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Anthony de Mello: Die Ewigkeit geschieht jetzt

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Was Wachwerden für das gegenwärtige Leben bedeutet

Anthony de Mello verstand Wachwerden als eine Hinwendung zum gegenwärtigen Leben. Ewigkeit bezeichnet in seiner Betrachtung eine zeitlose Gegenwart, keine endlose Verlängerung der Uhrzeit. Mich verbindet mit diesem Gedanken die Erinnerung an einen Freund und Weisheitslehrer, dessen Fröhlichkeit und geistige Freiheit mich berührt haben. Den allgemeineren Zusammenhang vertieft die Betrachtung über Zeit und Ewigkeit.

Anthony de Mello
Anthony de Mello

Erinnerung an meinen Freund Tony de Mello

Der Jesuitenpater, Theologe, Psychotherapeut und Meditationslehrer Anthony de Mello wurde am 4. September 1931 in Santa Cruz bei Bombay, dem heutigen Mumbai, geboren und starb am 1. Juni 1987 in New York. Seine Bücher und Vorträge verbinden christliche Spiritualität mit der Weisheit anderer religiöser Traditionen.

Wir waren sehr gute Freunde. Er ist leider viel zu früh gegangen. Tony war ein fröhlicher Mensch und konnte die bitterernste dogmatische Theologie kaum ertragen. Er war ein hochbegabter Weisheitslehrer, dessen Bücher in zahlreichen Sprachen erschienen sind.

Zusammen mit Tony de Mello bin ich Mitte der 1980er-Jahre für einen Tag in Pune gewesen, wo Osho wirkte. Die Erinnerung an diesen Aufenthalt gehört für mich zur Begegnung mit einem Menschen, der die geistige Suche über konfessionelle Grenzen hinaus öffnete.

Das von de Mello gegründete Sadhana Institute verband psychologische und spirituelle Arbeit. Der Verlag Herder nennt Lonavla in Indien als Ort des Beratungs- und Ausbildungszentrums, das er bis zu seinem Tod leitete. Seine geistige Vermittlung lässt sich nicht auf ein einziges Lehrsystem reduzieren.

Die Ewigkeit geschieht jetzt

Kinderhand mit Gänseblümchen in einer Erwachsenenhand

„Die Mystiker lehren uns, dass die Ewigkeit jetzt geschieht.“

Anthony de Mellos Gedanke führt zu einer Frage, die seine Betrachtung „Die Illusion der Belohnungen“ prägt: Gibt es ein Leben vor dem Tod? Wer sich ausschließlich damit beschäftigt, was nach dem Tod kommen könnte, kann das Leben versäumen, das ihm jetzt gegeben ist.

Ewiges Leben wäre in dieser Sicht missverstanden, wenn wir es uns bloß als ein Leben ohne Ende vorstellten. Denn „ohne Ende“ bleibt ein Zeitbegriff. De Mello richtet den Blick auf das Zeitlose, das sich unserer gewohnten Vorstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entzieht. Seine Rede vom Wachwerden ist eine spirituelle Aufforderung, das eigene Leben unmittelbar wahrzunehmen.

Der Text gehört zu „Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein“, in der deutschen Übersetzung von Irene Johna. Die hier betrachteten Gedanken über Ewigkeit, Vergangenheit und Reue werden im Folgenden sinngemäß wiedergegeben.

Vergangenheit, Reue und das Wachwerden

De Mello wendet sich gegen eine Bindung an die Vergangenheit, die das gegenwärtige Leben beherrscht. Dabei denkt er sowohl an den Stolz auf das Erreichte als auch an die Scham über frühere Fehler. Beides kann uns so gefangen nehmen, dass wir nicht mehr sehen, was jetzt vor uns liegt.

Seine Aufforderung, die Vergangenheit zu vergessen, ist eine zugespitzte geistliche Rede. Sie lässt sich als Einladung verstehen, sich nicht ständig mit alten Selbstbildern gleichzusetzen. Erinnerung und Verantwortung für das eigene Handeln werden dadurch nicht bedeutungslos. Entscheidend ist, ob aus der Einsicht ein wacheres Leben entsteht.

Auch Reue betrachtet er unter diesem Gesichtspunkt: Wachwerden führt weiter als das bloße Verharren im Schmerz über die eigenen Verfehlungen. Der Blick richtet sich auf die Wirklichkeit, in der wir handeln können. Einen lebenspraktischen Zugang dazu eröffnet der Beitrag Im Hier und Jetzt leben.

Anthony de Mello und die kirchliche Kontroverse

Am 24. Juni 1998, elf Jahre nach de Mellos Tod, veröffentlichte die vatikanische Glaubenskongregation eine Notifikation über seine Schriften. Unterzeichnet wurde sie vom damaligen Präfekten Joseph Kardinal Ratzinger und von Tarcisio Bertone; Papst Johannes Paul II. hatte ihre Veröffentlichung gebilligt.

Die Kongregation erklärte bestimmte Positionen für unvereinbar mit dem katholischen Glauben. Zu ihrer Kritik gehörte de Mellos Verständnis eines Gottes jenseits von Bild und Gestalt sowie seine Sicht auf Christus und religiöse Glaubensbekenntnisse. Das Dokument gibt die lehramtliche Bewertung wieder; es ist nicht mit einem zusammenhängenden Originalzitat de Mellos gleichzusetzen.

Ich sehe Ratzingers dogmatischen Kirchenkurs kritisch. Für mich steht die Warnung vor Tony de Mello für eine Angst vor der geistigen Freiheit, die sein Weg eröffnete. Diese Bewertung ist meine eigene. Die kirchliche Kontroverse nimmt seiner Einladung zum Wachwerden für mich nichts von ihrer Bedeutung.

Seine Bücher entstanden in einem multireligiösen Zusammenhang. Sie sollten deshalb nicht ohne Weiteres als Darstellung katholischer Dogmen gelesen werden. Gerade ihre Offenheit für unterschiedliche Suchende gehört zu ihrer Wirkung.

Christliche Botschaft und die Freiheit der Mystik

Für mich hatte Anthony de Mello die hinderliche Dogmatik der römisch-katholischen Kirche überwunden und vermittelte in größter Wahrhaftigkeit und Treue das Wesen der christlichen Botschaft. Der Jesuit und Zen-Meister H. M. Enomiya-Lassalle hatte ihn spirituell unterwiesen; Raimon Panikkar bezeichnete er als seinen Guru. Diese Verbindungen gehören zu dem weiten geistigen Horizont, in dem ich Tony wahrgenommen habe.

Einen weiteren Zugang zum Verhältnis von Zen und christlicher Botschaft eröffnet Kenneth S. Leong. Ich bespreche dessen Buch über die Lehren Jesu und den Humor des Zen. Auch hier begegnet uns die Frage, wie eine lebendige Erfahrung durch festgewordene Vorstellungen hindurch wieder zugänglich werden kann.

Eine spätere Erinnerung aus New York

Am Mittwoch, dem 8. November 2000, hielt ich ein Tagesseminar im „De Mello Spiritual Center“ in New York. Es war der Tag nach der US-Präsidentschaftswahl. Diese Erinnerung verbindet sich für mich mit Tonys geistigem Erbe: dem Wachwerden für das Leben, das uns jetzt begegnet.

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 08.07.2021
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de


Über den Autor Roland R. Ropers

Roland R. Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
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