Aufwachen, Erwachen, Erleuchtung – Was ist damit gemeint?

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Aufwachen, Erwachen, Erleuchtung finden – Was ist gemeint?

Missverständnisse hinsichtlich des spirituellen Erwachens

Was ist eigentlich gemeint, wenn heute von spirituellem Erwachen Aufwachen Erleuchtung finden die Rede ist? Andere Begriffe für diese spirituell-mystische Erfahrung, die aus den östlichen Weisheitstraditionen stammen, sind Selbstverwirklichung, im Sinne von »sich selbst wirklich wahrnehmend«, und Selbsterkenntnis, im Sinne von »sich selbst wahrhaftig erkennend« oder »Erleuchtung«. In der christlichen Mystik ist von »Gottesbegegnung«, »Gottesgeburt in der Seele«, dem »Eingehen in den göttlichen Grund« oder der Illuminatio, »der Erleuchtung«, die Rede. Die Sufis sprechen von einem »Bleiben in Gott«.

Selbst-Erkenntnis jenseits der Ich-Vorstellung

Es ist ein innerer Weg, der sich darauf ausrichtet zu erkennen, wer man selbst ist, jenseits der Begrenzung des Körpers und unabhängig von äußeren Umständen. Er ist darauf gerichtet, die Unendlichkeit des Bewusstseins zu erfahren, die uns gleichzeitig aber auch durch einen inneren Abgrund führt. Es ist eine tiefere Wirklichkeit, die unter dem bisher wahrgenommenen Alltagsbewusstsein liegt. Eine grundlegende Veränderung oder Transformation des Seins, das als ein unendlich weiter und tiefer Raum wahrgenommen wird. Dazu gehört auch die Stille der Gedanken und des Verstandes, weil es erst in der Stille des Verstandes möglich wird, sich selbst in Frieden und Liebe zu erfahren.

Zugleich verschwindet die gewohnte Vorstellung von sich selbst, in der man sich begrenzt und getrennt wähnt. Viele Weise, spirituelle Lehrer und Philosophen nennen diese Vorstellung »Ich-Vorstellung«. Eckhart Tolle sagt, das Bewusstsein werde sich seiner selbst bewusst.[1]

Der wesentliche Punkt ist: Es kann weder gemacht, noch willentlich beeinflusst, noch sich mit den üblichen Lehr- und Lernmethoden angeeignet werden. Deswegen sagt man, es sei eine Gnade. Meister Eckhart formuliert es so: »Suchst du ihn (Gott) nicht, so findest du ihn.«

Aufwachen ist möglich

Noch vor einigen Jahrzehnten schien es so, als ob diese Gnade nur einigen wenigen Auserwählten vorbehalten sei. In den letzten Jahren sieht es jedoch so aus, als hätte sich das verändert. Mehr und mehr Menschen erzählen von einer solchen Erfahrung – in unterschiedlicher Dauer, Intensität und Tiefe. Sie erleben dies als Ergebnis intensiver innerer spiritueller Arbeit oder durch eine Nahtoderfahrung oder ähnliche Grenzerfahrungen, manche aber auch spontan – es ist ein »Aufwachen« aus ihrer bisher gewohnten Vorstellung von sich (der Ich-Vorstellung) und aus einer begrenzten Wahrnehmung der Welt.

Das ist eine außerordentlich schöne Entwicklung. Innere Freiheit geht mit innerem Frieden einher, und was könnte die Welt mehr gebrauchen als das? Andererseits erzeugt diese Entwicklung auch eine Vielzahl von Vermutungen, Erwartungen und unausgegorenen Geschichten darüber, wie sich eine aufgewachte Person zu verhalten und zu fühlen habe. Das wiederum führt zu Unklarheiten und Missverständnissen, was Erwachen oder Aufwachen bedeutet. Und so stehen häufig »Geschichten« im Vordergrund und nicht die Wahrheit selbst.

Falsche Erwartungen an das Erwachen

Von einigen Menschen höre ich Erwartungen und falsche Vorstellungen hinsichtlich dessen, was sie für sich aus dem Aufwachen gewinnen könnten. Es gibt augenscheinlich die Idee, dieser Zustand würde sämtliche Gefühlsregungen ausschließen, die von nicht erwachten Menschen als negativ beurteilt werden, wie Zorn, Wut, seelischer Schmerz und Traurigkeit über das, was im Leben geschieht. Unglück und Unzufriedenheit seien ab diesem Zeitpunkt automatisch abgestellt – als würde ein Erwachter über all diesen Dingen stehen und als würde das Aufwachen ihn von allem befreien, was er bis dahin weit von sich weggeschoben hat.

Die Wahrheit schließt jedoch alles mit ein: das, was uns zugemutet wird, und das, was uns geschenkt ist, in jedem Augenblick. Erwachen ist ein Sich-Öffnen für die Wahrheit und nicht die Suche nach der scheinbar angenehmsten Lösung. Der Erwachte ist ohne Urteil über das, was geschieht und gefühlt wird. Auch er erlebt alle Gefühle des menschlichen Daseins. Aber er ist zur selben Zeit in einem tiefen Erfülltsein gegründet. Von diesem Erfülltsein aus erlebt er alle Gefühle sogar in einer größeren Intensität, weil er sich nicht mehr dagegen sperrt und weil er nicht mehr negative und positive Gefühle unterscheidet – sie sind gleichermaßen Bestandteil der Lebendigkeit. Weil er – und allein dieser Unterschied ist nicht zu unterschätzen – Handlungen, Gefühle und Bedürfnisse als etwas erlebt, was ist, und nicht als etwas, das ein »Ich« gemacht hat, kann er sich freuen über etwas, das gut gelingt, und bedauern, was schiefgelaufen ist.

Er hat aber niemals die Idee, dass »er« etwas falsch gemacht oder an etwas Schuld habe, genauso wenig wie er glaubt, dass er großartig oder minderwertig sei. Das allein schafft einen großen freien inneren Raum. Keine Selbstverurteilung, kein Besonderssein, kein Großartigsein und vor allem: kein Großartigsein-Müssen.

Wenn das Erwachen überschätzt wird

Bei manchen höre ich durchklingen, dass sie sich nun für etwas Besseres halten und »erwachter oder aufgewachter« als andere seien. Die eigene Erfahrung wird in diesem Fall vollkommen überschätzt. All das hat mit innerer Freiheit gar nichts zu tun, vielmehr zeigt sich die alte Ich-Vorstellung mit einem abgrenzenden Ich nur in einem neuen Kleid. Sich wirklich für die Gnade zu öffnen, ist erst dann möglich, wenn man nichts mehr für sich selbst will, keinen Vorteil daraus gewinnen will.

Es kommt also nichts hinzu, sondern ganz im Gegenteil. Es fällt etwas weg. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Erwachen bedeutet nicht eine Rückkehr ins Paradies, sondern, ein noch viel tieferes Paradies in sich selbst neu zu entdecken; es bedeutet ein authentisches, lebendiges Sich-selbst-Finden mitten im Leben.

Verschiedene Stufen des Aufwachens

Die oben angesprochenen Missverständnisse entstehen auch dadurch, dass unter dem Begriff des Erwachens oder Aufwachens, je nach Hintergrund der Beteiligten, verschiedene Erfahrungen unterschiedlicher Tiefe subsumiert werden. Folgende Unterscheidungen sind nötig.

Zeitlich begrenzte Aufwacherfahrungen

Die wichtigste und schlimmste Verwechslung ist die Verwechslung von zeitlich begrenzter Erfahrung und dauerhaftem Sein, manche nennen es auch die Verwechslung von Zustand und Struktur.

Sehr häufig hat jemand einen Moment lang, für Minuten, Stunden, Tage oder auch längere Zeiträume, Einblick in diesen wahrhaftigen Zustand des Seins. Das Bewusstsein weitet und vertieft sich eine Zeit lang und zieht sich dann wieder zusammen, die gewohnte Vorstellung von sich selbst (Ich-Vorstellung) ist wieder präsent oder teilweise präsent. Das ist aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, sondern erst der Auftakt für einen weiteren inneren Prozess.
Es sind zeitlich begrenzte Erfahrungen, die sozusagen als eine Vorstufe gesehen werden können. Es ist so, als würde die Wolkendecke aufreißen und die Sonne sich zeigen. Dann sagen wir, die Sonne scheine jetzt. Verdichten sich die Wolken wieder, sagen wir, die Sonne scheine nicht. Aber eigentlich stimmt das nicht wirklich. Es ist nur eine Frage der Perspektive. Denn die Sonne scheint immer, wir können sie nur nicht immer sehen.

Um bei dem Vergleich zu bleiben: Die Ich-Vorstellung ist die Perspektive von der Erde aus auf einen wolkenverhangenen Himmel. Die Wolken reißen auf, und ich kann plötzlich sehen, dass es noch etwas anderes gibt, das über das hinausgeht, was ich mir bisher vorstellen konnte. Dann kann es sein, dass sich die Wolken wieder verdichten und ich in meine gewohnte Ich-Vorstellung zurückfalle. Ich weiß dann zwar, dass es die Sonne gibt, ich erfahre und erlebe sie aber nicht. Meine Perspektive ist die gleiche geblieben.

Eine Erfahrung, bei der sich auch nur für einen kurzen Augenblick die Blende öffnet und Einblick in diese andere Seinsweise gibt, kann alles verändern. Wer einmal diesen Einblick bekommen hat, den hat es erfasst. Genau das erlebe ich bei den meisten Menschen, in denen sich durch die Wolken gelichtet haben. Allein das Erkennen, worauf sich die Suche richtet, hat schon eine verändernde Wirkung. Denn ab diesem Augenblick weiß der Mensch, dass eine solche Erfahrung möglich ist. Das bedeutet, dass er sich an diesen Zustand erinnert, oft sehr gut erinnert, ihn aber nicht dauerhaft in jedem Augenblick erfährt.

Anhaltendes Aufwachen

Der Augenblick des Erwachens an sich kann in unterschiedlicher Intensität und Tiefe erlebt werden. Es gibt inzwischen zahlreiche Erfahrungsberichte von Menschen, die ein so tiefes Aufwachen erlebt haben, dass das aufgewachte Sein zu der bestimmenden, anhaltenden Seinsweise geworden ist. Die meisten erzählen davon, durch existenzielle Ängste und einen inneren Abgrund gefallen zu sein.[2] Von diesem inneren Abgrund sprechen auch schon die alten Mystiker. Johannes Tauler, ein Schüler Meister Eckharts, beschreibt eine Weite, die sich in dem Abgrund zeigt und die keine Form besitzt. Es gibt kein Hier noch Dort, denn es ist ein unergründlicher Abgrund, der in sich selbst schwebt, ohne Grund. [3]

Infolgedessen sind die eingangs beschriebenen Erfahrungen einer tieferen Wirklichkeit und das damit einhergehende Verschwinden der gewohnten Vorstellung von sich selbst nicht mehr von begrenzter Dauer, sondern sie halten an. Stille, Frieden, Freiheit und Einssein werden als eine neue Wirklichkeit und wahrhaftige Seinsweise erfahrbar. Damit finden eine innere Veränderung und ein Perspektivenwechsel statt hin zu Sat-Chit-Ananda, wie es im Sanskrit heißt: Leere, reines Bewusstsein und Liebe oder Glückseligkeit.

Vertiefung und Integration des Aufwachens

Der Moment, in dem der beschriebene Perspektivenwechsel, das Aufwachen, anhaltend geschieht, ist aber noch nicht das Ende, sondern wiederum der Anfang einer tieferen Entwicklung. Es ist ein Erfahren des Seins in diesem einen und doch unendlichen, bodenlosen Augenblick. Und selbst dieser Zustand kann von begrenzter Dauer sein. Das tiefe Erfahren des neuen Seins kann sich wieder umkehren. Damit ist gemeint, dass auch dann die alte Ich-Vorstellung wieder greifen kann. Auch jetzt kann sich die Wolkendecke wieder zuziehen.
Deshalb ist es wesentlich, auch nach dem Aufwachen aufmerksam und achtsam an der Vertiefung und Integration der Erfahrung zu arbeiten und ihr vor allem Zeit zu geben. Dieser Prozess wird auch die »Realisation des Erwachens« genannt. Das aufgewachte Sein hat viele weitere Ebenen, es geht immer tiefer und tiefer, ohne Ende. Es gibt nichts zu erreichen, und dennoch ist es wesentlich, wachsam für die eigene Entwicklung zu bleiben.

[1] Tolle, Eckhart: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart; J. Kamphausen, Bielefeld 2010
[2] Meyer, Christian: Aufwachen im 21.Jahrhundert. Die größte Herausforderung deines Lebens; J. Kamphausen, Bielefeld 2014, S. 123 – 188
[3] Eck, Susanne: Gott in uns. Hinführung zu Johannes Tauler; St. Benno Verlag, Leipzig 2006

22.02.2018
Christine Brekenfeld


  Ihre Retreats auf La Palma

https://spirit-online.de/5-tage-retreat-der-weg-ins-leben-durch-die-begegnung-mit-dem-tod-tiefe-lebensthemen-klaeren.html

https://spirit-online.de/5-tage-retreat-auf-la-palma-in-der-stille-zu-hause-sein.html


cover-Christine-N.-Brekenfeld-2Ihr aktuelles Buch handelt von der Begegnung mit dem Sterben und dem Tod mitten im Leben. :
www.begegne-dem-tod-und-gewinne-das-leben.de

” Du erfährst etwas über mein Nahtoderlebnis und meinen spirituellen Weg diese Erfahrung in mein Leben zu integrieren.
Du kannst anhand von sehr einfachen und wirkungsvollen Übungen dem Tod mitten im Leben begegnen.
Du hörst, was andere Menschen, die ein Nahtoderlebnis hatten, über ihren Weg mit den vorgestellten Übungen berichten.
Du erhältst sowohl Fachinformationen, Einblicke in ein Forschungsprojekt und jede Menge Tipps zum weiterlesen.
So wird die spirituelle Kraft aus der Begegnung mit dem Tod für jeden erfahrbar.”

Arkana Verlag, gebunden | ca. 240 Seiten | 20 Euro | ISBN 978-3-442-34223-5

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1 Kommentar

  1. Hallo,
    Danke für den schönen Artikel, dem kann ich nur zustimmen. Ich habe auch sehr oft die Erfahrungen machen dürfen, dass sich bei mir plötzlich der Himmel auftat und ich mich selbst in meiner jetzigen Situatin erkannte. Ich lernte mehr und mehr die Achtsamkeit im Alltag anzuwenden und konnte dann oft feststellen welche Überzeugen in mir schlummerten. Dadurch, dass ich diese erkannte konnte ich sie langsam aber sicher auflösen. Es ist für mich immer wieder überwältigend wie wunderschön das Leben ist und vor allem auf der Erde Sein zu dürfen. Ich liebe meinen Weg der Bewusstwerdung, es ist wie ein endloses Abenteuer der Selbstfindung!

    Liebe Grüße Ramona

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