Spirituelle Geschichten:  Henry’s Garten

tuere-bruecke-goalHenry’s Garten 

Irgendetwas hatte mein Gemüsebeet umgewühlt.
Entschlossen den abscheulichen Missetäter zu ertappen, der alles dransetzte meine kostbare Ernte zu ruinieren, schlich ich mich eines Nachts in den Garten.
Die Taschenlampe erleuchtete den Gartenweg vor meinen Füßen in einer schwachen, gelben Ellipse. Es wäre wohl keine schlechte Idee gewesen die Batterien vorher zu laden. Trotz meiner mangelnden Vorsorge, schaffte ich es unversehrt bis zur Stelle mit der roten Beete.
Oder besser gesagt was davon noch übrig war. Die restlichen Pflanzen krümmten sich nervös neben den leeren Kuhlen in denen ihre Geschwister einst gediehen.
Ich ließ den gelben Lichtstrahl über ihre zarten Blätter gleiten. Sie antworteten mit auf und ab tanzenden Schatten sonst nichts, keine weiteren Hinweise.
Bevor ich zurück ging, schwenkte ich eine letztes Mal mit der Taschenlampe herum. Die staksigen Formen der Bohnenstangen erstarrten im Lichtkegel als wären sie dabei ertappt worden im Dunklen Statue zu spielen.
Ich schlenderte zu den knochigen Genossen hinüber

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Die Bohnenblüten zeigten noch immer ihre wunderschöne und zierliche Pracht.
Nie sahen die violetten Blüten perfekter und atemberaubender aus als bei Nacht.
Ich staunte über ihre fragile Eleganz, die sich furchtlos, blindlings dem schwarzen Himmel entgegenstreckte.
Gedankenversunken bemerkte ich kaum die ersten zarten Spinnenweben einer anderen Intelligenz, die mich abtasteten.
Ich wurde beobachtet.
Die feinfühlige Berührung reichte aus um mich erkennen zu lassen, dass dies ein nicht-menschliches Wesen war. Wir Menschen, selbst die aller sanftesten, sind bemerkenswert plump wenn es um empathischen Austausch geht.

Ich unterdrückte mein instinktives Bedürfnis mich umzudrehen und es im Taschenlampenstrahl zu fangen, stattdessen atmete ich langsam aus um mich zu beruhigen und zu zentrieren.
Mein Bewusstsein streckte seine Fühler aus durch die samtenen Schichten der Nacht.
Das unbekannte Wesen war immer noch dabei mich gelassen zu beobachten. Es hatte erfolgreich den Spieß umgedreht und meiner kurzen und recht erfolglosen Karriere als Spion ein Ende gesetzt.
Ich spürte die Gegenwart einer ruhigen und selbstsicheren Persönlichkeit. Eine Intelligenz, die mit subtilen Sinneswahrnehmungen ausgestattet war, mit denen sie mich immer noch abtastete.
Ich spürte eine sehr entspannte und verspielte Akzeptanz von dem Wesen ausgehen. Nicht nur das, sondern ich spürte, dass ich ihm vertraut war und es mich deshalb ohne allzu große Neugier beobachtete.

Vertraut? Das konnte ja nur bedeuten, dass es mich kannte?

Ich fragte mich ob ich mich wohl in der Gesellschaft eines Elementarwesens befand.
Aber welchem Elementarwesen konnte ich so vertraut sein?
Müsste ich denn nicht wenigstens eine geringe Ahnung davon haben?
Gebannt streckte ich meine neugierigen Fühler aus.
Sachte, sachte. Elementarwesen sind sehr empfindliche Wesen, ermahnte ich mir.

Ich wusste, dass mein Besucher sich nur wenige Meter hinter mir befand. So viel war klar. Aber eigentlich hätte mir noch viel mehr klar sein müssen.
In Erwartung des glasklaren, humorvollen Verstands eines Elementarwesens forschte ich tiefer.
Enttäuscht fand ich keinerlei derartigen und genussvollen Austausch.

Dieser rätselhafte Mangel an Resonanz war für mich neu und unerklärlich.
Ich streckte meine inneren Fühler noch weiter aus. Die Peripherie des Bewusstseinsfeld des Elementarwesens musste doch zu spüren sein.
Immer noch nichts? War es dabei sich zu entfernen?
Ich warf meine vorherige Zurückhaltung über Bord und jagte ihm nach.

Jetzt endlich begann ich etwas zu spüren. Es war ein Bewusstsein, das sich viel langsamer bewegte als ich erwartet hatte. Das erklärte dies ungewöhnlich distanzierte Gefühl.
Ich schauderte. Es gab einige riesengroße und Gott sei Dank sehr sanfte Elementarwesen im Garten, fiel mir ein.
Ich sah sie außerordentlich selten.
Konnte es sich um so eines handeln? Ich verwarf den Gedanken. Nein, so ein Erlebnis wäre viel zu überwältigend und mächtig um mit etwas anderem verwechselt zu werden.

Was ging also hier eigentlich im (meinem?) Garten vor, fragte ich mich?
Angespornt durch die berauschende Mischung aus Frustration und brennender Neugier schossen meine Sinne nach außen und ließen dabei den letzten Anschein von höflicher Zurückhaltung fallen.
Mein Angriffsziel war um einiges näher als ich erwartet hatte und ich traf mit ungebremster Geschwindigkeit darauf.
Feinsinnliche Energie unterliegt nicht den Gesetzen der Trägheit. Sie kann augenblicklich beschleunigen, anhalten oder die Richtung wechseln.
Bei meinem Verstand, der um einiges dichter ist, ist das jedoch nicht der Fall.
Ich muss gestehen, ich prallte ungebremst in das arme Geschöpf hinein.
Zu meiner Überraschung wurde ich einfach absorbiert.
Wir schmolzen mit Anmut und Leichtigkeit zusammen.
Augenblicklich überwältigte mich eine Flut von unbekannten Empfindungen.
Ich hätte mich auch sofort aus der fremden Umgebung zurückziehen können.
Jedoch sickerte nun endlich die Identität des rätselhaften Wesens zu meinem Bewusstsein durch.
Er und ich kannten uns tatsächlich sehr gut.

Cal-Franz-Wider-Henry-Garden-pic1Das Rätsel war gelöst.
Natürlich! jetzt machte auch alles Sinn. Die ruhige, verspielte Ausstrahlung. Die gelassene Hinnahme und die leicht arrogante, selbstsichere Haltung.
Mein nächtlicher Gartenbesucher war kein anderer als des Nachbars Katze Henry.
Nicht Schlimmes war passiert. Henry war völlig entspannt wie immer. Er schien sogar gern bereit auch dem Eindringling seines Gartens Raum zu gewähren.
Durch seine Gastfreundlichkeit ermutigt, entschied ich mich noch eine Weile zu bleiben um seine Wahrnehmung der Welt mit ihm zu teilen und zu genießen.
Henry sah den Garten viel heller und leuchtender als es mir je möglich wäre.
Seine blass grünen Augen verwandelten den dunklen Ozean der Nacht in einen blau-grauen Urwald.
Das Blattwerk um ihn herum wirkte wie ein fein ziselierter, magischer Wald.
Er reichte hinauf bis in den violetten Äther, der sich wie eine schützende Schale über unseren geheimen Garten gewölbt hatte.

Ich (wir) gähnte(n) mit verächtlicher Langeweile, was meine Aufmerksamkeit auf die Länge und Form unseres felligen Unterkiefers lenkte. Er streckte sich viel weiter nach vorn als mein eigener. Irgendwo ziemlich weit entfernt, versuchte sich mein eigener Kiefer zu strecken. Auch mein Kinn hob sich an und ahmte den Winkel des seinen nach.
Unsere Augen waren tiefliegend und fühlten sich seltsam hoch platziert an.  Zwischen ihnen lief eine befellte Nase in einem Grat nach unten, der genau über unseren scharfen Oberzähnen endete.
Eine äußert praktische Einrichtung um lebhafte Delikatessen in die Zange zu nehmen.
Über uns flatterte etwas. Ein Nachtfalter vielleicht? Das zarte Flattern seiner Flügel reichte aus um die Bahn seines Fluges genauestens verfolgen zu können.

Ich spürte wie mein eigener, weit entfernter Kopf versuchte Henry’s Bewegungen nachzuahmen. Es ist jedoch unmöglich für einen menschlichen Schädel sich so weit zu drehen.
Diese Widersprüchlichkeit der verschiedenen Biologien zog mich in meinen eigenen Körper zurück.
Zunächst etwas desorientiert, fühlte ich mich wie eingeschlossen in einer runden Knochenhöhle.
Dies war, so dämmerte mir, mein eigener Schädel, der prekär auf einer hohen Kante balancierte, die durch meine Schultern gebildet wurde.
Meine scharf-kralligen Katzensinne verließen mich und mir blieben nur die dumpfen, schläfrigen Finger der Wahrnehmung zurück.
Sie drückten vergeblich gegen die dichte Schicht gedämpfter Dunkelheit. Ohne die Hilfe von Katzenaugen war ich gezwungen mit der Taschenlampe herum zu wedeln um Henry zu finden.
Die weißen Flecken auf seinem Fell verrieten ihn. Er hatte das Interesse an dem Nachtfalter verloren und schlenderte leger auf mich zu.
Henry hielt beim rote Beete Flecken an und schnüffelte an den übrig gebliebenen Pflanzen.
Nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte, fing er an eins von den zarten Pflänzchen auszuscharren um eine geeignete Vertiefung zu schaffen.
„Henry!“ knurrte ich durch geschlossene Zähne.
Er schaute mich gelangweilt an.
„Was denn?“ fragte er unschuldig.

04.03.2018
(c) Carl Franz
Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Wider
Illustrationen von Emma Franz
www.themindofmishka.weebly.com

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