1080-200 Banner Shopify Home

Ökosophie nach Raimon Panikkar: Die Weisheit der Erde

Regenbogen unter Wolken über einer Landschaft – Naturmotiv zur Ökosophie

Was bedeutet Ökosophie bei Raimon Panikkar?

Ökosophie bedeutet bei Raimon Panikkar, die Erde als Trägerin eigener Weisheit wahrzunehmen. Der Mensch steht ihr nicht als Herrscher gegenüber, sondern gehört mit seinem leiblichen und geistigen Leben zu ihr. Panikkars Ökosophie verbindet die Achtung vor der Natur mit der Frage nach dem Göttlichen.

Nahezu täglich begegnet uns der Begriff „ökologischer Fußabdruck“. Wir messen unseren Verbrauch und versuchen, Schäden zu begrenzen. Aber begegnen wir der Natur auch mit der Weisheit des Herzens? Diese Frage führt über Berechnungen hinaus zu einer Naturspiritualität, die ökologische Verantwortung einschließt.

Raimon Panikkar, mit dem unsere Familie eng verbunden war, hat dieses Verhältnis von Mensch und Erde tief durchdacht. In Erinnerung an ihn möchte ich einige seiner Gedanken erschließen. Sein ökosophisches Bewusstsein fordert uns heraus, die Natur nicht nur besser zu verwalten, sondern uns selbst als Teil ihres Lebens zu erfahren.

Regenbogen unter Wolken über einer Landschaft – Naturmotiv zur Ökosophie
Regenbogen über einer Landschaft.

Raimon Panikkar: ein Denker zwischen den Religionen

Raimon Panikkar (1918–2010) wurde in Barcelona als Sohn einer spanischen katholischen Mutter und eines indischen hinduistischen Vaters geboren. Er studierte Chemie, Philosophie und Theologie und wurde 1946 zum katholischen Priester geweiht. Seine wissenschaftliche Ausbildung und seine religiösen Erfahrungen gehören zusammen, wenn man seinen Weg verstehen will.

Er lehrte an europäischen, indischen und amerikanischen Universitäten; von 1971 bis 1987 war er Professor an der University of California in Santa Barbara. Seit 1987 lebte er wieder in Katalonien, in Tavertet. Dort verband er seine schriftstellerische Arbeit mit Kontemplation und Begegnungen zwischen den Kulturen.

Panikkar war ein Mittler des interreligiösen Dialogs. Ebenso wichtig war ihm der intrareligiöse Dialog: die Begegnung mit einer anderen religiösen Erfahrung im eigenen Inneren. Eine fremde Tradition sollte nicht bloß von außen beurteilt werden. Sie konnte auch die eigene Gewissheit befragen und das eigene Verstehen verwandeln.

An seinem 90. Geburtstag, am 3. November 2008, hielt ich in seinem Haus „Can Felo“ in Tavertet die Festansprache zum Thema „Wissenschaft & Spiritualität“. Diese persönliche Erinnerung ist mir kostbar. Sie gehört zu meiner Verbundenheit mit einem Menschen, dessen Denken weit über die Grenzen einer einzelnen Disziplin hinausreichte.

In seiner Ökosophie berühren sich diese Erfahrungen: das Gespräch zwischen Religionen, die Frage nach den Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis und die Suche nach einem liebevollen Umgang mit der Erde. Es geht ihm um eine Lebenshaltung, die das Getrennte wieder in Beziehung bringt.

Ökosophie ist mehr als ein anderes Wort für Ökologie

Der Ausdruck Ökosophie wird in unterschiedlichen philosophischen Zusammenhängen verwendet. Auch Arne Næss und Félix Guattari haben eigene Ansätze unter diesem Begriff entwickelt. Hier geht es um Panikkars Verständnis. Die verschiedenen Entwürfe lassen sich nicht einfach gleichsetzen.

Ökologie untersucht Beziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt. Panikkars Frage nach der Weisheit der Erde liegt auf einer anderen Ebene: Was geschieht mit unserem Selbstverständnis, wenn wir die Erde nicht allein als Gegenstand der Nutzung betrachten? Welche Haltung wächst daraus, dass unser Leben untrennbar mit ihr verbunden ist?

In dem hier vorgestellten Text beschreibt Panikkar Ökosophie als „die Weisheit des Hinhörens auf die Erde und des dem gemäßen Handelns“. Hören und Handeln gehören zusammen. Die Aufmerksamkeit für das Lebendige soll Folgen haben für die Art, wie wir wohnen, arbeiten, wirtschaften und miteinander umgehen.

Die Erde wäre dann mehr als Rohstofflieferantin oder Bühne des menschlichen Lebens. Sie gehört zu uns, wie unser Leib zu uns gehört. Nahrung, Wasser und Luft sind keine äußerlichen Zugaben zu einer ansonsten unabhängigen Existenz. In ihnen erfahren wir, wie sehr unser Leben auf Beziehungen angewiesen ist.

Panikkars Rede von der Weisheit der Erde ist eine philosophisch-spirituelle Deutung. Sie behauptet keine experimentell nachgewiesene menschliche Vernunft des Planeten. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, dass die Natur eine eigene Wirklichkeit besitzt, die nicht im Nutzen für den Menschen aufgeht.

Mensch, Erde und Göttliches: die kosmotheandrische Sicht

Raimon Panikkar bei einem Seminar in Roses 2005
Raimon Panikkar, Seminar in Roses 2005. Foto: © Roland Ropers

Panikkar spricht von einer kosmotheandrischen Wirklichkeit. Das zunächst fremde Wort verbindet drei Dimensionen: die kosmische, die göttliche und die menschliche. Sie werden in seiner Sicht unterschieden, ohne sie voneinander abzutrennen.

Das Kosmische umfasst die leibliche und materielle Welt. Das Menschliche schließt Erkenntnis, Freiheit, Erfahrung und Beziehung ein. Mit dem Göttlichen bezeichnet Panikkar das Geheimnis, das sich menschlicher Verfügung entzieht. Keine dieser Dimensionen kann für sich allein die ganze Wirklichkeit darstellen.

Die Natur ist in dieser Perspektive weder bloß Material noch ein vom Menschen getrenntes Heiligtum. Auch der Mensch steht nicht außerhalb der Erde. Er kann über sie nachdenken und sie gestalten, bleibt aber selbst Teil des Zusammenhangs, den er zu erkennen versucht.

Diese Ökosophie ist keine physikalische Theorie. Ihre trinitarische Sprache gehört zu Panikkars religiösem und philosophischem Denken. Sie lädt dazu ein, das Göttliche nicht aus der Welt hinauszuverlegen und das Menschliche nicht auf messbare Eigenschaften zu verkürzen.

Für den Umgang mit der Erde folgt daraus eine Frage der Haltung: Können wir nutzen, ohne alles zur Ware zu machen? Können wir erkennen, ohne uns selbst zum alleinigen Maßstab zu erklären? Panikkars Antwort verlangt eine innere Beteiligung an dem Leben, das uns trägt.

Panikkars Kritik an Naturbeherrschung und Technokratie

Die ökologische Krise reicht für Panikkar tiefer als eine Reihe technischer Fehlentscheidungen. Sie offenbart eine gestörte Beziehung zur Wirklichkeit. Wo die Erde ausschließlich als Vorrat erscheint, gerät leicht aus dem Blick, was sich nicht besitzen, verkaufen oder beliebig ersetzen lässt.

Seine Kritik richtet sich gegen den Anspruch, Natur vollständig beherrschen zu können. Er fragt, ob auch der scheinbar schonende Umgang manchmal nur dem Zweck dient, ihre Nutzbarkeit etwas länger zu erhalten. Eine solche Haltung verändert noch nicht das Verhältnis zwischen Mensch und Erde.

In seinen Überlegungen zur Ökosophie setzt er dieser Haltung die Möglichkeit einer Metamorphose entgegen. Gemeint ist eine Verwandlung der Weise, in der wir uns selbst und die Natur erfahren. Neue Maßnahmen bleiben notwendig. Sie erreichen aber nicht alles, was für ein anderes Zusammenleben erforderlich ist.

Panikkar kritisiert auch die Neigung, den Menschen ausschließlich in Kategorien einzuordnen. Eigenschaften lassen sich messen und vergleichen. Der einzelne Mensch geht in solchen Beschreibungen dennoch nicht auf. Seine Würde, seine Freiheit und sein Erleben lassen sich nicht durch eine Liste von Merkmalen ersetzen.

Seine teilweise scharfe Kritik an den Naturwissenschaften steht im Zusammenhang dieser philosophischen Auseinandersetzung. Sie ist keine sachgerechte Gesamtbeschreibung aller heutigen Forschung. Naturwissenschaftliche Erkenntnis und spirituelle Naturerfahrung beantworten unterschiedliche Fragen; eine Grenze der einen ist noch keine Widerlegung ihrer Ergebnisse.

Panikkar verwirft Werkzeuge nicht grundsätzlich. Er fragt nach einer Technik, die menschliche Fähigkeiten erweitert, statt den Menschen ihren Abläufen zu unterwerfen. Die Unterscheidung zwischen einer hilfreichen Maschine und einer technokratischen Lebensordnung ist für seine Kritik entscheidend.

Was die Weisheit der Erde für unser Leben bedeutet

Ökosophie beginnt mit der Bereitschaft, hinzuhören. Der Wechsel der Jahreszeiten, das Wachsen und Vergehen, das Bedürfnis nach Ruhe: Solche Rhythmen lassen sich nicht beliebig beschleunigen. Wer ihnen begegnet, erfährt auch Grenzen der eigenen Verfügbarkeit.

Für Panikkar gehört Liebe zum Erkennen. Damit meint er mehr als ein angenehmes Gefühl beim Anblick einer schönen Landschaft. Gemeint ist eine Beziehung, in der das Gegenüber nicht nur nach seinem Nutzen befragt wird. Die Natur darf eine eigene Wirklichkeit haben, auch dort, wo sie unbequem ist und sich unseren Wünschen entzieht.

Zur Ökosophie gehört deshalb die Kunst des Pflegens. Kultivieren kann heißen, etwas schöner und lebensfähiger werden zu lassen. Es kann aber auch in Kontrolle umschlagen. Die Frage lautet, ob unser Gestalten den Zusammenhang achtet, aus dem es selbst lebt.

Eine weitere Unterscheidung betrifft Tätigkeit und Erwerbsarbeit. Panikkar wendet sich dagegen, schöpferisches Tun nur noch als austauschbare Arbeitsleistung zu betrachten. Etwas zu schaffen, das Freude und Verwirklichung ermöglicht, besitzt einen Wert, der in seinem Preis nicht aufgeht.

Das ist keine allgemeine Anleitung, Beruf und Technik hinter sich zu lassen. Es ist die Frage, wie viel menschlicher Spielraum in unserem Alltag bleibt: für Aufmerksamkeit, für schöpferische Tätigkeit und für eine Beziehung zur Welt, die nicht vollständig unter Leistungsdruck steht.

Ökosophie hebt ökologische Verantwortung nicht auf. Eine liebevolle Naturerfahrung ersetzt weder den Schutz von Lebensräumen noch die Prüfung der Folgen unseres Handelns. Sie kann vielmehr dazu beitragen, dass solche Verantwortung von innen getragen wird und nicht allein einer äußeren Vorschrift folgt.

Metanoia: Mensch und Natur zusammendenken

Panikkar verbindet die nötige Umkehr mit dem Wort metánoia. Es geht um mehr als die Korrektur einzelner Gedanken. Auch die Art, wie wir uns als Menschen verstehen, steht zur Frage. Wir sind fähig zu rechnen und zu planen, aber darin erschöpft sich unser Menschsein nicht.

Seine Ökosophie hält an dieser Weite fest. Die Erde ist unser Lebensraum, und wir gehören zu ihr. Geistige Freiheit entsteht für ihn nicht dadurch, dass wir uns vom Leib und von der Natur lösen. Sie kann sich in einer bewussteren Beziehung zu ihnen entfalten.

Am Ende steht die Einsicht, uns selbst und die Natur zusammenzudenken. Wir haben dasselbe Schicksal. Wo dieses Bewusstsein wächst, verändert sich der Blick: auf die Erde, auf andere Menschen und auf das Geheimnis des Lebens, das sich keiner endgültigen Verfügung fügt.

Die Erinnerung an Raimon Panikkar bleibt für mich mit dieser Frage verbunden: Begegnen wir der Welt nur mit dem Willen, sie zu beherrschen, oder auch mit der Weisheit des Herzens?

Quellen und weiterführende Lektüre

Raimon Panikkar: „Ökosophie, oder: der kosmotheandrische Umgang mit der Natur“. In: Hans Kessler (Hg.), Ökologisches Weltethos im Dialog der Kulturen und Religionen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1996, S. 58–66. Die offizielle Bibliografie weist diesen Text nach; die Werkdokumentation der Stiftung nennt als Grundlage einen Vortrag vom 2. Juni 1993. Die Gedanken sind hier überwiegend zusammenfassend wiedergegeben.

Zur Einordnung: Ökosophie im Glossar der Fundació Vivarium Raimon Panikkar und biografische Eckdaten der Stiftung.

Buchtipp: Liebe – Urquelle des Kosmos

Buchcover Liebe – Urquelle des Kosmos von Raimon Panikkar und Hans-Peter DürrZwei Wissende und Weise im Gespräch über Religion und Naturwissenschaft

Raimon Panikkar und Hans-Peter Dürr, herausgegeben von Roland R. Ropers. Der Dialog führt die Frage nach den Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und nach der geistigen Dimension des Lebens weiter.

Zum Buch „Liebe – Urquelle des Kosmos“


27.10.2022
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de


Über den Autor Roland R. Ropers

Porträt von Roland R. Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

>>> zum Autorenprofil

Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online


Buch Tipp:

cover kardiosophie Roland RopersKardiosophie
Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle

von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und seine Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*