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Visionärin des Mittelalters – Hildegard von Bingen

heilkunde-gardenHildegard von Bingen Visionärin, Mystikerin und Naturheilkundlerin des Mittelalters

Wir haben oft recht klischeebeladene Vorstellungen vom Leben in den Klöstern des Mittelalters: unablässiges Beten, weltfremde Entbehrung und harte Disziplin. Dabei wird gern vergessen, dass dort auch sehr weltliche und wichtige Arbeiten geleistet wurden: Zwischen dem achten und zwölften Jahrhundert nahmen Klöster die Aufgaben von Krankenhäuser wahr. Das war die Welt von  Hildegard von Bingen Visionärin und Naturheilkundlerin des für uns so geheimnisvollen Mittelalters.

Ohne fachliche Ausbildung erarbeiteten sich Nonnen wie auch Mönche ihr Wissen nach dem uralten Prinzip des „Learning by Doing“. Die Grundlage der Tees, Tinkturen, Salben und Extrakte bildeten Pflanzen, deren Kenntnis wichtigste Voraussetzung für die damalige Heilkunde darstellte.

Karl der Große schrieb Klöstern und Städten den Anbau von Kräutergärten sogar per Dekret vor. Aus seiner Zeit, um 800, stammt das Lorscher Arzneibuch, ein Grundlagenwerk der Klosterheilkunde.
Der St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert zeigt, wie ein Kräutergarten angelegt wird und welche Pflanzen als unverzichtbar galten. Und Ende des 11. Jahrhunderts entstand der Macer floridus, ein Standardwerk der Kräuterheilkunde.

In den Klostern wurde nicht nur behandelt, sondern auch geforscht und gelehrt, um die medizinische Versorgung zu verbessern

Die wohl bekannteste Naturheilkundlerin dieser Zeit ist Hildegard von Bingen, eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Persönlichkeit. Geboren 1098, war die zehnte Tochter einer adligen Familie ein kränkliches Kind, das schon früh Visionen hatte, die ihr Leben lang andauern sollten. Sie wuchs bei einer geistlichen Verwandten auf, aus deren Klause sich später ein Benediktinerinnenkloster entwickeln sollte.

Aus gesundheitlichen Gründen lehnte sie dessen Leitung ab, die ihr angetragen wurde.  Als Mystikerin setzte sie sich mit dem Wesen von Welt, Natur und Mensch aus Sicht des Glaubens innig auseinander. 1141 erhielt sie den göttlichen Auftrag, das, was ihr eingegeben wurde, niederzuschreiben.

Im Laufe ihres Lebens entstanden so diverse Werke zu Theologie, Naturheilkunde und Tugendlehre – darunter “Physica”, das Buch zu den Heilwirkungen der verschiedensten Dinge, und “Causa et Curae” zur Entstehung und Behandlung von Krankheiten.

Dazu komponierte und schrieb sie Lieder und ein Singspiel, denn der Musik sprach sie eine besondere Stellung in der göttlichen Ordnung zu. Anfang 50 gründete Hildegard ein eigenes Kloster in Bingen, 15 Jahre später ein zweites.

Durch öffentliche Predigten wurde die Äbtissin in ganz Europa bekannt und geschätzt – obgleich es ihr immer schwerfiel, als Frau, die noch dazu in klösterlicher Abgeschiedenheit lebte, an die Öffentlichkeit zu treten.Die “Posaune Gottes”, wie sie sich selbst nannte, unterhielt eine jahrelange Korrespondenz mit Kaiser Friedrich Barbarossa und dem hohen Klerus bis hin zum Papst – was für die außerordentliche Anerkennung ihrer Persönlichkeit in einer patriarchalisch dominierten Gesellschaft spricht.

Im Alter von 82 Jahren starb sie – und es hieß, dass zwei helle Lichtbögen am Himmel über ihrem Gemach erschienen und sich zu einem enormen Kreuz ausdehnten. 2012 wurde sie als Kirchenlehrerin anerkannt und heilig gesprochen.

Bei den Lehren der Hildegard steht der Mensch im Mittelpunkt: Seine Seele braucht ebenso wie sein Körper Beachtung, um gesunden zu können, und auch Umwelt und Lebensrhythmus tragen das ihre dazu dabei.

Ebenso spielt der von ihr geprägte Begriff der Grünkraft – Viriditas – eine große Rolle: die göttliche Lebensenergie, die aller Schöpfung innewohnt. Sie schreibt:

Es gibt kein Geschöpf, das nicht in sich einen Sternenstrahl Gottes trägt, sei es das Blattgrün oder sein Same, die Blüten oder sonst eine Pracht, sonst wären sie nicht ein Geschöpf.”

Doch ihr Wirken ist nicht wegen seiner damaligen medizinischen Neuheit bemerkenswert, wie der Heilpraktiker und Buchautor Günter Heepen bemerkt: “Die Hl. Hildegard war keine gelehrte Frau, hatte keine Zeit für Forschung und die Kranken nie nach ihrer eigenen Lehre behandelt. Was sie aufschrieb, konnte sie gar nicht empirisch wissen.
Alles wurde ihr nach eigenem Bekunden durch göttliche Eingaben übermittelt.
Sie sagte:

“Was ich nicht [in Visionen] sehe, das weiß ich nicht.”

Ihre Aufgabe sah sie darin, das Gesehene festzuhalten – nicht, es zu hinterfragen oder interpretieren.

So wurden erst durch ihre Visionen bestimmte Pflanzen als Heilkräuter erkannt, die zuvor nicht beachtet waren

Hildegard beschrieb auch die Heilwirkungen von Edelsteinen, Metallen, Tieren. Sie empfahl eine maßvolle Lebensführung zwischen Ruhe und Aktivität und die Aufnahme von seelischer Nahrung durch Andacht, Meditation und Musik.

Ausleitungsverfahren wie Schröpfen und Aderlass, Fasten und Schwitzen galt ein besonderes Augenmerk – ebenso wie der ausgewogenen Ernährung und den Qualitäten der Lebensmittel, von denen vor allem der Dinkel als allererstes “Superfood” gerühmt wurde:

Der Dinkel ist das beste Getreide, und er ist warm und fett und kräftig […] und er bereitet dem der ihn ißt, rechtes Fleisch und rechtes Blut, und er macht frohen Sinn und Freude im Gemüt des Menschen.” 

Doch mit der Säkularisation (Verweltlichung) der Klöster um 1800 entschwand auch die Klosterheilkunde aus dem Bewusstsein.

Erst in der Neuzeit besann man sich von Neuem auf das jahrhundertealte Wissen

Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Schriften von Hildegard aus dem Lateinischen übersetzt wurden, weckten sie das Interesse des Arztes Gottfried Hertzka in den 70er, der die alten Mittel einfach ausprobierte – und so die “Hildegard-Medizin” einführte.

Zuvor war die Zeit wohl noch nicht reif, glaubt Günter Heepen: “Die Bereitschaft ist heute da, natürliche Heilmittel auszuprobieren. Von der Schuldmedizin sind viele enttäuscht. 

Klosterheilkunde ist zeitgemäß, wirkungsvoll und ganzheitlich.” Die Wirksamkeit vieler dieser Mittel ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen. Anderes ist noch nicht erforscht – wie beispielsweise Hildegards Rat, durch das Anschauen der gelben Farbe von Ginsterblüten die Augen zu stärken.

Mehr und mehr Hersteller fühlen sich der Ursprünglichkeit der Hildegard-Medizin verpflichtet und bieten entsprechende Produkte an.
Doch es gilt, die Spreu vom Weizen resp. Dinkel zu trennen, die authentischen Anbieter von Modeerscheinungen: “Es werden auch Mittel “nach einer Rezeptur von Hildegard” angeboten, die sie nie geschrieben hat, wie beispielsweise Kräuterbitter”, erklärt Heepen.

Es fasziniert ihn, die Möglichkeiten von originalen Rezepten wie Galgantwein, Hirschzungen-Elixier, Muskat-Zimt-Keksen und Tannensalbe auszuloten. Gerade im Hinblick auf moderne Zivilisationskrankheiten überraschen diese, idealerweise mit der Hildegard-Ernährung und den Ausleitungsverfahren kombiniert, durch große Wirksamkeit – natürlich, nebenwirkungsfrei und bezahlbar.

Immer mehr Menschen, Laien wie Heilpraktiker, besinnen sich auf die alten Rezepte wie die der Hildegard von Bingen, um das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele herzustellen, das Voraussetzung aller Gesundheit ist.

07.12.2018
Martina Pahr
Autorin

Quellen:
Hildegard von Bingen: Heilkraft der Natur, ‘Physica’
Günther H. Heepen: „Das Heilwissen der Hildegard von Bingen“, GRÄFE UND UNZER Verlag

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