Ionen und Äonen – die Wurzeln des Lebens

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Ionen und Äonen – die Wurzeln des Lebens

Auf dem Pfad der Bäume

Im zarten Alter von siebzehn Jahren, während der Vorbereitung zum Übergangsritus einer Visionssuche, hatte ich einen unerwarteten Traum. Ich sah ein Loch im Himmel, etwas größer als der Mond. Und von überall um mich herum, von überall auf der Erde, schwebten die Geister der Baumarten heran und verschwanden durch dieses Loch. Ich wusste, dass dieses Verschwinden ihr Aussterben bedeutete, und ich hatte noch nie zuvor so viel Schmerz empfunden. Ich weinte und schrie: “Verlasst uns nicht! Bleibt! Kommt zurück! Bitte geht nicht!” Schließlich drehten sich drei von ihnen um, schauten mich durch die Öffnung an und sahen mich an, mit freundlichen, liebevollen, aber traurigen Gesichtern, die ich nie vergessen werde.

Dieser visionäre Traum hat mein Leben geprägt. Seither wusste ich, dass der Verlust der Artenvielfalt im Gange ist. Was wir heute als sechstes Massensterben bezeichnen, betrifft auch die Bäume, und das hat mich mein ganzes Leben lang geplagt. Aber trotz des Drangs, zur Rettung der Bäume beizutragen, wusste ich nicht so recht, was genau ich tun konnte. Wie konnte ich dazu beitragen, dem Artenschwund unter Bäumen entgegenzuwirken? Erst ein paar Jahre später kam die Antwort, durch eine nächste Berührung aus der Anderswelt. Eines Abends saß ich bei einem Retreat allein im Heiligtum am Altar. Und ich hatte das Gefühl, dass ich dem Göttlichen ein Opfer bringen wollte, das wirklich etwas wert war. Ich fragte mich, was ich anbieten könnte, das mir wirklich viel bedeutete. Womit habe ich mich am meisten identifizierte, was mich am meisten schmerzen würde, wenn ich es losließe?

Es war meine Harfe. Meine keltische Harfenmusik. Also nahm ich meinen tiefsten Wunsch – ein neo-druidischer keltischer Barde zu sein, der für die Erde und all ihre Wesen Harfe spielt – riss ihn mir aus der Brust und legte ihn auf den Altar. Nachdem die Tränen versiegt waren, saß ich noch eine Weile in der Stille und ging dann erschöpft zu Bett.

Am nächsten Morgen, nach der Yoga-Session, erlaubte mir meine neue, wunschlosere Freiheit, besonders tief in die Meditation zu gehen. Und da geschah das, was ich “meinen Taliesin-Moment” nenne. Plötzlich, in meiner kontemplativen Stille, begann sich das Lied von Amergin in meinem Geist zu rezitieren. “Ich bin der Wind auf dem Meer … Ich bin der Adler auf dem Felsen … Ich bin das Wort des Wissens …”. Ich spürte die Gegenwart der Baumarten des alten irischen Ogham-Alphabets, und ich verstand: Ich würde für jede dieser Baumdryaden ein Gemälde und ein Musikstück erschaffen.

Die Ergebnisse wurden erst nach Jahren der Forschung und Einstimmung sichtbar. Einige Leser kennen sicherlich meine Baumbücher: “Der Geist der Bäume” (das viele der Gemälde enthält), “Die lebendige Weisheit der Bäume”, “Die Eibe in neuem Licht”. Außerdem entstanden das “Baum-Engel-Orakel” (ein Karten-Set, das 36 Baumarten repräsentiert) und “Baum-Yoga” (das die Ähnlichkeiten zwischen druidischen und yogischen Überlieferungen aufzeigt), sowie meine Baummusik (ich arbeite gerade an einem dritten Album).

Für alles Leben

In den letzten Jahren jedoch hat sich meine Arbeit mit Bäumen auf das gesamte Netz des Lebens der Erde ausgedehnt. Natürlich war ich mir immer bewusst, dass die Wälder Gaias von großer Bedeutung für das Ganze sind. Aber ich hatte mich immer damit begnügt, von und über den Wildwald zu lernen, ich mochte seine Begrenzung und den Schutz, den er bietet. Aber die Bäume selbst begannen, mich zu rufen: “Wir können nicht atmen”, sagten sie, “die Luft ist vergiftet”. “Wir können nicht trinken und uns nicht ernähren”, sagten sie, “finde heraus, warum unsere Pilzfreunde sterben, und erzähle es deinen Mitmenschen.” Lange Zeit wusste ich nicht, wo ich anfangen sollte, doch dann kam mir die Waldkiefer (Föhre), der alte spirituelle Krieger, zu Hilfe.

Eines Tages näherte ich mich einem jungen Kiefernhain und bat dieses uralte Baumwesen um Hilfe bei einem persönlichen Problem. Zugegebenermaßen war das eine schwache Stunde für mich, denn normalerweise empfehle ich niemandem, Bäume als “Hilfsmittel” bei menschlichen Problemen zu missbrauchen – wie Gesundheit, Reichtum, Glück und Romantik, den typischen Inhalten des mittelalterlichen Aberglaubens (z.B. einen Nagel in eine Buche zu schlagen, um Zahnschmerzen zu lindern). Aber die Kiefer steht sowieso nicht so auf unser Jammern – bei emotionalen Problemen sind wir bei einer Erle an einem Fluss besser aufgehoben; oder bei einer Weide, die uns wieder in Fluss bringen kann; oder die Eiche mag uns Kraft geben und die Eberesche uns inspirieren, wie wir unsere Probleme überwinden. Aber die Kiefer, dieser ernste, spirituelle Wächter?

Nachdem ich mein Problem dargelegt hatte (mir selbst und den Bäumen um mich herum), spürte ich einen klaren Antwortimpuls, der sich so übersetzen lässt: “Das ist uns egal. Sei still.” Ich entschuldigte mich dafür, so egozentrisch zu sein, und wagte es, eine weitere, sehr ehrliche Frage zu stellen: “Was ist euch wichtig?”

“Ionen und Äonen. Und jetzt geh!”

Bildquelle: Photodigitaa,nl-sh = © Photodigitaa.nl/shutterstock.com


Darüber musste ich wochenlang nachdenken. Nach einer gründlichen Lernkurve verstand ich, dass “Ionen” sich auf die Ernährung aller höheren Pflanzen bezieht, insbesondere auf den Prozess der Photosynthese, bei dem ein Elektron des Wasserstoffatoms abgespalten und von einem anderen Molekül eingefangen wird. Der Prozess der Photosynthese ist für den menschlichen Verstand viel zu komplex, um ihn zu begreifen, aber er erhält alles biologische Leben auf der Erde (abgesehen von einigen archaischen Bakterien), da er Sonnenlicht in essbare Nahrung umwandelt. Durch den Austausch von Ionen sind die Bäume mit der gesamten Ökosphäre des Planeten verbunden.

“Äonen” hingegen sind extensive Zeitlinien. Die Ahnenreihen der Bäume (wie auch unsere eigenen) reichen bis zum Beginn des Lebens vor Milliarden von Jahren zurück (und die spirituellen Linien vielleicht noch weiter). Ihre kollektiven Erinnerungen und Erfahrungen im morphogenetischen Feld ein jeder Spezies, und damit ihre “Weisheit”, reichen Äonen zurück. Aber es gibt noch eine andere Bedeutung: die Lichtstrahlen, die durch den Kosmos schießen. Die Bäume (und wir) baden nicht nur in Mond- und Sonnenlicht, das gerade erst 12 Minuten zuvor entstanden ist.

Wir empfangen ständig Sternenlicht (auch tagsüber, wir sehen es nur nicht), das schon seit Äonen unterwegs ist und vielfältige Informationen vermittelt, die unser menschliches Gehirn nicht zu erfassen vermag. (In meinem ersten Buch, “Der Geist der Bäume”, beschreibe ich, wie Bäume auf das Sternenlicht und auf Planetenbewegungen reagieren).

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Baum und alle Ihre Blätter vibrieren mit den blitzschnellen Kettenreaktionen der Photosynthese, Ihre Fähigkeiten zu lernen, sich zu erinnern und Entscheidungen zu treffen sind mit dem uralten Pool des morphogenetischen Feldes Ihrer Spezies verbunden, und Sie lesen ständig die Sternenlichtgeschichten von himmlischen, planetarischen und chemischen Entwicklungen in Sonnensystemen oder sogar Galaxien, die Lichtjahre entfernt sind.

Ionen und Äonen – kein Wunder, dass die Kiefer meine Probleme für unbedeutend hielt. Aber sie heilte sie trotzdem. Denn meine Aufmerksamkeit für Bäume verlagerte sich auf ihre Verflechtung mit der gesamten Ökosphäre der Erde. Ich kann eine Biene nicht mehr von einem Baum trennen, oder einen Wal, einen Vogel oder einen Lachs. Was mit einem Wesen geschieht, betrifft sie alle. Uns alle. Und derzeit werden wir alle vergiftet. Unser Haus brennt. Wir müssen uns für alles Leben stark machen und alles tun, was wir können, um unseren Heimatplaneten zurückzuerobern.

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29.09.2022
Fred Hageneder
https://nur-die-eine-erde.de
Titelfoto: Main image, © Romolo Tavani/shutterstock.com

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Ionen und Äonen Hageneder Fred 2019Fred Hageneder
ist ein führender Autor auf dem Gebiet der Ethnobotanik und der kulturellen und spirituellen Bedeutung der Bäume. Er ist Gründungsmitglied der AYG (Ancient Yew Group, Uralte Eiben-Gruppe), die in seiner Wahlheimat Großbritannien für den Schutz der uralten Eiben arbeitet. Er ist Mitglied von SANASI, einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die indigene Hüter…
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