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John O’Donohue: Echo der Seele und Geborgenheit

Fotomontage einer Frau in der Natur als Symbol für die Suche nach Zugehörigkeit

Eine persönliche Erinnerung an den irischen Dichter

John O’Donohue (1956–2008) war ein irischer Dichter, Philosoph und spiritueller Autor. In seinem Buch „Echo der Seele – Von der Sehnsucht nach Geborgenheit“ beschäftigt er sich mit dem menschlichen Verlangen nach Zugehörigkeit. Roland Ropers erinnert an einen Menschen, dem er sich seelenverwandt fühlte.

O’Donohues Sprache führt immer wieder zum Herzen: dorthin, wo Schönheit empfangen und Verbundenheit erfahren werden kann. Seine Gedanken begleiten mich auch bei der Frage nach der Kunst der Unterscheidung – nach einer Weisheit, die über bloß angesammeltes Wissen hinausgeht.

Als ich die Nachricht von John O’Donohues überraschendem Tod erhielt, war ich sehr bewegt. Er war Anfang Januar 2008 während eines Aufenthalts in Frankreich unerwartet im Schlaf gestorben.

Seine poetisch-mystische Sprachschönheit war außergewöhnlich. Für mich hatte er das Geheimnis der Botschaft Jesu Christi tief durchdrungen. Seine Bücher „Anam Cara – Das Buch der keltischen Weisheit“, „Echo der Seele“ und „Schönheit“ sind Juwelen verloren gegangener Sprachkultur.

Meinen Beitrag „Emptiness – Spiritual Vacation for a Globalized World“ hatte ich John O’Donohue persönlich gewidmet. Er wurde bei der Trauerfeier vorgetragen.

John O’Donohue zwischen Philosophie, Dichtung und Kirche

Fotomontage einer Frau in der Natur als Symbol für die Suche nach Zugehörigkeit
Symbolbild zur Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

John O’Donohue stammte aus dem irischen County Clare und wuchs mit der gälischen Sprache auf. Er sprach fließend Deutsch, studierte in Tübingen und promovierte dort 1990 in philosophischer Theologie über Hegel. Später beschäftigte er sich auch mit Meister Eckhart.

Er war katholischer Priester und zog sich um das Jahr 2000 aus dem öffentlichen kirchlichen Dienst zurück. In seiner irischen Heimat lebte er als Dichter und hielt Seminare über die Vielfalt des menschlichen Daseins.

Seine Schwierigkeiten mit der Hierarchie der Kirche reichten tief. Er kritisierte, dass Gläubige ängstlichen Funktionären folgen sollten, anstatt zu ihrer inneren Quelle hingeführt zu werden. Diese Kritik entsprang seiner Suche nach einem lebendigen geistlichen Leben.

Seinen Vater liebte John besonders. Über ihn sagte er: „Mein Vater lebte in der inneren Geborgenheit mystischer Heiligkeit.“ In dieser Erinnerung berühren sich familiäre Nähe und jene geistige Heimat, von der seine Bücher erzählen.

„Echo der Seele“: Von der Sehnsucht nach Geborgenheit

Buchcover von John O’Donohue: Echo der Seele – Von der Sehnsucht nach Geborgenheit

Die englische Originalausgabe „Eternal Echoes“ erschien 1998. Die deutsche Übersetzung von Ditte und Giovanni Bandini wurde 1999 im Deutschen Taschenbuch Verlag veröffentlicht. Der deutsche Titel lautet vollständig: „Echo der Seele – Von der Sehnsucht nach Geborgenheit“.

Das Buch kreist um das Verlangen, dazuzugehören. Es berührt Heimat und Freundschaft, aber auch jene Erfahrungen, in denen Zugehörigkeit zerbricht. Besonders ergreifend ist O’Donohues Betrachtung des Leidens Jesu. Er nähert sich ihm mit der Vorstellungskraft eines Dichters und Mystikers.

Ich möchte zum Reflektieren einige bemerkenswerte Passagen aus „Echo der Seele“ zitieren:

„…Jesus ist ein faszinierender Mann. Ich würde alles dafür geben, wenn ich ein Buch lesen könnte, das leider nie geschrieben wurde: die Autobiographie Jesu. Wie war sein Leben wirklich? Wovon träumte er? Was geschah an dem Tag, als ihm die Erkenntnis aufging, dass er aus dem Herzen des Göttlichen kam? Was fing er mit dem Rest des Tages an? Jesus hatte einen schönen Geist und eine wunderbare Einbildungskraft.

Er war ein zutiefst schöpferischer Mensch. Sein gelebtes Mit-Leiden war revolutionär. Er verurteilte niemanden. Etwas an Jesu Gegenwart bot den Menschen ein neues Leben an. Die Kirche hat dies im Laufe der Jahrhunderte immer wieder vergessen und hat ein Bildnis Gottes geschaffen, das uns nur Furcht und Schuldgefühle einflößt. Es ist fraglich, ob irgendeine Institution je imstande sein könnte, Jesus unendliche Sanftheit und revolutionäre Anschauung der Welt zu verkörpern. […]

Durch bewusste Entscheidung nahm er den ganzen Schmerz der Welt in seinem Herzen auf. Dies zeigt sich mit grauenvoller Evidenz in der inneren Qual und Angst, die er in Gethsemane ausstand. Etwas Entsetzliches geschah in diesem Garten. Er schwitzte Blut. Jede Gewissheit verließ ihn. Alles wurde ihm genommen. Hier schrie die Pein menschlicher Verlassenheit nach göttlicher Tröstung. Und das strenge Schweigen des Himmels sandte kein bergendes Echo zurück. Das ist das Kreuz: dieser wüste, leere Ort, an dem sich keinerlei Gewissheit jemals niederlassen kann. Seine Gefährten verrieten und verließen ihn. Christus ergründet das endlose Herz des Verlustes mit unfassbar sanftem und verwundbarem Mut.“

John O’Donohue, „Echo der Seele – Von der Sehnsucht nach Geborgenheit“, aus dem Englischen von Ditte und Giovanni Bandini, dtv, München 1999. Auszüge; Auslassung gekennzeichnet.

Zugehörigkeit und das Echo der Seele

O’Donohues Fragen nach Jesu Träumen und inneren Landschaften öffnen einen Raum der Betrachtung. In seiner Deutung begegnet uns Christus gerade dort, wo Gewissheiten verloren gehen und der Mensch sich verlassen fühlt. Die Sanftheit, die O’Donohue beschreibt, bleibt mitten im Leiden gegenwärtig.

Die Sehnsucht nach Heimat, nach Zugehörigkeit gehört für mich zur Naturkonstante des menschlichen Daseins. Das englische Wort belonging lässt sich dabei poetisch als longing to be lesen: als Sehnsucht, sein zu dürfen und einen Ort im Leben zu haben. Darin liegt ein Wortspiel, keine wörtliche Übersetzung oder sprachgeschichtliche Herleitung.

Mich ergreift das Buch „Echo der Seele“ immer wieder aufs Neue, zumal es den Untertitel „Von der Sehnsucht nach Geborgenheit“ trägt.

Mit John O’Donohue fühlte ich mich seelenverwandt.

01.06.2023
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist

www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de

Zur biografischen Einordnung: offizielle Biografie von John O’Donohue und Dictionary of Irish Biography der Royal Irish Academy. Weitere Informationen zu „Eternal Echoes“ bietet die offizielle Bücherübersicht.


Über den Autor Roland R. Ropers

Porträt von Roland R. Ropers

Roland R. Ropers, geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.

Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.

Zum Autorenprofil von Roland R. Ropers

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Buchtipp: Kardiosophie

Buchcover Kardiosophie – Weg-Weiser zur kosmischen Ur-QuelleKardiosophie – Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle

Von Roland R. Ropers, Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach und Prof. Dr. phil. Irmela Neu.

Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596–1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens. Dafür steht das von Roland R. Ropers in die Welt gebrachte Wort „Kardiosophie“. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Die Mitwirkenden beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.

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