Vertrauen

Vertrauen

Frau-Strand-bunt-colorsVertrauen

„Loslassen und Vertrauen lernen“ hieß mein allererstes veröffentlichtes Buch, so berührt das Thema „Vertrauen“ gerade eine tief in mir angelegte Saite. Über Vertrauen wird viel geredet. In meinen Seminaren höre ich immer wieder: „Weißt du, Susanne, ich habe einfach kein Vertrauen, nicht in mich und nicht in das Leben.“ Es scheint ein spirituelles Manko zu sein, nicht zu vertrauen, ein Makel. Doch wir alle haben einen Bereich im Gehirn, der nennt sich „Amygdala“, das ist das so genannte Angstzentrum und es lernt schnell. Das muss es auch, es sichert dein Überleben. Immer dann, wenn du einen Schock erlebst, der nicht gesehen, nicht getröstet, nicht verarbeitet und aufgelöst wurde, dann merkt sich das deine Amygdala. Sie ist dabei sehr radikal und eindimensional, sie differenziert nicht zwischen dem, was in einer Situation tatsächlich gefährlich war und dem Neutralen. Ein Beispiel: Du wirst als Kind von einem Hund gebissen. Deine Amygdala merkt sich: Hund ist gefährlich, wenn nicht gar tödlich. Hunde: Meiden. Immer.
Das ist für´s Überleben sinnvoll. Für´s Leben nicht. Der Biss eines Hundes ist gefährlich, nicht der Hund. Der Huftritt eines Pferdes verletzt dich, nicht das Pferd in seiner Gesamtheit. Verhalten verletzt, nicht die Person oder das Tier an sich. Doch die Amygdala macht keinen Unterschied zwischen dem Verhalten eines anderen und ihm in seiner Gesamtheit. Sie pauschalisiert, generalisiert, das muss sie, sie will dein Leben schützen. Deiner Amygdala ist es gleichgültig, ob du jemals in der Lage bist, die weichen Ohren eines Hundes zu liebkosen oder nicht. Die Hauptsache ist, du wirst nicht verletzt.
Sie wird dich von nun an daran hindern, diese Erfahrung erneut zu machen, dich warnen und dir mit allen Tricks versuchen, auszureden, jemals wieder in eine ähnliche Situation zu geraten. Und immer dann, wenn du auf sie hörst, auch dann, wenn sie sich irrt, bestätigst du ihre Erfahrung.
Du kannst nicht aktiv und bewusst vertrauen, wenn du nichts von einer Amygdala weißt, wenn du nicht lernst, sie liebevoll zu besänftigen und dich bewusst auf beängstigende Erfahrungen einzulassen. Wodurch entsteht echtes Vertrauen, erprobtes, beständiges? Durch bewusst erlebte positive Erfahrungen. Blindes, unbewusstes Vertrauen ins Leben zu haben ist wunderbar, wirklich, ich wünschte mir mehr davon. Doch auch das Vertrauen will bewusst erlebt und entwickelt werden, damit es wirklich zu dir gehört. Blindes, bedingungsloses Vertrauen, so gerne wir es auch hätten, ist sehr verletzlich. Eine schmerzliche Erfahrung und vorbei ist es damit, eben weil die Amygdala jedem sofort die rote Karte gibt, der dich verletzt, ohne Umweg über Gelb.
Wie aber entwickelt man bewusst Vertrauen? Was braucht man dazu? Zunächst das Wissen eben darum, dass es sinnvoll ist, dass du Vertrauen bewusst erarbeitest. Warum ist das sinnvoll? Damit Vertrauen zu haben ein nutzbares Werkzeug wird, etwas, das dir zur Verfügung steht. Nur wenn du weißt, wie du aktiv Vertrauen entwickelst, dann kannst du frei entscheiden, wie du mit Enttäuschungen und schmerzhaften Erfahrungen umgehst. Wie entwickelt man Vertrauen? Nun, Vertrauen will verdient werden. Wem vertraust du? Jemandem, der hält, was er verspricht, auf den du dich verlassen kannst, weil sein Verhalten sich mit dem deckt, was er sagt.
Wenn dich jemand ständig enttäuscht, indem er sich anders verhält, als er dir verspricht, dann vertraust du ihm zu Recht nicht. Das gleiche gilt natürlich auch für dich selbst!! Wenn du dir selbst immer wieder Versprechungen machst, die du nicht einhältst, dann tust du gut daran, dir eben nicht zu vertrauen – du zeigst dich ja auch nicht gerade als vertrauenswürdig, oder?
Damit sich jemand, sei es ein Mensch, ein Tier, Gott oder das Leben selbst, dein Vertrauen erwerben kann, musst du ihm einen kleinen Vorschuss geben, bewusst und aktiv, gerade dann, wenn du schon einmal verletzt wurdest. Du brauchst einen einigermaßen sicheren Raum, aber auch die Bereitschaft, ein wenig zu wagen. Denn Vertrauen entsteht nur, wenn du erkennst, du kannst auch in Krisensituationen auf den anderen zählen, er trägt dich, er hält dich, verletzt dich nicht, er steht zu dem, was er versprochen hat oder was du von ihm erwarten kannst und darfst. Du darfst von einem Hund erwarten, dass er dich nicht bei der ersten Gelegenheit beißt, sonst hat er nichts in deiner Nähe zu suchen. Du darfst vom Leben erwarten, dass es auf deiner Seite ist und dass es dir Gelegenheit zum Wachsen, zur Evolution, zum Entfalten gibt, denn das ist seine Natur. So teste es. Gib ihm Gelegenheit, dir zu beweisen, dass es dich trägt. WAS das Leben dir in einer bestimmten Situation verspricht, das erkennst du an deinem Bauchgefühl, das du zu einer bestimmten Situation hast. Das Leben selbst gibt dir fast immer ziemlich deutlich innere und äußere Hinweise darauf, was du von einer bestimmten Situation erwarten kannst. Spürst du, dass sich etwas nicht gut anfühlt, dann kannst du vom Leben nicht erwarten, dass es dich dennoch unbeschadet hindurch trägt – höre als sehr klug und achtsam zu, was dir jemand verspricht. Lasse deine eventuelle sogar romantischen Hoffnungen nicht zu deiner Vertrauensgrundlage werden, sondern nimm scharf und unbestechlich wahr, was der andere tatsächlich verspricht, auch wenn es dir nicht gefällt. Erlaube dir aber auch, jemanden, der dich mehr als dreimal enttäuscht, weil er sich nicht an seine Versprechen hält, aus deinem Leben zu entfernen.
Und wenn es du selbst bist, der oder die sich immer wieder enttäuscht? Dann schau bitte genau nach diesem inneren Teil, der seine Versprechungen nicht hält. Du solltest den Teil, der dich in dir ständig enttäuscht, unbedingt aus deinem Leben entfernen und dich genau dieser Stelle verändern. Mit dir selbst musst du leider leben. Daran lässt sich nichts ändern, aber du kannst gerade deshalb sehr genau hinschauen, an welcher Stelle du dir ganz offensichtlich nicht vertrauen kannst, weil du selbst nicht vertrauenswürdig bist. Schon allein deshalb, damit du dir nicht ständig den Spiegel im außen holst!

Susanne Hühn

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