruchsvolle intellektuelle Tätigkeit. Das kritische Denkvermögen ist im Klartraum stärker im Einsatz als sonst im Schlaf und überhaupt als sonst im Wachbewusstsein. Für den finnischen Traumforscher Antti Revonsuo sind REM-Träume daher »Bewusstsein in Reinform«. Die luziden Träumer fühlen sich und sind noch wacher als wach.

Aufwach-Phase

Das Erwachen, die hypnopompe, wörtlich »aus dem Schlaf herausführende« Phase wird ähnlich wie die Einschlafphase von lebhaften Bildeindrücken begleitet. Die Eindrücke wirken oft so real, dass die aufwachende Person Stein und Bein schwört, etwas Wirkliches erlebt zu haben. Je nach dem Weltbild und Glauben der Person kommt es daher zu den unterschiedlichsten Deutungen: Die Bilder wären real, echt, oder nur unwahre Traumgespinste. Die Bilder werden zugeordnet, interpretiert, da Ordnung leichter zu ertragen ist als Unklarheit, als Ambiguität (Mehrdeutigkeit). Das bedeutet nicht, dass sie in die jeweilige Denkschublade auch hingehören.

Interessant wird es allemal, wenn in der Aufwachphase Bilder vermittelt werden, die einen Bezug auf die Tagesrealität nehmen und sich als zutreffend herausstellen. Auch Stimmen können in dieser Phase gehört werden, die so deutlich vernommen werden, als wären sie real. Auch hier wieder wäre zu prüfen, ob die eindringlich gehörten Worte einen Bezug zur Realität haben, eventuell sogar zu einem später eintretenden Ereignis. Laut Umfragen hört etwa jeder Zehnte in seinem Leben immer mal Stimmen, deren Ursprung unerklärt ist, und das kann sowohl tagsüber in stressvollen Zeiten als auch beim Einschlafen oder Aufwachen geschehen.

Falsches Erwachen  

Noch ein weiteres Phänomen in der Zeit des Aufwachens stiftet Verwirrung: Es kann jetzt vorkommen, dass der Schlafende meint, aufgewacht zu sein, aber es in Wirklichkeit noch gar nicht ist. Dieses Babuschka-Phänomen des »falschen Erwachens« (siehe unten den Abschnitt »Schachtelträume«) kann sich wiederholen, auch mehrmals, was dann noch mehr verwirrt. Das Gefühl, wach zu sein, kann sehr stark und überzeugend auf den noch Schlafenden und Träumenden einwirken. Das falsche Erwachen gibt den Anstoß zum philosophischen Hinterfragen: Welche Realitätsstufe ist das, die landläufig als die einzige Wirklichkeit gilt? Können übergreifende Erfahrungen und tiefere Einsichten in diesem Aufwachzustand gewonnen werden? Wenn ja, welche?


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07.02.2018
Annekatrin Puhle
Autorin bei Neue-Erde

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