Was emotionale Vernachlässigung so schwer erkennbar macht
Emotionale Vernachlässigung entsteht, wenn die Gefühle und emotionalen Bedürfnisse eines Kindes über längere Zeit nicht ausreichend wahrgenommen, beantwortet oder begleitet werden. Sie kann sich später in innerer Leere, starker Selbstkritik, Schwierigkeiten mit Nähe oder einem unsicheren Zugang zu den eigenen Gefühlen zeigen. Solche Anzeichen sind jedoch nicht eindeutig und ersetzen keine fachliche Diagnose.
Manche Verletzungen lassen sich an einem bestimmten Ereignis festmachen. Bei emotionaler Vernachlässigung ist das oft anders. Das Kind wurde vielleicht versorgt, bekam Essen, Kleidung, Bildung und ein sicheres Zuhause. Was fehlte, war schwerer zu benennen: ein aufmerksames Gegenüber, Trost in belastenden Momenten, echtes Interesse an seiner inneren Welt oder die Erfahrung, mit seinen Gefühlen willkommen zu sein.
Gerade deshalb zweifeln viele Erwachsene später an ihrer eigenen Wahrnehmung. Sie erinnern sich möglicherweise an eine äußerlich normale Kindheit und fragen sich dennoch, warum sie sich anderen Menschen gegenüber oft abgeschnitten fühlen, ungern um Hilfe bitten oder kaum sagen können, was sie selbst brauchen.
Die Verbindung von seelischem Erleben und psychologischem Wissen gehört zum Themenfeld Spiritualität und Psychologie. Dabei ist eine wichtige Grenze zu beachten: Eine spirituelle Deutung kann helfen, Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Sie darf aber keine psychologische Erklärung ersetzen und erst recht keine Diagnose vorwegnehmen.
Was Kindern fehlt – und was Eltern nicht leisten müssen
Kinder brauchen keine vollkommenen Eltern. Erwachsene sind müde, abgelenkt, überfordert oder reagieren gelegentlich ungeschickt. Nicht jedes überhörte Bedürfnis und nicht jeder misslungene Trost ist bereits emotionale Vernachlässigung.
Entscheidend sind Dauer, Häufigkeit, Intensität und die Frage, ob eine Beziehung nach einem Bruch wiederhergestellt wird. Ein Elternteil kann ein Kind missverstehen und später sagen: „Ich habe vorhin nicht erkannt, wie traurig du warst. Möchtest du mir erzählen, was passiert ist?“ Eine solche nachträgliche Hinwendung vermittelt dem Kind, dass Irrtümer in Beziehungen möglich sind und Verbindung dennoch wieder entstehen kann.
Belastend wird es, wenn Gefühle immer wieder ignoriert, lächerlich gemacht, abgewertet oder als Zumutung behandelt werden. Das kann sich in sehr unterschiedlichen Sätzen und Reaktionen zeigen:
- „Stell dich nicht so an.“
- „Dafür gibt es doch keinen Grund.“
- „Sei froh, anderen geht es viel schlechter.“
- „Du bist viel zu empfindlich.“
- „Mit deiner Wut will ich nichts zu tun haben.“
Auch das vollständige Schweigen kann prägen. Ein Kind, das mit Angst, Trauer oder Beschämung allein bleibt, muss einen eigenen Umgang damit finden. Häufig entstehen dabei Schutzbewegungen: Es wird besonders angepasst, übernimmt früh Verantwortung, zieht sich zurück oder versucht, durch Leistung Anerkennung zu erhalten.
Diese Reaktionen waren nicht schwach. Für ein abhängiges Kind konnten sie eine sinnvolle Möglichkeit sein, die Bindung an wichtige Bezugspersonen zu bewahren. Schwierig wird es, wenn die alte Schutzbewegung Jahrzehnte später noch jede Beziehung bestimmt.
Wie sich emotionale Vernachlässigung im Erwachsenenleben zeigen kann

Emotionale Vernachlässigung hinterlässt kein einheitliches Persönlichkeitsbild. Menschen bringen unterschiedliche Temperamente, weitere Beziehungserfahrungen und schützende Einflüsse mit. Eine verlässliche Großmutter, ein aufmerksamer Lehrer, eine Freundin oder eine spätere liebevolle Partnerschaft können entscheidende Gegenerfahrungen ermöglichen.
Mögliche Folgen sind deshalb als Hinweise zu verstehen, nicht als Beweise. Dazu gehören:
- Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu erkennen oder zu benennen,
- das Empfinden, innerlich leer oder vom eigenen Leben entfernt zu sein,
- Scham für Wünsche, Bedürfnisse und Verletzlichkeit,
- eine harte, abwertende innere Stimme,
- übermäßige Unabhängigkeit und das Vermeiden von Hilfe,
- starke Anpassung an die Stimmungen anderer,
- Unsicherheit gegenüber Nähe, Trost und Zuwendung,
- Schwierigkeiten, Grenzen wahrzunehmen und auszusprechen,
- das Gefühl, trotz äußerer Beziehungen nicht wirklich verbunden zu sein.
Diese Erfahrungen können auch bei Depressionen, Angststörungen, belastenden aktuellen Beziehungen, chronischem Stress oder anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen auftreten. Wer sich in mehreren Punkten wiedererkennt, hat damit noch keine Erklärung für das eigene Leben gefunden. Es kann aber eine Einladung sein, die persönliche Geschichte aufmerksamer und gegebenenfalls mit fachlicher Unterstützung zu betrachten.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse fand deutliche statistische Zusammenhänge zwischen Vernachlässigung in der Kindheit und psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Solche Ergebnisse beschreiben ein erhöhtes Risiko in untersuchten Gruppen. Sie besagen nicht, dass jeder emotional vernachlässigte Mensch psychisch erkrankt oder dass eine spätere Erkrankung eindeutig auf die Kindheit zurückgeführt werden kann.
Wenn ein Mensch sich selbst so behandelt, wie er behandelt wurde
Eine der tiefsten Folgen emotionaler Vernachlässigung kann darin liegen, dass sich das äußere Geschehen im Inneren fortsetzt. Der erwachsene Mensch braucht dann keinen anderen mehr, der seine Gefühle übergeht. Er hat gelernt, es selbst zu tun.
Traurigkeit wird wegerklärt. Erschöpfung gilt als mangelnde Disziplin. Das Bedürfnis nach Nähe erscheint peinlich. Wut wird heruntergeschluckt, weil sie die Harmonie gefährden könnte. Ein Nein fühlt sich egoistisch an. Und wenn etwas verletzt, lautet die erste Frage nicht: „Was ist hier geschehen?“, sondern: „Was stimmt mit mir nicht?“
Diese innere Selbstvernachlässigung ist häufig gut getarnt. Sie kann wie Stärke, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit oder Selbstkontrolle wirken. Ein Mensch ist für alle da, kommt allein zurecht und macht wenig Schwierigkeiten. Von außen wird er dafür geschätzt. Im Inneren weiß er jedoch kaum noch, wann seine Kräfte erschöpft sind oder wann eine Grenze überschritten wurde.
Auch der Selbstwert kann davon berührt sein. Wer Anerkennung vor allem für Leistung, Anpassung oder Pflegeleichtigkeit erhielt, verwechselt den eigenen Wert möglicherweise mit dem Nutzen für andere. Der Beitrag über Wertschätzung und Selbstwert vertieft, warum äußere Anerkennung wichtig sein kann, aber keine dauerhafte innere Grundlage ersetzt.
Warum Nähe gewünscht und zugleich gefürchtet werden kann
Menschen, die emotional wenig Resonanz erlebt haben, können sich sehr nach Nähe sehnen. Gleichzeitig fehlt ihnen möglicherweise die Erfahrung, dass Nähe sicher, verlässlich und gegenseitig sein kann. Zuwendung löst dann nicht nur Freude aus. Sie kann Misstrauen, Scham oder den Impuls wecken, sich zurückzuziehen.
Manche Menschen erwarten unbewusst, dass ihre Gefühle auch in der Partnerschaft zu viel sein werden. Sie sprechen Bedürfnisse erst sehr spät aus oder hoffen, der andere müsse sie ohne Worte erkennen. Bleibt die erhoffte Reaktion aus, bestätigt sich die alte Überzeugung: Niemand sieht, was in mir geschieht.
Andere übernehmen sofort die Verantwortung für die Gefühle des Gegenübers. Sie spüren jede Stimmungsveränderung, passen sich an und verlieren dabei den Kontakt zu sich selbst. Diese Wachsamkeit kann früher hilfreich gewesen sein. In einer erwachsenen Beziehung führt sie jedoch leicht zu Erschöpfung und unklaren Grenzen.
Emotionale Vernachlässigung ist eine mögliche Vorgeschichte solcher Beziehungsmuster, aber nicht ihre einzige Ursache. Wie sich die Angst vor Nähe zeigt und warum sie nicht mit fehlender Liebesfähigkeit verwechselt werden sollte, erklärt der Beitrag Bindungsangst verstehen.
Die spirituelle Falle: Gefühle überwinden, bevor sie gehört wurden
Spiritualität kann einen Menschen darin unterstützen, sich selbst aufmerksamer zu begegnen. Meditation, Gebet, Stille und das Vertrauen in einen größeren Zusammenhang können Halt geben. Doch auch spirituelle Lehren können benutzt werden, um Schmerz auf Abstand zu halten.
Wer früh erfahren hat, dass seine Gefühle unerwünscht sind, ist für Botschaften empfänglich, die scheinbar einen schnellen Ausweg anbieten:
- Wut sei nur ein Ausdruck des Egos.
- Trauer müsse durch positives Denken überwunden werden.
- Schwere Gefühle senkten die eigene Schwingung.
- Jede Verletzung sei selbst erschaffen oder karmisch gewählt.
- Vergebung müsse möglichst schnell erfolgen.
- Wer wirklich bewusst sei, brauche nichts von anderen.
Solche Aussagen können das alte Muster wiederholen. Früher durfte das Kind nicht traurig, wütend oder bedürftig sein. Später erlaubt es sich dieselben Gefühle nicht, weil es spirituell entwickelt wirken möchte. Aus der ursprünglichen Vernachlässigung wird eine spirituell begründete Selbstverlassenheit.
Das ist kein Erwachen. Es ist eine Vermeidung, die eine erhebende Sprache gefunden hat.
Spirituelle Reifung zeigt sich nicht darin, dass ein Mensch keine schwierigen Gefühle mehr hat. Sie zeigt sich darin, dass er ihnen begegnen kann, ohne sie zum Feind zu erklären und ohne jedes Gefühl ungeprüft zum Maßstab seines Handelns zu machen. Besonders Wut braucht diese Unterscheidung. Sie kann auf eine verletzte Grenze hinweisen, rechtfertigt aber keine Verletzung anderer. Der spirituelle Umgang mit Wut beginnt deshalb mit Wahrnehmung und Verantwortung.
Gefühle sind Wegweiser – aber nicht immer die ganze Wahrheit
Gefühle enthalten wichtige Informationen. Angst kann vor Gefahr warnen. Traurigkeit kann auf einen Verlust hinweisen. Wut kann zeigen, dass eine Grenze verletzt wurde. Scham kann mit der Befürchtung verbunden sein, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.
Doch Gefühle sind keine unfehlbaren Urteile. Eine alte Angst kann auch dann anspringen, wenn die gegenwärtige Situation sicherer ist als die frühere. Scham kann auftauchen, obwohl ein Bedürfnis berechtigt ist. Wut kann einen tatsächlichen Grenzübertritt anzeigen, aber ebenso von einer alten Kränkung mitbestimmt sein.
Ein reifer Umgang besteht deshalb aus zwei Bewegungen: Das Gefühl wird ernst genommen, und seine Botschaft wird geprüft. Hilfreiche Fragen sind:
- Was nehme ich gerade in meinem Körper wahr?
- Welches Gefühl beschreibt mein Erleben am ehesten?
- Was ist tatsächlich geschehen – und was befürchte ich?
- Welches Bedürfnis oder welche Grenze wird sichtbar?
- Was wäre eine verantwortliche Handlung, die mich und andere achtet?
Achtsamkeit kann diesen inneren Abstand fördern. Sie bedeutet hier nicht, ein Gefühl möglichst schnell loszuwerden. Sie hilft, es wahrzunehmen, ohne sofort von ihm beherrscht zu werden.
Das Bild des inneren Kindes kann helfen, die Wirkung solcher frühen Erfahrungen verständlich zu machen. Es sollte jedoch weder fehlende Erinnerungen ersetzen noch eine vorschnelle Selbstdiagnose begründen. Eine differenzierte Einordnung bietet der Beitrag „Was das innere Kind wirklich ist“.
Trauer und Wut haben ihren Platz
Wer erkennt, was in der Kindheit gefehlt hat, erlebt nicht immer sofort Erleichterung. Manchmal beginnt zunächst eine Zeit der Trauer. Betroffene trauern nicht nur über einzelne Situationen. Sie trauern um eine Erfahrung, die sie gebraucht hätten und nicht nachholen können: als Kind selbstverständlich getröstet, geschützt, ermutigt und emotional begleitet worden zu sein.
Auch Wut kann entstehen. Sie ist nicht automatisch ein Zeichen von Unversöhnlichkeit. Sie kann helfen, das Geschehene nicht länger zu verharmlosen und Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört. Entscheidend ist, wie mit ihr umgegangen wird.
Vergebung darf aus einem inneren Prozess hervorgehen. Sie sollte nicht verlangt werden, um Trauer, Zorn oder notwendige Grenzen abzukürzen. Ein Mensch kann die Begrenztheit seiner Eltern verstehen und zugleich anerkennen, dass ihm etwas Wesentliches gefehlt hat. Verständnis und Klarheit schließen einander nicht aus.
Ebenso wenig bedeutet Heilung, in einer schädlichen Beziehung bleiben zu müssen. Versöhnung setzt Beteiligung voraus. Innere Verarbeitung ist auch dann möglich, wenn ein Kontakt begrenzt oder beendet werden muss.
Das innere Kind als hilfreiches Bild – nicht als fertige Diagnose
Das Bild des inneren Kindes kann helfen, früh geprägte Gefühle und Schutzreaktionen verständlich zu machen. Es erinnert daran, dass in einem erwachsenen Menschen Erfahrungen weiterwirken können, die einst ohne ausreichende Begleitung bewältigt werden mussten.
Hilfreich wird diese Arbeit, wenn sie nicht bei einer romantischen Vorstellung stehen bleibt. Die Frage „Was hätte ich damals gebraucht?“ braucht eine zweite: „Wie kann ich heute verantwortlich mit diesem Bedürfnis umgehen?“
Der erwachsene Anteil kann Trost ermöglichen, Pausen ernst nehmen, Hilfe suchen und Grenzen aussprechen. Er kann aber auch prüfen, ob ein alter Wunsch in der Gegenwart vollständig von einem Partner erfüllt werden soll. Der Beitrag Was das innere Kind wirklich ist erläutert dieses psychologische Bild und verschiedene Zugänge zur Arbeit mit frühen Prägungen.
Warum eine Beziehungswunde auch Beziehung braucht
Selbstzuwendung ist wichtig. Sie ist jedoch nicht die ganze Antwort. Emotionale Vernachlässigung entstand im zwischenmenschlichen Raum. Deshalb können neue Erfahrungen mit verlässlichen Menschen einen wesentlichen Teil der Veränderung bilden.
Das kann eine Freundschaft sein, in der ein Nein nicht zum Liebesentzug führt. Eine Partnerschaft, in der Gefühle ausgesprochen werden dürfen. Eine therapeutische Beziehung, in der Scham, Rückzug oder Überanpassung wahrgenommen werden, ohne den Menschen darauf zu reduzieren. Auch eine tragfähige spirituelle Gemeinschaft kann heilsam sein, wenn sie Zweifel zulässt, Macht begrenzt und niemanden für seine Verletzlichkeit beschämt.
Beziehung heilt dabei nicht automatisch. Sie schafft Erfahrungen, an denen ein neues Vertrauen wachsen kann: Ich darf mich zeigen. Mein Gegenüber darf Grenzen haben. Ein Missverständnis muss nicht das Ende der Verbindung bedeuten. Ich kann um etwas bitten, ohne einen Anspruch auf Erfüllung zu besitzen. Ich kann enttäuscht sein, ohne mich oder den anderen zu entwerten.
Diese Gegenerfahrungen brauchen Zeit. Das Nervensystem, die Gedanken und das Verhalten verändern sich nicht durch einen einzigen Entschluss. Entwicklung geschieht häufig in kleinen Momenten, in denen ein Mensch anders handelt als früher.
Sechs Schritte zurück zur emotionalen Lebendigkeit
1. Beobachte Situationen statt dich vorschnell zu etikettieren
Notiere konkrete Momente: Wann konntest du nicht sagen, was du fühlst? Wann hast du Hilfe abgelehnt, obwohl du sie gebraucht hättest? Wann wurde ein berechtigtes Nein von Schuld begleitet? So entsteht ein genaueres Bild als durch allgemeine Selbsttests.
2. Erweitere deine Sprache für Gefühle
„Gut“, „schlecht“ oder „gestresst“ reichen oft nicht aus. Ist es Traurigkeit, Enttäuschung, Scham, Angst, Einsamkeit, Wut oder Überforderung? Je genauer ein Gefühl benannt werden kann, desto leichter lässt sich prüfen, was es benötigt.
3. Nimm körperliche Signale ernst
Ein enger Hals, Druck in der Brust, FUnruhe oder bleierne Müdigkeit können Hinweise sein, dass etwas innerlich Aufmerksamkeit verlangt. Sie sind nicht automatisch Beweise für eine psychische Ursache. Anhaltende oder belastende körperliche Symptome sollten medizinisch abgeklärt werden.
4. Unterscheide Bedürfnis, Wunsch und Anspruch
Das Bedürfnis nach Respekt ist berechtigt. Der Wunsch, von einer bestimmten Person verstanden zu werden, ist nachvollziehbar. Ein Anspruch darauf, dass ein anderer jede innere Lücke schließt, überfordert jedoch Beziehungen. Diese Unterscheidung schützt Selbstachtung und Gegenseitigkeit.
5. Übe Grenzen in kleinen Situationen
Eine Grenze muss nicht mit einem großen Bruch beginnen. Sie kann lauten: „Ich möchte darüber nachdenken.“ – „Heute schaffe ich das nicht.“ – „Dieser Ton verletzt mich.“ Entscheidend ist, die Reaktion des Gegenübers wahrzunehmen und die eigene Grenze nicht sofort aus Angst vor Ablehnung zurückzunehmen.
6. Lass Unterstützung zu
Wenn innere Leere, starke Ängste, Depressionen, Selbstverletzung, Sucht, belastende Erinnerungen oder schwer kontrollierbare Beziehungsmuster das Leben bestimmen, ist professionelle Hilfe sinnvoll. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung sollte unverzüglich medizinische beziehungsweise psychiatrische Hilfe oder der zuständige Notdienst kontaktiert werden.
Selbstverletzung oder Suizidgedanken sollten niemals allein als Folge einer schwierigen Kindheit gedeutet werden. Sie brauchen eine unmittelbare und fachlich verantwortliche Einschätzung. Welche Warnzeichen ernst zu nehmen sind und welche Hilfen in einer Krise zur Verfügung stehen, zeigt der Beitrag Auswege aus selbstzerstörerischem Verhalten.
Selbstliebe bedeutet, sich innerlich nicht wieder zu verlassen
Selbstliebe wird häufig mit Wohlgefühl verwechselt. Für Menschen mit einer Geschichte emotionaler Vernachlässigung kann sie zunächst etwas Nüchterneres bedeuten: die eigene Wahrnehmung nicht sofort abzuwerten, ein Bedürfnis auszusprechen, eine Pause einzulegen oder Unterstützung anzunehmen.
Manchmal zeigt sich Selbstliebe auch darin, einer schmerzhaften Wahrheit standzuhalten. Nicht jede Beziehung wird geben können, was wir brauchen. Nicht jede Entschuldigung wird kommen. Manche Eltern können die Wirkung ihres Verhaltens bis heute nicht anerkennen. Innere Entwicklung besteht dann nicht darin, diese Wirklichkeit schönzureden. Sie besteht darin, sich in ihr nicht länger selbst zu verlieren.
Der Beitrag Selbstliebe als spiritueller Akt vertieft diese Haltung: Schwierige Gefühle müssen nicht vor der Tür bleiben, damit ein Mensch sich selbst achten und verantwortlich handeln kann.
Eine Spiritualität, die den Menschen nicht verlässt
Aus spiritueller Sicht kann die Seele für jenen innersten Bereich des Menschen stehen, dessen Würde nicht davon abhängt, ob seine Gefühle einst verstanden wurden. Diese Vorstellung kann trösten. Sie bedeutet aber nicht, dass psychische Verletzungen unwirklich wären oder sich allein durch eine höhere Einsicht auflösen ließen.
Eine verkörperte Spiritualität nimmt den ganzen Menschen ernst: seine Sehnsucht und seine Angst, sein Licht und seine Abwehr, seine Liebe und seine Grenzen. Sie verlangt nicht, über das Menschliche hinauszusteigen, bevor es überhaupt angenommen wurde.
Vielleicht liegt darin die tiefere Antwort auf emotionale Vernachlässigung. Was früher nicht gesehen wurde, darf heute bewusst wahrgenommen werden. Was keine Sprache hatte, darf Worte finden. Was allein getragen werden musste, darf in eine verlässliche Beziehung kommen.
Der Weg führt nicht zurück in eine ideale Kindheit. Er führt in ein erwachsenes Leben, in dem ein Mensch lernen kann, sich selbst und anderen aufmerksamer zu begegnen. Nicht vollkommen, aber gegenwärtig. Nicht ohne Verletzlichkeit, aber mit wachsender innerer Verlässlichkeit.
Fazit: Die Seele sehen heißt, den Menschen ganz ernst zu nehmen
Emotionale Vernachlässigung ist schwer zu erkennen, weil sie sich durch das bemerkbar macht, was wiederholt gefehlt hat. Ihre möglichen Folgen reichen von innerer Leere und Selbstkritik bis zu Schwierigkeiten mit Nähe, Gefühlen und Grenzen. Keines dieser Anzeichen beweist für sich genommen eine bestimmte Kindheitsgeschichte.
Veränderung beginnt mit einem ehrlichen Blick auf das eigene Erleben. Sie wächst durch eine genauere Sprache für Gefühle, durch Trauer und angemessene Wut, durch Selbstmitgefühl, Grenzen und neue Beziehungserfahrungen. Professionelle Begleitung kann dabei einen geschützten Rahmen bieten.
Spirituell wird dieser Weg dort, wo Bewusstsein nicht zur Flucht vor dem Schmerz dient. Eine reife Spiritualität fragt nicht, wie schnell ein Gefühl überwunden werden kann. Sie fragt, was wahrgenommen, verstanden und verantwortlich ins Leben integriert werden möchte.
Quellen und weiterführende Forschung
- Merola, Mariagrazia et al. (2026): Association between childhood neglect and psychiatric disorders in adults: systematic review, meta-analysis and meta-regression, British Journal of Psychiatry.
- Gruhn, Meredith A.; Compas, Bruce E. (2020): Effects of maltreatment on coping and emotion regulation in childhood and adolescence: A meta-analytic review, Child Abuse & Neglect.
12.02.2026
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.
Über die Autorin Heike Schonert
Heike Schonert ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom-Ökonomin, Autorin und Mitgestalterin des Online-Magazins für Bewusstsein, Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung Spirit Online.
Als Mitherausgeberin prägt sie die inhaltliche Ausrichtung des Magazins mit großer Hingabe, fachlicher Kompetenz und persönlicher Überzeugung. Ihr Engagement gilt der Verbindung von innerer Heilung, bewusstem Leben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Der Erfolg von Spirit Online ist für sie zugleich Bestätigung und Antrieb: Sie versteht ihre Arbeit als Beitrag dazu, eine lebenswerte Welt zu fördern – eine Welt, die von Mitgefühl, Verbundenheit und Respekt gegenüber allen Lebewesen getragen wird.
In ihren Texten verbindet Heike Schonert psychologisches Wissen, spirituelle Erfahrung und menschliche Wärme. Dabei steht stets der Gedanke im Mittelpunkt, dass persönliche Heilung und gesellschaftliche Entwicklung untrennbar miteinander verbunden sind.
Ihr persönliches Leitmotiv lautet:
„Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weitergeben und mit ihr wachsen.“
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Über die Autorin Heike Schonert
