1080-200 Banner Shopify Home

Bede Griffiths: Zukunftsvision einer verbundenen Welt

Bede Griffiths mit langem weißem Bart und orangefarbenem Gewand

Eine persönliche Erinnerung an Bede Griffiths

Bede Griffiths (1906–1993) entwarf eine Zukunft, in der Menschen die Natur achten, religiöse Grenzen überwinden und ihre geistigen Fähigkeiten umfassender entfalten. Seine Hoffnung auf eine neue Weltkultur war eine spirituelle Vision. Roland Ropers erinnert an seinen Lehrer und stellt ausgewählte Gedanken aus dessen Publikationen vor.

Das jahrhundertelang betriebene Lebensprinzip von Zerstörung und Wiederaufbau, von Krieg und Frieden muss dringend auf eine höhere Stufe von göttlichem Bewusstsein gebracht werden, sonst bleibt unser Leben ein Kriegsschauplatz, ein Lebenskampf. Dies verstößt für mich gegen das Prinzip göttlicher Ordnung und Liebe. Keiner sollte von sich behaupten: „In God we trust“, wie auf der US-amerikanischen 1-Dollar-Banknote zu lesen, solange Macht und Übermacht die bestimmenden Faktoren seines Handelns sind.

Gott erhört keine Gebete von Menschen mit Machtansprüchen, die sich im Besitz ausschließlicher Wahrheit wähnen. Diese Überzeugung verbindet sich für mich mit der Frage, wie eine andere Form des Zusammenlebens möglich werden kann. Die „Hochzeit von Ost und West“ bei Bede Griffiths führt zu einer Begegnung von Vernunft und Intuition, christlichem Glauben und indischer Weisheit.

Bede Griffiths und die Erinnerung an München 1992

Bede Griffiths mit langem weißem Bart und orangefarbenem Gewand
Bede Griffiths. Foto: © Roland Ropers

Der englische Benediktinermönch Bede Griffiths war für mich ein visionärer Prophet und Weiser. Von 1968 bis zu seinem Tod am 13. Mai 1993 leitete er den Saccidananda Ashram im südindischen Tannirpalli. Shantivanam, der „Wald des Friedens“, wurde zu einem Ort der Kontemplation und der Begegnung religiöser Traditionen.

Bede Griffiths war mein spiritueller Meister, der mich autorisiert hatte, sein Vermächtnis in die Welt zu tragen.

Am 29. September 1992 führte er vor 800 Menschen in München einen öffentlichen Dialog mit dem englischen Biologen Rupert Sheldrake. Die Begegnung fand in der Benediktinerabtei St. Bonifaz statt. Sheldrake, bekannt für seine Hypothese der morphischen Resonanz, bezeichnet Griffiths als seinen wichtigsten Lehrer. In dem Gespräch ging es um Engel, Intelligenz und Energie.

In seiner Besprechung von Armin Risis Unsichtbare Welten greift Roland Ropers Sheldrakes Gedanken erneut auf und erinnert sich an ein Gespräch mit dem Physiker Hans-Peter Dürr.

Die folgenden Gedanken stammen aus Publikationen von Bede Griffiths. Sie sind keine Mitschrift dieses Münchner Gesprächs.

„Eine Welt – Eine Menschheit – Eine Religion“

Buchcover Eine Welt – Eine Menschheit – Eine Religion von Bede Griffiths und Roland Ropers

Unser gemeinsames Buch „EINE Welt – EINE Menschheit – EINE Religion. Auf dem Weg ins Innere Universum“ versammelt Texte über die Einheit der Religionen und das spirituelle Vermächtnis von Bede Griffiths. Die Textsammlung erschien 2007 im Sheema-Verlag. Aus den zahlreichen Publikationen meines Lehrers möchte ich Gedanken herausgreifen, die mich weiterhin beschäftigen.

Schon die Frage nach einem neuen Zeitalter verband Griffiths mit der Verantwortung gegenüber dem überlieferten Wissen und den geistigen Erfahrungen der Menschheit:

„Wie wird das neue Zeitalter aussehen? Was können wir feststellen im Lichte unseres heutigen Wissens vom Universum und aus der östlichen Mystik sowie der spirituellen Erfahrung? Wie können wir uns auf eine Zukunft freuen angesichts des Wissens darüber, was die Wissenschaft im Guten wie im Bösen geleistet hat, und was sollen wir mit der Vergangenheit anfangen, ihrer Kunst und Philosophie, ihrer Religion und ihrer mystischen Erfahrung?“

Griffiths blickte aus seiner christlich-mystischen Erfahrung auf Wissenschaft, Gesellschaft und Religion. Seine Überlegungen tragen die Sprache und die Konflikte seiner Zeit. In ihnen spricht ein Mensch, der einen tiefgreifenden Wandel erhofft und um die Gefährdung der Welt weiß.

Die Natur als lebendiges Gegenüber achten

Am Anfang seiner Zukunftsvision steht eine veränderte Beziehung zur Natur. Griffiths fordert ein Gespür für das Ganze und eine Verantwortung, die über menschliche Nutzungsinteressen hinausreicht:

„Zunächst wird die menschliche Gesellschaft auf eine neue Beziehung zur Welt der Natur gestellt. Wir müssen das Gespür für das kosmische Ganze entfalten und einen Weg finden, die Welt um uns als lebendiges Wesen zu achten, das uns erhält und ernährt, und für das wir Verantwortung tragen. Zur Zeit ist die ganze Entwicklung der Wirtschaft und Politik charakterisiert und verdorben durch die Ausbeutung der Natur auf jeder Ebene.“

Seine Kritik an einer technisierten Zivilisation ist scharf. Er fragt, wem ihre Annehmlichkeiten zugutekommen und wer die Folgen trägt:

„Das heutige Technologie-System hat sich auf der Grundlage mechanistischer Wissenschaft aufgebaut und beutet die Welt der Natur rücksichtslos und unterschiedslos aus. Dies führte zu der schrecklichen Situation, in der wir uns heute befinden: materielle Annehmlichkeiten für eine Minderheit, aber verheerende Konsequenzen weltweiter Ungerechtigkeit und Zerstörung.“

Diese Aussagen verbinden soziale Gerechtigkeit und Achtung vor dem Leben. Die Natur erscheint bei Griffiths als ein lebendiges Gegenüber, das uns erhält und ernährt. Aus dieser Verbundenheit erwächst seine Forderung nach Verantwortung.

Seine grundsätzliche Kritik an der mechanistischen Wissenschaft ist dabei Teil seines Weltbilds. Sie ersetzt keine Untersuchung einzelner Technologien. Der geistige Impuls seines Textes liegt in der Frage, welchem Leben unser Wissen und unser Handeln dienen.

Bildung soll den ganzen Menschen ansprechen

Eine neue Gesellschaft braucht für Griffiths auch eine andere Erziehung. Er bezieht sich auf Mahatma Gandhi und formuliert das Ziel einer umfassenden Bildung:

„Das Bildungswesen in einer neuen Gesellschaft böte eine Grundausbildung, wie sie z.B. der Vorstellung von Mahatma Gandhi entspricht: eine integrierte Erziehung von Körper, Seele und Geist, die in jedem Menschen eine gesunde, organische Beziehung zur Welt fördert und persönliche Talente entfalten hilft. […]“

Im weiteren Verlauf zieht Griffiths Rudolf Steiners Jahrsiebte-Modell heran. Diese Einteilung gehört zur anthroposophischen Menschenkunde. Sie ist keine verbindliche Zeitordnung, nach der jedes Kind seine Fähigkeiten entfaltet. Der hier wesentliche Gedanke ist die Aufmerksamkeit für Körper, Seele und Geist, für schöpferische Fähigkeiten und für die Eigenart des heranwachsenden Menschen.

Eine Bildung, die Musik, Kunst, Tanz und Poesie ernst nimmt, gibt diesen Ausdrucksformen einen eigenen Platz im Leben. Griffiths möchte das rationale Denken in eine umfassendere Entfaltung des Menschen einbetten.

Religionen in ihrer Verbundenheit wahrnehmen

Bede Griffiths war überzeugt, dass die großen religiösen Traditionen aus einer gemeinsamen geistigen Tiefe schöpfen. Er deutete dies im Sinne der philosophia perennis, der zeitlosen Weisheit:

„Alle großen religiösen Überlieferungen und Traditionen basieren auf der zeitlosen Philosophie (philosophia perennis) und entwickelten sich in unterschiedlichen Situationen und unter verschiedenartigen Umständen; sie alle verkörpern auf jeweils eigene Weise die uralte Weisheit und die Ganzheit des Lebens. Alle diese verschiedenen Traditionen wird man als miteinander verbunden und aufeinander angewiesen betrachten; jede von ihnen vermittelt einen bestimmten und einzigartigen Einblick in die höchste Wahrheit und Wirklichkeit. […]“

Das ist die religiös-philosophische Sicht von Griffiths. Sie lässt sich als Einladung lesen, die Tiefe anderer Überlieferungen kennenzulernen. Die Unterschiede zwischen ihren Gottesvorstellungen, Schriften und Lebensformen bleiben dabei bestehen. Jede Tradition besitzt ihre eigene Geschichte.

Wie sich Glaube und religiöse Praxis unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen entwickeln, behandelt der Beitrag „Weltreligionen im Wandel“. Bei Griffiths führt die Begegnung der Religionen vor allem in die Kontemplation: in einen Erfahrungsraum, in dem Menschen einander mit größerer Offenheit begegnen können.

Frauen und die Erneuerung kirchlicher Strukturen

Die Vision einer verbundenen Welt berührt für Griffiths auch die Ordnung der Kirche. Er fordert, ihre gewachsenen Strukturen erneut am Neuen Testament zu prüfen, und verbindet dies ausdrücklich mit der Stellung der Frau:

„Wir müssen uns offenbar an das Neue Testament selbst wenden, um die Ämter in der Kirche neu zu ordnen. So ließen sich die Ämter anderer Kirchen, die keine Bischöfe kennen, mit der Kirche als ganzer möglicherweise versöhnen. Wir sollten uns auch im Klaren darüber sein, dass Frauen im Neuen Testament eine bedeutende Rolle im Dienst der Kirche spielen, und jeder Versuch, die Strukturen des kirchlichen Dienstes neu zu ordnen, müsste eine Gleichberechtigung der Frau in kirchlichen Ämtern einschließen.“

Bei der historischen Einordnung muss man unterscheiden: Das Neue Testament kennt Gemeindeleiter, Älteste und Diakone. Die später ausgeformten kirchlichen Ämter und ihre institutionelle Ordnung sind damit nicht einfach gleichzusetzen. Eine pauschale Behauptung, das Neue Testament kenne keinerlei Leitungsämter, wäre deshalb zu weitgehend.

Griffiths verbindet seine Hoffnung auf kulturelle Erneuerung außerdem mit Intuition, Einfühlungsvermögen, Kooperation und ganzheitlicher Sicht. Er bezeichnet diese als feminine Qualitäten. Intuition und Kooperation sind Fähigkeiten von Menschen jeden Geschlechts. Seine Forderung nach Gleichberechtigung und nach einem anderen Umgang mit Macht bleibt deutlich.

Krise und Hoffnung in Bede Griffiths’ Zukunftsvision

Griffiths hielt eine friedliche Veränderung der Gesellschaft für möglich. Zugleich fürchtete er einen zerstörerischen Zusammenbruch:

„Es ist möglich, dass der Übergang von einer mechanistischen zu einer organischen Gesellschaft allmählich eintreten wird. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass es zu einer allgemeinen Katastrophe kommt, wenn die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen der heutigen Zivilisationen zusammenbrechen. Wir dürfen nicht vergessen -, dass die Konflikte der heutigen Welt nicht nur auf menschlichem Versagen und Fehlkalkulation beruhen. Es ist zu einer Umkehrung der menschlichen Werte gekommen, zu einem geistigen Zusammenbruch.“

Diese Worte gehören zu seiner spirituellen Deutung der Krise. Sie benennen keinen gesicherten Zeitpunkt und keinen zwangsläufigen Verlauf der Zukunft. Griffiths fürchtete einen Verlust geistiger Orientierung und hoffte auf eine Erneuerung der menschlichen Werte.

Seine Gedanken über unbewusste Kräfte und die Gefahr eines Atomkriegs stehen in diesem Zusammenhang. Sie drücken eine Sorge um die geistige Verfassung des Menschen aus; sie sind keine vollständige Erklärung politischer Entscheidungen oder militärischer Eskalation.

Der Horizont seines Denkens reicht weit über ein unmittelbar bevorstehendes Ereignis hinaus. Am Ende seiner Betrachtung steht der Satz:

„Das ist eine Aufgabe für die kommenden Jahrhunderte, da die derzeitige Weltordnung zusammenbricht und eine neue Weltordnung aufsteigt aus der Asche der Alten.“

Seine Zukunftsvision verbindet die Achtung vor der Natur mit der Erneuerung des religiösen Lebens. In der Verbundenheit der Menschen und in ihrer geistigen Entfaltung sieht Bede Griffiths die Möglichkeit einer anderen Welt.

Ausgewählte Passagen aus den Publikationen von Bede Griffiths, vorgestellt von Roland Ropers. […] kennzeichnet Auslassungen. Die Schlussformulierung ist auch für „A New Vision of Reality“ (1989) dokumentiert.

Fotos: © Roland Ropers

29.09.2022
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de

Quellen zur Einordnung: Sheldrakes Dokumentation des Münchner Dialogs; Verlagsangaben zur Textsammlung; Beshara: Bede Griffiths und „A New Vision of Reality“; Philipper 1,1.


Über den Autor Roland R. Ropers

Porträt von Roland R. Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

>>> zum Autorenprofil

Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online


Buch Tipp:

cover kardiosophie Roland RopersKardiosophie
Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle

von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und seine Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.

Für Artikel innerhalb dieses Dienstes ist der jeweilige Autor verantwortlich. Diese Artikel stellen die Meinung dieses Autors dar und spiegeln nicht grundsätzlich die Meinung des Seitenbetreibers dar. Bei einer Verletzung von fremden Urheberrecht oder sonstiger Rechte durch den Seitenbetreiber oder eines Autors, ist auf die Verletzung per eMail hinzuweisen. Bei Bestehen einer Verletzung wird diese umgehend beseitigt. Wir weisen aus rechtlichen Gründen darauf hin, dass bei keiner der aufgeführten Leistungen oder Formulierungen der Eindruck erweckt wird, dass hier ein Heilungsversprechen zugrunde liegt bzw. Linderung oder Verbesserung eines Krankheitszustandes garantiert oder versprochen wird. Alle Inhalte des Magazins sind kein Ersatz für eine Diagnose oder Behandlung durch einen Arzt, Psychotherapeuten oder Heilpraktiker.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*