spirituelle Geschichten

Spirituelle Geschichten – Corvus – Teil 3 von 3

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Als ich aus dem Zug stieg, bemerkte ich zum ersten mal an diesem Tag wie kalt es war. Es lag Regen in der Luft aber es kümmerte mich nicht im geringsten. Ich dachte an nichts anderes als an Ursula. An die schöne Ursula mit ihrem erstaunlichen Leoparden.

Ich nahm die Treppe ohne überhaupt zu schauen, ob der Aufzug wieder in Betrieb war.
Als ich auf meine Wohnung zuging, wurde das gleichmäßige dumm, dumm, dumm der gedämpften Musik immer lauter. Es waren meine Nachbarn. Innerhalb der Wohnung selbst, trommelte sich der Lärm mühelos durch die dünnen Pappwände.

Gegen Mitternacht wurde es immer lauter und sie übertönten die Musik durch Schreien. Kurz nach zwei Uhr morgens drehten sie es noch eine Nummer höher und kreischten sich an. Ich redete mir ein, dass das laute Rumpeln und Krachen durch umfallende Möbelstücke verursacht wurde.
Dann hörte alles auf.
Die Musik riss ab und Stille setzte ein. Jetzt konnte ich wegen der Stille nicht schlafen. Es war die falsche Art von Stille.

Wie erwartet war Sheba an Ursulas Seite als wir uns wieder im Park trafen. Ich hatte den Eindruck, dass Sheba mich dieses mal auf subtile aber freundliche Art zu wertschätzen schien.

„Natürlich mag sie Dich Steve,“ sagte Ursula als ich es erwähnte. „Wie könnte sie Dich nicht mögen?“
Sie drückte meinen Arm um die Tatsache zu unterstreichen und wir wanderten den Weg entlang zum Musikpavillon. Ein gelber Luftballon flog vorbei und seine Schnur schleifte über das kurze, samtige Gras.

Crow hüpfte fasziniert hinterher, konnte sich aber nicht entscheiden, ob er nach der Schnur schnappen sollte oder nicht. Wir folgte ihm belustigt und kamen zu einem Eisverkäufer. Er trug eine altmodische, theatralische Militäruniform und tippte sich an den Hut als wir uns näherten. Sein Eiswagen war bunt geschmückt und fuhr auf zwei riesengroßen Wagenrädern. Ich schaute mir die kunstfertigen, selbstgemalten Illustrationen auf der Seite des Wagens an, auf denen die verschiedenen Eissorten zu sehen waren.

„Was hättest Du gern?“ fragte ich. Sie lächelte mit großen Augen wie ein Kind.
„Oh! Ich will bitte ein Erdbeer-Bananen-Blaubeereis!“ Ich war mir nicht sicher ob es diese Sorte überhaupt gab. Auf den Bildern waren nur die üblichen einfachen Sorten abgebildet. Ich musste ihre Bestellung nicht wiederholen denn schon überreichte der Verkäufer zu meiner Überraschung das fertige Eis mit einem eleganten Schwung. Ich bestellte Vanille und wieder zauberte er es augenblicklich für mich hervor. Es war von der weichen, kremigen Sorte. Ich wusste gar nicht, dass man sie in dieser Form lagern konnte. Er tippte sich wieder an den Hut und lächelte als ich bezahlte.

Wir liefen weiter und leckten unser Eis. Ursula erlaubte es Sheba üppige Portionen von ihren Fingern zu lecken und Crow probierte auch etwas. Schließlich kamen wir zu einer kleinen, buckligen Steinbrücke und hielten an um in den Bach zu schauen. Unsere Spiegelbilder schauten aus dem klaren Wasser zu uns zurück und da merkte ich wie sinnlos glücklich wir waren.

Am Samstag verbrachten wir den ganzen Tag zusammen. Ursula hatte einen Picknickkorb dabei und wir saßen am Seeufer und hörten die leisen Klänge der um-da-da- Musik, die vom Musikpavillon zu uns hinüber schwebten. Crow untersuchte den Korb mit seinem Schnabel und versuchte spielerisch den Deckel aufzukriegen.
Ich wußte, dass er nur Schabernack treiben wollte und nicht wirklich daran interessiert war hinein zu kommen. Ursula lag auf der Seite und hatte ihren Kopf auf Shebas Hals gelegt. Es sah aus, als läge sie auf einer Chaise-Longue mit Leopardenfell.

„Jetzt siehst Du aus wie die Königin von Sheba,“ lachte ich.

Bevor Ursula etwas erwidern konnte wurden wir von einem lauten Gekreische unterbrochen. Es war Crow. Er hatte seinen Kopf im Picknickkorb eingeklemmt. Ich rettete ihn. Seine Federn waren aufgeplustert und er stand einige Augenblicke missmutig da und beäugte argwöhnisch den Korb.
Wir lachten und glätteten seine Federn (und seine Empörung) bis er sich wieder beruhigt hatte. Er war entzückt über die Aufmerksamkeit und schmiegte sich an meine Hand um den ungewohnten körperlichen Kontakt auszukosten. Seine Federn waren viel weicher als ich erwartet hatte und ich nahm mir vor ihn künftig öfter zu liebkosen.

Ursula verteilte das Essen. Sheba bekam ein leckeres Brötchen mit Salat. Sie nahm es mit äußerster Vorsicht aus Ursulas Fingern und klemmte es sich zwischen ihre Zunge und messerscharfen Zähne.

Crow wurde nicht ausgelassen und pickte geschickt nach der prallen Erdbeere, die sie ihm auf ihrer Handfläche anbot. Ich machte mich nützlich und öffnete den auf mysteriöse Weise gekühlten Wein.
Wir stiessen auf diesen wunderbar magischen Tag an und da sprang ein silberner Fisch aus dem See und spiegelte blitzend das Sonnenlicht und es verwob sich mit dem kristallklaren Ton unserer angestossenen Gläser.

Gegen Abend wanderten wir tiefer in den Park hinein bis wir zu einer Wiese kamen. Sie war voll von wilden Blumen in sanftem rot, gelb und lila. Sie verschmolzen ineinander, noch flüssig und frisch von ihrer Berührung mit dem fruchtbaren Pinsel der Leidenschaft. Ich verlor mich in den Farben, in dem Gedränge subtiler Schattierungen. Sie verschmolzen, formten sich um und verschmolzen wieder unter den leuchtend orangen Armen der schläfrigen Sonne.

Die Blumen teilten sich für Sheba als sie hindurch schritt und einen wehenden Schleier bunter Blütenblätter hinter sich her zog. Crow rollte als stille Silhouette am bernsteinfarbenen Rand der Dämmerung über dem geschmeidigen Leoparden. Ganz allmählich näherten die beiden sich einem Feldweg, der zu einem gemütlichen kleinen Haus führte und wir folgten ihnen. Ich wußte, dass es dort einen Kräutergarten gab und gutes Essen auf dem kleinen dreibeinigen Tisch. Ich wußte auch, dass es Ursulas Haus war.

„Es ist wunderbar,“ flüsterte ich in die ruhige Stille hinein.
Ursula verwob sanft ihre Finger mit meinen, sodass wir uns noch näher waren.

„Ich würde gern für immer mit Dir hier sein,“ sagte ich – und versagte jämmerlich bei dem Versuch die schmerzhafte Welle von Traurigkeit aufzuhalten, die mich überkam.

„Ich hasse mein Leben,“ gestand ich. Ursula schaute mir mit ihrem typischen Ausdruck von verwunderter Belustigung in die Augen und fragte „Wenn Du Dein Leben so sehr hasst, warum hast Du es kreiert?“

08.07.2018
© Carl Franz
Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Wider
www.themindofmishka.weebly.com

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