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Warum Krieg aus der Mode kommen wird

Bronzene Feldherrnbüste wird in eine Holzkiste verpackt

Die Waffen werden moderner. Das Machtideal dahinter bleibt alt.

Die Welt rüstet auf. Gerade deshalb klingt die These, dass Krieg aus der Mode kommen wird, kühn. Sie behauptet nicht, dass die nächsten Jahre friedlich werden. Sie fragt, ob Eroberung auf Dauer noch als politische Größe gelten kann. Krieg verliert seine Anziehungskraft, wenn Unterwerfung kein Ruhm mehr ist, persönliche Macht begrenzt wird und Konflikte andere verlässliche Auswege finden.

Die Gegenwart liefert einen harten Einwand. Das Uppsala Conflict Data Program zählte 2025 insgesamt 65 bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung, den höchsten Stand seiner Erfassung seit 1946. Dreizehn davon überschritten die Schwelle zum Krieg von mindestens 1.000 kampfbezogenen Todesfällen binnen eines Jahres. Laut SIPRI erreichten die weltweiten Militärausgaben 2025 rund 2,9 Billionen US-Dollar. Von einer friedlichen Welt kann keine Rede sein.

Umso wichtiger ist die Unterscheidung zwischen dem, was gerade geschieht, und dem, was wir für zukunftsfähig halten. Auch eine verbreitete Praxis kann ihren Anspruch auf Bewunderung verlieren. Das geschieht jedoch nicht von selbst. Die Frage lautet: Was müsste sich ändern, damit Krieg politisch weniger nützt und gesellschaftlich weniger glänzt?

Der Kriegsherr verspricht Größe und verteilt die Kosten

Ein Kriegsherr sieht in fremdem Land eine Bühne für die eigene Geschichte. Der Sieg soll seinen Namen vergrößern; die Menschen, deren Häuser und Leben zerstört werden, erscheinen in dieser Erzählung als Hindernisse, Opferzahlen oder notwendiger Preis. Dieses Denken ist keineswegs an ein bestimmtes Alter gebunden. „Von gestern“ ist sein Bild von Stärke: befehlen, unterwerfen, keinen Widerspruch dulden.

Warum zieht es noch immer Menschen an? Der Spirit-Online-Beitrag über die Faszination von Gewalt und Diktatur beschreibt die Verführung durch Heldenbilder und scheinbar entschlossene Führer. Einen weiteren Hinweis liefert eine Studie von Kakkar und Sivanathan: Wirtschaftliche Unsicherheit und das Gefühl geringer persönlicher Kontrolle hingen in ihren Untersuchungen mit einer stärkeren Vorliebe für dominante Führung zusammen. Daraus folgt keine pauschale Zustimmung zu Krieg. Es zeigt aber, weshalb das Versprechen einer starken Hand gerade dann Gehör finden kann, wenn Menschen sich ohnmächtig fühlen.

Wer diese Anziehungskraft brechen will, muss Unsicherheit ernst nehmen. Menschen brauchen echte Mitbestimmung, verlässliche soziale Perspektiven und Institutionen, die sie schützen. Eine bloße Aufforderung, doch bitte friedlicher zu denken, erreicht sie kaum, wenn ihr Alltag von Kontrollverlust geprägt ist.

Die Psyche erklärt etwas. Die Machtverhältnisse erklären mehr.

Persönliche Selbstüberschätzung kann Konflikte gefährlich verschärfen. In simulierten internationalen Krisen beobachteten Dominic Johnson und Kollegen, dass stärker selbstüberschätzte Teilnehmer häufiger unprovozierte Angriffe wählten. Aus einem Experiment lässt sich keine Ferndiagnose eines Staatsführers ableiten. Die praktische Lehre liegt woanders: Wer über Krieg entscheidet, darf seine eigenen Erwartungen nicht als unfehlbar behandeln.

Entscheidend ist deshalb, wer widersprechen kann. Die Politikwissenschaftlerin Jessica Weeks zeigt, dass autoritäre Regime sich in ihrer Konfliktneigung unterscheiden. Besonders riskant sind personalistische Machtordnungen, in denen ein Führer wirksame Kontrolle durch andere Eliten ausschalten kann. Das Problem ist also nicht durch einen einzelnen Charakterzug beschrieben. Es entsteht dort, wo Selbstüberschätzung auf nahezu ungebremste Entscheidungsmacht trifft.

Ein weiterer Mechanismus betrifft das Ansehen. Der Politikwissenschaftler Jonathan Renshon fand in seiner Untersuchung Zusammenhänge zwischen Statusdefiziten und dem Beginn militarisierter Konflikte; ein Konfliktbeginn oder Sieg konnte unter bestimmten Bedingungen sogar internationale Statusgewinne bringen. Das ist ein unbequemer Befund für jede Hoffnung auf Frieden. Solange Gewalt Prestige schafft, bleibt sie für manche Machthaber attraktiv.

Genau hier bekommt „aus der Mode“ einen politischen Sinn. Eine Gesellschaft kann ändern, was sie als Erfolg erzählt. Ein Führer, der eine Grenze verschiebt, ist kein Vorbild für Größe, wenn die Folgen Flucht, Tote und verlorene Zukunft sind. Anerkennung verdient, wer Sicherheit herstellt, ohne andere zu entrechten, und wer Macht abgeben kann, bevor sie zur Gefahr wird.

Das klingt nach einem Urteil aus sicherer Entfernung. In Wirklichkeit steht jede Öffentlichkeit selbst vor dieser Wahl: Jubeln wir über die Pose des unnachgiebigen Herrschers, bevor wir überhaupt nach den Folgen fragen? Erzählen wir einen militärischen Erfolg als Triumph, während die zerstörten Lebensläufe aus der Geschichte fallen? Status entsteht auch aus Aufmerksamkeit. Wer den Kriegsherrn zum Hauptdarsteller und alle anderen zu Randfiguren macht, trägt zu diesem Status bei.

Wie ein alter Mythos seine Bühne verliert

Krieg beginnt selten mit dem Eingeständnis, dass Menschen für den Ehrgeiz einiger weniger sterben sollen. Er beginnt mit einer Sprache, die Menschen auf Symbole und Zwecke reduziert. Albert Bandura beschrieb in seiner Arbeit über moralische Distanzierung, wie schädliches Handeln durch beschönigende Begriffe, die Verschiebung von Verantwortung und die Abwertung von Opfern leichter gerechtfertigt wird.

Dieser Mechanismus betrifft nicht nur die Führung. Auch ein Publikum kann wegsehen, wenn das Leid der anderen aus dem Bild verschwindet. Medien und Öffentlichkeit haben deshalb eine konkrete Aufgabe: die Folgen politischer Entscheidungen sichtbar machen, Kriegsrhetorik prüfen und Menschen nicht zu Kulissen einer Machterzählung schrumpfen lassen. Der Beitrag über Kriegsangst, Populismus und Nationalismus beleuchtet, wie Angst für eine solche Politik nutzbar gemacht wird.

Das ist keine Einladung, jeden Konflikt durch eine freundlichere Erzählung zu lösen. Ein Staat kann ein reales Sicherheitsproblem haben. Menschen können bedroht sein. Frieden gewinnt erst Vertrauen, wenn die Alternativen zu Gewalt glaubwürdig sind und Schutz nicht bloß versprochen, sondern organisiert wird.

Die Schwäche vieler wohlmeinender Friedensappelle liegt genau hier. Sie sprechen über den Wunsch nach Versöhnung, während Betroffene wissen möchten, wer eine gebrochene Vereinbarung überwacht und was geschieht, wenn die nächste Drohung folgt. Wer ihre Frage übergeht, überlässt das Versprechen von Sicherheit den Lautesten. Ein Zukunftsbild ohne Schutz bleibt für Menschen in Gefahr wenig überzeugend.

Frieden braucht bessere Antworten auf reale Gefahren

Der Politikwissenschaftler James Fearon hat gezeigt, warum selbst Akteure, die die Kosten eines Krieges kennen, an einer friedlichen Einigung scheitern können: Sie kennen die Absichten und Fähigkeiten des Gegenübers nicht sicher, oder sie trauen dessen künftigen Zusagen nicht. Misstrauen lässt sich nicht wegmeditieren. Es braucht überprüfbare Absprachen, belastbare Vermittlung und Institutionen, die Regelbrüche sichtbar und folgenreich machen.

Das internationale Recht setzt dabei eine wichtige Grenze. Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta verbietet Staaten grundsätzlich die Androhung und Anwendung von Gewalt gegen andere Staaten. Artikel 51 erkennt unter seinen Voraussetzungen das Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung nach einem bewaffneten Angriff an. Einen Angriff und die Abwehr dieses Angriffs einfach gleichzusetzen, würde die Bedrohten alleinlassen. Eine friedlichere Welt braucht wirksamen Schutz gerade für diejenigen, die angegriffen werden.

Dass Friedensarbeit konkrete Wirkungen haben kann, zeigt auch die Forschung nach Bürgerkriegen. Karina Mross, Charlotte Fiedler und Jörn Grävingholt untersuchten 36 Friedensphasen zwischen 1990 und 2014. Ihre Analyse beschreibt verschiedene Kombinationen von internationaler Unterstützung und innerstaatlichen Bedingungen, die einen dauerhafteren Frieden ermöglichten. Das ist keine Blaupause für jeden Krieg und kein Beweis für das Ende zwischenstaatlicher Gewalt. Es widerspricht aber der Vorstellung, Frieden sei bloß eine fromme Hoffnung ohne praktische Voraussetzungen.

Waffenstillstände müssen halten können. Zusagen müssen kontrollierbar sein. Nach Gewalt brauchen Menschen Sicherheit, Rechte, wirtschaftliche Perspektiven und eine politische Stimme. Wo diese Arbeit ausbleibt, bleibt auch der nächste Gewaltunternehmer anschlussfähig.

Das gilt ebenso für das Verhältnis von Staaten. Diplomatie braucht Zeit und Gesprächskanäle, aber auch Regeln, auf deren Einhaltung man sich verlassen kann. Politische Gegner müssen nicht einander vertrauen, um überprüfbare Schritte zu vereinbaren. Gerade deshalb sind unabhängige Beobachtung, verlässliche Partner und öffentlich nachvollziehbare Verpflichtungen so wichtig. Sie machen aus gutem Willen eine belastbare Handlungsmöglichkeit. Welche Instrumente im konkreten Fall helfen, hängt vom jeweiligen Konflikt ab.

Was den Wandel aufhält – und was ihn voranbringt

Krieg aus der Mode - Bronzene Feldherrnbüste wird in eine Holzkiste verpackt
Illustration: KI unterstützt erstellt

Ein altes Machtideal verschwindet nicht, weil man es für überholt erklärt. Es findet neue Technik, neue Bilder und neue Gründe, die eigene Gewalt als notwendig auszugeben. Es gewinnt dort Boden, wo Institutionen angreifbar werden und die Angst vor dem anderen größer erscheint als die Sorge um das gemeinsame Morgen. Wer Frieden will, muss diese Bedingungen verändern und zugleich anerkennen, dass manche Akteure von ihrer Fortdauer profitieren.

Die Gegenkräfte sind unspektakulär. Eine freie Presse kann die Rechnung hinter dem großen Auftritt zeigen. Parlamente und Gerichte können Entscheidungen kontrollieren. Schulen und öffentliche Debatten können die Würde von Menschen sichtbar halten, die in der Propaganda nur als Gegner vorkommen. Diplomatie kann den Preis einer Eskalation erhöhen und Wege eröffnen, auf denen niemand sein Sicherheitsbedürfnis vollständig verleugnen muss. Jede dieser Möglichkeiten ist begrenzt. Zusammen machen sie es schwerer, einen Krieg als persönliche Heldentat zu verkaufen.

Hier liegt der Nachrichtenwert einer zunächst unbequemen These: Hoffnung braucht keinen Beweis, dass Geschichte automatisch besser wird. Sie braucht Ansatzpunkte, an denen verantwortliche Menschen handeln können. Ein Rückblick auf die Frage, was sich angesichts der Kriege der Menschheit ändern muss, führt deshalb weiter, wenn aus allgemeiner Erschütterung konkrete Maßstäbe für Macht werden.

Die gute Nachricht liegt in einer veränderbaren Vorstellung von Stärke

Eine spirituelle Perspektive kann an dieser Stelle eine unbequeme Frage stellen: Welche Form von Stärke bewundern wir eigentlich? Selbstbeherrschung ist nicht Schwäche. Wer einen Irrtum eingesteht, Widerspruch zulässt und die Würde des Gegners achtet, verzichtet nicht auf Führung. Er schützt andere vor seiner eigenen Unfehlbarkeitsfantasie.

Diese innere Arbeit ersetzt keine Gerichte, keine freien Medien und keine internationale Sicherheitsordnung. Umgekehrt bleiben Regeln fragil, wenn Menschen weiterhin denjenigen zujubeln, die Grenzen überschreiten und Härte zum Selbstzweck erheben. Innere Haltung und äußere Begrenzung der Macht stärken einander. Der Spirit-Online-Text über Gewaltlosigkeit und das Schweigen gegen Hass vertieft, warum Friedfertigkeit auch entschiedenen Widerspruch und den Schutz Bedrohter verlangt.

Was könnte sich im Alltag ändern? Wir können aufhören, Drohgebärden mit Führungsstärke zu verwechseln. Wir können nachfragen, wer von einer Eskalation profitiert und wer ihre Kosten trägt. Wir können politische Akteure daran messen, ob sie Gegner entmenschlichen, Kontrolle umgehen oder überprüfbare Lösungen ermöglichen. Solche Fragen verhindern keinen Krieg allein. Sie entziehen dem Kriegsherrn jedoch einen Teil seiner Bühne.

Warum Krieg aus der Mode kommen kann

Es gibt keinen historischen Automatismus, der Gewalt überflüssig macht. Neue Technik kann sie sogar erleichtern. Auch eine kluge Friedensordnung kann scheitern, wenn mächtige Akteure sie zerstören. Wer heute ein baldiges Ende aller Kriege verspricht, macht es sich angesichts der Toten und Vertriebenen zu leicht.

Die Zukunftsthese ist trotzdem mehr als Wunschdenken. Wir wissen, dass Selbstüberschätzung korrigierbar sein muss, dass konzentrierte Macht Risiken erhöht und dass internationale Anerkennung Anreize setzt. Wir kennen Bedingungen, unter denen Frieden nach Gewalt stabiler werden kann. Menschen haben damit Einfluss auf die Frage, ob Krieg als Weg zu Ruhm und Vorteil gilt oder als Versagen verantwortlicher Politik.

Vielleicht beginnt der Wandel nicht mit einem letzten Krieg, sondern mit einem anderen Urteil über den vermeintlichen Sieger. Wenn er seine Macht auf zerstörte Städte, gebrochene Zusagen und die Angst seiner Nachbarn gründet, verdient er keinen Platz auf dem Sockel. Zukunft hat eine Führung, die Leben schützt, Konflikte begrenzt und auch dann verantwortet werden kann, wenn der Applaus verklungen ist. So könnte Krieg aus der Mode kommen: weil wir lernen, Größe anders zu erkennen – und diese Einsicht in wirksame Regeln übersetzen.

06.10.2026
Uwe Taschow

Alle Beiträge des Autors auf Spirit Online

Über den Autor Uwe TaschowMindfull Business, Trend mit der Achtsamkeit Uwe Taschow

Als Autor denke ich über das Leben nach. Eigene Geschichten sagen mir wer ich bin, aber auch wer ich sein kann. Ich ringe dem Leben Erkenntnisse ab um zu gestalten, Wahrheiten zu erkennen für die es sich lohnt zu schreiben.
Das ist einer der Gründe warum ich als Mitherausgeber des online Magazins Spirit Online arbeite.

“Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.”
Albert Einstein

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