Körper, Geist, Seele

Spätfolgen von Kindheitstrauma und sexuellem Missbrauch

folgen-trauma-missbrauch-weepingSpätfolgen von Kindheitstrauma und sexuellem Missbrauch im Erwachsenenalter

Teil 1 von 4: die Beziehung zu dir selbst
Menschen, die Trauma wie z.B. sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit erleben mussten, leiden meist sehr lange unter den Auswirkungen dieser traumatischen Erfahrungen – manchmal sogar ein Leben lang.

In dieser Serie möchte ich die Auswirkungen von Kindheitstrauma und sexuellem Missbrauch auf den Beruf, die Familie, die Partnerschaft und die Beziehung zu einem selbst beleuchten.

Fangen wir dort an, wo das Trauma passierte: in der Kindheit

Kinder (und auch noch einige Erwachsene) sind in ihrem Wahrnehmen so gestrickt, dass sie das, was um sie herum passiert, persönlich nehmen. Ihr Weltbild ist egozentrisch. Sie können nur schwer differenzieren zwischen den eigenen Gefühlen und den Energien, die um sie herum stattfinden. Es sieht sich direkt verbunden mit dem, was um es herum passiert und bezieht diese Ereignisse auf sich selbst.

Bei traumatischen Erfahrungen ist dies ganz besonders stark. Kommt es zu Übergriffen, wird nicht nur das Kind in seiner Gefühlswelt zutiefst verletzt und diese erschüttert, sondern auch die Beziehung, die es zu sich selbst aufbaut.

Der Irrglaube kommt auf: 

Was ist nur so falsch an mir, dass man mich so schlecht behandelt?
Was habe ich schlechtes getan?
Was ist so böse an mir?

Das kleine Kind versteht nicht, dass die Gefühle des Täters nichts mit ihm selbst zu tun haben. Es weder Schuld hat noch diese Übergriffe irgendwie hätte verhindern können.

Es fühlt sich zutiefst machtlos. Und um dieser Machtlosigkeit zu begegnen, macht es sich in einem unbewussten Reflex verantwortlich.

Irgendetwas muss falsch an mir sein, sonst würde dies nicht passieren – ist ein Glaubenssatz, den viele Betroffene in solchen Momenten bewusst/unbewusst kreieren und der sie meist lange Zeit begleitet.

Der Fehler liegt bei mir.
Irgendetwas stimmt nicht mit mir.
Ich bin nicht genug…

Ganz besonders dieser letzte Glaubenssatz verankert sich tief in der Psyche.

„Ich bin, so wie ich bin, einfach nicht genug“.

Und genau dieser Glaubenssatz verfolgt den Menschen später wie sein Schatten. Es reicht einfach nicht! Ich kann tun was ich will, das Beste von mir geben, ja, mich sogar anpassen und komplett aufgeben, winseln, schreien, kämpfen, spucken, beißen, flehen, betteln, lieb sein, mitmachen… egal was ich mache, es reicht nicht. Das Unaussprechliche passiert dennoch.

Ich kann es nicht verhindern.
Und bin schuldig.

Dazu kommt, dass der Betroffene in diesem Moment der gefühlsmäßigen Ohnmacht die Gefühle und Emotionen seines Peinigers aufnimmt. Dieser trägt meist das unterdrückte Gefühl von Schuld und Scham, das Wissen, hier etwas Furchtbares zu tun. All diese Gefühle übertragen sich, es kommt bei dem Betroffenen zum absoluten Gefühlschaos und zur Identifikation mit diesem. Der Täter hat auf diesem Wege die Möglichkeit, seine Gefühle zu übertragen, loszuwerden und benutzt das emotional wehrlose Opfer als seelischen Mülleimer.

Entfremdung von sich selbst

Ich entfremde mich von mir selbst, weil ich das, was in mir ist, nicht ertrage. Ich distanziere mich davon und kann ihm dennoch nicht entfliehen. Ich schiebe das innere Gefühlschaos weg in der Hoffnung, es so irgendwie loszuwerden und gleichzeitig identifiziere ich mich mit ihm, mit diesem Haufen Schrott, Verletzung, Qual, Schuld und Scham.

Irgendwann gebe ich mich geschlagen… so lange, bis ich mich wieder aufbäume und erlebe, dass mich die emotionalen Verstrickungen gefesselt und handlungsunfähig halten. Ich fühle mich wie in einem Teufelskreis…

So und ähnlich beschreiben Betroffene diese Erfahrung.

Ein ambivalentes Verhältnis zu sich selbst, das oft geprägt ist von Autoaggression, Hass auf sich selbst und Ablehnung des eigenen ichs und des eigenen Körpers.

Ich habe mich im Stich gelassen… 

Ich hätte es besser tun sollen! Ich weiß zwar nicht wie, aber irgendwie hätte ich es verhindern können, wenn ich nur besser gewesen wäre, lieber, williger, aggressiver! Ich weiß es auch nicht, aber ich hätte mich nicht im Stich lassen dürfen. Aber genau das habe ich getan. Genau das…

Auch dies sind Gedankenmuster, Gefühlsstrukturen, die Betroffene mit sich herum tragen. In denen sie sich wie in einem Teufelskreis gefangen sehen und keinen Ausweg finden.

Manch einem sind diese Überzeugungen bewusst, bewusst geworden durch intensive Therapie und Arbeit an sich selbst. Manch anderem allerdings ist dieser bewusste Zugang zu ihnen verbaut und sie werden unbewusst von den Programmen in ihnen gesteuert und gelenkt. Ein dumpfes, ungutes, quälendes Gefühl ist ihr ständiger Begleiter. Eine undefinierbare Angst und Unsicherheit.

Das Leben ist ungewiss. Nicht einmal auf mich ist Verlass…

Annäherung an sich selbst

Wie kann ich als Betroffener mit diesem Umstand umgehen?
Wie gehe ich als Freund/in, Familienangehöriger mit jemandem um, der Trauma erlebt hat und unter diesen Spätfolgen leidet?

Ein erster und wichtiger Schritt ist das Verstehen dieser Prozesse und Mechanismen. Alles das, was ich greifen kann, be-greifen kann, verliert den Schrecken und das Mysterium des Unverstehbaren.

Wenn ich erkenne, dass das, was zwischen mir und meinem Inneren steht, fremde Gefühle sind, dann ist das Hindernis zwar oft noch nicht überwunden, aber es bekommt einen Namen. Ich kann strategisch und schrittweise vorgehen, die Verbindung zu mir selbst aufzubauen und zu stärken.

Ein Teil der Beziehung zu mir selbst ist das innere Kind oder besser gesagt das verletzte innere Kind. Der Teil, der traumatisiert, verstört in dem Betroffenen kauert, versteckt hinter den hohen Mauern seines Seelengefängnisses und der ein gestörtes Verhältnis zu seiner Außenwelt, der Welt an sich und dem Betroffenen selbst hat.

Dieses innere Kind spricht keine rationale Sprache und ist über Worte alleine nicht zu erreichen, sondern vielmehr über Gefühle. Gerade, wenn das Trauma in den ersten Lebensjahren passierte, wo das Verständnis in einer Sprache noch nicht ausgebildet war, ist die emotionale Kommunikation umso wichtiger. Und genau hier liegt für viele die Schwierigkeit:

Wie kommuniziere ich auf der Gefühlsebene?
Wie nehme ich emotionalen Kontakt zu mir selbst, dem verletzten Teil von mir, dem verletzten inneren Kind auf?

Indem ich gewillt bin, zuzuhören…

Zuzuhören, was mir mein Inneres zu berichten hat. Zuzuhören, nicht nur, was an Worten kommt, sondern vielmehr an Gefühlen.
Und die kommen!
Meist nicht strukturiert und ordentlich verpackt, sondern chaotisch, schwallartig, undefinierbar, schmerzhaft, überkochend…

Und wollen ausgehalten werden.

  • Ausgehalten.
  • Gehalten.
  • Wahrgenommen.
  • Anerkannt.
  • Angenommen.

Das, was scheinbar einfach klingt, ist es in der Realität meist nicht. Jeder, der schon einmal ein schreiendes Kind auf dem Arm hielt, das sich nicht trösten ließ, kann erahnen, wie es ist, mit dem schreienden inneren Kind konfrontiert zu sein. Ein energetisches Wesen, das nicht nur verletzt, sondern zudem noch traumatisiert ist und nicht in Worte fassen kann, was ihm da passiert ist…

Geduld und Liebe

…sind zusammen mit dem Verständnis um die Zusammenhänge tatsächlich das Mittel der Wahl und zugleich der Weg. Denn das verletzte Innere braucht Zeit, sich zu öffnen, sich mitzuteilen und zu heilen.

Es ist sinnvoll und ratsam, sich für diesen Weg professionelle Unterstützung zu suchen, um nicht alleine vor dem Berg, der übergroßen Gefühlswelle zu stehen. Und um zu lernen, immer wieder aufs Neue, hinzufühlen. Das anzunehmen lernen, was oft so weh tut, dass man es am liebsten vergessen oder gar verdrängen möchte.

Aber es lohnt sich! Es lohnt sich, wenn sich Stück für Stück das innere Aufschreien, die Verzweiflung und Panik in ein zaghaftes Lächeln verwandeln, in das Gefühl von Selbstbestimmung, positiver Aggression und Durchsetzungsfähigkeit!

Stück für Stück kehrt so tatsächlich irgendwann Ruhe und Frieden in einem ein, der Horror und Zerstrittenheit mit einem selbst weicht der Selbstliebe und dem Gefühl von Harmonie mit sich selbst.

Schau dir auch hier das dazugehörigen YouTube Video an:

Teil 2 dieser 4-teiligen Artikelserie findest du ab 22. Dezember 18 hier auf Spirit online.

08.12.2018
Ursula Schulenburg

Alle Beiträge der Autorin auf Spirit Online
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4 Kommentar(e)

  • Guten Morgen,
    erfüllt von gr. Spannung, las ich soeben diesen Artikel, der wie einer Blaupause gleich,
    einen Ausschnitt meines Lebens beschrieb…Hab vielen Dank dafür, denn vermutlich
    bringt er noch mehrere betroffene Menschen in die ” Aha-Spur.”
    Langsam, ganz langsam, weiß ich wieder was ” Fühlen- ein echtes fühlen ” bedeutet- bzw.
    spüre parallel, dass dieses Fühlen etwas mit mir zu tun hat…
    Die Schuldabnahme- von meinen sogenannten Peinigern, tauchen nicht mehr so oft auf –
    vielmehr steige ich in das Beobachten der Geschehnisse hinein, was nicht bei allen mir nah.
    stehenden Personen gelingt…Manche können eben sehr vorteilhaft triggern…Das Zuhören,
    und das, womit ich in Resonanz gehe, ist eine gute Übung….
    Lichtvolle Grüße
    A-M

    • Danke für die lichtvollen Grüße!
      Und danke für Deine offenen Worte… Ich stelle immer wieder fest, wie viele Gemeinsamkeiten wir Betroffene von Trauma doch haben, obwohl jeder natürlich sein ganz eigenes Schicksal und Weg hat. Diese Verbindung und Gemeinsamkeit kann stärken, man fühlt sich gesehen und nicht mehr so alleine damit…
      Echtes fühlen, sich überhaupt zu trauen, wieder etwas zu fühlen, ist so kostbar. Für mich bedeutet es immer wieder ankommen, da sein, Klarheit haben!
      Ich freue mich über Dein Feedback und dass dieser Artikel Dir geholfen hat. Damit hilfst Du auch mir, weiter zu schreiben…
      Herzliche Grüße!
      Ursula

  • Sehr gut, differenziert und mitfühlend geschrieben. Ja, es ist wahr. Das Annehmen, In-den-Arm-nehmen ist die stärkste Heilkraft, die mir auf meinem langen Weg begegnet ist. Geduld-haben ist dabei das Schwerste.
    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel.

    • Liebe Kati Pfau,
      sehr, sehr gerne. Und ja, ich empfinde es wie Du, dass die größte Heilkraft tatsächlich in dem Annehmen und ja sagen zu sich selbst liegt. Es fällt nicht immer leicht und Geduld ist gefordert. Manchmal gelingt es leichter, einen anderen Betroffenen in den Arm zu nehmen und Trost zu spenden, als sich selbst… und somit schlägt man doch wieder ein Brücke zum eigenen Inneren, da die Liebe und das Mitgefühl ja in diesem Moment durch einen fließen – zum anderen – und doch auch wieder zurück zu einem selbst.
      Und dann fällt die Umarmung der eigenen Person, des eigenen verletzten Kindes/Inneren, irgendwann auch schon viel leichter.
      Ganz lieben Dank für Deine Worte!
      Sei herzlich gegrüßt!
      Ursula

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  • Guten Morgen,
    erfüllt von gr. Spannung, las ich soeben diesen Artikel, der wie einer Blaupause gleich,
    einen Ausschnitt meines Lebens beschrieb…Hab vielen Dank dafür, denn vermutlich
    bringt er noch mehrere betroffene Menschen in die ” Aha-Spur.”
    Langsam, ganz langsam, weiß ich wieder was ” Fühlen- ein echtes fühlen ” bedeutet- bzw.
    spüre parallel, dass dieses Fühlen etwas mit mir zu tun hat…
    Die Schuldabnahme- von meinen sogenannten Peinigern, tauchen nicht mehr so oft auf –
    vielmehr steige ich in das Beobachten der Geschehnisse hinein, was nicht bei allen mir nah.
    stehenden Personen gelingt…Manche können eben sehr vorteilhaft triggern…Das Zuhören,
    und das, womit ich in Resonanz gehe, ist eine gute Übung….
    Lichtvolle Grüße
    A-M

    • Danke für die lichtvollen Grüße!
      Und danke für Deine offenen Worte… Ich stelle immer wieder fest, wie viele Gemeinsamkeiten wir Betroffene von Trauma doch haben, obwohl jeder natürlich sein ganz eigenes Schicksal und Weg hat. Diese Verbindung und Gemeinsamkeit kann stärken, man fühlt sich gesehen und nicht mehr so alleine damit…
      Echtes fühlen, sich überhaupt zu trauen, wieder etwas zu fühlen, ist so kostbar. Für mich bedeutet es immer wieder ankommen, da sein, Klarheit haben!
      Ich freue mich über Dein Feedback und dass dieser Artikel Dir geholfen hat. Damit hilfst Du auch mir, weiter zu schreiben…
      Herzliche Grüße!
      Ursula

  • Sehr gut, differenziert und mitfühlend geschrieben. Ja, es ist wahr. Das Annehmen, In-den-Arm-nehmen ist die stärkste Heilkraft, die mir auf meinem langen Weg begegnet ist. Geduld-haben ist dabei das Schwerste.
    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel.

    • Liebe Kati Pfau,
      sehr, sehr gerne. Und ja, ich empfinde es wie Du, dass die größte Heilkraft tatsächlich in dem Annehmen und ja sagen zu sich selbst liegt. Es fällt nicht immer leicht und Geduld ist gefordert. Manchmal gelingt es leichter, einen anderen Betroffenen in den Arm zu nehmen und Trost zu spenden, als sich selbst… und somit schlägt man doch wieder ein Brücke zum eigenen Inneren, da die Liebe und das Mitgefühl ja in diesem Moment durch einen fließen – zum anderen – und doch auch wieder zurück zu einem selbst.
      Und dann fällt die Umarmung der eigenen Person, des eigenen verletzten Kindes/Inneren, irgendwann auch schon viel leichter.
      Ganz lieben Dank für Deine Worte!
      Sei herzlich gegrüßt!
      Ursula

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