Gott erfahren in der Gegenwart: Tolstois geistiger Weg
Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi wurde am 9. September 1828 auf dem Gut der Adelsfamilie in Jasnaja Poljana bei Tula in Zentralrussland geboren. Seine Mutter starb 1830, sein Vater 1837. Zunächst kümmerte sich Tatjana Jergolskaja um ihn und seine vier Geschwister, 1841 übernahm eine reiche Tante in Kasan die Vormundschaft. Drei Jahre später begann Leo Tolstoi an der Universität Kasan zu studieren, zunächst orientalische Sprachen, dann Jura.
„Die wichtigste Stunde im Leben ist immer der Augenblick; der bedeutsamste Mensch im Leben ist immer der, welcher uns gerade gegenübersteht; das notwendigste in unserem Leben ist stets die Liebe.
Leo Tolstoi
(1828 – 1910)
Was es bedeutet, diesem Augenblick Raum zu geben, betrachte ich in Der heilige Augenblick.
Er meldete sich 1851 zum Militär und diente fünf Jahre lang in der zaristischen Armee. Er kämpfte im Krimkrieg. 1857 und 1860/61 bereiste Leo Tolstoi Westeuropa. Dabei beschäftigte er sich mit Literatur und pädagogischen Fragen.
Am 23. September 1862, zwei Wochen nach seinem 34. Geburtstag, heiratete Leo Tolstoi die achtzehnjährige Sofia Andrejewna Behrs und wurde Vater von 13 Kindern.
Mit dem monumentalen Roman „Krieg und Frieden“
schrieb Leo Tolstoi 1863 bis 1869 eines seiner bedeutendsten Werke. Der Roman ist ein Weltbestseller und wird immer wieder neu aufgelegt.
Sowohl Stefan Zweig als auch Romain Rolland haben in dichterischer Vollendung Leben und Wirken des russischen Schriftstellers, Reformators, Philosophen und Gottsuchers Leo Nikolajewitsch Tolstoi in Worte gefasst. Mein väterlicher Freund Professor Dr.med. Wladimir Lindenberg (1902 in Moskau geboren, 1997 in Berlin gestorben) hat als Kind oft auf dem Schoß des berühmten Dichters gesessen und mir später oft über die göttliche Dimension seines Landsmannes berichtet.
Tolstoi arbeitete mit aller Kraft für eine bessere Welt, und die Essenz aller Wahrheit und die Grundlage für ein christliches Leben fand er in der Bergpredigt.
Tolstoi`s Auffassung widersprach der orthodoxen Kirche, die ihn 1901 exkommunizierte, nachdem er ihren Dogmatismus und ihre religiöse Intoleranz wiederholt öffentlich missbilligt hatte.
„Die größte Annäherung an Gott ist die größte Sammlung in der Gegenwart und umgekehrt. Je mehr man sich mit der Vergangenheit oder Zukunft beschäftigt, umso mehr entfernt man sich von Gott.“
Gegenseitige Liebe und Toleranz, jeglicher Verzicht auf Gewalt, Bescheidenheit und Besitzlosigkeit und die Gleichheit aller Menschen charakterisieren seine Vorstellung vom harmonischen Zusammenleben einer klassenlosen Gemeinschaft. Als Graf lebte er in materiellem Wohlstand, doch er fühlte sich mit der einfachen Bauernbevölkerung mehr verbunden als mit seiner eigenen Klasse. Beeindruckend ist die Konsequenz in Tolstois Leben.
Im Jahr 1901 wurde zum ersten Mal der Nobelpreis für Literatur in Stockholm verliehen.

Den ersten Literaturnobelpreis erhielt 1901 Sully Prudhomme. Tolstoi war in diesem Jahr nicht nominiert. Als schwedische Schriftsteller und Künstler ihm daraufhin ihre Anerkennung aussprachen, erklärte er, auch einen künftigen Preis ablehnen zu wollen. Diesen Verlauf beschreibt die Geschichte des Literaturnobelpreises.
Die Botschaft einer Persönlichkeit, die mit Entschlossenheit und doch in aller Stille und Bescheidenheit zur Besinnung auf die wahren Werte des Lebens aufruft, ist immer aktuell, Gestern wie heute, und in unserer Zeit ganz besonders.
Romain Rolland (1866 – 1944), Literaturnobelpreisträger des Jahres 1915, schreibt am Ende seines Buches „Das Leben Tolstois“:
„Tolstoi redet nicht zu der geistigen Auslese, er redet zu den gewöhnlichen Menschen – hominibus bonae voluntatis. Er ist unser Gewissen. Er spricht aus, was wir Durchschnittsmenschen alle denken, und was wir nur nicht in uns zu lesen wagen. Und er ist uns kein hochmütiger Lehrmeister, keiner jener hoheitsvollen Geisteshelden, die in ihrer Kunst und ihrer Weisheit über der Menschheit thronen. Er ist – wie er sich selbst gern in seinen Briefen mit diesem schönsten und innigsten Namen bezeichnete: unser Bruder.“
Der Mönch & Mystiker Dom Bede Griffiths (1906 – 1993) war ebenfalls ein intimer Kenner des Gedankenguts von Leo Tolstoi – wir haben viel darüber geredet.
Tolstoi und Griffiths hatten sehr genau erkannt, wie bedeutsam die Gegenwart für die Gotteserfahrung ist.
Wir brauchen heute mehr denn je spirituelle Lehrer, die mit ihren Schülern den Weg in die Gegenwart einüben. Die etablierten christlichen Institutionen leben vom Geschäft mit der Zukunft, mit der Zusage des ewigen Lebens nach dem Tode.
Tolstoi bemühte sich, die Lage der 350 Leibeigenen auf dem Stammgut der Familie in Jasnaja Poljana zu verbessern, und unterrichtete ab 1859 Kinder in der Schule von Jasnaja Poljana. Als Gerechtigkeitsfanatiker engagierte er sich dauerhaft für sozial Benachteiligte und besuchte politische Häftlinge im Gefängnis. Am 20. November 1910 starb Leo Tolstoi im Bahnwärterhäuschen von Astapowo unweit von Jasnaja Poljana an einer Lungenentzündung. Seine Frau starb neun Jahre später im Alter von 75 Jahren.
19.09.2024
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist
https://kardiosophie.network
Über den Autor Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
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von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
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