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Spirituelle Geschichten – In einer ruhigen Akzeptanz des Göttlichen

bruecke-nebel-bridgeIn einer ruhigen Akzeptanz des Göttlichen – Stick Bridge Woods 

Der Yorkshire Wald lässt sich nicht zähmen.
Er rührt sich unentwegt im Schlaf, irritiert durch die schmale Straße, die man ihm auf seinen buckligen Rücken geschnallt hat.
Er reckt und streckt sich mal zur einen und mal zur anderen Seite.
Er dehnt die eng sitzenden Asphaltstreifen auf seinen ruhelosen Schultern mehr und mehr bis sie, dünn und fadenscheinig geworden, schließlich aufreißen und mit hungrigen, schwarzen Mäulern nach den Reifen unachtsamer Fahrer schnappen. Autos finden hier kein Platz zum rasten.
Sie rasen in blinder, glupschäugiger Sturheit immer weiter, wie die von Angst getriebenen Verirrten.
Die verbeulte, graue Straße, rast mit ihnen um die Wette über Berg und Tal. Die Straße gewinnt immer und wartet dann herablassend hinter der nächsten Kuppe.
Nach dem Rennen streckt der Asphalt sich wieder friedlich zum Schlaf aus und wendet sein ungeschütztes Gesicht dem launischen Yorkshire Himmel zu, während aus den Staubwolken die letzten Steinchen hüpfen und wie verlorene Würfel an den Straßenrand rollen und manchmal auch an den Rand des verlassenen Pfades, der zum Stick Bridge Woods führt.

Von oberhalb sticht einem der Wald ins Auge, denn er sieht wie ein vom Wind gekämmtes, grün- samtenes, Rechteck aus, das jemand sauber in den Fleckenteppich von heckengesäumten gold- und ockerfarbenen Weiden eingesetzt hat.
Der Anblick ist einfach entzückend und vielleicht hielt ich deshalb dort an. Ich weiß ohne Zweifel nur, dass das Universum immer einen Grund hat (wenn ich nur zuhören würde).

Der Pfad war so zugewachsen, dass ich nicht anders konnte, als mich wie ein wie ein Eindringling zu fühlen. Ich trat mit meinen großen Stiefeln vorsichtig auf um so wenig wie möglich zu zertreten und erreichte den Eingang von Stick Bridge Woods.

Sobald ich unter dem kühlen, feuchten Kronendach angekommen war, löste sich der Weg dem ich bis dahin hatte folgen können ganz auf. Es blieb mir nichts andres übrig als mich auf einen undeutlichen kleinen Hasenpfad und meine wachsende Intuition zu verlassen.

Irgendwann erreichte ich die Brücke. Sie war robust und einfach gebaut und bestand aus zwei Querbalken auf die dicke Planken genagelt worden waren.
Die wuchtige Konstruktion überspannte einen lächerlich schmalen Graben.
Der Graben war wirklich so schmal, dass keiner der mit einem Mindestmaß an Beweglichkeit ausgestattet war, in ihm ein Hindernis gesehen hätte, das er nicht mit einem Sprung hätte überqueren können.
Selbst wenn man ausgerutscht und hingefallen wäre, hätte man kaum mehr als seinem Stolz verletzt, denn die Vertiefung war höchstens fünfzig  Zentimeter tief.
Damit erhob sich die Frage: warum an dieser Stelle überhaupt eine Brücke bauen?
Des Rätsels Lösung schien in dem Geländer zu liegen, das sich auf seltsame Weise an einer Seite der Brücke entlang hangelte. Die Art in der es gebaut worden war und das Material welches man dazu verwendet hatte, standen so sehr im Kontrast zur übrigen Brücke, dass es sich hier ganz offensichtlich um eine spätere Ergänzung handelte, noch dazu eine, die ziemlich grob zusammen gezimmert worden war (dachte ich).
Vom Standpunkt eines Ingenieurs aus, interessierte es mich jedoch und ich schaute mir die Sache genauer an.

Das ganze Gebilde bestand aus einer wirren Ansammlung abgebrochener Äste und Zweige, die scheinbar wahllos zusammengepfercht worden waren. Gekrönt wurde das Ganze von einigen längeren und grob beschnitten Ästen, die als Handlauf dienten.

Ich legte meine Hand auf das schwankende Bauwerk um seine Stabilität zu prüfen und kam schnell zu dem Schluss, dass es sich hierbei keinesfalls um eine Absturzsicherung handelte!

Es machte keinen Sinn sich darauf zu stützen und doch schien meine Hand dort verweilen zu wollen.
Ich begann zu spüren, dass diese Brücke etwas sehr Wohltuendes, Beruhigendes und Bedeutungsvoll an sich hatte.
Ich begriff, dass der verknorzte krumme Ast unter meiner Hand, keineswegs so achtlos und hastig hingezimmert worden war wie ich zuerst dachte. Mit diesem Geländer hatte es etwas auf sich.

Meine Hand fing unwillkürlich an von einer fremden Energie zu summen als ich mich am Handlauf entlang tastete und spürte, dass dort einst die Hand eines Anderen geruht hatte. Dieser Andere war eine ruhige Persönlichkeit, ein  friedlicher Mann, der seine Gedanken gezielt und besonnen in die Tat umsetzte.

Ich trat zurück, um eine Neubewertung des Ganzen vorzunehmen. Ich erkannte plötzlich, dass die stützenden Äste des Geländers von einem Verstand platziert worden waren, dem nicht nur die oberflächlichen Prinzipien der Konstruktion vertraut waren, sondern auch die Vollkommenheit der Natur als Ganzes. Es dämmerte mir, dass dieses Gebilde hier eigentlich überhaupt keine Brücke war.

Ich ging Schritt für Schritt und ließ dabei meine Hand über das Geländer gleiten, während ich die Geschichte seines Erbauers darin las. 
Er hatte über die gesamte Länge der Brücke hinweg den Faden seines Lebens sorgsam in das Geländer mit eingewoben. Ich sah wie er jeden einzelnen Ast umsichtig und mit klarer Absicht gewählt hatte; dann sorgfältig überlegte, auf welche Weise jedes einzelne Stück sein eigenes Leben widerspiegelte.
Ich sah seine Winterstürme und alles was darin verbogen und zerbrochen wurde, ich sah die versplitterten Narben, die er aus blinden Kämpfen widerstrebender Meinungen davontrug und ich sah die erlösende, selbstlose Fülle seines Frühlings.
Ich sah auch seine warmen, trägen Sommertage. Sie ruhten satt und zufrieden unter dem goldenen Auge einer wohltätigen Mutter Sonne. Und ich sah seinen Herbst, die Zeit der Ernte und des Erntedanks.
Dieser Mann gewahrte und bewahrte sein ganzes Leben in diesem einen Geländer. Und er tat es in einer ruhigen Akzeptanz des Göttlichen. Alles war hier still rekapituliert und perfekt eingepasst worden. Dieses Geländer aus Bruchholz war nichts Geringeres als das Werk eines Meisters.

Als ich die Brücke entlang schritt und gleichzeitig durch das Leben eines Mannes den ich nie gekannt hatte, erfüllte mich eine große Bewunderung für ihn und ich fühlte mich auf  bescheidene Weise mit ihm verwandt.

15.04.2018
© Carl Franz
Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Wider
www.themindofmishka.weebly.com

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