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Francis Acharya: Kontemplation und gelebter Dialog in Indien

Zwei Männer ernten Blattgemüse in einem Garten vor grünen Hügeln.

Francis Acharya und sein Weg nach Kurisumala

Francis Acharya (1912–2002) verband christliches Mönchtum mit der spirituellen Kultur Indiens. Im Kurisumala Ashram in Kerala gehörten Gebet, Arbeit und die Begegnung religiöser Traditionen zusammen. Roland R. Ropers erinnert sich an seinen Besuch im April 1991.

Kontemplation als Erkenntnis der Gottesebenbildlichkeit

Für Francis Acharya führte der Weg des Glaubens vom gehörten Wort zur eigenen Erfahrung. In der Übersetzung von Roland R. Ropers beschreibt er seinen christlichen Zugang zur Kontemplation:

Wir erfahren von Gott zuerst durch das Wort: durch die gemeinsamen Gebete mit der Mutter, die Erzählungen des Vaters, den Gottesdienst des Priesters und Pastors, den Unterricht über das Wort Gottes in der Schule. Zuerst hören wir von Gott durch das Wort, danach erst können wir versuchen, ihn in der Natur, unter den Mitmenschen, in uns selbst, in seiner Schöpfung zu erfahren. Bloßes Hinhören und vernunftmäßiges Erfassen des Wortes genügt nicht, um es anzuwenden, in uns wirksam zu machen. Das Gehörte muss tiefer integriert werden. Ist der Verstand überzeugt, besitzt das Herz den Mut und die Ausdauer weiterzugehen zur Kontemplation. Die Kontemplation ist ein Vorgeschmack unserer Erlösung. Für uns Christen bedeutet Kontemplation, unsere göttliche Ebenbildlichkeit zu erkennen. Die Frucht der Kontemplation ist ein neues Leben. Der Heilige Geist gießt darin die Liebe Gottes in unsere Herzen aus. In diesem neuen Leben ist jede Wahrnehmung, jede Erfahrung bereits Kontemplation. Aus tausend Richtungen kommen alltägliche Ereignisse, mitmenschliche und innermenschliche Spannungen, Sorgen, Konflikte, Erfahrungen der Freude, Erlebnisse des Erfolgs und der Bestätigung auf uns zu. Sie werden in die Kontemplation hineingenommen und in ihr verwandelt…

Francis Acharya · Übersetzung: Roland R. Ropers

Von Belgien nach Indien

Buchcover Kurisumala: Francis Mahieu Acharya von Marthe Mahieu-De Praetere.
Buchcover: Kurisumala – Francis Mahieu Acharya, Marthe Mahieu-De Praetere

Francis Acharya wurde am 17. Januar 1912 in Ypern in Belgien geboren. Während seiner Studienzeit in England beeindruckte ihn 1931 der Londonbesuch Mahatma Gandhis. 1935 trat er in die belgische Trappistenabtei Notre-Dame de Scourmont ein. Als Ordensnamen wählte er Francis, nach Franziskus von Assisi.

Nach theologischen Studien in Rom und Löwen wurde er 1941 zum Priester geweiht. Später wirkte er als Novizenmeister. Der Wunsch, sein monastisches Leben in Indien fortzusetzen, begleitete ihn über Jahre. 1955 reiste er dorthin.

In Indien begegnete er Henri Le Saux, der unter dem Namen Swami Abhishiktananda bekannt wurde. Rund ein Jahr verbrachte Francis im südindischen Shantivanam-Ashram. Auch der englische Benediktiner Bede Griffiths gehörte zu den Weggefährten, mit denen er die Begegnung christlicher und indischer Spiritualität suchte.

Kurisumala: christliches Mönchtum in indischer Lebensform

Die Anfänge der neuen Gemeinschaft in Tiruvalla reichen in das Jahr 1956 zurück. 1958 ließen sich Francis Mahieu und Bede Griffiths mit ihrer Gemeinschaft in der Berglandschaft von Kurisumala in Kerala nieder.

1968 nahm Francis die indische Staatsbürgerschaft an und wurde als Francis Acharya bekannt. Acharya bedeutet Lehrer beziehungsweise geistlicher Lehrer. Der Begriff lässt sich nicht auf einen Lehrer der Veden beschränken.

Die Gemeinschaft verband christliche klösterliche Überlieferung, die Liturgie der syro-malankarischen katholischen Kirche und indische Lebensformen. Inkulturation bezeichnet hier das Bemühen, den christlichen Glauben in der Kultur des Landes heimisch werden zu lassen. Ökumene meint die Begegnung christlicher Kirchen; der interreligiöse Dialog führt darüber hinaus in das Gespräch mit anderen Religionen.

Ein verwandter Weggefährte war Bede Griffiths mit seiner Vision einer Begegnung von Ost und West.

Meine Begegnung mit Father Francis im April 1991

Im April 1991 besuchte ich Father Francis in Kerala. Zur wirtschaftlichen Grundlage des Ashrams gehörte eine bemerkenswerte Milchviehzucht, von der die damals rund zwanzig Mönche leben konnten. Gebet und Arbeit waren dort eng miteinander verbunden.

Ökumene, Inkulturation und interreligiöser Dialog prägten das Leben in Kurisumala. Bede Griffiths hatte dort eine beachtliche Bibliothek aufgebaut. Besucher aus vielen Ländern kamen, um diese Verbindung christlicher Spiritualität mit indischer Kultur kennenzulernen. Francis Acharya feierte die Liturgie der syro-malankarischen Kirche.

Ein Leben im Dienst geistlicher Begegnung

Zwei Männer ernten Blattgemüse in einem Garten vor grünen Hügeln.
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1998 wurde Kurisumala in den Trappistenorden aufgenommen. Francis Mahieu wurde der erste Abt der Gemeinschaft. Er starb am 31. Januar 2002, zwei Wochen nach seinem neunzigsten Geburtstag.

Sein Lebensweg zeigt, wie die Verwurzelung in einer religiösen Tradition und die Offenheit für eine andere Kultur zusammenfinden können. In Kurisumala nahm diese Suche konkrete Gestalt an: im gemeinsamen Gebet, in der täglichen Arbeit und in der Begegnung mit Gästen.

Gott offenbart sich denen, die ihn lieben. Er offenbart sich als Gott der Liebe. Um Gott zu erfahren, müssen wir uns ihm angleichen, müssen wir einen Geist aus Gott empfangen. Nur Gleiches kann Gleiches erkennen.

Francis Acharya · Übersetzung: Roland R. Ropers

Wer den geistlichen Hintergrund vertiefen möchte, findet im Beitrag über christliche Kontemplation eine weiterführende Einordnung.

30.10.2026
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph & Publizist; ETYMOSOPHIE – Spirituelle Sprachforschung
https://www.kardiosophie-network.com

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Über den Autor

Roland R. Ropers

Roland R. Ropers ist Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Kontemplationslehrer. Auf Spirit Online schreibt er über Mystik, Religion und die Begegnung spiritueller Traditionen.

Zum Autorenprofil von Roland R. Ropers

Quellen und weiterführende Literatur

  • Roland R. Ropers: persönlicher Bericht über seinen Besuch im April 1991; deutsche Übersetzung der beiden Francis-Acharya-Zitate.
  • Trappistenorden: Kurisumala – Ordenszugehörigkeit und Äbte.
  • Marthe Mahieu-De Praetere: Kurisumala. Francis Mahieu Acharya, a Pioneer of Christian Monasticism in India. Biografie.