Warum uns das gegenwärtige Leben so leicht entgleitet
Im Hier und Jetzt leben – das klingt einfach. Schließlich sind wir körperlich immer hier. Doch innerlich befinden wir uns häufig ganz woanders: bei dem, was gestern geschehen ist, bei dem, was morgen passieren könnte, oder bei einem Leben, das irgendwann beginnen soll.
Vergangenheit und Zukunft gehören zu uns. Wir brauchen Erinnerungen, um Erfahrungen einzuordnen, und wir brauchen Vorstellungen von morgen, um Entscheidungen zu treffen. Problematisch wird es dort, wo beides die Gegenwart verdrängt. Dann leben wir nicht mehr aus dem Augenblick heraus, sondern reagieren auf alte Verletzungen oder auf Befürchtungen, die noch gar nicht eingetreten sind.
Im Hier und Jetzt zu leben bedeutet, die gegenwärtige Wirklichkeit bewusst wahrzunehmen und aus ihr heraus zu handeln. Es heißt nicht, Vergangenheit und Zukunft auszublenden, sondern ihnen nicht die Führung über das heutige Leben zu überlassen.
Manche Menschen erfüllen zuverlässig ihre Aufgaben und sind dennoch innerlich kaum noch beteiligt. Der Beitrag über innere Emigration im Alltag beschreibt diesen stillen Rückzug aus dem eigenen Leben. Gegenwärtigkeit beginnt dort, wo wir bemerken, dass wir zwar funktionieren, aber nicht mehr wirklich anwesend sind.
Was bedeutet es, im Hier und Jetzt zu leben?
Gegenwärtigkeit ist kein gedankenleerer Zustand. Du musst weder deine Erinnerungen vergessen noch aufhören, Pläne zu machen. Im Augenblick zu leben bedeutet vielmehr, wahrzunehmen, was jetzt tatsächlich da ist – in deinem Körper, in deinen Gefühlen, in deinen Beziehungen und in der Situation, in der du dich befindest.
Die Gegenwart ist der einzige Ort, an dem du etwas verändern kannst. Du kannst Vergangenes verstehen, aber nicht ungeschehen machen. Du kannst die Zukunft vorbereiten, aber nicht vollständig kontrollieren. Handeln kannst du nur jetzt.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Doch es ist eine anspruchsvolle Lebenshaltung. Denn die Gegenwart zeigt uns nicht nur das Schöne. Sie bringt uns auch mit Unruhe, Einsamkeit, Schmerz, ungelösten Konflikten und den Folgen unserer Entscheidungen in Berührung.
Im Hier und Jetzt zu leben heißt deshalb nicht, jeden Augenblick genießen zu müssen. Es heißt, dem Augenblick ehrlich zu begegnen.
Das Diesseits ist mehr als die Zeit vor dem Tod
Mit dem Diesseits ist die erfahrbare irdische Wirklichkeit gemeint: unser körperliches Leben, unsere Beziehungen, unsere Arbeit, die Natur, unsere Freude und unser Leid. Es ist der Raum, in dem wir entscheiden, lieben, scheitern, lernen und Verantwortung übernehmen.
Dem Diesseits wird in religiösen und spirituellen Vorstellungen häufig ein Jenseits gegenübergestellt. Was nach dem Tod geschieht, wird von den verschiedenen Traditionen unterschiedlich gedeutet. Sie sprechen unter anderem von Auferstehung, Wiedergeburt, einer geistigen Welt, der Rückkehr zu Gott oder dem Weiterleben des Bewusstseins. Diese Vorstellungen können Hoffnung und Trost geben. Beweisbare Gewissheit sind sie nicht.
Die großen Fragen nach Herkunft, Tod und möglichem Weiterleben haben ihren berechtigten Platz. Der Beitrag „Woher kommen wir und wohin gehen wir?“ vertieft diese existenzielle Dimension. Doch selbst die stärkste Jenseitshoffnung nimmt uns nicht die Aufgabe ab, unser gegenwärtiges Leben zu gestalten.
Vielleicht beginnt spirituelle Reife genau an diesem Punkt: Wir müssen unsere Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod nicht aufgeben. Aber wir sollten sie auch nicht dazu benutzen, dem Leben vor dem Tod auszuweichen.
Wenn die Hoffnung auf das Jenseits zur Flucht wird
Ein Glaube an das Jenseits kann Menschen durch Krankheit, Trauer und Abschied tragen. Er kann dem Tod seine letzte Bedrohlichkeit nehmen und eine größere Perspektive eröffnen. Doch spirituelle Vorstellungen können auch zur Flucht werden.
Das geschieht beispielsweise, wenn wir uns mit einer späteren Erlösung trösten, während wir gegenwärtige Konflikte vermeiden. Oder wenn wir Leid vorschnell als Schicksal, Prüfung oder notwendige Erfahrung erklären, anstatt einem betroffenen Menschen wirklich zuzuhören. Auch die Hoffnung, das Universum werde irgendwann alles ordnen, kann verhindern, dass wir heute eine notwendige Entscheidung treffen.
Spirituelle Weltflucht beginnt dort, wo das vermeintlich Höhere wichtiger wird als der Mensch, der gerade vor uns steht. Sie zeigt sich, wenn wir von Liebe sprechen, aber Beziehungen vernachlässigen, von Verbundenheit reden, aber die Natur ausbeuten, oder auf geistige Führung warten, obwohl unsere Verantwortung längst erkennbar ist.
Eine Spiritualität, die das Diesseits gering schätzt, verliert ihren Boden. Denn woran sollte sich innere Entwicklung zeigen, wenn nicht an der Art, wie wir heute miteinander leben?
Gegenwärtigkeit ist kein positives Denken
Im Hier und Jetzt zu leben wird manchmal mit einem dauerhaft guten Lebensgefühl verwechselt. Doch Gegenwart ist nicht immer angenehm. Es gibt Augenblicke, in denen wir Angst haben, trauern, uns schämen oder nicht wissen, wie es weitergehen soll.
Diese Erfahrungen verschwinden nicht dadurch, dass wir uns auf das Positive konzentrieren. Wer Schmerz sofort in eine Lektion verwandeln möchte, ist möglicherweise noch gar nicht bereit, ihn wirklich zu fühlen. Wer Angst nur als niedrige Schwingung betrachtet, übersieht vielleicht, dass sie auf eine reale Überforderung oder eine notwendige Grenze hinweist.
Gegenwärtigkeit bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Sie bedeutet, zunächst anzuerkennen, was tatsächlich da ist. Erst diese Ehrlichkeit macht eine bewusste Antwort möglich.
Auch Gleichmut und innerer Frieden entstehen nicht durch Gleichgültigkeit. Gleichmut heißt, sich von einer Erfahrung nicht vollständig fortreißen zu lassen. Du darfst fühlen, ohne jedes Gefühl für die ganze Wahrheit zu halten.
Warum das gegenwärtige Leben manchmal schwer auszuhalten ist
Vergangenheit und Zukunft bieten uns scheinbar mehr Sicherheit als die Gegenwart. Vergangenes kennen wir bereits. Zukünftiges können wir uns zumindest so vorstellen, wie wir es gerne hätten. Der gegenwärtige Augenblick dagegen ist lebendig und deshalb nicht vollkommen kontrollierbar.
Grübeln hält uns in der Vergangenheit fest
Nachdenken kann helfen, Erfahrungen zu verstehen. Grübeln dagegen führt immer wieder durch dieselben inneren Räume, ohne eine neue Erkenntnis hervorzubringen. Wir suchen nach einer Antwort, mit der sich etwas Vergangenes doch noch verändern ließe.
Vielleicht besteht der nächste Schritt nicht darin, noch länger zu fragen, warum etwas geschehen ist. Manchmal lautet die heilsamere Frage: Was brauche ich heute, um mit dem Geschehenen weiterleben zu können?
Sorgen verlagern das Leben in die Zukunft
Sorgen sind nicht grundsätzlich sinnlos. Sie können uns auf Gefahren und ungelöste Aufgaben aufmerksam machen. Doch aus einer berechtigten Sorge kann ein Kreislauf entstehen, in dem wir immer neue Möglichkeiten durchspielen, ohne handeln zu können.
Der philosophische Beitrag „Sorgen oder im Jetzt leben?“ vertieft das Verhältnis von Zukunftsangst, Endlichkeit und Gegenwart. Entscheidend ist die Unterscheidung: Gibt es etwas, das du heute tun kannst? Dann wird aus Sorge Verantwortung. Gibt es gegenwärtig nichts zu tun, braucht es die Bereitschaft, die verbleibende Unsicherheit auszuhalten.
Auch die spirituelle Suche kann uns vom Leben entfernen
Spirituelle Entwicklung kann zu größerer Klarheit führen. Sie kann aber auch zum Versprechen werden, dass das eigentliche Leben erst nach dem nächsten Seminar, der nächsten Erkenntnis oder dem nächsten Bewusstseinssprung beginnt.
Dann wird das Heute zu einem unvollkommenen Zwischenzustand. Wir warten darauf, endlich weiter, heiler oder bewusster zu sein. Doch auch dieses Warten hält uns von dem Menschen fern, der wir gegenwärtig sind.
Du musst nicht erst ein anderer Mensch werden, um deinem Leben begegnen zu können. Entwicklung beginnt damit, wahrzunehmen, wo du jetzt stehst – nicht dort, wo du deiner Meinung nach längst stehen solltest.
Wie du wieder mehr im Hier und Jetzt leben kannst
Gegenwärtigkeit lässt sich nicht erzwingen. Je angestrengter wir versuchen, jeden Moment bewusst zu erleben, desto schneller wird auch Achtsamkeit zu einer neuen Leistung. Hilfreicher sind kleine Unterbrechungen, in denen du zu dir und zur aktuellen Wirklichkeit zurückkehrst.
Benenne, was gerade wirklich da ist
Halte für einen Moment inne und frage dich: Was nehme ich wahr? Was fühle ich? Was beschäftigt mich? Versuche zunächst, keine Erklärung und keine Lösung zu finden. Der einfache Satz „So ist es gerade“ kann ehrlicher sein als ein vorschnelles „Alles wird gut“.
Kehre in deinen Körper zurück
Der Körper lebt nicht gestern und nicht morgen. Er atmet jetzt. Spüre den Kontakt deiner Füße mit dem Boden, deinen Atem oder die Spannung in deinen Schultern. Dabei geht es nicht darum, sofort entspannt zu sein. Es geht darum, wieder wahrzunehmen, wie du tatsächlich da bist.
Unterscheide zwischen Sorge und Verantwortung
Frage dich, ob dein Denken zu einer konkreten Handlung führt. Vielleicht ist ein Gespräch notwendig, eine Grenze, ein Termin, eine Entschuldigung oder eine Entscheidung. Wenn du handeln kannst, tue den nächsten möglichen Schritt. Wenn du nicht handeln kannst, darfst du anerkennen, dass nicht alles deiner Kontrolle unterliegt.
Sei in Begegnungen wirklich anwesend
Gegenwärtigkeit zeigt sich besonders in Beziehungen. Hörst du einem Menschen zu oder bereitest du innerlich bereits deine Antwort vor? Siehst du den anderen, wie er jetzt ist, oder begegnest du vor allem deinen Erwartungen und alten Erfahrungen mit ihm?
Manchmal besteht spirituelle Praxis darin, das Telefon beiseitezulegen, einen Menschen anzusehen und für einige Minuten nicht woanders sein zu wollen.
Erlaube auch dem Unangenehmen, da zu sein
Nicht jedes Gefühl verlangt sofort nach Veränderung. Traurigkeit darf traurig sein. Unsicherheit darf eine Weile ohne Antwort bleiben. Wut darf wahrgenommen werden, ohne dass sie andere verletzen muss.
Gefühle anzunehmen bedeutet nicht, ihnen blind zu folgen. Es bedeutet, ihre Botschaft ernst zu nehmen und bewusst zu entscheiden, wie du mit ihnen umgehen möchtest.
Tu das Nächste, das wirklich ansteht
Das gegenwärtige Leben verlangt nicht immer eine große Vision. Manchmal braucht es einen Anruf, eine Pause, eine Mahlzeit, ein klares Nein oder die Bereitschaft, eine liegen gebliebene Aufgabe zu erledigen.
Das Nächste mag unscheinbar wirken. Doch gerade dort wird aus innerer Einsicht gelebte Wirklichkeit.
Das Diesseits stellt uns in Verantwortung
Im Hier und Jetzt zu leben ist nicht nur eine private Methode für mehr Wohlbefinden. Gegenwart hat eine ethische und gesellschaftliche Seite. Wer wirklich wahrnimmt, kann das Leid anderer, die Zerstörung der Natur oder die Folgen des eigenen Handelns nicht einfach ausblenden.
Achtsamkeit darf uns nicht lediglich helfen, belastende Verhältnisse besser auszuhalten. Sie sollte auch unsere Fähigkeit stärken, zu unterscheiden, Stellung zu beziehen und verantwortlich zu handeln.
Das Diesseits umfasst nicht nur meinen persönlichen Augenblick. Es umfasst die Welt, die ich mit anderen teile. Gegenwärtigkeit fragt deshalb auch:
- Wie gehe ich heute mit einem Menschen um, der von mir abhängig ist?
- Welche Folgen haben meine Entscheidungen für Tiere und Natur?
- Wo schweige ich, obwohl Klarheit notwendig wäre?
- Wo kann ich helfen, ohne mich selbst aufzugeben?
- Welchen Wert möchte ich durch mein Handeln sichtbar machen?
Spiritualität zeigt sich nicht allein in dem, was wir glauben. Sie zeigt sich darin, wie wir unter realen Bedingungen leben.
Der Sinn des Lebens entsteht nicht nur durch Antworten
Die Frage nach dem Sinn des Lebens lässt sich nicht in einem einzigen Satz beantworten. Religionen, Philosophien und einzelne Menschen geben sehr unterschiedliche Antworten. Wer diese Frage vertiefen möchte, findet im Beitrag über spirituelle Sucher und den Sinn des Lebens eine ausführlichere Betrachtung.
Vielleicht muss Sinn jedoch nicht immer zuerst erkannt werden. Manchmal entsteht er, wenn wir in Beziehung treten: zu einem Menschen, zu einer Aufgabe, zur Natur oder zu etwas, das über unsere unmittelbaren Interessen hinausweist.
Ein sinnvolles Leben ist nicht zwangsläufig ein dauerhaft glückliches Leben. Es kann Brüche, Zweifel und Abschiede enthalten. Sinn zeigt sich oft darin, wie wir diesen Erfahrungen begegnen und was wir trotz ihrer Zumutungen in die Welt geben.
Das Diesseits ist kein Wartesaal
Wir wissen nicht mit letzter Gewissheit, was nach dem Tod kommt. Wir dürfen hoffen, glauben und darauf vertrauen, dass unser Dasein in einen größeren Zusammenhang eingebettet ist. Doch keine Vorstellung vom Jenseits sollte uns daran hindern, das Diesseits ernst zu nehmen.
Dieses Leben ist kein bloßer Vorraum. Es ist der Ort unserer Begegnungen, Entscheidungen und Erfahrungen. Hier können wir lieben, Verantwortung übernehmen, Fehler eingestehen, etwas bewahren und etwas verändern.
Vielleicht ist das die tiefste Bedeutung des Hier und Jetzt: nicht jeden Augenblick vollkommen erleben zu müssen, sondern das eigene Leben nicht immer wieder auf später zu verschieben.
Der kontemplative Beitrag „Die Ewigkeit geschieht jetzt“ führt diesen Gedanken in eine mystische Richtung weiter. Doch auch ohne eine abschließende Antwort auf die Ewigkeit bleibt eine Wahrheit greifbar: Das Leben, dem du begegnen kannst, geschieht heute.
Spiritualität beginnt deshalb nicht jenseits dieser Welt. Sie beginnt dort, wo du dich dem wirklichen Leben zuwendest – wach, mitfühlend und bereit, deinen Teil der Verantwortung zu tragen.
Quelle und weiterführende Forschung: Kirk Warren Brown und Richard M. Ryan untersuchten die Bedeutung bewusster Gegenwartsaufmerksamkeit für Selbstwahrnehmung, Selbstregulation und psychisches Wohlbefinden. Ihre Forschungsarbeit „The Benefits of Being Present: Mindfulness and Its Role in Psychological Well-Being“ erschien 2003 im Journal of Personality and Social Psychology.
Artikel aktualisiert
04.07.2026
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.
Heike Schonert
Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom- Ökonom. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe.
Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.
Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weiter geben und mit ihr wachsen.“
>>> Zum Autorenprofil



