Wie viel Unsinn kann man sich denn noch erschaffen?

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chaos-frau-adultWie viel Unsinn kann man sich denn noch erschaffen?

Es gibt Tage, da schaue ich mir mein Leben an und denke: „Wie viel Unsinn kann man sich denn noch erschaffen?“
Denn dass ich selbst für mich und das, was mir begegnet, verantwortlich bin, das habe ich schon verstanden.
Nur nicht, warum mit dem, was ich mir schöpfe, so viel unnützes Zeug daherkommt.

Ein Beispiel: ich lebe meine Berufung.
Besser geht’s nicht, ich bin tief erfüllt.
Nur nicht, wenn ich Rechnungen schreiben soll. Auch dann nicht, wenn ich meine Kilometerabrechnung machen muss, damit ich dem Finanzamt nicht das gebe, was zu mir gehört. Nimm´s, würde ich manchmal gerne rufen, werde glücklich, der Aufwand ist mir entschieden zu groß!
Was weiß denn ich, wo ich am 18.6.2016 war, ich lebe im Fluss und im Heute, es interessiert mich nicht, wie viele Kilometer ich gefahren bin und wie lange ich außer Haus war, das schon gar nicht.
Auf jeden Fall zu lang, das kann ich dir sagen, liebes Finanzamt, denn ich möchte einfach Zeit mit meinen Tieren verbringen, schreiben und sonst nicht mehr viel.
Das Finanzamt will es aber genau wissen, sonst gibt’s kein Geld zurück und das ist auch blöd, denn ich will ja auch mein Haus bezahlen und meine Stallmiete und Essen kaufen und so weiter – das ist anstrengend.

Ich bin ein Engel, möchte ich rufen, ich bin hier, um Liebe zu schenken und nicht um mein Leben zu verwalten, doch das interessiert irgendwie auch niemanden so richtig.
Jetzt bin ich auch noch krank, meine Nase trieft und ich habe Kopfweh, doch die Abgabetermine stehen fest, die fiskalischen und die beruflichen.
„Kannst du nicht schnell noch…“ ruft es von allen Seiten und überhaupt, Facebook muss bedient werden, sonst kracht die Reichweite in den Keller.
Unique content muss man schaffen, und wenn du jetzt nicht weißt, was das ist, dann sage ich dir, das ist, dass ich für jeden was Neues schreiben soll, als hätte ich unermesslich viel zu sagen und das auf Knopfdruck.

Wir arbeiten daran, loszulassen, in den Flow zu kommen, glücklich zu sein, durchlässig, in Leichtigkeit und in Liebe zu leben, vegan und im Einklang mit der Natur – und dann fliege ich von Frankfurt nach Wien, steige um nach Klagenfurt, halte dort einen Vortrag, gebe einen Workshop und fliege am Tag drauf den ganzen Weg zurück – ein unermesslicher Aufwand für ein paar Stunden Verfügbarkeit, für mich und für die Umwelt erst recht.

„Ich muss nach Hawaii, die Delphine rufen“, sagst du und erzeugst dabei CO2, dass man sich nur noch an den Kopf greifen kann. Co2 ist nicht so toll für Delphine, aber wenn sie doch so laut rufen… So ist es einfach.
Das Leben ist ambivalent. Ich will durchlässig sein für alle Gefühle, für die Energie, die ich spüre, für meine eigenen Bedürfnisse – doch heute brauche ich etwas ganz anders. Heute brauche ich Resilienz. Widerstandskraft. Maximale. 

Wir leben in einer Welt, in der wir mit den unterschiedlichsten Anforderungen klar kommen müssen, wenn wir in ihr bestehen möchten.

Nun, so ist das. Tieren geht es nicht anders. Eben noch grast du fröhlich vor dich hin, da kommt ein Löwe daher und du wirst zum Festmahl auserkoren. Nun ist Stress angesagt, dagegen ist das bisschen Umsteigen in Wien nach Klagenfurt ein Klacks.

So ist das. Ich würde so gerne vor mich hinflowen.

Immer entspannt, kompetent, auf Sendung, mit genau der Zeit für mich, die ich brauche und die ich nutze, um Tee zu trinken und um mich zu entspannen. Bewusstes Chillen mit der richtigen Musik, die ich dann bei Facebook teile, zusammen mit einem link zu dem perfekten Tee, damit ich Reichweite kriege.

Doch ich führe Beziehungen. Komplizierte.

Mit depressiven Menschen, mit Menschen mit Kindern, mit Menschen, die auf ihrem eigenen Weg sind und die wie ich einen zirkusreifen Hochseilbalanceakt vollziehen – ohne wirklich trainiert zu haben.
Die wollen was von mir, die Menschen. Auch, wenn es mir nicht passt.
Kann ich nicht nein sagen? Doch. Aber ich will nicht. Ich will ja da sein.
Ich zeige meine Liebe durch helfen, das ist meine Sprache und das mache ich gern. Wenn ich wirklich nicht kann, dann sage ich nein, aber ich will mich gar nicht abgrenzen.
Ich will einfach, dass sie nicht mehr so viel brauchen, doch das haben sie oft selbst nicht in der Hand.

Es ist ein ewiges Ringen um Gleichgewicht, das Leben, wie ich es erlebe, ein ständiges Erspüren der Grenzen und dessen, was heute möglich ist und was nicht. Ich bin krank und schreibe dennoch diesen Text, das geht irgendwie, da spüre ich Kraft.
Die Steuerunterlagen zusammenzusuchen, das nervt mich so sehr, ich kann´s nicht in Worte fassen, und doch muss es gemacht werden. Meine Steuerberaterin ist auch krank und muss abliefern, es ist einfach so.

Resilienz. Widerstandskraft.

Die Fähigkeit, das eigene System gegenüber Einwirkungen von außen stabil zu halten. Davon bräuchte ich manchmal ein wenig mehr. Nicht nur Durchlässigkeit ist erstrebenswert. Das Gegenteil davon ist genauso wichtig.
Es ist eine Illusion, dass das Leben immer leicht und fließend ist, wir selbst haben es kompliziert gestaltet.
Wir dürfen es einfacher machen, doch ich glaube fast, wir selbst sind es, die ambivalent sind.
Wir selbst erschaffen diesen Druck, dieses Vorankommen wollen, diese Hetze.
Wie wir auch die Zärtlichkeit, die Langsamkeit, das Fließen selbst erschaffen. Wir sind so.
Wir haben so viele unterschiedliche Impulse, so viele verschiedene Hirnteile, dass es ein Wunder ist, wie wir alles organisiert bekommen. Vielleicht ist genau diese Ambivalenz, dieser innere Widerspruch, das, was uns dazu bringt, uns weiter zu entwickeln. Vielleicht braucht Evolution diesen Stress, diese Diskrepanz zwischen dem, was wir wollen und dem, was wir erreichen.
Mein Leben ist ein Ringen um Gleichgewicht zwischen den so unterschiedlichen Bedürfnissen in mir.

Wirklich ein Ringen. Das darf so sein, es macht nichts.

Der Engel will die Welt retten oder zumindest permanent Liebe verströmen, er braucht nichts.
Die Schriftstellerin will endlich ihren Elfenbeinturm beziehen und nie wieder gestört werden.
Die Nonne in mir, doch, auch die gibt es, möchte in Kontemplation leben und sich ihren höheren Energien hingeben, ohne von einem anstrengenden Alltag belästigt zu werden.
Die Mutter in mir will ihre Tiere und ihre Menschen versorgen und jeden Tag was Tolles kochen.
Die Frau, die ich bin, will erfüllten Sex leben und endlich Frühling haben, damit sie ein schwingendes Sommerkleid tragen kann, ich will in den Stall, ich will noch besser reiten lernen und ich will zuverlässig sein, wenn es um meine Arbeit geht.
Ich will tolle Seminare geben und ich will entspannt und gepflegt sein.
Außerdem will ich zweimal die Woche tanzen gehen und ich möchte bitte gesund und schön sein, immer, während ich in Würde altere.

Natürlich will ich erfolgreich sein, auch in den sozialen Medien, und endlich den Algorithmus von Facebook verstehen.
Außerdem will ich auf keinen Fall und nie wieder etwas bei Facebook posten.
Hab ich was vergessen? Ganz sicher.      
Ich ringe um mein Gleichgewicht, ich stehe auf diesem straff gespannten Seil und schaue nicht hinunter, damit ich nicht herunterpurzele. Das geht tief runter, ich weiß, wie tief man stürzen kann, ich habe einige fallen sehen, unwiderruflich.
Und nein, sie konnten eben nicht fliegen, egal, wie spirituell sie auch lebten. Sie stürzten schwer ab und das war´s.
Ich ringe um Gleichgewicht.

Doch manchmal, manchmal, da habe ich es.

Da stehe ich entspannt auf diesem Seil, ich breite die Arme aus, ich wippe und ich fliege fast, ich bin sicher und geborgen, ich stehe da und ich umarme die Welt.
Manchmal ist es perfekt, manchmal, und das immer öfter, erlebe ich Gleichklang, Einssein, ich meistere das Hochseil. Und dann weiß ich, warum meine Seele so erpicht darauf ist, zur Erde zu kommen, warum ich unbedingt leben wollte und will.
Weil das Leben hier auf Erden das beste ist, was meiner Seele passieren konnte.
Ich liebe es, zu leben, mit allem, was dazugehört, auch dann, wenn ich der Meinung bin, so langsam könnten sich Seele und Körper wieder trennen, es ist einfach zu anstrengend. Nein, das ist es nicht, es lohnt sich.

Bei Gott, wie sich das lohnt.  

01.04.2018
Susanne Hühn

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3 Kommentare

  1. Hallo Susanne :),

    danke für deinen berührenden Beitrag!
    Genau so fühle ich mich auch!
    Ich denke, dass jeder der Spiritualität lebt in einer ähnlichen Situation ist.
    Zum einen ist ständig unsere Aufmerksamkeit gefordert – zum anderen sehnen wir uns nach Stille, nach Verbundenheit mit der inneren Quelle.
    Eines Tages stand ich vor der Entscheidung: Lebe ich wie ein Eremit oder gehe ich den klassischen Weg? Also Familie, Beruf etc…
    Die Antwort meines Herzens war klar – Flucht kann nicht die Lösung sein!
    Mittlerweile glaube ich fest, dass die täglichen Herausforderungen Hilfen auf dem spirituellen Weg sind.
    Um es am Beispiel deiner Steuererklärung zu sagen:
    Es hilft alles nichts – auch wenn die Aufgabe noch so unliebsam ist, sie muss getan werden.
    Sie stellt eine Herausforderung dar – mit Disziplin und Ausdauer ist sie aber zu meistern.
    Qualitäten, ohne denen ein spiritueller Weg nicht zu beschreiten ist.
    Alle Übungen meiner Meditationsroutine spielen zusammen. Trotzdem hat es lange gedauert bis ich mich damit wohlfühlte. Manche Übungen waren anfangs sogar unangenehm. Erst später haben sie ihre angenehme Wirkung entfaltet.
    Es ist wie bei einem Bauern: Er muss ständig Wetter, Jahreszeiten und Schädlinge im Blick haben um die Ernte eines Tages einfahren zu können. Dadurch ist er “mit allen Wassern gewaschen” und es gibt keine Situation mit der er nicht zurechtkommt.
    Du kennst bestimmt folgendes Sprichwort: “Wie entsteht ein Diamant? – unter hohem Druck”
    Aber du hast vollkommen recht, jeder Tag ist eine Herausforderung!
    Manchmal fühlt man sich einfach machtlos. Überwältigt von der Flut des Alltags.
    Ich hoffe das Bild des Diamanten hilft dir 😉

    Freue mich darauf, bald wieder von dir zu lesen!

    Liebe Grüße und viel Durchhaltevermögen inmitten all des Unsinns 😉
    wünscht
    Stefan

  2. Hi, Wie lieb bist du denn! Ich setze mich sehr viel damit auseinander, und ich weiß, da wirkt das Saturn Prinzip, und ich finde das Bild sehr gut, mit allen Wassern gewaschen zu sein. So sehe ich es auch, wahre Spiritualität kann man nur leben, wenn man alle Lebensbereiche meistert beziehungsweise sich ihnen zumindest stellt. Es freut mich von Herzen, dass du dich in meinem Artikel ein wenig wieder findest, ganz herzlichen Dank für deine hilfreiche und nette Antwort, Susanne

  3. Hi, :),
    das Saturn Prinzip kenne ich leider nicht…
    Da stimme ich dir zu – sich Herausforderungen zu stellen ist wichtig!
    Dadurch wird man auch mutig, finde ich.
    Kennst du diese Gedanken?:
    “Ich hab zu wenig Geld,
    zu wenig Zeit,
    das schaffst du sowieso nicht
    alles ist schei**e….”

    Dann ist es wichtig sich folgende Dinge vor Augen zu halten:
    “Ich habe genügend Zeit, alles was ich brauche, kann jede Hürde meistern….”
    Und es nicht nur zu denken, sondern auch zu fühlen und zu leben!

    Leicht gesagt, schwierig in der Praxis – da sitzen wir alle im selben Boot 😉
    Danke nochmal für deinen Artikel!

    Liebe Grüße

    dein mit allen Wassern gewaschener 😉
    Stefan

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