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Eine neue Grundeinstellung dem Leben gegenüber: Vergebung statt Verurteilung

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Wie unsere innere Haltung Beziehungen verändert

Eine neue Grundeinstellung dem Leben gegenüber beginnt für mich mit Vergebung. In jedem Moment meines Lebens entscheide ich neu darüber, ob ich die Menschen in meiner näheren Umgebung wertschätze oder verurteile. Ist mein Nächster für mich Freund oder Feind? Beides scheint mir zunächst freizustehen. Oft geschieht diese Einordnung jedoch beinahe automatisch: Ich stecke einen Menschen eher unbewusst in die eine oder andere Schublade.

Jeder hat bestimmte Vorlieben und andererseits auch gewisse Abneigungen. Das ist wohl ganz normal. Oder etwa nicht? Entscheidend ist, ob ich meine erste Reaktion für die ganze Wahrheit halte oder bereit bin, meine innere Haltung noch einmal zu betrachten.

Die Weise, in der ich mein Umfeld sehe und beobachte, beeinflusst meine Wahrnehmung, mein Verhalten und damit auch meine Beziehungen stärker, als mir die meiste Zeit bewusst ist. Der Physiker John Archibald Wheeler machte mit seinen Gedankenexperimenten zur verzögerten Wahl deutlich, dass der gewählte Versuchsaufbau mitentscheidet, welche Eigenschaft eines Quantensystems gemessen werden kann. Daraus folgt allerdings nicht, dass menschliche Gedanken äußere Ereignisse nach Belieben erzeugen. Für mein Thema ist vielmehr die Analogie wichtig: Im Alltag bemerke und deute ich leichter das, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte und was ich bereits erwarte.

Ganz allgemein möchte ich daraus schlussfolgern:

Ich sehe und beobachte häufig genau das, wovon ich ausgehe und was ich erwarte.

Der unscheinbare Vorgang des Beobachtens hat damit etwas sehr Weitreichendes. Gedanken sind nicht allmächtig. Doch sie lenken Aufmerksamkeit, prägen Worte und beeinflussen Handlungen. Eine in unterschiedlichen Fassungen verbreitete Lebensweisheit beschreibt diesen Zusammenhang so:

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er prägt dein Schicksal.

Auch mystische und hermetische Traditionen bringen den Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Welt mit dem Satz „Wie innen, so außen“ zum Ausdruck. Für mich bedeutet er nicht, dass jedes äußere Ereignis im Inneren verursacht wurde. Er erinnert mich vielmehr daran, dass meine Haltung mitbestimmt, wie ich einer Situation begegne und was ich aus ihr entstehen lasse.

Was eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirklich bewirkt

Grundeinstellung dem Leben gegenüber Sonnenaufgang

Im Alltag lässt sich ein Teil dieses Einflusses als self-fulfilling prophecy bezeichnen, also als sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wer in einer Begegnung fest mit Ablehnung rechnet, verhält sich möglicherweise verschlossen, gereizt oder abweisend. Das Gegenüber reagiert darauf mit Distanz, und am Ende scheint sich die ursprüngliche Erwartung zu bestätigen.

Das bedeutet nicht, dass Ängste einen Einbruch, eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag verursachen. Erwartungen wirken vor allem dort, wo sie unsere Wahrnehmung, unsere Entscheidungen und das Verhalten anderer Menschen beeinflussen können. Diese Grenze ist wichtig, damit aus Selbstverantwortung keine Selbstbeschuldigung wird.

Wie mein Grundlebensgefühl auf meine Umgebung wirkt

Mein Unterbewusstsein hört bei dem, was ich denke und sage, immer gut zu. Es verstärkt, was ich mir selbst wiederholt über mein Leben mitteile. Etwa: „Immer geschieht mir so etwas Dummes. Ich habe einfach kein Glück.“

In meinem Buch Fühle mit dem Herzen erkläre ich genauer, wie Worte Gewohnheiten und Charakter mitformen können. Menschen, die fortwährend kundtun, wie schlecht es ihnen geht und wie übel das Leben ihnen mitspielt, wirken damit auf sich selbst und natürlich auch auf ihre Mitmenschen.

Bob, der allen Freunden immer wieder erzählt, wie schlecht es ihm geht, erhält mit der Zeit den Spitznamen „armer Bob“. Vielleicht heißt es bald: „Bob, der immer nur jammert“ oder „Bob, der immer Pech hat“. Seine Freunde erwarten gemeinsam mit ihm schon die nächste Katastrophe. Bob verstärkt durch seine Worte das Bild, das andere von ihm haben. Und die Menschen in seiner Umgebung wirken mit diesem Bild wiederum auf ihn zurück.

In spirituellen Zusammenhängen wird eine solche Wechselwirkung häufig mit dem Resonanzgesetz beschrieben. Psychologisch lässt sich nüchterner sagen: Erwartungen beeinflussen Aufmerksamkeit, Kommunikation und Reaktionen. Die spirituelle Deutung geht darüber hinaus; sie ist eine Deutung und kein naturwissenschaftlich bewiesenes Gesetz.

Ob ich im anderen einen Freund oder einen Feind sehe

Wenn ich einen Menschen ständig als „arm“ betrachte, hat dies eine Wirkung auf ihn. Ähnliches gilt, wenn ich ihn als kaltherzig, gemein oder grundsätzlich als meinen Feind bezeichne. Der andere wird meine Ablehnung häufig spüren und entsprechend reagieren. So kann ein Teufelskreis entstehen.

Zu meinem großen Glück kann ich dieses Prinzip auch zum Guten einsetzen. Ein Mensch, mit dem ich im Streit liege, wird möglicherweise ebenfalls spüren, wenn ich innerlich wieder zum Frieden mit ihm finde. Thomas von Kempen brachte diesen Gedanken sinngemäß auf den Punkt:

Schaffe zuerst Frieden in dir selbst. Dann kannst du ihn auch zu anderen bringen.

Hoʻoponopono: Vergebung und Wiederherstellung von Beziehungen

Ein Weg, auf dem Menschen zu Ruhe und innerer Ausgeglichenheit finden können, ist das hawaiianische Versöhnungsverfahren Hoʻoponopono. Ich habe die Freude, einer der Wegbereiter moderner Formen dieser Methode im deutschsprachigen Raum gewesen zu sein.

Der Begriff Hoʻoponopono wird sinngemäß mit „etwas richtigstellen“ oder „wieder in Ordnung bringen“ übersetzt. In der hawaiianischen Tradition diente die Praxis vor allem dazu, Konflikte innerhalb von Familien und Gemeinschaften durch Gespräch, Verantwortungsübernahme, Eingeständnis, Vergebung und Versöhnung zu klären. Die University of Hawaiʻi beschreibt Hoʻoponopono entsprechend als ein respektvolles Verfahren zur Bearbeitung von Streit und Konflikten.

Moderne individuelle Formen unterscheiden sich von diesem gemeinschaftlichen Ritual. In ihnen tue ich etwas mit mir, um wieder zu meiner inneren Harmonie zurückzufinden. Der Frieden, der dabei entsteht, kann sich dann auch in meiner Umwelt zeigen: in meiner Stimme, meinem Blick, meinen Entscheidungen und meiner Bereitschaft, den anderen neu zu sehen.

Die überlieferte Praxis nimmt ernst, dass kleine Streitigkeiten und Missverständnisse wachsen können, wenn niemand bereit ist, sie anzusprechen. Darum ist es sinnvoll, nicht endlos mit der Klärung zu warten. Vergebung bedeutet dabei nicht, Unrecht zu leugnen. Sie kann vielmehr verhindern, dass Groll dauerhaft die Beziehung zu mir selbst und zu anderen bestimmt. Wer diesen Unterschied vertiefen möchte, findet ihn im Beitrag über spirituelle Vergebung.

Vergebung beginnt mit dem eigenen Anteil

Nach dem spirituellen Prinzip „Wie innen, so außen“ frage ich mich zunächst, was mein Blick auf einen Konflikt mit mir selbst zu tun hat. Vielleicht bin ich verletzt, voller Angst oder nicht im Reinen mit einer Entscheidung. Dann fällt es mir schwerer, die Menschlichkeit oder, spirituell gesprochen, die Göttlichkeit im anderen zu erkennen.

Das heißt nicht, dass jeder äußere Konflikt allein mein inneres Problem spiegelt. Menschen können täuschen, Grenzen verletzen und Unrecht tun. Ich bin nicht für ihre Handlungen verantwortlich. Wohl aber kann ich prüfen, welchen Anteil ich selbst beeinflussen kann: meine Reaktion, meine Entscheidungen, meine Grenzen und die Frage, ob ich am Groll festhalte.

Wie das klassische Hoʻoponopono und das Hoppen arbeiten

Im klassischen Hoʻoponopono begleitet traditionell eine kundige Person den gemeinsamen Prozess. Belastende Gedanken und unausgesprochene Konflikte werden benannt, Verantwortung wird übernommen, und die Beteiligten suchen einen Weg zur Versöhnung. In meiner persönlichen spirituellen Praxis verbinde ich mich dabei mit Gott und bitte um Heilung. Ich öffne mein Herz für den Menschen, den ich als feindselig bewertet habe, ohne deshalb notwendige Grenzen aufzugeben.

Um eine verwandte Methode im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen, habe ich 2009 daraus das „Hoppen“ abgeleitet. Hierbei verbinde ich mich mit der Liebe in meinem Herzen, fühle sie und übergebe ihr mein Problem. Ich bitte diese Liebe, jenen Teil in mir zu heilen, der mit dem äußeren Konflikt in Beziehung steht.

Viele Menschen haben nach meiner Erfahrung Streit und Reibereien auf diese Weise leichter klären können. Ganz nebenbei fanden sie zu mehr Gelassenheit, Ruhe und Frieden in sich zurück.

Probleme verantwortlich betrachten, ohne sich schuldig zu machen

Probleme – kleine wie große – können sich verändern, wenn wir erkennen, was wir selbst zu ihrer Lösung beitragen können. Das, was ich draußen beobachte, hat immer auch mit meinem Blickwinkel zu tun. Was ich dabei gern vergesse:

Ich selbst bin die einzige Person, die an allen Ereignissen meines Lebens beteiligt ist.

Das ist eine Aussage über meine Beteiligung, nicht über meine Schuld. Sie darf niemals dazu verwendet werden, Opfer von Gewalt, Krankheit oder Ungerechtigkeit für ihr Leid verantwortlich zu machen. Innere Arbeit ersetzt weder Schutz noch Hilfe, Wiedergutmachung oder gesellschaftliche Verantwortung.

Hoʻoponopono wie auch das Hoppen setzen dort an, wo mein eigener Handlungsspielraum beginnt. Wir kehren vor unserer eigenen Tür. Wir übernehmen Verantwortung für das, was wir denken, sagen und tun, und können aufhören, ausschließlich anderen Menschen die Schuld für jedes Problem zuzuschieben. Um die Welt zu verändern, beginnen wir bei uns selbst – und bleiben zugleich wach für das, was im Außen verändert werden muss.

Goethe formulierte diesen Gedanken sinngemäß: Wenn wir Menschen nur nehmen, wie sie sind, machen wir sie schlechter. Wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, helfen wir ihnen, das zu werden, was sie sein können.

Dieser Beitrag enthält behutsam redigierte Auszüge aus dem 2017 erschienenen Buch von Dr. Manfred Mohr „In 30 Tagen Hoppen lernen – ein Kurs in (Selbst-)Vergebung“.

cover mohr-hoppen-lernenDieser Artikel enthält Auszüge aus dem neuen Buch von Manfred Mohr „In 30 Tagen Hoppen lernen- ein Kurs in (Selbst-)Vergebung“.

19. Januar 2017
Dr. Manfred Mohr
Autor und Seminarleiter.
www.manfredmohr.de

Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online

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Dr. Manfred Mohr

Grundeinstellung dem Leben gegenüber Sonnenaufgang

ist promovierter Chemiker und arbeitete lange Zeit in beratender Tätigkeit für die Wirtschaft. Heute ist er als Autor und Seminarleiter tätig. Sein erfolgreichstes Buch, das Wunder der Selbstliebe, machte ihn auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Mittlerweile sind weit über eine Viertelmillion Bücher von ihm auf dem Markt, die sich um die Themen Selbstliebe, Vergebung und Wunscherfüllung drehen. Mohr war mit der im Oktober 2010 verstorbenen Bestsellerautorin Bärbel Mohr verheiratet und lebt mit ihren gemeinsamen Zwillingen in der Nähe von München. Er führt ihr geistiges Erbe weiter.

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