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Spirituelle Geschichten: Die Frau im lila Mantel

Franz-Carl-lila-mantelDie Frau im lila Mantel

Ich suchte mir im Cafe einen ruhigen Platz am Fenster und setzte mich dort mit meiner Tasse Kaffee hin.
Draußen lief der Stummfilm letzter, hektischer Feiertags-Einkäufe in rasantem Tempo ab.
Es wurde schon spät und es sah aus, als ob es gleich wieder regnen würde. Das Meer von auf und ab wippenden Köpfen schien es eilig zu haben endlich nach Hause zu kommen.

Nicht so die Frau im lila Mantel.

Sie lief eben an meinem Fenster vorüber, als eine Einkaufstasche grob in ihre Hüfte gerammt wurde. Die Täterin eilte ohne Entschuldigung weiter.
Zusammen beobachteten wir ihre hastige Flucht. Die zwei schwer beladenen Einkaufstaschen schaukelten auf beiden Seiten hin und her und schleiften mit ihren geschwollenen Bäuchen beinah  auf den abgetretenen Pflastersteinen. Zwischen ihnen schoben sich abwechselnd zwei klappernde, schwarze Schuhe im Stechschritt nach vorn, bis sie im dichten Wald von trampelnden Beinen verschwunden waren.

Die Frau im lila Mantel hätte auch weiter laufen sollen.
Es wäre für sie viel sicherer gewesen mit der homogenen Masse Schritt zu halten, als dort draußen herumzutrödeln.
Aber verblüffender Weise, verlangsamte sie stattdessen ihren Schritt und blieb schließlich ganz stehen.
Der Mann direkt hinter ihr, der einen unangemessen leichten Anzug trug, blieb ebenfalls stehen und unternahm keinerlei Versuch an ihr vorbei zu kommen.

Die Frau im lila Mantel und ich beobachteten zusammen nun weiter die Leute. Ich von meinem bequemen Fensterplatz im Cafe aus, und sie von da draußen im Wahnsinn.
Sie schien von all dem völlig unberührt.
Ein meditativer Ausdruck glitt über ihr Gesicht. Es sah aus wie das ruhige Spiegelbild des Sonnenwendmonds, der irgendwo da oben über uns hing, wie ich wusste.
Zwei friedliche Gesichter, verloren in der Menge. Das eine leuchtete über, das andere unter den gleißenden Straßenlaternen.
Ihre Meditation konzentrierte meine Wahrnehmung auf einen einzigen Punkt. Und somit wurde sie zu einem Fokus der Achtsamkeit und alles andere verblasste zum bedeutungslosen, hektischen Hintergrund.
Mein Tisch wackelte überraschend; Kaffee schwappte aus meiner Tasse.

„Entschuldigung“ murmelte ein Mann, während er sich vorbeiquetschte und dabei den Augenkontakt vermied.
Ich wischte den Kaffee mit einer Serviette auf. Als ich wieder aus dem Fenster schaute, stand sie noch immer da.
Ein Regentropfen rann mitten die Scheibe hinunter, gefolgt von einer Flut vergrößerter Details, welche die stille Gestalt vor dem Fenster mit der Zärtlichkeit eines wissbegierigen Kinderfingers erforschte.

Das Fenster wurde durch die wässrige Linie in zwei Hälften geteilt. Leute eilten von einer Hälfte in die andere. Von der Vergangenheit in die Zukunft. Sie nahmen den kostbaren, fingerbreiten Moment in der Mitte nicht wahr und ließen ihn zurück wie eine vergessene Einkaufsliste.

Ein unaufmerksames Mädchen musste, mitten im Texten, einen recht flinken Seitenschritt um die reglose Frau im lila Mantel machen.
Die spitze Kralle eines Regenschirms durchschnitt die Luft nah ihrer Wange.
Viel länger konnte ihr Glück nicht halten.

Aus unerklärlichen Gründen, schien die ganze Masse schlafwandlerischer Passanten wie angezogen zu sein von genau dieser Stelle. 
Paradoxer Weise stand sie vollkommen still und mit geöffneten Augen, während alle anderen mit fest verschlossenen Augen um sie herum wuselten.

Irgendein Unglück würde demnächst passieren.
Ich zuckte ihretwegen zusammen, aber es beruhigte mich etwas, dass der Mann noch immer wartend hinter ihr stand.
Er würde sie wenigstens vielleicht etwas abschirmen, dachte ich.

Er tat jedoch mehr als das. Er tat sogar etwas ganz Außergewöhnliches. Ohne ein Wort zu sagen, breitete er seine Arme zur Seite aus, mit nach außen gekehrten Handflächen.
Niemand schien in irgendeiner Weise von diesem merkwürdigen Verhalten überrascht zu sein.
Aber alle mussten es bemerkt haben.

Als würden sie seinem Zeichen folgen, änderten die Menschen in der Fußgängerzone ihren Kurs.
Es war keine dramatische Veränderung, nur ein kleiner Seitenschritt nach rechts oder links von jedem Vorbeikommenden.
Es entstand ein ganz neues Gewebe von unsichtbaren Pfaden, das sich mit einem Schlag auf dem Pflaster abzeichnete. Und so wurde um die Frau im lila Mantel eine ruhige kleine Insel gebildet.
Sie selbst schien von dem ganzen Schauspiel überhaupt nichts wahrzunehmen.

Als sie sich gesammelt hatte, setzte sie ruhig ihren Weg fort.
Hätte sie sich noch einmal umgedreht, so hätte sie vielleicht (wie ich) gesehen, wie ihr geheimnisvoller Beschützer in der feuchten Dezemberluft einfach verblasste.

11.03.2018
Carl Franz
Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Wider
www.themindofmishka.weebly.com

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2 Kommentar(e)

    • Liebe Heide-Rose Decurtins,
      Vielen Dank. Ich würde mich freuen, wenn die Geschichte in Ihrem Workshop verwendet wird.
      Ich möchte auch Michaela Wider für die wunderbar sensible Übersetzung danken.
      Herzlichen Dank
      Carl Franz

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