Warum Durchhaltevermögen und Belastbarkeit nicht immer ein Zeichen von Stärke sind

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frau-liest-natur-nein-sagen-ruhe-erholung-girlWarum Durchhaltevermögen und Belastbarkeit nicht immer ein Zeichen von Stärke sind

Ich kann einfach nicht Nein sagen“ Wie oft hast du, liebe Leserin und lieber Leser, diesen Satz schon von Angehörigen oder Freunden gehört oder auch selber gesagt?

Lass uns diesen Satz einmal genauer betrachten.

Ich denke, du stimmst mir zu, wenn ich sage, die weitverbreitete Meinung ist, dass es Kraft kostet etwas zu tun, dass es eine Leistung ist etwas zu schaffen, etwas durchzuhalten und zu Ende zu bringen.

Aber wie viel Kraft kostet es uns eigentlich etwas abzulehnen,

Nein“ zu sagen und für die eigene Wahrheit einzutreten?

Bislang wurden mit Leistung und Erfolg, nach außen gerichtete Aktivitäten verbunden. Dafür gibt es Anerkennung von außen – und dafür erkennen wir uns selber an.

Nein zu sagen hingegen wird – oft von außen, aber auch von uns selber – hingegen nicht mit wirklicher Stärke assoziiert – oft sogar im Gegenteil – eher mit Schwäche!

Im Zuge der Erkenntnisse der aktuellen Forschung, insbesondere aus dem Bereich der Psychosomatik, wird nun jedoch immer stärker deutlich, dass auch seelische oder psychische Aktivitäten eine enorme Leistung sind – besonders dann wenn es uns schwer fällt eine Bitte abzuschlagen.

Die psychische Kraft, die wir brauchen, um uns in Konflikte zu begeben,
für unsere Meinung einzustehen oder Gegenwind standzuhalten,
wird eigentlich erst dann sichtbar wenn sie fehlt!

In meiner Praxis begegne ich jeden Tag Menschen mit Burn-out und psychosomatischen Krankheiten. Ein zentrales gemeinsames Merkmal, das fast alle eint, ist tatsächlich eine innere Erschöpfung.

Sie schleicht sich langsam ein und führt dazu,

dass die Betroffenen langsam aber sicher einfach nicht mehr die Kraft aufbringen können, „Nein“ zu sagen. Dadurch beginnt eine Abwärtsspirale, die dazu führt, dass sie sich, obwohl schon längst müde und ruhebedürftig, noch mehr Arbeit aufhalsen (lassen).

Die Berichte ähneln sich alle ein bisschen: Diese seelische Erschöpfung entsteht schleichend, zunächst merkt man es kaum. „ Ach, kein Problem das kann ich gerne mitmachen.
Es gibt so viele Beispiele: Den Brief noch eben einstecken, obwohl es ein Umweg ist, den Auftrag, annehmen oder länger arbeiten, weil die liebe Kollegin früher geht., etc…

Besonders wenn wir müde sind, scheint es einfacher „Ja“ zu sagen anstatt „Nein“!

Kennst du solche Momente auch von Dir?

Deshalb möchte ich heute den Heldenmythos der unendlichen Belastbarkeit demontieren.
Ich möchte unseren allgegenwärtigen Leistungsanspruch im Sinne einer gesunden Lebensführung hinterfragen.

Denn unser Körper verfügt über ein sehr fein ausgeklügeltes Selbstheilungssystem, mit dem er uns in fast jeder Lebenslage im Gleichgewicht hält.
Wir haben uns allerdings heute an einen Lebensstil gewöhnt, durch den wir im Grunde tagtäglich im Stressmodus leben. Egal ob im Straßenverkehr oder durch Zeitdruck, egal ob bei Arbeits- oder Beziehungsstress, viele von uns leben auf der Überholspur und laugen ihren Körper (und im Endeffekt auch die Psyche) aus. Das Problem dabei: Am Anfang geschieht das unmerklich, wenn wir nicht wirklich achtsam sind.

Viele Helden und Heldinnen des Alltags, die ich treffe werden getrieben von inneren Glaubenssätzen, die sie vorantreiben.

Die ihnen verbieten, erholsame Pausen zu machen, sich ausreichend zu regenerieren und auf liebevolle Weise für sich selber zu sorgen!

Sie fühlen sich erst dann „Gut genug“ oder „liebenswert“ wenn sie alles gegeben haben. Das heißt wenn sie sich täglich bis an – oder vielfach sogar über – ihre Grenzen verausgaben. Viele Betroffene haben mehr Mitgefühl oder Mitleid für andere als für sich selbst. Manch anderer ist ehrgeizig bis zum Umfallen, weil er beispielsweise gelernt hat, dass nur die Leistung im Außen anerkannt wird – und die eigenen Grenzen und seelischen Bedürfnisse mit Schwäche assoziiert wurden, vielleicht sogar in der Kindheit mit Liebesentzug bestraft wurden!

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Sprache mit der die Umstände beschrieben werden.

Der Körper wird zum Objekt gemacht, wird genutzt, um das Ziel zu erreichen, wird benutzt, um zu leisten, zu helfen, um eine wichtige Rolle auszufüllen oder um sich „richtig“ (liebenswert) zu fühlen.

Aber führt das alles wirklich zum Ziel?

Aus einem ganzheitlichen Blickwinkel betrachtet, erschaffen wir nämlich genau das Gegenteil.
Wir beuten unseren Körper und seine überaus feinen Selbstheilungsmechanismen im Sinne der „ guten Sache“ bis über ihre absoluten Grenzen hinaus aus!

Wir sagen „ja“ zu anderen – aber oft „nein“ zu uns selber!

Ob es sich dabei um Tischler handelt, Erzieher, Sekretärinnen oder Ärzte – es gibt viele Arbeitsplätze, die mit hohen Ansprüchen verknüpft sind. Selbst als Mutter oder Vater muss man heutzutage „performen“.

Viele von uns sind mit ganzer Leidenschaft und Begeisterung bei der Sache.

Was wir aber neu lernen bzw. verknüpfen müssen ist, dass unser Körper regelmäßig eine gesunde und ausgleichende Gegenpendelbewegung braucht, um gesund zu bleiben.

Auch wenn es ein hoher moralischer Wert zu sein scheint, durchzuhalten, etwas zu Ende zu bringen oder für andere da zu sein, liegt die Grenze ganz klar dort, wo wir uns selber schaden! Es heißt auf gar keinen Fall, jetzt nicht mehr zu helfen oder für andere etwas zu tun. Das sind tolle Qualitäten in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft.

Aber was wir unbedingt brauchen, ist eine neue Definition von Ruhe und Erholung!

Ruhe und Erholung haben heute immer noch den Beigeschmack von Faulheit oder sich auf Kosten anderer auszuruhen. Glücklicherweise ändert sich bereits einiges, sodass es zum Beispiel nicht mehr gerne gesehen wird, wenn jemand krank zur Arbeit kommt!

Heute wissen wir, wie wichtig Erholung und Entspannung für die Gesundheit und psychische Belastbarkeit sind.
Denn nur in echter Ruhe schaltet der Körper um, regeneriert und entgiftet.

Dann erst hat das Immunsystem zum Beispiel genug Zeit und Energie, Bakterien und Viren, aber auch gefährlich veränderte Zellen zu finden und zu entfernen. Dann erst werden Hormone der Entspannung ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass wir uns wohlfühlen. Sie wirken angstlösend und geben uns das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit z.B. mit den richtigen Menschen am richtigen Ort zu sein.

Nur im Gefühl von seelischer Geborgenheit und Sicherheit können sich unsere seelischen und körperlichen Akkus wieder aufladen.

Eine ganz einfache Möglichkeit, um diese Seite in deinem Leben zu stärken,

sind regelmäßige Spaziergänge. Hierbei kannst du dir selber lauschen, anstatt dir ein weiteres Mal die Probleme anderer Leute anzuhören.

Was beschäftigt dich gerade?
Was gibst du anderen, was du eigentlich selbst gerade brauchst? Liebe, Aufmerksamkeit, Mitgefühl?

Meine herzliche Einladung an dich:
Übe dich selbst darin, dir diese überaus nährenden Qualitäten von Ruhe, Geborgenheit und Erholung zu schenken. Ein gutes Essen, ein gutes Buch, ein wohlriechender Tee, Meditation oder ein Spaziergang wirken Wunder.

29.01.2020
deine
Anette Dröge
Autorin, Heilpraktikerin, Körperorientierter Psychotherapie, Gruppentherapie, Aufstellungen

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Über die Autorin Anette Dröge

-Kamphausen-Copyright-Anette-Droege
©Anette Dröge

Anette Dröge, geb. 1965, greift in ihrer Arbeit auf ihre Erfahrung aus 25 Jahren eigener Praxistätigkeit in Berlin zurück. Sie ist Heilpraktikerin und absolvierte eine 5-jährige Psychotherapie-Ausbildung in Körperorientierter Psychotherapie am renommierten Pfad-Zentrum Berlin.
Außerdem hat sie Weiterbildungen in Familienaufstellung und Gruppentherapie (bei Hymie Wise aus Irland).
Website: anette-droege.de


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1 Kommentar

  1. Danke für den Artikel zu dem so wichtigen Thema. Parallel zu diesem Artikel erscheint hier bei Spiritonline ein anderer mit dem Titel “Beende, was du angefangen hast” (so wurde ich erzogen und es hat mich im Leben weit gebracht).
    Es ist wichtig, denke ich, immer wieder zu reflektieren, ob wir “nur” aufgrund unserer Prägungen in einer Situation weiter durchhalten (obwohl es besser wäre den Kurs zu wechseln) und auch, wann wir (auch vielleicht nur wegen unserer unbewusster Prägungen) LEIDER etwas eben nicht zu Ende bringen.

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