Verantwortung – Privileg oder Bürde?

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Verantwortung oder Bürde-Frau-gluecklich-Blumen-girlVerantwortung – Privileg oder Bürde?

Was kommt Ihnen als erstes beim Wort „Verantwortung“ in den Sinn? Verstehen Sie Verantwortung als Chance, mitzugestalten, tätig zu werden, Ihre eigenen Ziele zu verwirklichen und sich dadurch als handlungsstark zu erleben?
Ist Verantwortung für Sie ein Privileg, um selbstwirksam zu sein? Oder erleben Sie es eher als eine Bürde, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen?

Vielleicht ist es Ihnen lieber, wenn andere die Verantwortung tragen, weil sie Ihnen zu schwer auf den eigenen Schultern lastet? Was ist Verantwortung nun? Ein Privileg oder eine Bürde? Und inwiefern prägt unser Verständnis von Verantwortung unser (alltägliches) Leben?

Ich lade Sie dazu ein, den Antworten auf diese Fragen mit einer kleinen Übung auf die Spur zu kommen:

Konzentrieren Sie sich für einen Moment auf Ihren Atem. Nehmen Sie wahr, wie Ihr Atem ein- und ausströmt. Versuchen Sie nicht, etwas zu verändern, greifen Sie nicht ein in diesen Luftstrom, durch den sich Ihr Brustkorb anhebt und wieder absenkt.

Beobachten Sie einfach nur, wie er sich durch Sie hindurch bewegt … Dieser Atemstrom war immer da. Seit Ihrer Geburt sorgt er für Sie. Selbst dann, wenn er irgendwann in Ihrem Leben kurzzeitig ausgesetzt haben sollte, so ist er doch wieder zu Ihnen zurückgekehrt, und sorgt gerade jetzt dafür, dass Sie mit Sauerstoff versorgt werden.

Ihr Atem – als Odem des Lebens – ist ganz sinnbildlich für die permanenten Bewegungen in unser aller Leben.

Ereignisse kommen und gehen, wir erleben Hochstimmungen und Niedergeschlagenheit, Auf Phasen der Anspannung folgt irgendwann Entspannung. Dass sich all das ereignet, gehört ganz natürlich zu unserem Leben dazu. Ebenso, wie die Atemluft von sich aus ganz natürlich ein- und ausströmt.

Wie wir allerdings mit diesen natürlichen Bewegungen der Lebendigkeit umgehen, liegt bei uns selbst. Was unseren Atem angeht, so können wir z. B. eine Weile die Luft anhalten, wir können ganz bewusst tiefer einatmen oder unseren Atem verlangsamen. Die Physiologie unseres Körpers sorgt allerdings bereits nach kurzer Zeit wieder dafür, dass der Atem automatisch wieder einsetzt. Diesen Reflex zu unterbrechen, bedeutet, den Atem und in der Folge die Lebensform, die er erhält, auszulöschen.

Bei Thema Verantwortung liegt es ganz ähnlich.

Dass wir alltäglich in Situationen geraten, in denen unsere Verantwortung gefragt ist, können wir nicht verhindern. Wie wir allerdings mit diesen Situationen umgehen, das liegt in unserer Hand und ist damit Teil unseres Einflussbereichs.

Ähnlich automatisch wie bei der Atemluft, kommen also auch all die gewünschten und weniger wünschenswerten Aspekte unseres Lebens zu uns. Und wie wir in den Atemfluss eingreifen können, so können wir auch mitgestalten, wie wir mit dem umgehen, vor das wir uns alltäglich und außeralltäglich gestellt sehen.

Die Weisheit der Sprache drückt bereits aus, was Verantwortung vor diesem Hintergrund im Kern ist: Ver-antwort-ung.

Verantwortung ist also unsere Antwort, auf die Umstände des Lebens.
Genauso, wie niemand anders durch unseren Mund die Antwort auf eine Frage geben kann, die an uns gerichtet wird, so kann auch kein anderer Mensch die Verantwortung für unser eigenes Lebens übernehmen. Demnach haben wir gar nicht die Wahl, ob wir eine Antwort geben möchten oder nicht. Wir können lediglich wählen, wie unsere Antwort ausfällt.

Ob wir es nun als Privileg oder als Bürde empfinden, selbst antworten zu dürfen bzw. zu müssen, wirkt sich ganz konkret in unserem Alltag aus. In jedem einzelnen Moment unseres Tages wählen wir selbst, wie wir auf genau diesen Augenblick antworten.

Für viele Begebenheiten fällt unsere Wahl unbewusst aus.

In einem solchen Fall ist sie nichts weiter als eine Reaktion, die sich folgerichtig aus dem Denken, Fühlen und Handeln unserer Vergangenheit ergibt. Wir handeln automatisch im Einklang mit unseren zurückliegenden Erfahrungen. Mal wird diese Reaktion erfreuliche Ergebnisse hervorbringen, mal weniger erfreuliche.

Zu solchen automatischen Reaktionen gehört z. B. der Ärger im Straßenverkehr über die „Schnarchnase“ vor uns oder den „Drängler“ hinter uns. Es gehört die Wut über das Verhalten eines Familienmitglieds dazu, das einfach nicht das tun will, um was wir bereits unzählige Male gebeten haben.

Viele von uns rechtfertigen sich z. B. auch ganz automatisch, wenn sie von anderen kritisiert werden. Auch die Wahl etwa unserer Lebensmittel, unserer Sozialkontakte und unseres abendlichen Freizeitprogramms folgen oft ganz automatisch bestimmten Gewohnheiten, die wir uns über eine Zeit hinweg angeeignet haben.

In vielen Zusammenhängen unseres Lebens folgen wir also einer erlernten Lebensstruktur.

Läuft dabei alles glatt und zu unserer Zufriedenheit, erleben wir solche automatisierten Abläufe eher nicht als problematisch. Im umgekehrten Fall hingegen, können uns unsere eigenen Automatismen in Schwierigkeiten bringen, weil wir durch sie Ergebnisse erzielen, die wir nicht für wünschenswert erachten. Wie werden wir in solchen Situationen wieder handlungsfähig?

Meine Antwort darauf lautet, dass wir den gewohnten Pfad des Automatismus verlassen müssen, um damit unsere Ver-antwort- ung wieder auf bewusste Weise zu übernehmen. Das beinhaltet, all die damit verbundenen Unsicherheiten und Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen, mehr noch, sie in Chancen zum eigenen Wachstum zu verwandeln.

Es liegt an uns selbst, unsere Verantwortung wieder ganz bewusst wahrzunehmen,

sie anzunehmen und dann zu entscheiden, welche Antwort wir auf das geben wollen, was wir erleben.
Die „Schnarchnase“ im Straßenverkehr kann uns zu einer wunderbaren Gelegenheit werden, um uns in Gelassenheit zu üben und respektvoll auf den Menschen hinterm Steuer zu blicken, der den Mut hat, in seinem eigenen Tempo am Straßenverkehr teilzunehmen, statt sich hetzen zu lassen.

Der „Drängler“ erinnert uns daran, wie schnell es zu Unfällen mit schlimmen Folgen kommen kann, und veranlasst uns dazu, selbst mit höchster Konzentration Autozufahren, statt nebenbei Nachrichten auf dem Smartphone zu schreiben. Das unliebsame Verhalten unseres Familienmitglieds kann uns dazu veranlassen, noch klarer für unsere eigenen Belange einzustehen, oder wir fühlen uns dazu eingeladen, unsere Liebesfähigkeit zu vertiefen und die Verschiedenheit von Menschen mit einem Lächeln anzuerkennen.

Bei unserer nächsten Mahlzeit können wir überprüfen, ob uns das, was dort auf unserem Teller vor uns liegt, überhaupt guttut, oder ob unser Körper nach einer Veränderung verlangt. Dem nächsten Menschen, dem wir begegnen, können wir unser schönstes Lächeln und unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Und statt nach getaner Arbeit einfach zu tun, was wir immer tun, können wir genau heute Abend einer Aktivität nachgehen, die uns Freude bereitet, und mit der wir das Tagwerk friedvoll verabschieden und entspannt in die Nacht gehen können.

Auf das Leben zu antworten, liegt also in unserem Zuständigkeitsbereich.

Ob wir das nun gut finden oder nicht. Je mehr wir uns gegen diese Tatsache stellen, desto eher wird Verantwortung zu einer Bürde. Je mehr wir uns hingegen daran erfreuen, dass wir selbst mitgestalten können, und eben nicht einfach nur Opfer der – häufig auch selbst hergestellten – Umstände sind, desto mehr werden wir Verantwortung als ein Privileg bereifen, das uns geschenkt ist, und mit dem wir unser Leben auf bewusste Weise mitgestalten können.

Die Betonung liegt tatsächlich auf „mitgestalten“. Verantwortung zu übernehmen, bedeutet nicht, sich für alles und jedes als verantwortlich zu sehen. Insbesondere in unserer so komplexen Welt ist das eine blanke Überforderung und muss schließlich angesichts all der Dinge, die jenseits unserer direkten Kontrolle liegen, in die Verzweiflung führen. Verantwortung bietet vielmehr die Möglichkeit, sich den Umständen nicht passiv ausgeliefert zu fühlen, sondern sie als Chancen für neue, stimmige „Antwortmöglichkeiten“ zu begreifen und zu nutzen.

Fangen Sie dabei im Kleinen an, in den scheinbar so unbedeutenden Alltagssituationen.

Stellen Sie sich dabei die einfache Frage: Wie antworte ich jetzt auf genau diese Situation? Allein diese kleine Frage wird für mehr Bewusstheit sorgen, und Sie werden wahrnehmen, welchen Unterschied es für Ihr Wohlbefinden und für Ihre Lebensqualität macht, wenn Sie immer öfter eine bewusste Antwort geben, die Ihnen selbst und anderen zum Besten dient.

Diese Antworten lassen sich umso klarer wahrnehmen, je stärker wir in einem bewussten Kontakt zu uns selbst sind. In der Folge lässt sich dann auch Schritt für Schritt einüben, nicht nur innerlich zu mehr Klarheit über die eigenen Ver-antwort- ung zu gelangen, sondern sich auch mit tatsächlichen Handlungen immer öfter daran zu halten.

Verantwortung zeigt sich in der – in Ihrer! – bewussten Entscheidung, mit dem Leben zu tanzen!

Zwar liegt es tatsächlich allein bei Ihnen, wie Sie antworten, aber bedenken Sie: Damit eine Antwort überhaupt nötig ist, muss jemand zuvor eine Frage gestellt haben. Das Leben kommt ganz automatisch mit solchen „Fragen“ auf Sie zu, und es lässt Sie nicht allein damit.

Die Weisheit des Lebens weiß sehr genau, welche „Fragen“ zu Ihnen passen und welche nicht, es überfordert Sie nicht – auch wenn es Ihnen manchmal so vorkommen mag – und es stellt Ihnen gemeinsam mit der „Frage“ auch alles zur Verfügung, was Sie brauchen, um angemessen und würdevoll darauf zu antworten.

Denken Sie noch einmal an Ihren Atem. Sie müssen nichts dafür tun, dass dieser Atem zu Ihnen kommt. Was Sie aber daraus machen, dass dieser Odem des Lebens Ihnen kostbare Lebenszeit schenkt, liegt bei Ihnen. Nutzen Sie dieses Geschenk an Sie – sooft Sie können – weise!

18.04.2020
Dr. Wiebke-Lena Laufer
Trainerin – Rednerin – Autorin
www.wiebkelenalaufer.com

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Zur Vertiefung des Lebensthemas „Verantwortung“, zur eigenen Weiterarbeit und praktischen Anwendung:
Cover-wege-zum-ich-wiebke-lena-laufer-Kamphausen

Wege zum Ich
Dr. Wiebke-Lena Laufer:
Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben,
J. Kamphausen, Bielefeld 2019,
S. 46-51, und
S. 150-159.
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