Völkische Machtpolitik: In der AfD ringen zwei Vorstellungen Deutschlands um die Macht
Björn Höcke erklärte im Juni 2026, im Osten seien die Menschen „noch Deutsche“, während im Westen „deutsch sprechende Amerikaner“ lebten. Westdeutsche hätten über Jahrzehnte eine Ersatzidentität angenommen und sich von amerikanischer Kultur verdrängen lassen. Der Satz löste Widerspruch innerhalb der AfD aus. Parteifreunde nannten ihn falsch, töricht und herabwürdigend. Tino Chrupalla stellte später klar, West- und Ostdeutsche seien gleichermaßen Deutsche.
Damit ist die Angelegenheit nicht erledigt. Höckes Aussage war mehr als eine misslungene Ost-West-Provokation. Sie formuliert ein politisches Ordnungsmuster: Nicht Staatsbürgerschaft, gemeinsame Rechtsordnung und individuelle Freiheit entscheiden darüber, wer als vollwertig deutsch gilt. Ein politischer Wortführer beansprucht, kulturelle Echtheit festzustellen und Menschen innerhalb desselben Landes nach ihrem vermeintlichen Deutschtum zu sortieren.
Das ist der Kern völkischer Machtpolitik. Nation wird nicht als offene Gemeinschaft freier Bürger verstanden, sondern als kulturell möglichst gleichförmiger Organismus. Abweichung erscheint dann nicht als demokratische Normalität, sondern als Entfremdung, Verfall oder Fremdbestimmung. Wer so denkt, will Politik nicht nur verändern. Er will bestimmen, welche Identität als ursprünglich, gesund und legitim gelten darf.
Die AfD ist darüber erkennbar nicht geschlossen. In ihr wirken unterschiedliche wirtschaftliche Interessen, außenpolitische Lager und nationale Vorstellungen. Ein Teil bemüht sich um das Bild einer regierungsfähigen, bürgerlichen Protestpartei. Ein anderer spricht offen von ethnokultureller Erneuerung, nationaler „Heilung“ und dem Kampf gegen eine angeblich künstliche „bunte Zivilgesellschaft“.
Doch die beruhigende Vorstellung, ein gemäßigter Teil werde den völkischen Teil irgendwann besiegen, könnte die falsche Frage sein. Beide Strategien können arbeitsteilig funktionieren. Die einen verschaffen der Partei mediale Anschlussfähigkeit, ökonomische Seriosität und neue Wählergruppen. Die anderen verschieben die Grenzen des Sagbaren, schaffen Feindbilder und halten die Bewegung emotional unter Spannung. Der eine Teil normalisiert die Partei. Der andere radikalisiert den politischen Raum.
Es geht deshalb um weit mehr als um eine weitere Protestpartei. Zur Entscheidung steht, ob Deutschland als offene Demokratie, soziale Marktwirtschaft, Wissenschaftsstandort und tragende europäische Macht zukunftsfähig bleibt – oder ob ein nationales Machtprojekt diese Grundlagen schrittweise der Vorstellung kultureller Homogenität unterordnet.
Dieser Beitrag urteilt nicht pauschal über AfD-Wählerinnen und -Wähler. Ihre Motive reichen von sozialer Enttäuschung, Protest und dem Gefühl politischer Ohnmacht bis zu bewusster Fremdenfeindlichkeit, autoritärer Sehnsucht, völkischem Nationalismus und tatsächlich faschistischen Überzeugungen. Diese Unterschiede müssen benannt werden. Ebenso klar muss jedoch geprüft werden, welchem gemeinsamen Machtprojekt sehr verschiedene Motive am Ende ihre Stimme geben.
Das Ergebnis dieser Prüfung ist eindeutig: Einzelne AfD-Forderungen – weniger Bürokratie, eine leistungsfähige Bundeswehr, bessere berufliche Bildung oder konsequentere staatliche Verfahren – berühren reale Probleme. In ihrer Gesamtheit würde die im Bundestagswahlprogramm 2025 beschriebene Politik jedoch erhebliche Risiken für Wohlstand, soziale Sicherheit, Klima, europäische Handlungsfähigkeit und demokratische Kultur erzeugen. Gerade Menschen in strukturschwachen Regionen und mit kleinen oder mittleren Einkommen könnten einen hohen Preis zahlen.
Grundlage dieser Analyse ist das offizielle AfD-Bundestagswahlprogramm 2025. Quellenstand: 16. August 2026. Programmforderungen, wissenschaftliche Modellrechnungen, öffentliche Aussagen und redaktionelle Bewertungen werden ausdrücklich unterschieden.
Das eigentliche Problem: Viele Menschen fühlen sich politisch nicht mehr wirksam
Das Gefühl des Nichtgehörtwerdens lässt sich messen. In der OECD-Vertrauensstudie 2026 für Deutschland glaubten nur 28 Prozent der Befragten, Menschen wie sie hätten politischen Einfluss. Nur 31 Prozent bewerteten positiv, wie der Staat Interessen verschiedener Generationen ausgleicht. Das Vertrauen in die Bundesregierung lag bei 35 Prozent, das in politische Parteien bei 25 Prozent.
Das ist mehr als schlechte Stimmung. Wer dauerhaft erlebt, dass die eigene Stimme keine erkennbare Wirkung hat, verliert nicht nur Vertrauen in eine Regierung. Er kann beginnen, das gesamte demokratische Verfahren als bloße Kulisse zu betrachten. Eine aktuelle länderübergreifende Studie über politischen Verrat und Vertrauensverlust zeigt, dass als gebrochen wahrgenommene zentrale Erwartungen das Vertrauen in die verantwortliche politische Kraft senken können – und dass sich dieser Verlust teilweise auf andere Institutionen überträgt.
Hier liegt eine Schuld der etablierten Politik. Zu viele Versprechen wurden größer formuliert als ihre Umsetzung. Zu oft wurde ein Kurswechsel als alternativlos verkauft, ein späterer Kurswechsel aber nicht ehrlich erklärt. Zu häufig erleben Menschen Beteiligung erst dann, wenn wesentliche Entscheidungen längst gefallen sind. Wer Demokratie schützen will, muss deshalb mehr tun, als vor der AfD zu warnen. Er muss demokratische Wirksamkeit zurückgeben: durch verständliche Entscheidungen, überprüfbare Zusagen, erreichbare Behörden, sichtbare Korrekturen und eine Kultur, die Widerspruch nicht als Störung behandelt.
Die vertiefende Frage, warum Demokratie neben Institutionen auch Gewissen, Wahrhaftigkeit und innere Anwesenheit braucht, behandelt Spirit Online im Beitrag Spirituelle Verantwortung und Demokratie.
Die Psychologie gebrochener Versprechen: Wut ist ein Signal, aber kein Kompass
Menschen wählen populistische Parteien nicht aus einem einzigen Grund. Wirtschaftliche Unsicherheit, kultureller Wandel, Migration, regionale Vernachlässigung, Kontrollverlust, Protest und politische Überzeugung wirken unterschiedlich zusammen. Eine europäische Studie mit 5.487 Teilnehmenden beschreibt jedoch einen wichtigen Mechanismus: Relative Benachteiligung und das Gefühl politischer Wirkungslosigkeit können über Wut und institutionelles Misstrauen populistische Überzeugungen stärken.
Wut kann auf tatsächliches Unrecht hinweisen. Sie mobilisiert, wo Resignation lähmt. Doch Wut verkürzt auch. Sie sucht Verantwortliche, bevor Zusammenhänge geklärt sind. Sie belohnt die schärfste Sprache, nicht den tragfähigsten Plan. Deshalb ist Wut ein demokratisch relevantes Warnsignal – aber ein schlechter Ratgeber für die Übergabe politischer Macht.
Die AfD bietet vielen Enttäuschten Resonanz: Sie sagt, dass etwas zerbrochen ist. Doch Resonanz ist noch keine Lösung. Wer den Schmerz eines Menschen ausspricht, hat damit nicht bewiesen, dass er dessen Rente sichert, seinen Arbeitsplatz schützt, die Pflege verbessert oder den Kindern eine friedlichere Zukunft ermöglicht.
Wer gebrochene Versprechen erlebt hat, ist nicht dumm. Er ist verletzlich für das nächste große Versprechen. Gerade deshalb muss dieses Versprechen besonders gründlich geprüft werden.
Soziale Marktwirtschaft: Das Versprechen gilt – seine Einlösung wird bezweifelt
Die Aussage, die soziale Marktwirtschaft „funktioniere nicht mehr“, trifft eine verbreitete Erfahrung, ist als Gesamtdiagnose aber zu pauschal. Das Modell hat weiterhin hohe moralische Zustimmung: Leistung soll sich lohnen, zugleich sollen Krankheit, Pflege, Alter und soziale Not nicht zum Absturz führen. Im Young Economy Tracker 2026 sagten 95 Prozent der 16- bis 25-Jährigen, Arbeit müsse sich auszahlen; 97 Prozent hielten Unterstützung für Menschen wichtig, die Kinder oder pflegebedürftige Angehörige versorgen.
Gebrochen ist für viele nicht die Idee, sondern die Erfahrung ihrer Verwirklichung. Bereits eine ifo-Befragung ergab, dass etwa die Hälfte der Deutschen die Realität nicht mehr mit den Grundideen der sozialen Marktwirtschaft übereinstimmen sah; unter AfD- und Linke-Wählern waren es jeweils drei Viertel. Im ARD-DeutschlandTrend vom Juli 2025 empfanden 60 Prozent Deutschland als eher ungerecht. Die Bundesbank stellte außerdem fest, dass das inflationsbereinigte Median-Nettovermögen der Haushalte zwischen 2021 und 2023 von 90.500 auf 76.000 Euro sank; die Vermögensungleichheit blieb hoch.
Wer diese Realität beschönigt, stärkt die AfD. Wer daraus aber folgert, nationale Abschottung, ein Euro-Austritt und massive Steuersenkungen seien automatisch sozial, prüft die angebotene Politik nicht zu Ende.
Der Generationenvertrag ist nicht beendet, aber massiv unter Druck
Der Generationenvertrag ist kein unterschriebenes Dokument. Er ist das Versprechen, dass Erwerbstätige die Älteren tragen, während Gesellschaft und Staat in die nachkommenden Generationen investieren. Dieses Verhältnis wird demografisch schwieriger. Nach der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird 2035 jeder vierte Mensch in Deutschland mindestens 67 Jahre alt sein. Bis 2038 steigt die Zahl der Menschen im Rentenalter je nach Annahme um 3,8 bis 4,5 Millionen. Gleichzeitig sinkt die Bevölkerung im Erwerbsalter in allen berechneten Varianten.
Das bedeutet: Renten, Pflege, Gesundheitsversorgung und kommunale Infrastruktur müssen von relativ weniger Erwerbstätigen finanziert und personell getragen werden. Familienförderung ist deshalb notwendig. Sie löst den Engpass aber nicht kurzfristig. Auch qualifizierte Zuwanderung ist kein Allheilmittel, doch eine Politik, die Zuwanderung stark reduziert, erschwert die Finanzierung und praktische Aufrechterhaltung des Sozialstaates zusätzlich.
Die AfD verspricht Familienförderung, höhere Wertschätzung von Lebensleistung und Schutz der Renten. Gleichzeitig will sie die Zuwanderung drastisch begrenzen und erhebliche staatliche Einnahmen aufgeben. Das ist kein kleiner Widerspruch. Es berührt die finanzielle Grundlage der versprochenen Sicherheit.
Bürokratische Empathielosigkeit: Was Menschen erleben – und was die Daten zeigen
Menschen können einen Staat als empathielos erleben, wenn niemand erreichbar ist, ein Schicksal nur als Aktenzeichen erscheint oder ein offenkundiger Fehler nicht korrigiert wird. Empathie im Staatswesen bedeutet nicht, Recht nach Gefühl anzuwenden. Sie bedeutet: zuhören, verständlich begründen, Einzelfälle wahrnehmen, Fristen realistisch gestalten, Fehler korrigieren und Verantwortung nicht zwischen Behörden verschwinden lassen.
Dennoch wäre es falsch, den gesamten öffentlichen Dienst pauschal als empathielos abzuurteilen. Laut OECD waren 2025 immerhin 53 Prozent mit konkreten Verwaltungsleistungen zufrieden; 54 Prozent hielten die Behandlung von Leistungsanträgen für fair. Deutlich schwächer ist das Gefühl politischer Mitsprache. Die Krise liegt daher nicht nur am Schalter. Sie liegt vor allem in mangelnder Responsivität: Menschen erleben zu selten, dass aus ihrer Erfahrung eine politische Korrektur folgt.
Die AfD fordert nachvollziehbar Bürokratieabbau und Digitalisierung. Doch ein kleinerer oder misstrauischerer Staat ist nicht automatisch ein menschlicherer Staat. Werden Einnahmen, Personal, unabhängige Kontrolle und Beratungsstrukturen zugleich geschwächt, können Verfahren noch unzugänglicher werden. Empathische Verwaltung braucht nicht weniger Rechtsstaat, sondern bessere Zugänge, klare Zuständigkeiten und überprüfbare Entscheidungen.
Der entscheidende Programmcheck: Versprechen und mögliche Folgen
| Politisches Versprechen | Zentrale AfD-Forderung | Wesentliches Risiko |
|---|---|---|
| Mehr Wohlstand | Breite Steuersenkungen, weniger Staat | Große Einnahmeausfälle, überproportionale Entlastung hoher Einkommen, weniger Spielraum für Infrastruktur und Soziales |
| Mehr Souveränität | Euro-Austritt, grundlegender Umbau der EU | Währungs-, Vertrags- und Handelsrisiken; Verlust gemeinsamer europäischer Handlungsfähigkeit |
| Mehr soziale Sicherheit | Strengere und nach Staatsangehörigkeit unterschiedliche Leistungszugänge | Spaltung des Sozialstaates, zusätzliche Härten und verschärfter Arbeitskräftemangel |
| Bezahlbare Energie | Abkehr von Klimapolitik, Paris-Ausstieg, Rückkehr zu fossilen und nuklearen Optionen | Neue Importabhängigkeiten, gebremste Transformation, höhere Klima- und Anpassungskosten |
| Äußere Sicherheit | Stärkere Bundeswehr, Wehrpflicht, Aufhebung der Russland-Sanktionen | Widerspruch zwischen militärischer Stärkung und politisch-energetischer Annäherung an Russland |
| Mehr Demokratie | Volksabstimmungen, institutionelle Reformen | Dauernde Delegitimierung von Medien, Kontrollorganen und pluralistischer Gesellschaft kann Gegenmacht schwächen |
Wirtschaft und Finanzen: Entlastung mit einer offenen Milliardenrechnung
Das AfD-Programm enthält wirtschaftspolitische Punkte, die viele Unternehmer und Beschäftigte teilen können: schnellere Genehmigungen, weniger Berichtspflichten, Schutz des Mittelstands, bessere Infrastruktur und eine verlässlichere Energieversorgung. Eine seriöse Analyse darf das nicht verschweigen.
Entscheidend ist jedoch, wer wie stark entlastet wird und wie die Gegenfinanzierung aussieht. Das ZEW Mannheim berechnete für ausgewählte Steuer-, Mindestlohn- und Sozialreformen des Programms einen Rückgang der staatlichen Einnahmen um rund 97 Milliarden Euro jährlich. Wachstumswirkungen wurden dabei ausdrücklich nicht modelliert. Die Zahl ist also keine vollständige Prognose, zeigt aber die Größenordnung der Finanzierungslücke.
Auch die Verteilung ist relevant. In einer ZEW-Modellrechnung für Beispielhaushalte würde eine Alleinverdienerfamilie mit zwei Kindern und 180.000 Euro Bruttojahreseinkommen durch die untersuchten AfD-Pläne um rund 19.190 Euro entlastet. Bei 40.000 Euro ergab die Modellrechnung aufgrund des Zusammenspiels verschiedener Maßnahmen sogar eine geringe Belastung; das ZEW weist darauf hin, dass eine solche unbeabsichtigte Wirkung in der praktischen Umsetzung wahrscheinlich korrigiert würde.
Das faire Urteil lautet deshalb nicht, jede Steuersenkung sei falsch. Es lautet: Ein Programm, das zugleich Steuern stark senken, die Schuldenbremse einhalten, Verteidigung ausbauen, Familien fördern, Renten sichern und Infrastruktur modernisieren will, muss Prioritäten und Gegenfinanzierung offenlegen. Genau diese belastbare Gesamtrechnung fehlt.
Besonders aufschlussreich ist eine aktuelle DIW-Modellstudie zu Sachsen-Anhalt. Unter den dort gesetzten Annahmen – darunter Brüche mit Euro und EU-Binnenmarkt sowie eine stark sinkende Zuwanderung – würde das reale verfügbare Einkommen im Land um etwa 6,2 Prozent sinken, die realen Löhne um rund acht Prozent und die Arbeitslosigkeit deutlich steigen. Das sind Szenariorechnungen, keine Gewissheiten. Aber sie machen die zentrale Diskrepanz sichtbar: Ausgerechnet strukturschwache AfD-Hochburgen könnten von der wirtschaftlichen Gesamtwirkung besonders hart getroffen werden.
Währungspolitik: Der Euro-Austritt ist kein symbolischer Protest
Das Bundestagswahlprogramm ist hier eindeutig: Deutschland solle aus dem Euro-System austreten und eine nationale Währung wieder einführen. Die AfD räumt selbst Übergangsbelastungen ein, hält sie aber für geringer als die Kosten des Verbleibs.
Ein solcher Schritt wäre kein bloßer Wechsel von Scheinen und Münzen. Verträge, Kredite, Sparguthaben, Löhne, Preise und internationale Forderungen müssten rechtlich und wirtschaftlich neu geordnet werden. Eine aufwertende neue D-Mark könnte Importe verbilligen, zugleich aber deutsche Exporte verteuern. Kapitalbewegungen und Unsicherheit könnten Banken, Unternehmen und private Vermögen belasten. Welche Folgen eintreten, hängt von der konkreten Durchführung und den Reaktionen der Märkte ab. Gerade deshalb wäre ein detaillierter, rechtlich belastbarer Übergangsplan unverzichtbar. Das Programm bietet ihn nicht.
Wer Sicherheit verspricht, darf ein solches Experiment nicht als technische Korrektur verkaufen. Es wäre eine Neuordnung der wirtschaftlichen Lebensgrundlage von mehr als 80 Millionen Menschen.
Europa: Nicht nur weniger Einfluss, sondern ein Verlust gemeinsamer Schutzmacht
Das AfD-Programm von 2025 fordert nicht ausdrücklich den deutschen EU-Austritt. Es will die heutige Europäische Union jedoch durch einen neu zu gründenden „Bund europäischer Nationen“ ersetzen und europäische Zuständigkeiten weitgehend auf Binnenmarkt, Außengrenzen und ausgewählte Zusammenarbeit zurückführen. Diese Unterscheidung ist wichtig. Ebenso wichtig ist ihre Konsequenz: Ein institutioneller Rückbau dieser Größenordnung würde zentrale Regeln, Entscheidungsverfahren und gemeinsame Politikfelder neu verhandeln.
Die mögliche Folge wäre nicht bloß „weniger Verhandlungsmacht“. Deutschland würde einen Teil der Ordnung aufgeben, durch die es gemeinsam mit seinen Nachbarn Handelsregeln setzt, Sanktionen beschließt, Lieferketten absichert, Forschung finanziert, Verbraucher schützt und gegenüber den USA, China und Russland strategisches Gewicht entfaltet.
Ein einzelner europäischer Staat kann formal souverän sein und praktisch leichter unter Druck geraten. In einer Welt großer Machtblöcke besteht Souveränität nicht nur darin, allein entscheiden zu dürfen. Sie besteht darin, Entscheidungen auch durchsetzen zu können. Genau diese gemeinsame Durchsetzungsfähigkeit ist ein Kern europäischer Integration.
Das Institut der deutschen Wirtschaft hat einen hypothetischen Dexit anhand der Brexit-Erfahrungen modelliert. In diesem Szenario läge das reale deutsche Bruttoinlandsprodukt nach fünf Jahren 5,6 Prozent niedriger; 2,5 Millionen Arbeitsplätze wären gefährdet. Diese Werte sind keine direkte Prognose für das AfD-Programm, weil dieses 2025 keinen ausdrücklichen Dexit fordert. Sie zeigen jedoch die Größenordnung des Risikos, falls der geplante Systemwechsel faktisch in eine Auflösung deutscher EU-Integration mündete.
Welche Kluft zwischen dem Versprechen nationaler Kontrolle und den tatsächlichen Folgen eines Integrationsbruchs entstehen kann, zeigt der Spirit-Online-Beitrag Brexit und AfD: Warum rechte Versprechen scheitern.
Einwanderung und Soziales: Ordnung ist legitim – die Würde bleibt unteilbar
Deutschland braucht kontrollierbare Migration, schnellere Verfahren, eine konsequente Rückführung nach rechtskräftiger Ablehnung und eine Integrationspolitik, die Sprache, Arbeit und Rechtsordnung verbindlich macht. Die Überlastung von Kommunen, Schulen und Wohnungsmarkt darf nicht geleugnet werden. Wer diese Probleme tabuisiert, überlässt das Feld jenen, die aus ihnen Feindbilder formen.
Das AfD-Programm geht jedoch weiter als eine bessere Steuerung. Es will den Bürgergeldbezug stark begrenzen, arbeitsfähige Empfänger nach sechs Monaten zu gemeinnütziger Arbeit heranziehen und den Zugang ausländischer Staatsangehöriger zu Leistungen an sehr lange Vorbeschäftigungszeiten binden. Schutzberechtigte aus der Ukraine sollen in das niedrigere Asylleistungssystem wechseln.
Damit droht ein Sozialstaat mit unterschiedlichen Sicherheitsklassen. Beiträge, Lebensleistung, tatsächliche Bedürftigkeit und rechtmäßiger Aufenthalt würden gegenüber der Staatsangehörigkeit zurücktreten. Das kann Armut verschärfen und Integration erschweren. Ein Gemeinwesen wird nicht stabiler, wenn Menschen dauerhaft in prekäre Parallelwelten gedrängt werden.
Beim Begriff „Remigration“ muss präzise gelesen werden. Das Bundeswahlprogramm beschreibt vor allem Abschiebung von Menschen ohne Aufenthaltsrecht, Rückkehr nach Ende eines Schutzgrundes und die prioritäre Ausweisung von Straftätern und Extremisten. Eine pauschale Ausweisung deutscher Staatsbürger steht dort nicht. Gleichzeitig ist der Begriff durch weitergehende Forderungen im politischen Umfeld belastet. Umso wichtiger sind klare rechtliche Grenzen: Staatsbürgerschaft, individuelle Prüfung, Menschenwürde und gerichtlicher Rechtsschutz dürfen nicht von wechselnden Mehrheiten abhängig werden.
Auch ökonomisch entsteht ein Widerspruch. Deutschland altert und braucht qualifizierte Arbeitskräfte in Pflege, Medizin, Handwerk, Industrie und öffentlicher Daseinsvorsorge. Nicht jede Zuwanderung deckt diesen Bedarf. Eine pauschal abschreckende Politik kann aber gerade jene fernhalten, die Deutschland benötigt. Sicherheit entsteht durch kontrollierte, rechtsstaatliche und integrationsfähige Migration – nicht durch die Gleichsetzung von Herkunft und Gefahr.
Umwelt und Klimawandel: Natur schützen, aber ihre Lebensgrundlagen politisch leugnen
Das AfD-Programm enthält einzelne sinnvolle Anliegen zum Tier-, Wald-, Wasser- und Landschaftsschutz. Gleichzeitig lehnt es jede Politik und Steuer ab, die dem Klimaschutz dient, bestreitet die Schutzfähigkeit des Klimas, will aus dem Pariser Klimaabkommen austreten und den Ausbau von Wind- und Solarenergie begrenzen.
Damit trennt die Partei Umweltschutz künstlich vom Klimasystem, das Wälder, Böden, Gewässer, Landwirtschaft und Gesundheit prägt. Der Deutsche Wetterdienst dokumentierte 2024 als wärmstes Jahr seit Beginn regelmäßiger Messungen in Deutschland; der Rekord des Vorjahres wurde um 0,3 Grad übertroffen. Über einzelne Instrumente, CO₂-Preise, Verbote oder Förderprogramme muss gestritten werden. Die physische Veränderung des Klimas verschwindet dadurch nicht.
Ein abrupter Abbruch der Transformation könnte Investitionen entwerten, deutsche Zukunftsbranchen schwächen und neue Abhängigkeiten von importierten fossilen Energien schaffen. Zugleich steigen Kosten für Hochwasserschutz, Hitzeschutz, Landwirtschaft, Gesundheit und Versicherungen. Wer nur die Kosten des Klimaschutzes nennt und die Kosten des Nichtstuns ausblendet, legt keine vollständige Rechnung vor.
Die psychologischen und gesellschaftlichen Gründe, warum gesichertes Klimawissen dennoch verdrängt wird, vertieft Spirit Online in Klimakrise verdrängen: Warum Wissen nicht zum Handeln führt.
Verteidigung und Sicherheit: Mehr Bundeswehr, aber eine riskante strategische Doppelbotschaft
Die AfD will die Bundeswehr personell und materiell stärken, die Wehrpflicht wieder einführen, Zivil- und Katastrophenschutz ausbauen und offensive Cyberfähigkeiten entwickeln. Angesichts der europäischen Sicherheitslage sind die zugrunde liegenden Fragen legitim. Deutschland muss verteidigungsfähig sein.
Gleichzeitig will das Programm Sanktionen gegen Russland sofort aufheben, Nord Stream instand setzen und eine Ukraine außerhalb von NATO und EU sehen. Zudem soll die NATO nur so lange Grundlage deutscher Sicherheit bleiben, bis ein eigenständiges europäisches Militärbündnis handlungsfähig ist.
Hier entsteht eine strategische Spannung: Militärische Stärke soll wachsen, während politische Geschlossenheit gegenüber einem Russland geschwächt würde, das einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Eine erneute starke Abhängigkeit von russischer Energie könnte wirtschaftlichen Druck wieder zu einem sicherheitspolitischen Instrument machen. Verteidigung besteht nicht nur aus Soldaten und Waffen. Sie besteht auch aus verlässlichen Bündnissen, unabhängiger Energieversorgung, widerstandsfähiger Infrastruktur, Nachrichtendiensten und Schutz vor Desinformation.
Warum digitale Einflussnahme und hybride Angriffe nicht als bloßer Meinungskampf verharmlost werden dürfen, erläutert der Beitrag Hybrider Krieg und Desinformation.
Bildung: Richtige Fragen, aber eine verengte Vorstellung von Freiheit
Mehr Grundkompetenzen, bessere berufliche Bildung, eine Stärkung der Ausbildungsreife, kleinere Klassen und ein bewusster statt modischer Umgang mit Digitalisierung sind diskussionswürdige Ziele des Programms. Auch die Kritik an Unterrichtsausfall und sinkenden Leistungsstandards darf nicht reflexhaft abgewertet werden.
Problematisch wird es dort, wo aus notwendiger Leistungsorientierung gesellschaftliche Verengung entsteht. Die AfD will die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzen und damit häuslichen Unterricht erleichtern. Förderschulen sollen für Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf wieder zum Regelfall werden. Politische und sexualpädagogische Bildung beschreibt das Programm teilweise mit pauschalen Ideologiebegriffen.
Das kann gemeinsame Lernräume verkleinern und die soziale, religiöse oder weltanschauliche Abschottung von Kindern erleichtern. Schule vermittelt nicht nur Mathematik und Sprache. Sie ist ein Ort, an dem Kinder außerhalb ihres Elternhauses Verschiedenheit erfahren, Konflikte austragen und demokratische Regeln lernen. Freiheit der Eltern ist wichtig; ebenso wichtig sind das eigenständige Recht des Kindes auf Bildung, Teilhabe und eine offene Welt.
Ein weiterer Widerspruch betrifft die Wissenschaft. Das Programm beruft sich auf Forschungsfreiheit, weist zentrale Erkenntnisse der Klimaforschung aber politisch pauschal zurück. Wissenschaft ist nicht unfehlbar. Doch wissenschaftliche Freiheit bedeutet, Befunde methodisch zu prüfen – nicht, unliebsame Ergebnisse durch Parteiprogramm zu erledigen.
Demokratie und Rechtsstaat: Was tatsächlich im Programm steht – und worin die Gefahr liegt
Eine glaubwürdige Kritik darf der AfD nichts unterschieben. Das Bundeswahlprogramm fordert nicht ausdrücklich, das Bundesverfassungsgericht zu entmachten. Im Gegenteil: Es schlägt Änderungen bei der Richterauswahl vor, die den Einfluss der Parteien verringern sollen. Auch die Abschaffung des Bundesamtes für Verfassungsschutz steht nicht im Programm. Gefordert wird eine „grundlegende Reform“, weil die Partei den Dienst als politisch missbraucht betrachtet.
Außerhalb des Bundesprogramms greifen führende AfD-Politiker den Verfassungsschutz allerdings wiederholt als politisch gelenktes Instrument an und fordern weitreichende Umstrukturierungen. Solche Aussagen müssen jeweils ihrem konkreten Urheber und Kontext zugeordnet werden. Pauschale Falschbehauptungen würden nur die berechtigte Kritik schwächen.
Die demokratische Gefahr liegt tiefer als in einem einzelnen Satz. Sie liegt in einem wiederkehrenden Muster: Unabhängige Medien werden als versagende oder gesteuerte Macht beschrieben, zivilgesellschaftliche Organisationen unter Generalverdacht gestellt, pluralistische Bildungsarbeit als Indoktrination abgewertet und staatliche Kontrollorgane als Werkzeuge politischer Gegner delegitimiert. Wer jede Gegenmacht als Teil eines feindlichen Systems darstellt, bereitet kulturell den Boden dafür, Kontrolle nicht mehr als Schutz, sondern als illegitime Behinderung der eigenen Macht zu behandeln.
Auch der aktuelle Rechtsstatus verlangt Genauigkeit. Das Verwaltungsgericht Köln untersagte dem Bundesamt für Verfassungsschutz im Februar 2026 vorläufig, die Bundes-AfD bis zur Entscheidung im Hauptsacheverfahren als „gesichert rechtsextremistisch“ zu behandeln. Das Gericht sah im Eilverfahren einen starken Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen innerhalb der Partei, aber keine hinreichende Prägung der Gesamtpartei für diese höhere Einstufung. Die Beobachtung als Verdachtsfall bleibt möglich. Beides gehört zur Wahrheit.
Demokratie wird nicht erst beschädigt, wenn ein Gericht geschlossen oder eine Verfassung aufgehoben wird. Sie wird geschwächt, wenn Millionen Menschen lernen sollen, Gerichte, freie Medien, Wissenschaft und Kontrolle grundsätzlich nur noch als Feinde des „wahren Volkes“ zu sehen. Wie Rechtsstaatlichkeit schleichend unter Druck geraten kann, zeigt der Beitrag Kaputte Demokratie: USA als Warnsignal für Europa.
Das historische Muster: Wie antidemokratische Ideen gesellschaftsfähig werden

Historische Vergleiche verlangen Disziplin. Die AfD ist nicht die NSDAP, die Bundesrepublik ist nicht die Weimarer Republik, Trump ist nicht Mussolini und eine heutige Wahlentscheidung führt nicht automatisch in eine Diktatur. Wer alles gleichsetzt, verharmlost die historischen Verbrechen und ersetzt Analyse durch Alarmismus.
Doch aus der Ablehnung falscher Gleichsetzungen darf keine historische Blindheit werden. Geschichte wiederholt sich nicht identisch. Bestimmte politische Mechanismen kehren dennoch wieder: reale Krisen und Kränkungen, die Erfindung eines homogenen „wahren Volkes“, die Markierung innerer Feinde, die Verachtung pluralistischer Aushandlung, das Versprechen nationaler Wiedergeburt und die Hoffnung konservativer Kräfte, Radikale für die eigenen Ziele benutzen oder einhegen zu können.
Die völkische Bewegung und die Deutschnationalen der 1920er-Jahre
Die völkische Bewegung wuchs nicht nur in ungebildeten Randmilieus. Nach Darstellung des Deutschen Historischen Museums gewann sie während und nach dem Ersten Weltkrieg erheblich an Anhängerschaft, auch im Mittelstand und Bildungsbürgertum. Ihr Kern bestand aus aggressivem Nationalismus, Antisemitismus, rassischer Abgrenzung und der Vorstellung, die Nation könne nur aus Menschen „deutschen Blutes“ bestehen.
Die Deutschnationale Volkspartei war nicht mit der späteren NSDAP identisch. Sie vereinte Monarchisten, nationale Konservative, wirtschaftliche Eliten und einen einflussreichen völkischen Flügel. Sie bekämpfte die parlamentarische Republik, beteiligte sich zeitweise dennoch an Regierungen und vermittelte dadurch zwischen bürgerlicher Gesellschaft und radikaler Rechter. Unter Alfred Hugenberg verschärfte sie ihren antirepublikanischen Kurs, kooperierte mit Hitler und trug schließlich zu dessen Ernennung zum Reichskanzler bei. Das Deutsche Historische Museum bezeichnet ihre letzte Rolle als die eines „Steigbügelhalters“ der Nationalsozialisten.
Die historische Warnung liegt nicht in einer Gleichung AfD gleich DNVP oder NSDAP. Sie liegt in einem Mechanismus: Radikale Bewegungen werden nicht automatisch harmloser, wenn nationalkonservative, wirtschaftsliberale oder bürgerlich auftretende Kräfte mit ihnen kooperieren. Häufig erhält die radikale Idee dadurch erst Zugang zu Milieus und Institutionen, die sie allein nicht erreicht hätte.
Mussolini: Der autoritäre Umbau kam nicht in einem einzigen Schritt
Der italienische Faschismus verband extremen Nationalismus, Führerkult, Gewalt und die Unterordnung des Einzelnen unter eine vermeintlich geschlossene nationale Gemeinschaft. Mussolini kam 1922 nicht durch einen vollständigen militärischen Sieg an die Regierung, sondern wurde nach dem inszenierten „Marsch auf Rom“ vom König zum Ministerpräsidenten ernannt. Danach wurden demokratische Institutionen, Parteien, Justiz, Bürgerrechte und Pressefreiheit schrittweise ausgeschaltet.
Das ist ein entscheidender historischer Bezugspunkt: Autoritäre Systeme erscheinen nicht immer zuerst als fertige Diktatur. Sie können als Versprechen von Ordnung, nationaler Größe, entschlossener Führung und dem Ende angeblich lähmender Konflikte beginnen. Institutionen werden dabei nicht zwingend sofort abgeschafft. Sie werden zunächst umgedeutet, personell abhängig gemacht oder als Hindernisse des Volkswillens dargestellt.
Trump und die moderne Inszenierung der einfachen Antwort
Donald Trump steht in einem anderen historischen und institutionellen Kontext. Auch hier verbietet sich eine Gleichsetzung mit dem europäischen Faschismus. Seine politische Wirkung zeigt jedoch, wie erfolgreich die Inszenierung permanenter Krise sein kann: Das Land werde betrogen, innere Gegner zerstörten die Nation, nur eine starke Führung könne Ordnung und Größe zurückbringen.
Die Populismusforschung beschreibt diesen Mechanismus als „Aufführung“ von Krise. Politische Akteure dramatisieren Versagen, teilen die Gesellschaft in das wahre Volk und einen gefährlichen Gegner, vereinfachen die politische Wirklichkeit und präsentieren starke Führung als schnelle Lösung. Eine politikwissenschaftliche Analyse dieses Krisen-Populismus zeigt: Populisten profitieren nicht nur von Krisen. Sie erzeugen und verlängern das Krisengefühl, weil es ihren Machtanspruch plausibel macht.
Einfache Sprache ist dabei nicht automatisch demagogisch. Demokratie muss verständlich sprechen. Gefährlich wird Vereinfachung, wenn sie Ursachen durch Schuldige ersetzt, Kompromiss als Verrat behandelt und jede überprüfbare Widerlegung zum Beweis einer feindlichen Verschwörung erklärt.
Faschismus ist ein analytischer Begriff – kein beliebiges Schimpfwort
Faschismus bezeichnet nicht einfach eine harte, rechte oder unangenehme Politik. Zu seinen historischen Merkmalen gehören extremer Nationalismus, Antiliberalismus, autoritäre Führung, die Unterordnung des Individuums unter ein homogen gedachtes Kollektiv, Feindbilder und die Ausschaltung pluralistischer Gegenmacht. Nicht jede AfD-Forderung erfüllt diese Merkmale, und die gesamte Partei kann publizistisch nicht ohne Differenzierung mit diesem Begriff belegt werden.
In Teilen der Partei sind jedoch Elemente dieser Denkform erkennbar: die Vorstellung eines kulturell „echten“ Volkes, die Abwertung pluralistischer Zivilgesellschaft, die Rede von nationaler Heilung, die systematische Delegitimierung unabhängiger Institutionen und die Einteilung von Bürgern nach ihrem vermeintlichen Deutschtum. Diese Elemente müssen als mögliche faschistische Dynamik untersucht werden, bevor Macht sie verstärkt – nicht erst danach.
„Mein Kampf“ und die Pflicht, Absichten vor der Macht zu lesen
Der Hinweis auf Hitlers „Mein Kampf“ bleibt historisch sensibel. Die Bundeszentrale für politische Bildung erinnert daran, dass viele Zeitgenossen Hitler und die dort formulierten programmatischen Absichten nicht ernst genug nahmen. Daraus folgt keine Gleichsetzung der AfD mit dem Nationalsozialismus. Daraus folgt eine demokratische Sorgfaltsregel: Lies, was eine Partei ankündigt. Prüfe ihre Begriffe, ihre Menschenbilder und die Folgen ihrer Vorhaben. Warte nicht, bis Macht aus Worten Wirklichkeit macht.
Das gilt für jede Partei. Bei einer Partei, in der einflussreiche Kräfte nationale Zugehörigkeit kulturell hierarchisieren und deren Programm Euro-Austritt, fundamentalen EU-Umbau, Rücknahme der Klimapolitik und weitreichende Neuordnung des Sozialstaates vorsieht, ist diese Prüfung keine Panikmache. Sie ist politische Verantwortung.
Der spirituelle Kern: Gehörtwerden ist eine Frage der Würde
Ein Mensch, der nicht gehört wird, erlebt mehr als politische Frustration. Er erlebt einen Verlust von Beziehung. Seine Erfahrung scheint im gemeinsamen Raum nicht mehr vorzukommen. Gebrochene Versprechen verletzen deshalb nicht nur Vertrauen in Maßnahmen. Sie verletzen das Gefühl, Teil eines verlässlichen Ganzen zu sein.
Spirituell betrachtet beginnt Politik bei der Anerkennung dieser Würde. Ein Staat ohne Empathie wird zum Apparat. Eine Politik ohne Wahrhaftigkeit wird zur Manipulation. Eine Gesellschaft ohne Selbstprüfung verwandelt Angst leicht in Härte gegen andere.
Doch Mitgefühl ist unteilbar. Es gilt dem Rentner, der jede Rechnung umdreht. Der Unternehmerin, die in Vorschriften erstickt. Der Pflegerin, die keine Zeit mehr für Menschen hat. Dem Jugendlichen, der kein bezahlbares Zuhause findet. Es gilt ebenso dem geflüchteten Kind, dem muslimischen Nachbarn, der jüdischen Familie, dem Menschen mit Behinderung und den Generationen, die die ökologischen und finanziellen Folgen heutiger Entscheidungen tragen.
Eine Politik, die den einen Würde verspricht, indem sie die Würde anderer relativiert, heilt keine gesellschaftliche Wunde. Sie verschiebt den Schmerz auf Schwächere. Genau darin liegen menschenfeindliche Folgen – auch dann, wenn nicht jeder Wähler sie beabsichtigt.
Spirituelle Verantwortung ist deshalb keine wohlklingende Neutralität. Sie fordert eine klare Grenze gegen Entmenschlichung, Lüge und Machtmissbrauch. Zugleich verbietet sie die Verachtung der Menschen, die aus Frust, Angst oder Enttäuschung AfD wählen. Wer sie nur beschimpft, bestätigt ihr Gefühl des Nichtgehörtwerdens. Wer ihr politisches Angebot nicht klar widerlegt, lässt sie mit einem gefährlichen Versprechen allein.
Weitere Perspektiven auf Ethik, Macht und gesellschaftliche Verantwortung bündelt die Themenseite Spiritualität und Gesellschaft.
Ein Beitrag mit europäischem Herzen: Europa reformieren, nicht zerlegen
Europa ist nicht unschuldig an der Entfremdung. Entscheidungen wirken fern, Verfahren sind kompliziert, Zuständigkeiten unklar. Lobbyeinfluss, Regelungsdichte und demokratische Distanz müssen kritisiert und verändert werden. Ein europäisches Herz ist nicht blind für die Fehler der Europäischen Union.
Aber Europa ist mehr als Brüssel. Es ist die historische Entscheidung, Konflikte zwischen Nachbarn nicht mehr mit Gewalt, sondern mit Recht, Verhandlung und gegenseitiger Abhängigkeit zu bearbeiten. Es ist ein gemeinsamer Raum für Arbeit, Bildung, Wissenschaft, Handel, Kultur und Schutz. Es ist die Einsicht, dass Freiheit im 21. Jahrhundert nicht durch einsame Nationalstaaten gesichert wird, sondern durch handlungsfähige Zusammenarbeit.
Wer diese Ordnung fundamental zurückbaut, riskiert nicht nur Wohlstand. Er riskiert die politische Fähigkeit Europas, Frieden zu schützen, technologische Standards zu setzen, Klima- und Sicherheitskrisen zu bewältigen und gegenüber autoritären Großmächten eigenständig zu handeln.
Europa braucht Reform, Nähe und demokratische Erneuerung. Es braucht keine Heiligsprechung der EU. Aber die Antwort auf ein unvollkommenes gemeinsames Haus kann nicht sein, tragende Wände einzureißen, bevor eine belastbare Alternative steht.
Fazit: Es geht um Deutschlands Zukunftsfähigkeit
Die Gründe für den Erfolg der AfD sind vielfältig. Dazu gehören gebrochene Versprechen, soziale Unsicherheit, Kontrollverlust, überforderte Kommunen, eine unter Druck geratene Daseinsvorsorge, eine oft unverständliche Bürokratie und das Gefühl, politisch nicht mehr vorzukommen. Dazu gehören aber auch Nationalismus, Rassismus, der Wunsch nach autoritärer Ordnung und bei einem Teil der Anhängerschaft bewusst völkische oder faschistische Überzeugungen. Wer alles nur mit „Protest“ erklärt, verharmlost die ideologische Zustimmung. Wer alle Wähler zu Faschisten erklärt, verweigert die notwendige Differenzierung.
Doch gerade die ernsthafte Prüfung des AfD-Programms führt zu einem klaren Urteil. Die Kombination aus Euro-Austritt, fundamentaler Rückabwicklung europäischer Integration, großen ungeklärten Einnahmeausfällen, radikaler Abkehr von Klimapolitik, sozialer Unterscheidung nach Staatsangehörigkeit und fortgesetzter Delegitimierung demokratischer Gegenkräfte ist politisch verantwortungslos. Sie kann wirtschaftlichen Abstieg, schwächere soziale Sicherung, größere außenpolitische Abhängigkeit und eine härtere, misstrauischere Gesellschaft begünstigen.
Das ist keine Verunglimpfung. Es ist eine Folgenabschätzung. Nicht jede negative Wirkung ist sicher, nicht jede Forderung ist falsch und nicht jeder AfD-Wähler teilt jede Absicht der Partei. Aber wer Macht beansprucht, muss an der Gesamtheit seines Programms, seiner politischen Sprache und seiner einflussreichen Strömungen gemessen werden.
Die demokratische Antwort muss daher zweifach sein: klare Abgrenzung gegen menschenfeindliche und demokratiegefährdende Politik – und ebenso klare Selbstkorrektur. Die soziale Marktwirtschaft muss wieder als Fairness erlebt werden. Der Generationenvertrag braucht eine ehrliche Finanzierung. Behörden müssen erreichbar und lernfähig werden. Migration muss rechtsstaatlich gesteuert werden. Europa muss demokratischer, handlungsfähiger und verständlicher werden.
Wer sich nicht gehört fühlt, braucht eine Stimme. Aber er braucht auch Wahrheit über die Folgen seiner Wahl. Deutschland kann soziale Marktwirtschaft, Demokratie, ökologische Verantwortung, Sicherheit und europäische Zusammenarbeit nur erhalten, wenn es seine realen Versäumnisse korrigiert, ohne einem völkischen Machtprojekt seine offene Gesellschaft zu opfern.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Höcke, Weidel, Chrupalla oder ein vermeintlich bürgerlicher Parteiflügel den inneren Machtkampf gewinnt. Sie lautet: Welche Vorstellung Deutschlands setzt sich durch – die Republik gleichberechtigter Bürger oder die Nation, in der politische Akteure bestimmen, wer kulturell dazugehört?
Davon hängt mehr ab als die nächste Regierung. Davon hängt Deutschlands Zukunftsfähigkeit ab.
Häufige Fragen zum AfD-Programm und seinen Folgen
Würde die AfD ihre eigenen Wähler wirtschaftlich belasten?
Das lässt sich nicht mit Gewissheit vorhersagen. Mehrere Modellrechnungen zeigen jedoch, dass hohe Einkommen von zentralen Steuerplänen besonders stark profitieren und dass ein Bruch mit Euro, EU-Binnenmarkt und Zuwanderung gerade strukturschwache Regionen erheblich treffen könnte. Modelle sind Szenarien, aber die darin sichtbaren Risiken sind substanziell.
Fordert die AfD im Wahlprogramm den Austritt aus der EU?
Das Bundestagswahlprogramm 2025 fordert keinen ausdrücklichen Dexit. Es will die bestehende EU jedoch durch einen „Bund europäischer Nationen“ ersetzen. Wie dieser Übergang ohne Verlust zentraler Rechte, Regeln und wirtschaftlicher Integration gelingen soll, bleibt unklar. Den Austritt Deutschlands aus dem Euro-System fordert das Programm ausdrücklich.
Will die AfD den Verfassungsschutz oder das Bundesverfassungsgericht abschaffen?
Im Bundestagswahlprogramm 2025 steht beides nicht. Der Verfassungsschutz soll „grundlegend reformiert“ werden; bei der Auswahl von Verfassungsrichtern will die Partei den Parteieneinfluss verringern. Weitergehende Aussagen einzelner Funktionäre müssen gesondert belegt werden. Kritisch bleibt das breitere Muster, unabhängige Kontrollinstanzen als politisch gesteuerte Gegner darzustellen.
Ist Kritik an Migration oder EU undemokratisch?
Nein. Demokratische Politik braucht offene Kritik an Migration, EU-Regeln, Bürokratie und Regierungshandeln. Die Grenze liegt dort, wo Menschenwürde relativiert, Gruppen pauschal zu Gefahren erklärt oder demokratische Kontrollorgane grundsätzlich delegitimiert werden.
Was ist der spirituelle Bezug dieser Analyse?
Spiritualität bedeutet hier keine Parteipolitik und keine Flucht ins Private. Sie bedeutet Wahrhaftigkeit, Selbstprüfung, Mitgefühl und Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns. Sie nimmt die Verletzung enttäuschter Bürger ernst, ohne zuzulassen, dass deren Schmerz gegen die Würde anderer ausgespielt wird.
31.08.2026
Uwe Taschow
Über den Autor Uwe Taschow
Als Autor denke ich über das Leben nach. Eigene Geschichten sagen mir wer ich bin, aber auch wer ich sein kann. Ich ringe dem Leben Erkenntnisse ab um zu gestalten, Wahrheiten zu erkennen für die es sich lohnt zu schreiben.
Das ist einer der Gründe warum ich als Mitherausgeber des online Magazins Spirit Online arbeite.
“Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.”
Albert Einstein



