Die Natur des Geistes erkennen
Die Natur des Geistes erkennen – darum geht es in dieser Unterweisung von Khenpo Arta Lama Rinpoche. Aus der Perspektive der Bön-Tradition erläutert er, wie Leerheit und Klarheit zusammengehören, was mit Rigpa gemeint ist und wie sich die meditative Praxis vertiefen lässt.
„Das Wesen des Geistes ist es, von Anbeginn an Buddha zu sein. Der Geist hat weder Geburt noch Vergehen, so wie der Himmel. Wenn du die Gleichheit aller Phänomene erkennst und darin verweilst, ohne zu suchen, ist das Meditation.“ (Garab Dorje)
Alle Wesen besitzen einen Geist. Und wenn es einen Geist gibt, dann hat dieser auch eine Natur.
Wir sprechen oft über Buddhas, über Erleuchtung. Doch es ist wichtig, dass ein Buddha nicht nur ein Objekt bleibt, dem wir uns zuwenden und in das wir unsere Hoffnungen setzen. Wir müssen unseren eigenen Geist zum Buddha machen – und letztlich uns selbst.
Jedes Lebewesen hat die Natur des Geistes. Sie ist vollkommen dieselbe bei einem Buddha wie bei einem Lebewesen im Samsara.
Worin besteht der Unterschied? Nur in einem Punkt: Wurde sie erkannt oder nicht? Hat man Natur des Geistes vollständig realisiert, bedeutet dies Erleuchtung, Befreiung. Wenn nicht, bleibt man ein gewöhnliches Wesen im Samsara.
Deswegen ist der erste Schritt zur Erleuchtung das Erkennen der Natur des Geistes. Damit beginnt der ganze Weg. Sein Anfang ist keine Theorie, sondern eine ehrliche Untersuchung des eigenen Geistes.
Hier beginnt auch Dzogchen, eine Methode, die sehr großen Nutzen bringen kann.
Man fängt damit an, den eigenen natürlichen Zustand, die Natur des eigenen Geistes, zu erkennen. Sobald wir damit vertraut sind, können wir die Dzogchen-Lehren anwenden, um die vollständige Befreiung zu erlangen.
Viele spirituelle Praktizierende fragen sich oft, wie sie feststellen können, ob sie die Natur ihres Geistes erkannt haben.
Dazu müssen wir zunächst einige Begriffe wie „Bewusstsein“, „Geist“ und „Wahrnehmung“ definieren.
Bewusstsein, Bewusstheit und Geist sind im Kern alle dasselbe: die bewusste und erkennende Klarheit. Steinen, Holz oder Wasser zum Beispiel fehlt sie. Alle Phänomene – auch die Dimensionen von Samsara und Nirvana – entspringen dem Geist.
Im Detail lässt sich der Hauptstrom des Geistes in acht Aspekte unterteilen – die fünf bewusst empfindenden Sinne, das mentale Bewusstsein, das getrübte Bewusstsein und das Speicherbewusstsein.
Beim Geist gibt es zwei Aspekte: der reine – und natürliche – Zustand sowie der unreine Zustand getrübter Gedanken.
Einführung in die Natur des Geistes
Eine Praxis sollte immer wiederholt werden: sich mit der Natur des Geistes, dem Rigpa, vertraut zu machen.
Diese Gewöhnung erfolgt so: Zuerst entspannen wir uns einfach und versuchen, alle Gedanken loszulassen, indem wir bewusst nicht an Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart denken. Dann blicken wir in unser Inneres, auf denjenigen, der denkt und der die Gedanken erzeugt – und können natürlich nichts finden.
Denn der Geist kann nicht als Objekt wahrgenommen werden. Er besitzt weder Farbe, Form, Größe noch Menge. Solche Eigenschaften lassen sich ihm nicht zuschreiben. Dies wird als Aspekt der Leerheit bezeichnet. Es geht dabei nicht um eine Leere im Sinne eines Nichts. Denn gleichzeitig existiert unmittelbares Verständnis. Wir suchten nach dem Geist und sehen, dass nichts zu entdecken ist. Dieses Wissen und dieses Verständnis sind gegenwärtig. Dies ist der Aspekt der Klarheit.
In der Dzogchen-Lehre entspricht der Aspekt der Leerheit dem Körper der Wahrheit (Bon-ku oder Dharmakaya) und der Aspekt der Klarheit dem Körper der Vollkommenheit (Dzog-ku oder Symbogakaya).
Es gibt also diese beiden Aspekte, Leerheit und Klarheit, die jedoch nicht voneinander getrennt existieren. Sie sind wie Wasser und seine Feuchtigkeit. Das Wasser lässt sich nicht von seiner Feuchtigkeit trennen. Ebenso ist die Leerheit klar und die Klarheit leer. Sie existieren untrennbar. Diese Untrennbarkeit der beiden Aspekte entspricht dem Manifestationskörper (Trul-ku oder Nirmanakaya).
Leerheit ist nicht einfach nur eine Abwesenheit von etwas. Sie ist der Aspekt, durch den sich alles manifestieren kann. Die Kraft der Manifestation ist Klarheit. Ihre Untrennbarkeit ist der natürliche Zustand des Geistes.
In der Lehre des geheimen Mantras wird die Leerheit als die Mutter bezeichnet. So wie alle Wesen aus der Mutter hervorgehen, so haben auch alle Phänomene ihren Ursprung in dieser Leerheit. Sie ist auch die Quelle aller Buddhas der drei Zeiten.
Ursprüngliche Reinheit und spontane Präsenz
Die Leerheit ist Grundlage und Ursprung alles sich Manifestierenden.
Klarheit ist die Kraft der Manifestation. Alles manifestiert sich – ob weiß, schwarz usw. – aufgrund der inhärenten Klarheit der Natur des Geistes.
Leer – klar – eins. Die Klarheit selbst ist leer. Die Leerheit selbst ist klar. Ihre Untrennbarkeit ist der natürliche Zustand der Grundlage des Bewusstseins.
Dzogchen – der Weg der großen Vollkommenheit
Während der Einführung in die Natur des Geistes begegnet der Übende unmittelbar dem Wesen des Geistes und entdeckt, dass alle drei Körper eines Buddhas bereits vollständig in uns gegenwärtig sind. Deshalb wird Dzogchen der Weg der höchsten Vollkommenheit genannt – ein Pfad, der das Resultat schon auf dem Weg nutzt. Wir nehmen das Ergebnis des Weges sofort an.
Das bedeutet nicht, dass der Weg bereits abgeschlossen ist. Wir müssen ihn noch gehen, bis diese Frucht sich voll entwickelt hat. Indem wir weiterhin auf diese Weise meditieren – also in diesem Zustand verweilen und unseren Aufenthalt darin stetig verlängern – gelangen wir zur vollständigen Offenbarung der drei Körper eines Buddhas.
Drei wichtige Übungsphasen
Es gibt drei wichtige Momente: Eintritt, Auflösung und Verlängerung. Eintritt bedeutet, dass wir mit unserem Geist in uns selbst hineinsehen. Auflösung bedeutet, dass wir nichts entdecken und in diesem Zustand verharren. Und Verlängerung bedeutet, dass wir in diesem Zustand bleiben.
In der Anfangsphase der Übung sind diese drei Punkte absolut wesentlich. Wenn Gedanken auftauchen, ist das in Ordnung. Wenn keine Gedanken auftauchen, ist das auch in Ordnung. Wir bleiben einfach im Hier und Jetzt. Anfangs werden uns die Gedanken überwältigen. Irgendwann merken wir, dass wir uns im Reflexionsprozess verloren haben. Und so richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf denjenigen, der denkt und reflektiert, und kehren so zur Übung zurück.
Fokussiert man seine Aufmerksamkeit auf den eigenen Geist, indem man weder an die Vergangenheit, noch an die Zukunft, noch an die Gegenwart denkt, kommt man zu einer Klarheit, in der es keine Anhaftung gibt.
Es entsteht ein klares, subtiles und angenehmes Empfinden, das „reine Leerheit“ genannt wird.
Mit was kann man es vergleichen? Wenn ein Stummer das erste Mal Zuckerrohr schmeckt, kann er nichts dazu sagen; vielleicht macht er eine Bewegung, die „so ist es“ bedeuten soll. Oder man könnte es auch damit vergleichen, etwas bisher Unbekanntes zum ersten Mal in seinem Leben zu erfahren.
Für diesen natürlichen Zustand gibt es verschiedene Bezeichnungen, zum Beispiel „ursprüngliche Weisheit“ oder „Bewusstsein aller Buddhas der drei Zeiten“ usw. Aber sie alle weisen auf dasselbe hin.
Es ist auch wichtig, eines zu verstehen: Die Natur des Geistes wird nicht vom Geist erkannt. Der natürliche Zustand erkennt sich selbst. Wenn der Verstand befreit wird, löst sich das diskursive Denken auf. Es bleibt nur die Erfahrung, wie dieser Zustand sich selbst erlebt.
Das Vertrauen in den natürlichen Zustand als Grundlage der Praxis

Anfangs muss dies immer wieder geübt werden. Später, wenn es sich als Gewohnheit etabliert hat, ist es nicht mehr nötig, ständig gezielt zu dieser Technik zurückzukehren. Ein weiterer wichtiger Punkt: Es ist notwendig, diesem Zustand zu vertrauen und sich allmählich an ihn zu gewöhnen. Ohne Vertrauen kann sich die Praxis nicht entwickeln. Was ist also zu tun, sobald der Zustand stabil ist? Letztendlich führt die gewohnte Praxis selbst zur vollständigen Beseitigung aller Zweifel an diesem Zustand und zur Auflösung aller Unklarheiten an der Natur des Geistes.
„Alles, was erscheint, ist lediglich eine Manifestation des Geistes. Selbst wenn euch das gesamte äußere, unbelebte Universum erscheint, ist dies nur der Geist. Alles, was entsteht, wird in den natürlichen Zustand des Geistes zurückgeführt.“ (Padmasambhava)
(Anmerkung: Dieser Text ist einem Video von Khenpo Arta Lama Rinpoche und seinem Kurs „Einführung in Dzogchen“ entnommen.)
29.10.2026
Khenpo Arta Lama Rinpoche
Über den Autor
Khenpo Arta Lama Rinpoche (Tsultrim Namgyal Rinpoche) ist ein verwirklichter Dzogchen-Meister der Bön-Tradition. In Tibet geboren studierte er als Mönch im Triten-Norbutse- und in anderen Klöstern. Er absolvierte ein 5-Jahres-Retreat und empfing zahlreiche Unterweisungen und Übertragungen von renommierten Dzogchen-Meistern wie Nyima Tsultrim Rinpoche, Kunzang Lodo, Sherab Chogden, Transong Yungdrung und vielen anderen. Er ist Lehrer von mehreren tausend Schülern weltweit. Arta Lama Rinpoche unterrichtet alle Hauptbereiche der Lehren des Dzogchen (der „großen Vollkommenheit“).
Mehr Info unter https://rigpaacademy.org/


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