Dictionnaire Infernal – Ein Werk zwischen Dämonologie, Kulturgeschichte und Glaubensdeutung
Das Dictionnaire Infernal von Collin de Plancy ist eines der bekanntesten Bücher über Dämonen, Aberglauben, Okkultismus und religiöse Irrtümer des 19. Jahrhunderts. Der Beitrag zeigt, warum dieses Werk bis heute fasziniert, wie es zwischen Aufklärung und katholischer Glaubensdeutung steht und weshalb seine Bildwelt das kulturelle Gedächtnis des Dämonischen bis in die Gegenwart hinein geprägt hat.
Das Dictionnaire Infernal ist weit mehr als ein kurioses Lexikon des Übernatürlichen. Es ist ein kulturgeschichtliches Dokument über Dämonen, Magie, Volksglauben und die menschliche Sehnsucht nach dem Verborgenen – zugleich warnend, ordnend und von einer düsteren Faszination getragen, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat.
Wenn ein Buch mehr ist als ein Nachschlagewerk
In der stillen Ecke einer alten Bibliothek oder in den Regalen eines abgelegenen Antiquariats lässt sich mitunter ein schweres Buch entdecken, oft mit goldgeprägtem Rücken, von jener Art, die schon durch ihre bloße Präsenz eine eigentümliche Spannung erzeugt. Sein Titel weckt sofort Neugier: Dictionnaire Infernal. Wer es aufschlägt, betritt ein Universum aus Geistern, Dämonen, Hexen, Aberglauben und verborgenen Künsten. Die 1863 erschienene sechste, stark erweiterte Ausgabe aus dem Pariser Verlag Henri Plon ist ein monumentales Archiv des Übernatürlichen: ein Werk von großer Dichte, durchzogen von Gelehrsamkeit, Warnung und jener dunklen Anziehung, die nur Bücher ausüben, die tiefer in die Schatten der Kultur hinabsteigen als andere.
Schon der ausführliche Untertitel macht deutlich, dass hier nicht bloß ein Lexikon vorliegt, sondern ein enzyklopädisches Panorama all dessen, was mit Geistern, Dämonen, Zauberern, Wahrsagerei, Verhexung, Kabbala, Wundern, Aberglauben und zeitgenössischem Spiritismus zusammenhängt. Das Dictionnaire Infernal ordnet nicht nur Begriffe. Es sammelt Ängste, überlieferte Bilder, religiöse Grenzvorstellungen und psychische Projektionen. Gerade darin liegt seine bleibende Kraft.
Der Autor zwischen Aufklärung und Bekehrung
Hinter diesem monumentalen Unternehmen steht Jacques Albin Simon Collin de Plancy, ein Autor, dessen geistiger Weg selbst fast romanhaft anmutet. Er wuchs in einer Epoche auf, die von den Nachwirkungen der Französischen Revolution und den Ideen der Aufklärung geprägt war. Früh trat er als Drucker, Verleger und Schriftsteller hervor und bewegte sich zunächst in einem Milieu, das Aberglauben, Wunderberichte und kirchliche Autorität eher mit Skepsis betrachtete. Die frühen Ausgaben seines Werkes tragen diese Haltung deutlich in sich. Dort erscheint er als Sammler des Irrtums, als einer, der die Welt des Volksglaubens mit kritisch-rationalem Blick katalogisiert.
Doch Collin de Plancy blieb nicht derselbe. Im Laufe seines Lebens vollzog sich eine bemerkenswerte Hinwendung zum Katholizismus. Diese Wandlung ist für das Verständnis des Dictionnaire Infernal entscheidend. Denn in den späteren Fassungen ist das Werk nicht mehr nur distanzierte Sammlung, sondern deutlich stärker von einer apologetischen Absicht geprägt. Was zuvor eher mit skeptischer Neugier betrachtet wurde, erscheint nun zunehmend als Ausdruck geistiger Verirrung, als Abweg, als Versuchung.
Gerade diese Spannung macht das Buch so reizvoll. Es ist weder kühl-neutral noch bloß sensationslüstern. Es ist ein Werk an der Grenzlinie zwischen Dokumentation und Bekenntnis, zwischen enzyklopädischer Ordnung und religiöser Wertung. Wer sich für die psychologischen Tiefenschichten solcher Wandlungen interessiert, findet eine überraschende Anschlusslinie in Claus Eckermanns Beitrag über Jung, Archetypen und Individuation. Auch dort geht es um innere Bilder, Deutungsmuster und jene Kräfte, die unterhalb der reinen Rationalität wirksam bleiben.
Frankreich im 19. Jahrhundert – ein Zeitalter der Schatten

Die Entstehung des Dictionnaire Infernal spiegelt die geistige Lage Europas im 19. Jahrhundert. Wissenschaftlicher Fortschritt, religiöse Erschütterung, romantische Sehnsucht und ein neues Interesse am Unsichtbaren überlagerten sich. Spiritistische Sitzungen, Mesmerismus, Magnetismus, Tischrücken und okkulte Zirkel fanden ein aufmerksames Publikum. Je mehr die Welt sich rationalisierte, desto stärker meldete sich vielerorts der Wunsch nach dem Geheimnisvollen zurück.
Collin de Plancy reagierte auf diese Atmosphäre nicht als bloßer Sensationsautor, sondern als systematischer Sammler. Er sichtete antike Quellen, mittelalterliche Chroniken, dämonologische Traktate und kirchliche Überlieferungen. So entstand ein Werk, das nicht nur Geschichten über Dämonen bewahrt, sondern die gesamte europäische Schattenvorstellung seiner Zeit bündelt. Wer diesen größeren Kontext okkulter Traditionslinien vertiefen möchte, findet im Beitrag Okkulte Literatur, Ars Goetia und Clavicula eine thematisch nahe Ergänzung.
Ein alphabetisches Reich des Unheimlichen
Auf den ersten Blick wirkt das Dictionnaire Infernal wie ein klassisches alphabetisches Lexikon. Doch schon nach wenigen Seiten wird klar, dass es sich um weit mehr handelt. Das Werk führt seine Leser durch ein Labyrinth aus Namen, Legenden, Dämonenfürsten, Zauberformeln, Hexengeschichten, Besessenheitsberichten, Wundern und Vorzeichen. Von Abaddon bis zu volkstümlichen Bannvorstellungen entfaltet sich eine Geographie des Unheimlichen, in der sich Theologie, Volksglaube und kulturelle Fantasie überlagern.
Besonders bemerkenswert ist, wie selbstverständlich das Große und das Kleine nebeneinanderstehen. Neben höllischen Hierarchien und berühmten Dämonen finden sich Einträge zu alltäglichen Aberglauben, Zeichen und Ängsten. Darin zeigt sich eine tiefe Wahrheit über die menschliche Kultur: Das Dämonische lebt nicht nur in den großen Mythen, sondern auch in den kleinen Rissen des Alltags, in Vorahnungen, Projektionen und Deutungsmustern, die sich der nüchternen Kontrolle entziehen. In diesem Zusammenhang lohnt sich auch der Blick auf Wahrnehmung und Entscheidungen in der Evolution, weil dort sichtbar wird, wie stark der Mensch dazu neigt, Wirklichkeit nicht nur zu registrieren, sondern zu interpretieren.
Die Bildwelt des Höllischen
Von besonderer Wirkung ist die visuelle Dimension des Werkes. Die berühmten Dämonenporträts gehören zu den eindrucksvollsten Bildschöpfungen der klassischen Dämonologie. Astaroth, Belphégor, Bael, Behemoth und andere erscheinen in Formen, die zugleich grotesk, symbolisch und merkwürdig präzise wirken. Diese Bilder illustrieren den Text nicht nur. Sie schaffen eine eigene Ikonografie des Bösen, die sich tief in das kulturelle Gedächtnis eingeprägt hat.
Gerade darin liegt ihre nachhaltige Wirkung. Sie verbinden Gelehrsamkeit mit Albtraum, Systematik mit Fantasie und religiöse Warnung mit ästhetischer Verführung. Was hier sichtbar wird, ist nicht bloß ein Dämonenkatalog, sondern eine visuelle Sprache der Angst. Dass solche Bilder bis heute nachwirken, überrascht kaum. Die Nähe zum Traum, zur Symbolik und zur unbewussten Verarbeitung innerer Spannungen ist offensichtlich. Wer diese Verbindung vertiefen möchte, sollte auch Claus Eckermanns Beitrag über Schlaf und Träume – Forschung und Bedeutung lesen.
Warnung, Ordnung und religiöse Deutung
In den späteren Vorreden macht Collin de Plancy unmissverständlich deutlich, worum es ihm letztlich geht. Aberglaube, Magie und Okkultismus erscheinen dort nicht als harmlose Kuriositäten, sondern als geistige Abwege. Das Dictionnaire Infernal trägt deshalb einen missionarischen Kern in sich. Es will das Dunkel nicht feiern, sondern entlarven. Es will den Leser nicht nur faszinieren, sondern orientieren. In diesem Sinne ist das Buch auch ein Versuch, das Unheimliche durch Benennung zu bannen.
Gerade diese Haltung unterscheidet das Werk von heutigen Sammlungen des Okkulten. Es ist nicht neutral. Es urteilt, warnt und ordnet. Und doch wäre es zu einfach, das Buch nur als Instrument kirchlicher Abwehr zu lesen. Denn die Faszination, aus der es lebt, ist auf jeder Seite spürbar. Der Autor bekämpft das Verführerische, indem er es mit einer Sorgfalt beschreibt, die seine Macht geradezu bestätigt.
Hier öffnet sich auch eine Brücke zu christlichen Deutungstraditionen, wie sie Claus Eckermann in der Bergpredigt als Schlüsseltext des Neuen Testaments oder im Beitrag zum Ursprung der sieben Todsünden nachzeichnet. Das Dictionnaire Infernal steht nicht außerhalb dieser Tradition, sondern inmitten jener langen Auseinandersetzung mit Versuchung, Verirrung und moralischer Ordnung, die das christliche Denken über Jahrhunderte geprägt hat.
Warum das Werk bis heute aktuell bleibt
Aus heutiger Sicht ist das Dictionnaire Infernal weit mehr als eine skurrile Fundgrube für Liebhaber historischer Kuriositäten. Es eröffnet einen Zugang zur Geistesgeschichte Europas. Es zeigt, wie hartnäckig mythische und dämonologische Vorstellungen selbst in einer Zeit fortleben, die sich der Vernunft und dem Fortschritt verpflichtet sah. Es macht sichtbar, dass Rationalität den Hunger nach Sinn, Symbol und Transzendenz nie vollständig verdrängt hat.
Gerade deshalb ist das Werk auch für unsere Gegenwart interessant. Noch immer suchen Menschen nach verborgenem Wissen, nach Grenzerfahrungen, nach dem Unsichtbaren hinter dem Sichtbaren. Noch immer wirken Angstbilder, Verführungsnarrative und symbolische Ordnungen fort. Man braucht dafür nicht einmal ausdrücklich an Dämonen zu glauben. Es genügt, die kulturelle und psychische Dynamik zu erkennen, mit der Menschen das Dunkle benennen, projizieren oder mythologisch aufladen. Dazu passt auch Claus Eckermanns Blick auf die Evolution von Angst und Sorge, denn Angst gehört zu jenen Kräften, die seit jeher Bilder des Unsichtbaren nähren.
Zugleich berührt das Werk eine bis heute offene theologische Frage: Wie spricht man über das Böse, ohne ihm zu verfallen? Wie ordnet man Leid, Versuchung und Zerstörung in ein religiöses Weltbild ein, ohne die Wirklichkeit des Schmerzes zu leugnen? Wer diese Frage weiterdenken will, findet einen interessanten Anschluss im Beitrag Leid und göttliche Güte in der Spiritualität.
Ein Spiegel menschlicher Sehnsucht
Wer das Dictionnaire Infernal heute liest, begegnet nicht nur einer vergangenen Welt, sondern auch einem Spiegel gegenwärtiger Sehnsüchte. Das Werk erinnert daran, dass der Mensch nicht allein vom Licht lebt, sondern auch von dem, was er fürchtet, bannen oder verstehen möchte. Zwischen Vernunft und Mystik, Glaube und Imagination, Warnung und Verlockung steht dieses Buch bis heute als Monument einer europäischen Schattenkunde.
Gerade darin liegt seine Größe. Es katalogisiert das Dämonische, um es zu entzaubern, und bewahrt zugleich seine Faszination. Es will warnen und überliefert doch. Es will ordnen und öffnet dennoch den Abgrund menschlicher Vorstellungskraft. So bleibt das Dictionnaire Infernal ein einzigartiges Zeugnis der europäischen Geistesgeschichte – ein enzyklopädisches Panoptikum der Schatten und ein literarisches Mahnmal dafür, dass das Dunkel nie nur außerhalb von uns existiert.
FAQ zum Dictionnaire Infernal
Was ist das Dictionnaire Infernal?
Das Dictionnaire Infernal ist ein französisches Nachschlagewerk des 19. Jahrhunderts über Dämonen, Aberglauben, Magie, Okkultismus und religiöse Irrtümer. Berühmt wurde es vor allem durch seine enzyklopädische Fülle und die eindrucksvollen Dämonenillustrationen.
Wer war Collin de Plancy?
Collin de Plancy war ein französischer Schriftsteller, Verleger und Sammler kulturgeschichtlicher Überlieferungen. Sein Werk bewegt sich zwischen aufklärerischer Skepsis, religiöser Deutung und einer intensiven Beschäftigung mit den Schattenzonen europäischer Geistesgeschichte.
Warum ist das Dictionnaire Infernal heute noch relevant?
Das Werk ist bis heute relevant, weil es zeigt, wie Menschen mit Angst, dem Unheimlichen, dem Bösen und dem Verborgenen umgehen. Es ist nicht nur ein Buch über Dämonen, sondern auch ein Spiegel kultureller Sehnsucht, religiöser Ordnungsvorstellungen und psychologischer Projektionen.
Ist das Dictionnaire Infernal ein okkultes oder ein religiöses Werk?
Das Dictionnaire Infernal vereint beide Ebenen auf besondere Weise. Es sammelt und beschreibt okkulte, dämonologische und abergläubische Vorstellungen, ordnet sie in seinen späteren Fassungen jedoch deutlich aus katholischer Perspektive ein und versteht sie als geistige Verirrungen.
Weiterführende Beiträge von Claus Eckermann
Wer die Themen Schatten, Moral, Wahrnehmung und Spiritualität weiter vertiefen möchte, findet in diesen Beiträgen von Claus Eckermann passende Anschlusslektüren:
- Okkulte Literatur, Ars Goetia und Clavicula
- Jung, Archetypen und Individuation
- Die Bergpredigt als Schlüsseltext des Neuen Testaments
- Ursprung der sieben Todsünden
- Schlaf und Träume – Forschung und Bedeutung
- Wahrnehmung und Entscheidungen in der Evolution
- Evolution von Angst und Sorge
- Leid und göttliche Güte in der Spiritualität
23.04.2026
Autor
Claus Eckermann
www.claus-eckermann.de
Sprachwissenschaftler und HypnosystemCoach®
Kurzvita
HSC Claus Eckermann FRSA
Claus Eckermann ist ein deutscher Sprachwissenschaftler und HypnosystemCoach®, der u.a. am Departements Sprach- und Literaturwissenschaften der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel und der Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung unterrichtet hat.
Er ist spezialisiert auf die Analyse von Sprache, Körpersprache, nonverbaler Kommunikation und Emotionen. Indexierte Publikationen in den Katalogen der Universitäten Princeton, Stanford, Harvard und Berkeley.


