Von Dankbarkeitsritualen und anderen „Gehhilfen“

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Mit der Dankbarkeit ist es so eine Sache. Wer eine „gute Erziehung“ genossen hat, wird es gelernt haben, sich für Geschenke höflich zu bedanken. Auch wenn das, was schließlich beim Lösen des Geschenkpapiers zum Vorschein kommt, nicht so ganz – oder auch gar nicht – den eigenen Vorstellungen entspricht, machen die meisten von uns lieber gute Miene zum geschenkten Spiel, als sich Undankbarkeit vorwerfen lassen zu müssen.

Spätestens, seit das Thema „Dankbarkeit“ durch „Dankbarkeitssteine“, „Dankbarkeitsbücher“ und andere „Dankbarkeitsrituale“ wieder in Mode gekommen ist, stoßen diejenigen Menschen fast unweigerlich darauf, die sich mit sich selbst auf einen bewussten Weg begeben haben.

Was aber ist wirklich dran, an Empfehlungen,

wie etwa dieser, am Ende des Tages zu notieren, wofür heute Dankbarkeit angezeigt ist?

Um dieser Frage nachzuspüren, empfiehlt es sich, recht weit vorne anzufangen, und zwar im Moment unserer Zeugung. Der Moment, indem sich das Männliche und das Weibliche miteinander verbunden und für einen Augenblick so etwas wie eine Einheit gebildet haben, war der Beginn eines Abenteuers – des Abenteuers unseres physischen Lebens!

Als Spermium und Eizelle miteinander verschmolzen, haben sie die Voraussetzung dafür geschaffen, dass sich das Leben in einer neuen, ganz bestimmten Form selbst erfahren durfte. Es ist die Form unseres Körpers!

In diesem einen Moment, in dem sich das Formlose in die Form begeben hat,

liegt ein Ausmaß an Weisheit verborgen, das wir mit den begrenzten Möglichkeiten unseres Verstandes nicht erfassen können. Zwar ist unser Denken in der Lage, einleuchtend zu erklären, wie aus einer befruchteten Eizelle ein Fötus entsteht, der zu einem eigenständigen Menschen heranwächst, aber die Intelligenz des Lebens, die hinter diesem Vorgang steht, kann der Verstand nicht erfahrbar machen.

Er kann zwar zusehen und analysieren, wie sich menschliches Leben entwickelt. Die Weisheit jedoch, die die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich die einzelnen Bestandteile des Körpers ausbilden und sich zu einem überlebensfähigen Organismus formieren, bleibt für den Verstand im Verborgenen.

Am Anfang jedes Erdenlebens lässt sich das Leben auf einen Akt der Liebe ein, um ein neues Wesen in die Welt zu lieben.

Und in diesem Akt liegt der Grund dafür, warum Dankbarkeit zutiefst mit unserem Wesen verbunden ist. Was bedeutet das konkret?
Der Akt der Liebe, mit dem uns das Leben in die Welt liebt, geschieht ohne unser Zutun an uns. Nicht wir selbst erschaffen und erhalten uns, sondern es werden uns die Voraussetzungen dafür zur Verfügung gestellt, um in unserem Körper Erfahrungen machen zu können.

Dabei atmen wir nicht einmal selbst, sondern wir werden geatmet. Auch unser Herz lassen wir nicht aktiv schlagen, sondern es gibt eine Intelligenz in uns, die den Puls des Lebens aufrechterhält. Atem, Herzschlag und alle weiteren Körperfunktionen sind also Geschenke an uns, die uns das Leben in jedem einzelnen Augenblick macht, bis wir einst unseren physischen Körper ablegen und wieder in die Formlosigkeit eingehen, aus der wir einst gekommen sind.
Bis dahin aber dürfen wir unsere Erfahrungen auf dieser Erde in ganz eigener, individueller Weise machen.

Aus der Fülle des Lebens erhalten wir die Voraussetzungen dafür, unseren persönlichen Lebensweg zu gestalten.

Genau darin aber, das wir als Menschen mit allem ausgestattet sind, was wir brauchen, um unsere Freiheit auszuleben, zeigt sich, inwiefern wir das Geschenk des Lebens an uns tatsächlich dankbar achten. Wir haben nämlich eine Wahl: Wir können wählen, unseren eigenen Ursprung zu vergessen, was sich in fehlender Dankbarkeit ausdrücken wird. Oder wir erkennen, dass es weder möglich ist noch sinnvoll wäre, sich von der Intelligenz des Lebens abzuwenden, und bleiben ihr aus freien Stücken heraus in Dankbarkeit bewusst verbunden.

Für jemanden, der lange genug so getan hat, als könne er unabhängig von der einen großen Intelligenz des Lebens existieren, die auch ihn einst ins Leben geliebt hat, gibt es kaum einen Grund, Erkenntlichkeit zu zeigen. Bevor wir uns nun vorschnell über andere erheben, die wir für undankbarer halten als uns selbst, schauen wir besser genauer hin und befragen uns ehrlich:

Für wie selbstverständlich habe ich bis hierher gehalten, diesen Artikel mit meinen eigenen Augen lesen zu können oder mit meinen eigenen Ohren zuhören zu können, wenn ihn mir jemand anders vorliest?

Und war ich bis hierher dankbar für die Leistung meines Gehirns, dass es die Inhalte dieses Artikels für mich so zusammenführt, dass sie für mich Sinn haben?
Und wie stand es bisher um meinen Atem?
Habe ich etwa geatmet?
Und wäre das nicht auch ein Grund zur Dankbarkeit gewesen?

Diese und unzählige weitere „Selbstverständlichkeiten“ sind unendlich kostbare Geschenke an uns!

Sie sind uns gegeben, damit wir genau die Aufgabe erfolgreich bewältigen können, die wir hier und jetzt – im gegenwärtigen Augenblick – zu erfüllen haben. Gewiss, es würde uns überfordern und es ist vermutlich unmöglich, alle Aspekte, die zusammenkommen, damit wir hier und jetzt tun können, was wir tun, einzeln zu erkennen, zu benennen und auch noch dafür zu danken. Stattdessen können wir immer tiefer in eine Haltung der Dankbarkeit hineinwachsen, die die Geschenke des Lebens an uns respektvoll anerkennt.

Es ist möglich, uns ohne großen Mehraufwand und ganz nebenbei in unserem Alltag in Dankbarkeit zu üben: Wir können uns beispielsweise zwischendurch immer wieder auf unseren Atem konzentrieren. Zudem können wir unsere Augen für einen Moment schließen, und versuchen, die Stille hinter den Geräuschen zu hören. Wir können auch in unseren Körper hineinspüren und aufmerksam für ein Kribbeln, ein Pulsieren sein.

Auf diese oder andere Weisen in Kontakt zu der lebendigen und weisen Intelligenz zu kommen,

die in uns ist und uns umgibt, wird uns einst dazu anhalten, uns auf würdevolle Weise dankbar zu verneigen. Wir werden uns tiefer und tiefer mit unserem eigenen Wesen verbinden und das wird sich auch in einer dankbaren Lebenshaltung ausdrücken. Diese Haltung trägt zu einer Lebensweise bei, die von Dankbarkeit erfüllt ist, weil sie sich ihres eigenen Ursprungs bewusst bleibt.

Mit Blick auf die Ausgangsfrage, was dran ist, an Empfehlungen, wie etwa dieser, am Ende des Tages – oder auch zwischendurch – Gründe für Dankbarkeit zu notieren, so wird jetzt verständlicher, dass auch dies eine Methode sein kann, aus der eigenen (unbewussten) Undankbarkeit zurück in eine dankbare Lebenshaltung zu finden.

Methoden dieser Art sind nicht mehr und auch nicht weniger als Gehhilfen, die beiseitegelegt werden, wenn es wieder möglich ist, auf den eigenen Beinen und aus eigener Kraft heraus den eigenen persönlichen Lebensweg dankbar zu gehen. Dann wird sie wirklich gelebt, die Freiheit, die sich stets in Dankbarkeit vor ihrem eigenen Ursprung verneigt.

Hinweis zur Vertiefung des Lebensthemas „Dankbarkeit“ und zur eigenen Weiterarbeit:Cover-wege-zum-ich-wiebke-lena-laufer-Kamphausen

Dr. Wiebke-Lena Laufer:
Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben,
J. Kamphausen, Bielefeld 2019,
S. 120-129.

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18.01.2020
Dr. Wiebke-Lena Laufer
Trainerin – Rednerin – Autorin
https://wiebkelenalaufer.com/

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