Das Neueste Gesellschaft

Wo leben wir denn eigentlich? Ein GPS für die Neue Zeit

hand-wasser-glas-fisch-lifeWo leben wir denn eigentlich? Ein GPS für die Neue Zeit

Ja – wo leben wir denn eigentlich?
Eine oft mit leicht aggressivem Unterton vorgetragene Frage der Ungeduld und des Zornes – sie begegnet mir in meinen Beratungsgesprächen ebenso wie in Gesprächen nach Vorträgen und Workshops.

Vielleicht haben sich diese Frage auch so manche Amerikaner während und nach der Pressekonferenz von Donald Trump und Vladimir Putin in Helsinki mit Juli 2018 gestellt.
Weiß der eine überhaupt noch, wo er lebt oder ist bereits in einem gefakten Paralleluniversum verschollen?!

Die simple wie gleichzeitig provokativ anmutende Frage nach dem ‚Wo?‘ durchzieht nicht nur die hohe Politik.

Sie durchwebt unseren Alltag und wird gleichzeitig oft negiert und missachtet. Es ist leichter, sich über das Durcheinander (z.B. Herrn Trump und die unzureichend und inadäquat agierende EU) aufzuregen, zu kritisieren, zu jammern und abzulehnen, als zu begreifen, wie es überhaupt zu diesem Durcheinander kam und warum die Realität ist wie sie ist. Wo leben wir denn eigentlich? Ein GPS für die Neue Zeit.

Wenn ich vor allem auf die vergangenen Monate blicke, dann werde ich den Eindruck nicht los, dass viele ihre sogenannte Realität, die sie selbst erzeugt und gestaltet haben, überholt hat. Sie haben nicht erfasst, dass sie die ErzeugerInnen ihrer Realität sind. Es fehlt ihnen schlicht am Grundlagenwissen über Zusammenhänge.
Ich stelle das fest – und es wundert mich auch nicht, denn es gibt weder eine Betriebsanleitung für dieses Grundlagenwissen, noch ein Schulfach dafür.

Dies ist besonders bei jenen drastisch, die noch immer nicht neue Brillen an haben und bequem mit den alten Gläsern, sprich Glaubenssätzen, Vorstellungen, Meinungen, Ansichten etc. das, wer sie sind und was sie umgibt, interpretieren – und ganz enttäuscht sind, dass sie immer wieder danebengreifen.
Wenn die alten Gläser auch noch ungeputzt sind (d.h. von uralten unbewussten Schichten überlagert sind), dann stolpern sie über ein ‚Hindernis‘ nach dem anderen – orientierungslos, schimpfend, jammernd – doch nie etwas verändernd zu ihren Gunsten. Wie auch mit den alten Gläsern und unbewusst auch noch dazu?!

Also – wo leben wir denn eigentlich?

Das gesellschaftliche Aktionsfeld als Mensch, der bewusst und achtsam lebt, ist nichts Festgefügtes, sondern etwas sehr Fließendes und Bewegliches. Sie/er weiß, dass alles, ausnahmslos alles, selbst erzeugt ist. Auch wenn das intellektuell nicht fassbar ist, es ist so. Das ist ein Grundprinzip des Lebens. Darüber lässt sich nicht mehr streiten, auch nicht trefflich.

Unser Aktionsfeld war übrigens nie festgefügt – auch wenn uns das mechanistische, uhrwerkartige Denken seit 250 Jahren prägte. Nun – dieser Zyklus des Uhrwerkdenkens geht nolens volens zu Ende, wie übrigens eine ganze Reihe von Zyklen in einem größeren Theaterdonner sich dem Ende zuneigen. Die Zeit wiederholt sich nicht mehr, d.h. das Rad des Schicksals nimmt eine neue Richtung. Wir stehen an der Nabe der Zeit, am Kipppunkt der Entwicklung.

Man spricht heute von flüssigen und fließenden Ordnungen (liquid orders). Dabei handelt es sich um soziale, technische und auch virtuelle Gefüge, die sowohl innerhalb des Gefüges in seiner vagen Abgrenzung höchst beweglich und daher flüssig sind, als auch mit anderen Gefügen ineinanderfließen, also fließend sind, Graubereiche wie etwa ‚gesellschaftliches Brackwasser‘ eingeschlossen.

Übergänge werden als besonders unangenehm empfunden, weil das Alte noch nicht ganz weg ist und das Neue noch nicht ganz da ist. Wir stehen an der Nabe einer Entwicklung und schwimmen gleichzeitig im Brackwasser.

Dieses Phänomen der flüssigen Ordnungen findet zudem in der Fachliteratur noch viel zu wenig Beachtung, weil es an zeitadäquaten Zugängen für soziale Gefüge bislang grundsätzlich fehlt – außer der lapidaren, oft nicht in seiner Tiefe verstandenen Aussage, dass ‚alles komplex‘ ist, und man damit kompliziert meint. Doch das sind zwei grundlegend verschiedene Kategorien.

Dabei- es ist kein an sich neues Phänomen. Schon in den 1990er Jahren war die Lage sehr ähnlich.
Mittlerweile geht es vor allem um die Beziehungen zwischen Subsystemen und um die drastisch erhöhte Komplexität, d.h. die Vielschichtigkeit in möglichen Konsequenzen.
Doch wie kann man an Komplexität herangehen?
Ich meine damit konkret, im Lebensalltag, im Berufsalltag?
Denn hier spielt sich Leben ab – nicht nur in Lehrbüchern.

Flüssige Ordnungen, also Gefüge, wo klassische Grenzen verschwimmen und das Ich, das Du und das Wir ebenso neu definiert werden, wie der/das Andere sind unser Aktionsfeld, auf das wir uns erst innerlich einstellen müssen.

Ein Pentagramm als erste Orientierung? Connecting the dots …

Steven Jobs, der Gründer Apple, meinte in seiner Commencement Speech 2005 in Stanford, dass gerade das Verbinden der Punkte, er nannte es connecting the dots, von eminenter Bedeutung sei, um in unserer Welt Orientierung zu finden.
An dieser These hat sich auch nach 13 Jahren nichts geändert, vielleicht dass das Aufspüren und Verbinden der tatsächlich relevanten Punkte und Verbindungen aufgrund der Masse an Möglichkeiten ein wenig herausfordernder ist.

Es gibt aus meiner Sicht 5 große Punkte (dots), die einen in dem Gefüge sowohl als Individuum als auch als Kollektiv betreffen und markante Auswirkungen für Achtsamkeit und Bewusstsein auch im individuellen Leben haben – denn: das Gesetz der Resonanz gilt heute mehr denn je.

Man kann diese 5 Punkte als Pentagramm sehen, denn alle Punkte sind miteinander natürlich mehr oder weniger stark verbunden. Es sind weniger die Punkte an sich, sondern die Qualität, die Quantität und die Intensität der Beziehungen zwischen den Punkten.

Doch lassen Sie uns auf die 5 Punkte eingehen und umschreiben. Die Beziehungen ergeben sich nahezu zwangsläufig.
Es gibt übrigens keine Priorisierung in der Reihung. Sie ist mehr oder weniger zufällig dargelegt, da eine andere Darstellungsform geschrieben nicht möglich ist. Dies zeigt übrigens auch die verkürzten Möglichkeiten von Sprache in der Erfassung von Komplexität.

    1. Die Wahrnehmung von Realität hat sich verändert.
      Was als Binsenweisheit klingen mag, zeigt sich bei näherem Blick als etwas Hochkomplex-dynamisches, das bar jeglicher bekannten Objektivität und Objektivierbarkeit ist. Die Realität bzw. das, was dafür gehalten wird – postfaktisch mit Faked News – eine Art ‚Pipi Langstrumpf Strategie‘ – ich mach mir meine Welt wie sie mir gefällt, wird von scheinbar objektiven Bildern in Echtzeit, die bei politischen EntscheidungsträgerInnen wie bei den BürgerInnen unmittelbare Wahrnehmungs- und Handlungsdispositionen auslösen, geprägt.
    2. Da kann es schon mal vorkommen, dass man die eigenen Nachrichtendienste in die Tonne tritt und dem Mitbewerber rechtgibt.
      Gleichzeitig: alte, zum Teil sehr lange Zyklen, neigen sich synchron in einer sich überlagernden Art und Weise dem Ende zu. Manche meinen, wie steigen zurzeit aus dem ca. 500 Jahre dauernden Renaissancezyklus in einen neuen, noch unbenannten Zyklus als Kollektiv ein.
      Andere gehen weiter und sprechen vom Kipppunkt eines 13000 Jahre langen Zyklus. Jahre sind jedoch nicht wichtig. Wichtig ist, dass sich die Zyklen in einer geballten Ladung 2018/2019/2020 zu Ende neigen. Jeder Versuch, mit Altbewährtem einfach so weiter zu tun, ist zum Scheitern verurteilt. Wir stehen einerseits an der ‚Nabe der Zeit‘ und andererseits sind wir mehr und mehr in einer Leere. Viele können damit nicht oder nur sehr schwer umgehen. Dabei ist die Leere, dieses Sein-Warten, ganz wesentlich, denn aus ihr kreiert sich das Neue.
      Diese neue Grundwahrnehmung ist in vielem noch unspezifisch und unklar. Sie ist mehr ein Gefühl denn ein Faktum. Erosionsprozesse – gleich, wohin man blickt – kennzeichnen die sogenannte Realität. Doch es geht darum, auch das einmal auszuhalten anstatt hektisch mit alten Instrumenten herumzutun und mehr zu zerstören als in die neue Richtung zu steuern.
      Es gilt zu erkennen, dass BeobachterIn und Beobachtetes sich mehr denn je gegenseitig beeinflussen.
      Sich dabei herauszunehmen ist nicht möglich
    3. Es gibt eine Erosion des klassischen Verständnisses von Macht und ein gleichzeitig vielschichtigeres Spektrum von Macht.
      Dies drückt sich z.B. in einer höheren Partizipation, in einer Ermächtigung von größeren Gruppierungen und einer Dezentralisierung von Macht aus.
      Macht ist heute deutlich mehr als klassische Interessenspolitik. Sie ist auch Interessenspolitik, doch nicht nur. Die Neu- und Umverteilung von Macht im Sinne eines mehrlagigen, komplexen Konzeptes betrifft Individuen in einer ganz natürlichen Art, weil Leben mit Machtausübung wesensinhärent verbunden. 
      Die unbeantwortete Frage ist – Macht für etwas oder Macht über jemanden. … Gleichlaufend geht es auch um eine Neugestaltung von Verantwortung. Es reicht eben nicht, esologisch verbrämt über Eigenverantwortung zu sprechen. Der Mensch muss auch zur Eigenverantwortung befähigt werden und diese leben können.
      Macht hat daher auch immer sehr viel mit Selbstermächtigung zu tun. Wenn dieses Prinzip begriffen wird, stellen sich viele Machtfragen alter Art nicht mehr. Wir sind mitten im Prozess, dem es an einer klaren Richtung noch fehlt. Damit gilt auch hier – Leere ist auszuhalten, so unangenehm das erscheinen mag.
    4. Die/der Einzelne fühlt sich heute gleichzeitig selbstbestimmt und mehr denn je als autonomer Teil des Großen Ganzen
      (z.B. durch das natürliche, kollektive Leben und Erleben im Internet und in sozialen Medien).
      Mittlerweile zeigen sich die Schattenseiten der Vernetzung, der ‚Immer-und-überall-Erreichbarkeit’ des nicht mehr Überblickens der Informationsflut, der Smartphonesucht, der geistigen Orientierungslosigkeit und eines kollektiven Bewusstseins, das im wahrsten Sinne des Wortes aus der Dose d.h. den IPads und Laptops kommt.
      Eigenständigkeit, Eigenverantwortung und Originalität im Denken und Handeln sind verdrängt worden. Das Bild des Menschen von der Welt ist beliebig konstruierbar geworden (=postfaktisch) und er hat das Gefühl verloren, Teil eines Ganzen zu sein.
      Die hohe Selbstbestimmung geht mit einer dünner werdenden Orientierung einher – was für ein Widerspruch.
      Religiös vermittelter Sinn ist ebenso wie das Werte-Bewusstsein beliebig geworden – auch ein Ausdruck von Auflösung.
      Es geht zudem um die gerade für demokratische Gesellschaftssysteme existentielle Herausforderung, die Autonomie und Selbstbestimmung der BürgerInnen als Voraussetzung eines freiheitlichen Gemeinwesens in neue Formen zu gießen, weil andernfalls das Neue nicht fußfassen kann.
      Jeder Inhalt braucht Form und Struktur in einem stimmigen Maß.
      Das fehlt zurzeit, da für neue Inhalte die alte Form nicht mehr taugt und neue Strukturen in Mache sind. In dieser Zwickmühle stecken vor allem gesättigte demokratische Gesellschaften. Leere, gähnende Leere, kosmische Spalte …
    5. Das gesellschaftliche Sein ist hyper-ökonomisiert.
      Die Ökonomisierung ist ein seit mindestens 500 Jahre andauernder Prozess in unterschiedlichen Qualitäten. Sie umfasst die Politik ebenso wie die Bildung und den Vertrieb von Wissen, die Kunst, den Sport etc. pp.
      Der Erfahrungs- und Erwartungshorizont der Menschen ist weltweit primär ökonomisch definiert und zielt auf Wohlstand, Wachstum und die Befriedigung materieller Bedürfnisse ab.
      Esologen würden sagen: Wir leben in 3D. Freiheit, Gleichheit und die Einhaltung der Menschenrechte werden faktisch von den meisten Menschen als ungehinderter, ‚freier‘ und ‚gleicher‘ Zugang zu Konsumgütern und Dienstleistungen und als Teilhabe an Wohlstand verstanden.
      Politik, Bildung, Sport und Wirtschaft waren noch nie so eng miteinander verknüpft wie heute. Sie sind ein Mittel zum Zweck geworden. Mannschaften werden zu Premiummarken entwickelt. Veranstaltungen werden nicht nur zum Fegefeuer an Eitelkeiten und Prestigeprojekt von SponsorInnen und PolitikerInnen – Gigantomanie lässt sich immer noch überbieten.
      Dabei geht der Kern mehr und mehr verloren, der Wunsch nach Austausch, nach Messen, nach Miteinander, nach Fairness. … Und wenn einer fair ist, dann wird er/sie unter Artenschutz gestellt. Hyperökonomisierung bedeutet ein Herausfallen aus der Verhältnismäßigkeit, aus der gesunden Mitte. Aus zahlreichen ökonomischen Theorien kennen wir den Begriff des Grenznutzens.
      Ab einem bestimmten Punkt ist Geld nicht mehr als Anreiz fürs Handeln geeignet. Saturierung bremst anstatt zu beflügeln. Das Beispiel samt Katzenjammer können Sie sich selbst zusammenreimen.
    6. Gleichzeitig lebt ein beträchtlicher Teil der Menschen in gesättigten Staaten und Gemeinschaften in einem ent-persönlichten Etwas.
      Man findet kaum einen Ausdruck für das vielschichtige Gewebe und Gefüge des menschlichen Seins. Entfremdung vor allem von sich selbst wird überdeutlich.
      Das ‚Erkenne Dich selbst‘ wird als gefährliche Drohung empfunden.
      Überlagert wird die gesättigte Gesellschaft – vor allem in Europa – von einer Masse an Zuwanderern, die, ob berechtigt oder nicht, ebenfalls am Wohlstand teilhaben wollen. Mittlerweile findet ein Verteilungskampf um Wohlstand statt, der zu einer Abschottung und Isolation führt.
      Hier will ich über die Richtigkeit nicht schreiben, denn die gibt es nicht. Es geht jedoch um die Klarheit von ‚wir‘ und ‚die anderen‘. Das muss ein System aushalten. Das muss man schreiben dürfen.
      Wer das ‚ich‘, das ‚du‘, das ‚wir‘ nicht kennt, gibt seine Identität auf.
      Das war und ist nicht das Ziel von Mitgefühl und Mitmenschlichkeit. Die ersten Schritte dafür wurden bereits getätigt. Aus der Innensicht verständlich und nachvollziehbar, denn wer teilt schon gerne aus freien Herzen und wer gibt sich schon gerne selbst auf?
      Aus der Sicht ‚von oben‘ mit offenem Ende, denn die Verdrängung des Wohlstandsgaps findet seit Jahrzehnten an den Rändern statt. Thomas Barnett bezeichnete dies in seinem Buch „The Pentagon’s New Map“ (2004 erschienen) als den Kampf zwischen den haves and havenots.
      Dies ist Ausdruck der generellen Angst, es gäbe nicht genug und das ‚wir‘ verliert sich ‚im anderen‘. Doch dies ist ein Trugschluss – denn es überlagern sich mehrere Ebenen, die man für das Verständnis auseinanderhalten müsste.
      Doch es geschieht in der öffentlichen Debatte nicht. Es wird auch nicht abgewogen, was wann wo stimmig und wichtig ist. Hinsichtlich des im Vordergrund stehenden ‚es gibt nicht genug‘: es gibt sehr wohl genug, bloß dass ein jahrzehntelang gepflogener Verteilungskampf stattfand, der nun in eine Endphase gerät, weil Kampf nicht mehr das probate Mittel ist. Hinsichtlich ‚wir und die anderen‘: ein erkenne Dich selbst ist hier hilfreich als erster Schritt.
      Doch gilt es, eine Phase der Leere auszuhalten, eine Phase, wo es eben keine Lösung aus der berühmten Dose gibt.
    7. Eine veränderte Raum- und Zeitwahrnehmung führt zu qualitativ neuen Erfahrungswelten.
      Neues veraltet rasch – es gibt kaum mehr sogenannte Halbwertszeiten für Informationen, weil sie sich der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit sehr oft entziehen. Heute eine Rücktrittsandrohung. Morgen noch immer im Amt, vielleicht sogar stärker denn je. Wer weiß das schon? … Lasst uns sehen, wohin es sich nächste Woche gedreht hat …
      Ein Stakkato von Veränderungen und Ereignissen verbreitet das Gefühl eines undefinierten Vakuums, einer Gefangennahme in den Wirren der nie enden wollenden Veränderung, eines sich Überschlagens an Ereignissen. Das ist für viele von uns unangenehm, weil uns die Kontrolle entzogen ist.
      Wir wissen oft nicht mehr, wo wir hinblicken sollen, was tatsächlich für uns wichtig ist. Heute hochgejazzt und gehypt. Morgen völlig unbedeutend. Wege verwischen und verlaufen sich. Flüssigen Ordnungen eben … Dabei entsteht bei vielen die Wahrnehmung, in einer scheinbaren Raum-Zeit-Falle gefangen zu sein.
      Zudem vollzieht sich eine gleichzeitige Stauchung und Streckung von Raum und Zeit. Manche nennen es Zeitsprünge und Veränderungen in Zeit-Raum-Linien. Oft zeigen sich Parallelzeiten und der Kollaps von Zeitlinien. Im Ergebnis hat sich die Wahrnehmung von Raum und Zeit grundlegend verändert und verändert damit auch die Sicht auf unser aller Leben. Manche klinken sich aus, zumindest versuchen sie es. Andere lassen sich hemmungslos in die Geschehnisse fallen. Und wieder andere gehen in die wissende Beobachterposition. Nichts davon ist falsch. Nichts davon ist richtig.
      Beide Kategorien haben sich überlebt. Neue Kategorien wie z.B. ein geübtes Unterscheidungsvermögen, ein sich für etwas Einsetzen (ohne in den Kampfmodus zu verfallen) werden wichtig, auch wenn es nicht am Unterrichtsplan von Schulen steht.
      Zudem ist das Aushalten von Leere wichtiger denn je – dies ist für viele von uns wahrscheinlich am schwierigsten, weil wir ja Tuer- und Leistergenerationen sind. Gerade das fällt uns zurzeit am Kopf. Dann werden wir es – vielleicht – lernen.

Nun werden Sie vielleicht sagen, das ist ja nicht vollzählig, was ich hier schreibe. Darum geht es nicht. Ich habe 5 wesentliche Punkte herausgriffen und kondensiert, um einen Überblick zu geben und nicht um eine sogenannte Vollständigkeit anzubieten, die ich für eine Fiktion halte.

Wenn Sie sich mit diesen 5 Punkten und ihren Wechselwirkungen auseinandersetzen, dann haben Sie einen Lageüberblick für die Phase 2018. Was danach kommt … wir wissen es schlicht nicht … Leere aushalten und so …

Alte Instrumente adé?

So ist seit gut zweieinhalb Jahren immer mehr beobachtbar, dass alte Modelle und alte Antworten, die oft reflexhaft gegeben wurden, an allem und jedem vorbeizielen. Sie gehen ins Leere. Mir fiel dies in meinen Beratungsarbeiten ab Januar 2016 auf, dass meine ach so tollen Instrumente irgendwie stumpf geworden waren. Man gewöhnt sich ja rasch daran, wenn etwas gut funktioniert, es immer so weiter geht. Der Mensch liebt Komfortzonen, gemütlich, warm, bequem. BeraterInner und AutorInnen sind davon natürlich nicht ausgenommen.

Einige Beispiele von der sog. Großen Ebene zu stumpfen Instrumenten – ich will niemanden damit verurteilen, sondern zeigen, wo wir stehen:

Die Münchner Sicherheitskonferenz 2018 war ein sehr gutes Beispiel, dass sich diese Entwicklung nun auch mehr und mehr auf der kollektiven Ebene manifestiert. Ratlosigkeit und Abgrundsdebatten dominierten die Tage.
Lösungen gab es keine – wie auch?
Wenn man die alte Brille aufhat, mitten in der Lage beteiligt ist und die großen Entwicklungen nicht sehen will?
Was folgt, ist eine Phase der scheinbaren Leere, des Dahinschlingerns, des Nichtwissen wie der nächste Schritt aussehen kann.

Die Regierungskrise im Sommer 2018 in Berlin, oder soll man schreiben zwischen München und Berlin, ist auch ein sehr schönes Beispiel, wie sehr man versuchte, mit alten Instrumenten, mit Kampf und Krampf ein ‚weiter so‘ zu leben.
Mit Hängen und Würgen, mit vielen Kompromissen, die in der Sache nichts nützen, weil der Zug schon viel früher abfuhr, lavierte man sich um die berühmte Kurve.
Nur nichts wirklich Neues zulassen … wie lange noch?
Mit welchen Konsequenzen für das Große Ganze?

Auch das Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft, oder sollte ich besser schreiben, der Mannschaft, zeugt vom verpassten Erkennen, dass sich etwas Grundlegendes gewandelt hat.
Der Stil im Spiel, die Prioritätensetzung, die Verkennung des Zusammenhanges aus Sport und Politik, das saturierte sich Präsentieren, das Verkennen, dass man sich immer wieder bewähren muss und der Rest der Welt auch nicht schläft, das Nichterkennen der Zeichen der Zeit, dass sich die Bedeutung von Sport an sich und von Großereignissen in Gesellschaften, die mit ganz anderen existentiellen Fragen konfrontiert sind, auch verändert hat.
Die veränderte Haltung zur Nation als Identitätskonstrukt tat das seine dazu.
Die Trainerentscheidung zeugt auch nicht gerade vom Erkennen der veränderten Lage. Doch will ich jedem zugestehen, dass er sich berappelt und in die Veränderungsenergie einschwenkt – gleich wie er sich bislang verhielt.
Der Mensch ist ja auch ein lernfähiges Wesen.

Ich könnte noch weitere Beispiele anführen, doch diese sollten ein Grundgefühl vermitteln. Schauen Sie sich in Ihrem Kreis um und beobachten, wie viele langjährige Paare noch mit Substanz und Liebe zusammen sind. Oder ist es vielmehr Gewohnheit und die Angst vor dem Alleinsein? …

Wer nicht bewusst und achtsam ist, läuft an der sich rasch verändernden Realität vorbei und ist meilenweit hinter der Lage, ja – er/sie hat den Kontakt zu Lage völlig verloren. Für Führungskräfte ist dies eine höchst gefährliche Situation, weil sie von Lage geführt werden und nicht umgekehrt.

Daher ist im Moment bewusste und achtsame Gestaltung mit alten Instrumenten und Methoden nicht mehr möglich, weil sich die Realität der Gestaltung mit diesen alten Instrumenten und Methoden schlicht entzieht. Es ist so, als ob man feinsten Sand schaufelt … oder in der Vorrunde eines Turniers ziemlich sang- und klanglos und unambitioniert, weil saturiert, ausscheidet.

Was also tun außer Bauklötze staunen in dieser Leere-Zeit?

Wenn man gewohnheitsmäßig antwortet und keine Reaktion erzielt, dann herrscht im ersten Schritt Verwunderung, wenn man es überhaupt merkt. Man versucht es nochmals und nochmals. So lange bis, man erkennt, das Mittel wirkt nicht mehr. Warum auch immer. Danach kann man sich in diverse Analysen begeben. Sie befriedigen und beschäftigen den Verstand, doch Antworten bringen diese Analysen nicht – wie auch? Wenn man nach wie vor im Alten verbleibt.

Wenn man es aushält, dann folgt als nächstes die interessanteste Zeit aller Zeiten. Es ist die Zeit der Leere. Das mag esoterisch klingen und sich vielleicht abstrakt anfühlen. Es mag wie auf Watte laufen sein. Nichts rührt sich – im Gegenteil, der Zug fährt in die ungewünschte Richtung weiter. Und zwar meistens mit noch mehr Fahrt aufnehmender Geschwindigkeit und in unkontrollierbare Richtungen.

Das ist das Wesen von komplexen Lagen. Sie zeigen sich mittlerweile in höchster Brisanz. Was früher akademische Hirngespinste waren, ist heute in der Alltagsrealität angekommen. Die Mehrschichtigkeit der Lage braucht andere Antworten als einfache Situationen. Ja- sie braucht eine Bewusstseinsrevolution, die von Innen nach Außen läuft.

Die Leere für einige Zeit auszuhalten, ist wohl eine der größten aktuellen Herausforderungen.

It‘ Time for Pioneeres … PionierInnen nach vorne

Nochmal: komplexes Denken ist fordernd, oft über die bekannte Grenze; es gibt keine Pauschalantworten, die man dem Boulevard vorsetzen kann, im Supermarkt oder im Fastfoodrestaurant kaufen kann; es verlangt Zeit und es gibt keinen garantierten outcome. Man kann natürlich gerne weiterhin Pläne machen, doch dabei plant man den Müllkübel für diese Pläne am besten gleich mit ein. Umrahmt die Lage auch noch das kumulierte Ende von Zyklen, dann wird es besonders interessant.

Und doch gibt es am Horizont einen Silberschein – wenn man bereit ist, auch Phasen der Leere, des nicht auf alles und jedes eine Antwort parat zu haben, auszuhalten. Denn die alten Antworten führen sowieso ins Leere.

Da und dort zeigen sich ja bereits neue Ansätze, die per se nicht unbedingt neu sind, sondern Kombinationen von Vorhandenem in neuer Form. Oft ist es ein Griff zu Vorhandenem, zu Einfachem, zu universell Gültigem. Diese Denkgebäude werden mit heutigen Augen gesehen und – wenn man bereit dazu ist – mit einer veränderten Wahrnehmung.

Das ist das Wesen in der Spalte von Alt und Neu. Nur das Einfache hat Bestand.

Und dann, wenn die große Leere so richtig leer ist, dann kommt eben die Zeit der PionierInnen, der Mutigen, der Vertrauensvollen, der AbenteuerInnen mit Verantwortung und mit dem Blicks fürs Große Ganze.

Experimentell, manches Mal schon durchaus ausgegoren und im Kleinen funktionsfähig sieht man diesen Silberschein. Nun mögen Sie sagen – die PionierInnen gab es immer. Sie werden es schon für alle bzw. die Mehrheit richten. Wenn nicht sie, dann ihre NachfolgerInnen. PionierInnen tritt man ja ob ihrer scheinbar kruden Ideen gerne in die berühmte Tonne. … Und dann holt man diese Ideen doch wieder aus der Tonne und sieht sie sich an. … Dann wird auch immer wieder etwas daraus. Wer leere Hände hat, ist viel eher bereit, sich etwas Anderes, Neues anzusehen.
Zur Klarstellung: PionierInnen sind nicht WiederverwerterInnen. Sie denken wahrhaft neu – ohne Gelinggarantie, die sowieso nur Fiktion ist.

Also – machen Sie Ihre Hände, Ihr Inneres leer – und freuen Sie sich auf das Neue, das bislang Unbekannte. Es kommt sowieso – machen Sie es doch sich und allen ein wenig einfacher mit Offenheit, mit Zuversicht, mit Mut, mit Neugierde, mit Vertrauen.

Im nächsten Beitrag geht es um die Zusammenhänge zwischen der Bewusstseinsrevolution-Bewusstsein-Achtsamkeit, um Impulse für den Alltag im Leben und im Beruf zu erhalten.

25.07.2018
Andrea Riemer


Zum Abschluss ein tröstlicher Gedanke – als Mutmacher am Weg.

„Sie wusste, das Leben war immer auf ihrer Seite, manches Mal anders als sie es sich wünschte, doch es war immer da. Das Leben liebte Marie und es war geduldig mit ihr. Und doch forderte es sie immer wieder auf, Altes fühlbar und sichtbar abzuschließen. Dann erst war Platz für Neues.“
Andrea Riemer

cover-Botschaften-andrea-riemerText aus ihrem neuen Buch:
Andrea Riemer, Botschaften vom Leben, dielus edition, Leipzig 2018 (mehr dazu samt Leseprobe unter
www.andrea-riemer.de/das-neue-buch). 

Dazu kann man in einer mehrteiligen, kostenpflichtigen Webinarreihe auch nachhören unter www.sofengo.de/academy/andrea.riemer

Zur Autorin: www.andrea-riemer.de

Alle Beiträge der Autorin auf Spirit Online

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