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Männer und Gefühle – Warum emotionale Offenheit so schwerfällt

Gefühlsmasken am Bergsee

Männer und Gefühle – Warum emotionale Offenheit so schwerfällt

Ich habe lange geglaubt, dass Männer ihre Gefühle einfach anders zeigen. Heute glaube ich: Viele Männer fühlen sehr viel. Aber sie haben oft gelernt, bestimmte Gefühle nicht wahrzunehmen, sie nicht zu benennen – und schon gar nicht darüber zu sprechen.

„Ich fühle nichts.“ Oder „Mir geht es ok“

Diesen Satz habe ich in Gesprächen mit Männern immer wieder gehört. Und irgendwann habe ich begonnen, genauer hinzuhören. Denn häufig bedeutet „Ich fühle nichts“ gar nicht, dass da tatsächlich nichts ist. Auch „Ok“ ist ja kein Gefühl. Viel öfter steckt dahinter ein: „Ich weiß nicht, was ich fühle.“

Das ist ein großer Unterschied.

Ich stelle mir unsere Gefühlswelt manchmal wie einen Schrank mit vielen Schubladen vor. In jeder Schublade liegt ein anderes Gefühl: Freude, Wut, Trauer, Angst, Scham, Einsamkeit, Liebe, Verletzlichkeit.

Manche dieser Schubladen können wir leicht öffnen. Freude zum Beispiel. Stolz. Begeisterung. Vitalität. Diese Gefühle lassen sich für viele Männer leichter zeigen – etwa wenn sie etwas erreicht haben, auf das sie stolz sind

Andere Schubladen klemmen.
Angst. Trauer. Hilflosigkeit. Einsamkeit. Verletzung.
Und manchmal haben wir gelernt, diese Schubladen gar nicht erst zu öffnen.

Die Schubladen erscheinen abgegrenzt zueinander, ohne permanente Verbindung. Auch wenn dieses Blid seine Grenzen hat, so hilft es doch zu verstehen, was ich immer wieder bei Männern beobachte: die Fähigkeit, sich stark auf ein Thema zu fokussieren und anderes zeitweise auszublenden. Das ist eine hilfreiche Eigenschaft, wenn es sachlich und beruflich notwendig ist. Auf der Ebene unserer Gefühle

erscheint dann diese Fähigkeit mehr hinderlich. Manchmal ist ein Gefühl sehr dominant, aber häufig haben wir eine indifferente Gemengelage. Sie erscheint uns wie eine nebulöse Wolke, in der wir uns eingerichtet haben, die keine festen Grenzen hat, an die wir uns orientieren könnten.

Vielleicht kennen viele Männer dieses Gefühl: Nach einem langen Tag nach Hause kommen, sich hinsetzen und einfach seine Ruhe haben wollen. Loriot hat dieses Bedürfnis in seinem berühmten „Feierabend“-Sketch auf wunderbar komische Weise auf den Punkt gebracht: „Ich will doch einfach nur hier sitzen.“

Ich kenne diesen Wunsch gut. Und er ist zunächst auch völlig legitim.

Aber manchmal ist der Rückzug eben nicht nur Erholung. Manchmal ist er auch eine Möglichkeit, nicht spüren zu müssen, was gerade in einem los ist.

„Sei stark“

Wenn ich darüber nachdenke, woher diese Schwierigkeit kommt, lande ich immer wieder bei unserer Vorstellung davon, was ein Mann sein soll.

Viele Jungen lernen früh: Sei stark. Halte durch. Weine nicht. Löse deine Probleme selbst.

Das geschieht nicht immer ausgesprochen. Oft sind es kleine Situationen, Bemerkungen oder Reaktionen, aus denen ein Junge seine eigenen Regeln entwickelt.
Wenn ich traurig bin, darf ich das zeigen?
Wenn ich Angst habe, was denken die anderen?
Wenn ich nicht weiterweiß, darf ich jemanden um Hilfe bitten? Wenn ich verletzt bin, kann ich das sagen?

Das traditionelle Männerbild ist dabei keineswegs verschwunden. Es hat sich verändert und ist vielfältiger geworden. Männer können heute selbstverständlich fürsorglich, emotional und verletzlich sein. Trotzdem begegnen mir immer wieder Männer, die spüren, dass bestimmte Gefühle für sie mit einem unangenehmen Gefühl von Schwäche verbunden sind.

Dabei ist Stärke an sich überhaupt nichts Schlechtes.

Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Mut, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, sind wertvolle Eigenschaften.
Schwierig wird es erst, wenn aus einer Stärke eine Verpflichtung wird. Aus „Ich kann das alleine“ wird dann: „Ich muss alles alleine schaffen.“
Aus „Ich kann mich zusammenreißen“ wird: „Ich darf mich nicht zeigen.“
Und aus „Ich bin für andere da“ wird: „Meine eigenen Bedürfnisse sind nicht so wichtig.“

In meiner Arbeit begegnet mir immer wieder: Nicht Männlichkeit an sich ist das Problem. Problematisch können starre Vorstellungen davon werden, wie ein Mann zu sein hat. Gerade emotionale Kontrolle, extreme Selbstständigkeit und die Angst, schwach zu erscheinen, können den Zugang zu Unterstützung erschweren.

Bevor wir über Gefühle sprechen können, müssen wir sie erst einmal wahrnehmen 

Ich halte deshalb einen Punkt für besonders wichtig: Emotionale Offenheit beginnt nicht mit dem Reden.

Sie beginnt mit dem Wahrnehmen!
„Was passiert gerade in mir?“
Das klingt einfach. Ist es aber nicht immer.
Ein Mann kommt beispielsweise nach Hause und merkt: Ich bin genervt. Okay.
Aber was steckt hinter dem Genervtsein?

Vielleicht ist er enttäuscht. Vielleicht fühlt er sich nicht gesehen. Vielleicht ist er überfordert. Vielleicht hat er Angst, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein.

Wenn wir nur bei „Ich bin genervt“ stehen bleiben, bleibt eine wichtige Information verborgen.

Deshalb sehe ich drei Schritte:
Erstens: Gefühle wahrnehmen.
Zweitens: Gefühle benennen.

Drittens: Gefühle kommunizieren.

Männer und Gefühle Gefühlsmasken am Bergsee
Illustration: KI unterstützt erstellt

Erst dann kommt das, was wir gemeinhin emotionale Offenheit nennen. Und gerade der dritte Schritt verlangt Mut.

Denn schöne Gefühle zu zeigen, fällt vielen Menschen leichter. Freude, Stolz, Begeisterung, Liebe – dafür bekommen wir eher positive Rückmeldungen.
Ein Minenfeld betreten wir häufig bei den Gefühlen, die sich unangenehm anfühlen. Angst.
Scham. Trauer. Einsamkeit. Hilflosigkeit. Verletzlichkeit.

Verletzlichkeit macht sichtbar 

Ich glaube, dass Verletzlichkeit für viele Männer deshalb so schwierig ist, weil sie bedeutet, sichtbar zu werden.
Wenn ich sage „Ich habe Angst“, zeige ich etwas von mir, das ich nicht vollständig kontrollieren kann.
Wenn ich sage „Das hat mich verletzt“, zeige ich, dass mir etwas nahegeht.
Wenn ich sage „Ich brauche dich“, gebe ich zu, dass ich nicht alles alleine tragen kann.
Und genau hier liegt für mich eine der interessantesten Erfahrungen aus der Arbeit mit Männern:

Verletzlichkeit und Stärke sind keine Gegensätze.

 Ein Mann kann Angst haben und trotzdem mutig sein.
Er kann traurig sein und trotzdem Verantwortung übernehmen. Er kann verletzt sein und trotzdem handlungsfähig bleiben.
Er kann Hilfe brauchen und trotzdem ein selbstständiger Mensch sein.

Vielleicht müssen wir deshalb unser Bild von Stärke erweitern.

Manchmal beginnt Veränderung mit einem sehr unspektakulären Satz:

„Ich weiß gerade nicht, was ich fühle.“

Ich halte diesen Satz für viel wertvoller, als er zunächst klingt. Denn er bedeutet: Da ist etwas. Ich kann es nur noch nicht greifen. Vielleicht ist es zunächst nur eine Unruhe.

Dann wird daraus: „Ich bin irgendwie gereizt.“ Später vielleicht: „Eigentlich bin ich enttäuscht.“ Und irgendwann: „Ich glaube, ich habe Angst.“ Das ist keine Schwäche. Das ist Wahrnehmung. Und aus Wahrnehmung kann Sprache entstehen.

Statt „Du nimmst mich überhaupt nicht ernst“ kann ich vielleicht sagen:

„Ich habe mich gerade nicht ernst genommen gefühlt.“

Statt „Du überforderst mich“:

„Ich merke, dass ich gerade überfordert bin.“

Und statt mich zurückzuziehen, kann ich vielleicht irgendwann sagen:

„Ich weiß gerade nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Solche Sätze verändern etwas. Sie machen aus einem Vorwurf eine Mitteilung über das eigene Erleben.

Emotionale Offenheit bedeutet dabei nicht, jede Emotion ungefiltert herauszulassen. Es geht nicht darum, jedem Impuls sofort Ausdruck zu verleihen.

Es geht darum, ehrlich mit sich selbst zu sein und gleichzeitig Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Auch Hilfe anzunehmen braucht Mut 

Ein Satz fällt Männern meiner Erfahrung nach besonders schwer:

„Ich brauche Hilfe.“

Wer gelernt hat, Probleme selbst zu lösen, empfindet diesen Satz möglicherweise als Niederlage.

Ich sehe ihn inzwischen anders.

Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, dass ich gescheitert bin. Es bedeutet, dass ich ernst nehme, was gerade mit mir passiert.

Das kann ein Gespräch mit einem Freund sein. Mit der Partnerin. Mit einem vertrauten Menschen. Und manchmal braucht es professionelle Unterstützung.

Allerdings ist es vielfach belegt: Männer suchen bei psychischen Belastungen seltener Hilfe oder anders: weniger Männer suchen Hilfe (u.a. Ärzteblatt 9/2011, Journal Health Monitoring 2017 des Robert Koch Instituts, JEPSY- Studie des Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) 2025). Gleichzeitig können viele Männer sehr wohl Unterstützung annehmen – insbesondere dann, wenn sie sich in ihrem Umfeld sicher und verstanden fühlen. In Gruppen und Seminaren ist immer wieder zu beobachten, wie schwer es Männern fällt, sich aus der Deckung zu wagen, ihre Rollen einmal abzulegen, sich einfach als Rainer oder Klaus zu zeigen.

Das macht Hoffnung.

Denn es bedeutet, dass wir nicht darauf warten müssen, dass Männer sich grundsätzlich verändern.

Wir können auch die Räume verändern, in denen Männer sich bewegen.

Eine andere Vorstellung von Stärke

Je länger ich mich mit Männern, Beziehungen und Gefühlen beschäftige, desto weniger überzeugt mich die Vorstellung, dass ein Mann entweder stark oder verletzlich sein kann.

Warum sollte ich mich entscheiden müssen?

Stärke kann bedeuten, Verantwortung zu übernehmen. Aber auch zu sagen: „Ich bin gerade überfordert.“ Stärke kann bedeuten, für andere da zu sein.

Aber auch: „Ich brauche dich.“

Ich glaube nicht, dass Männer heute grundsätzlich weniger fühlen als früher. Ich glaube vielmehr, dass wir heute zunehmend die Möglichkeit haben, anders mit diesen Gefühlen umzugehen.

Das traditionelle Bild vom starken Mann ist nicht einfach verschwunden. Es steht heute neben vielen anderen Möglichkeiten, Mann zu sein.

Für mich liegt die entscheidende Frage deshalb nicht darin, ob Männer „emotional genug“ sind.

Sondern darin, ob sie frei genug sind, mit dem umzugehen, was in ihnen vorgeht.

Darf ein Mann mutig sein und gleichzeitig Angst haben? Darf er unabhängig sein und trotzdem Nähe brauchen?

Darf er wütend sein und trotzdem wissen wollen, was hinter seiner Wut steckt? Ich glaube: Ja.

Vielleicht beginnt genau dort eine zeitgemäße Form von Männlichkeit. Nicht darin, weniger stark zu sein.

Sondern darin, mehr Möglichkeiten zu haben.

Mehr Möglichkeiten, Gefühle wahrzunehmen. Mehr Möglichkeiten, sie zu benennen. Mehr Möglichkeiten, sie mitzuteilen. Und mehr Möglichkeiten, Hilfe anzunehmen, wenn das Leben gerade zu schwer wird, um alles alleine zu tragen.

Der erste Schritt muss dabei gar nicht groß sein. Vielleicht reicht heute eine einzige Frage:

Wie geht es mir wirklich?

Vielleicht kommt darauf zunächst keine Antwort. Das ist in Ordnung.

Manchmal muss man eine Schublade erst einmal vorsichtig öffnen, bevor man sehen kann, was darin liegt.

Und vielleicht ist genau das schon ein Stück emotionaler Stärke.

23.09.26
Markus Krüger

markuskrueger-coaching.de


Portrait Markus KrügerMarkus Krüger ist psychologischer und systemischer Berater, Coach und Bergwanderleiter im Raum München und Ammersee. Er begleitet Einzelpersonen, Paare und Familien bei Themen wie Beziehung und Bindung, persönlicher Entwicklung und Neuorientierung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit Männern und Fragen rund um Selbstverständnis, emotionale Klarheit und Beziehungsgestaltung.

In seiner Arbeit verbindet er systemische und psychologische Beratung mit hypnosystemischen Methoden, Achtsamkeit und Naturerfahrung. Sein vielseitiger beruflicher Weg – unter anderem in IT, Pädagogik und Beratung – prägt seinen offenen Blick auf Veränderung und persönliche Entwicklung.