Mönch und Mystiker David Steindl-Rast 100 Jahre alt
„Mystische Erfahrungen offenbaren uns eine tiefere Wirklichkeit, die uns im alltäglichen Bewusstsein oft verborgen bleibt: Wir sind eins mit allem, im Universum ist alles mit allem verbunden und wir dürfen dem Geheimnis des Lebens ver-trauen. Auf der Grundlage mystischer Erfahrung von Allver-bundenheit können wir den Irrtum alles zerreißender Trennung, der uns mit Angst erfüllt, durchschauen. Ein solches Bewusstsein ist unerlässlich für die Gestaltung einer wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ordnung, wie die Weltgesellschaft sie ersehnt…“
Rechtzeitig zum 100. Geburtstag des weltbekannten Benediktinermönchs & Mystikers am 12. Juli 2026 ist das beeindruckende Buch erschienen: „Worauf es letztlich ankommt – 100 Fragen – 100 Antworten“ (TYROLIA-Verlag Innsbruck – 184 Seiten).
Ein Dialog mit dem 1967 in Buenos Aires/Argentinien geborenen Mario E. Quintana (Wirtschaftswissenschaftler, erfolgreicher Unternehmer, engagiert in der spirituellen und emotionalen Erziehung junger Menschen).
Bruder David schreibt auf den Seiten 46 – 48:
„…Mystische Erfahrung, die in das Wirken von Menschen einfließt, die für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik Verantwortung tragen, drückt sich in ganzheitlicher Sicht, Selbstlosigkeit und Ehrfurcht für Menschenrechte aus. Sie führt zu ganz neuen Fragen, etwa wie menschliche Arbeit, die allzu oft zur Versklavung wird, umgestaltet werden kann in schöpferische Entfaltung persönlicher Begabungen und Interessen…
Was wir aus gesicherten Daten über den geschichtlichen Jesus wissen, lässt sich zwanglos daraus erklären, dass er ein Mystiker war, der versuchte, als Reformator seine mystische Einsicht bis zur letzten Konsequenz in gesellschaftliche Wirklichkeit umzusetzen. Wir wissen mit Sicherheit, dass das Wort Abba für seine Gotteserfahrung von zentraler Bedeutung war, dass es sein Hauptanliegen war, das „Reich Gottes“ auf Erden zu verwirklichen, und dass er von der römischen Besatzungsmacht als Verbrecher hingerichtet wurde.
Seine mystische Schlüsselerfahrung war es offenbar, das Große Geheimnis, dem wir Menschen alle gegenüberstehen, als mütterlich liebender Vater – Abba – zu verstehen…“

Mit Freunden aus der ganzen Welt hatten wir bei einer Bootsfahrt auf dem Wolfgangsee im Salzkammergut bei hochsommerlichen Temperaturen den Geburtstag eines der herausragenden, noch unter uns lebenden spirituellen Meisters unserer Zeit gefeiert. Bruder David hatte jeden von uns herzlich umarmt.
Er wurde am 12. Juli 1926 in Wien als Franz Kuno Steindl geboren und entstammt einer ursprünglich adeligen Familie mit einem Stammschloss in der Nähe des Wallfahrtsortes Maria Rast im heutigen Slowenien, von dem die Familie ihren Namen bezog.
Als seine Eltern sich trennten, zog seine Mutter mit David und seinen jüngeren Brüdern Hans und Max in die österreichischen Alpen, wo er in einer Dorfschule unterrichtet wurde und in der herrlichen Umgebung des Preiner Tals den Reichtum von Natur und Kultur intensiv erleben konnte.
Der zweite Weltkrieg berührte David stark. Er war 12 Jahre alt und besuchte die Neuland-Schule im Kaasgraben in Wien, als Nazi-Truppen Österreich im Jahre 1938 einnahmen. Während ältere Schulkameraden eingezogen wurden und zum Teil in den Armeen des Dritten Reiches starben, engagierten sich David und seine Freunde in symbolischen Widerstandsbewegungen und fanden in ihrem Glauben eine grundlegende Quelle für Orientierung und Stärke.
„Von allen Einflüssen“, meint Bruder David heute rückblickend, „die mein Leben formten, war wohl der Bund Neuland, eine Jugendbewegung, der entscheidendste. Dieser Einfluss ist dann – im Geheimen – durch Pfarrer Arnold Dolezal, der in späteren Jahren Probst von Wienerneustadt war, bis nach Kriegsende in unserer Unter-grundgruppe fortgesetzt worden. Mein Dank für diese Führung ist grenzenlos“.
Im Jahr 1944 wurde David von den Deutschen zum Wehrdienst gezwungen, konnte aber nach einem Jahr entfliehen, lebte bis Kriegsende im Untergrund, begann sein Studium an der Akademie der Schönen Künste in Wien und restaurierte im Krieg beschädigte Kunstgegenstände. Inspiriert durch die schöpferi-schen Arbeiten von Kindern und Naturvölkern, studierte er Psychologie und Anthropologie mit abschließender Promotion zum Dr.phil. im Jahr 1952.
Ein religiöses Schlüsselerlebnis hatte David, als er in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zum ersten Mal die Ordensregeln des heiligen Benedikt las und dort die christliche „ars moriendi“ (die Kunst des Sterbens) kennenlernte. Für den damals 20-Jährigen spiegelten sich im Vers „Den unberechen-baren Tod täglich vor Augen haben“ seine persönlichen Kriegserfahrungen wider. Er fasste den Entschluss, Benediktiner zu werden.
Im Jahr 1953 besuchte er seine inzwischen in die USA ausgewanderten Mutter und Brüder und lernte eine Gruppe von Benediktinermönchen kennen, die in der Nähe von Elmira im Staat New York eine Gemeinschaft gegründet hatten, um das ursprüngliche monastische Leben zu erneuern, wie es der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert konzipiert und dargelegt hatte. David trat in den Benediktinerorden ein, weil ihn die Ordensregel faszinierte: Demut, Handarbeit, Gebet, Studium und Leben in der Gemeinschaft. Zwölf Jahre lang tauchte der junge Benediktiner-mönch Brother David in diese Ordensdisziplin und verließ kaum das neu gegründete Kloster Mount Saviour. Die nur zwölf Mönche fanden ein weithin großes Ansehen aufgrund der Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens und der Beweglichkeit ihres intellektuellen Lebens. Brother David vertiefte seine Studien der Theologie und Philosophie und konnte Mitte der 60-er Jahre sein Interesse am ZEN-Buddhismus kultivieren, nachdem sich das II. Vatikanische Konzil (1962 – 1965) anderen Religionen gegen-über geöffnet hatte. Der große Brückenbauer zwischen ZEN-Buddhismus und Christentum war der deutsch-japanische Jesuit und ZEN-Meister H.M. Enomiya-Lassalle (1898 – 1990). Für die amerikanische Ausgabe „Living in the New Consciousness“ des von Roland R. Ropers herausgegebenen und in viele Sprachen übersetzten Lassalle-Buches „Leben im Neuen Bewusstsein“ schrieb Brother David eine faszinierende Einführung.
David Steindl-Rast wurde ein enger Freund des legendären Trappistenmönchs Thomas Merton (1915 – 1968), mit dem er zusammen das spirituelle Leben in den USA erneuerte. Jahr-zehntelang war Brother David auf allen Kontinenten der Erde ein gefragter Redner und spiritueller Lehrer bei Konferenzen, Tagungen, interreligiösen Begegnungen. Viele Jahre lebte er in Big Sur/Kalifornien und war für die spirituelle Führung des berühmten „ESALEN-Institutes“ verantwortlich. Brother David spricht in kaum vergleichbarer Schönheit die Sprache des Herzens und erreicht die Menschen auf der tiefsten Ebene ihres Daseins. Seine Publikationen haben Millionen von Menschen in vielen Ländern der Erde erreicht.

Im Jahr 1975 wurde er mit dem „Martin Buber Award“ in den USA ausgezeichnet, 1992 zusammen mit dem im Jahr 1939 in Wien geborenen Physiker Fritjof Capra mit dem „American Book Award“ für das Buch „Belonging to the Universe“ (deutscher Titel: „Wendezeit im Christentum“).
Das von Brother David Steindl-Rast gegründete und geradezu einzigartige spirituelle Netzwerk www.grateful.org erreicht täglich Tausende von Menschen in fast 200 Ländern der Erde.
Seit einigen Jahren lebt er in der kleinen benediktinischen Mönchsgemeinschaft im Europa-Kloster im österreichischen St. Gilgen am Wolfgangsee.
„… Der Weg beginnt im Herzen. Ich habe auf meinen vielen Reisen keinen Menschen gefunden, der mich darüber im Zweifel gelassen hat, dass wir im Innersten unserer Herzen alle eins sind. Nicht bloß ähnlich, sondern eins. Es gibt nur ein menschliches Herz; und dort beginnt der Weg. Der Weg fängt mit der Entdeckung an, dass wir im tiefsten Inneren alle zusammengehören. Man kann es als das All-Einssein oder kosmische Einheit bezeichnen. Mein Lieblingsausdruck hierfür ist Zugehörigkeit. Als wir Kind waren, besaßen wir noch dieses sehr lebendige Gefühl. Als Erwachsene erleben wir es noch manchmal in der Natur oder im Zusammensein mit anderen Menschen. Diese tiefe Zugehörigkeit könnte man in der Tat als Heimat oder Zuhause bezeichnen. Heimat ist dort, von wo aus wir beginnen. T.S. Eliot sagt: „Das Ende all unserer Erforschungen wird darin bestehen, dort anzukommen, wo wir gestartet sind und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.“ So ist die Endstation des Weges die Rückkehr nach Hause. Diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit, dieses Heimatgefühl des Herzens ist der Weg innerhalb jedes Weges. Wenn Sie mich aber fragen, ob alle Wege an denselben Ort führen und man an die Manifestation dieser Sehnsucht denkt, muss man in dieser Betrachtung sehr vorsichtig sein. In allen Traditionen, die ich kenne, führt der innere Weg an dasselbe Ziel. Aber manchmal kann uns der äußere Weg vom inneren Weg ablenken. In der christlichen Tradition hat dieser universelle Herzensweg verschiedenste Bezeichnungen. Jede Benennung, meine eigene nicht ausgenommen, hat Aspekte, die zum Erreichen unseres Ziels schädlich sind. Unsere Aufgabe besteht darin, sofern wir einer Religion angehören, unsere besondere Religion religiös zu machen, sie in den Herzens-weg zu verwandeln. Du kannst im Stil des ZEN meditieren oder alles tun, was man von einem Katholiken erwartet, und es wird Dich zu nichts führen, wenn es nicht aus dem Herzen kommt, wenn Du nicht das Zentrum Deines eigentlichen Zuhauses findest. Und dann bist Du bereits angekommen…“
25.09.2026
Roland R. Ropers
www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.com
Über den Autor Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
>>> zum Autorenprofil
Buch Tipp:

Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle
von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.



