Wie Naturerfahrung über das begrenzte Ich hinausführt
Ralph Waldo Emerson sieht in der Natur einen Zugang zur geistigen Wirklichkeit. In seinem Essay Nature verbindet er Schönheit, eigene Wahrnehmung und die Frage nach unserem Verhältnis zum Universum. Meine Gespräche mit Bede Griffiths haben mir diesen Blick auf die Natur und die Gegenwart in allen Dingen besonders nahegebracht.

Die geistig-kosmische Ur-Heimat, von der ich spreche, lässt sich nicht auf einer Landkarte finden. Sie berührt die Frage, wie wir uns selbst und die Welt wahrnehmen. Auch bei meinen kontemplativen Wanderungen und der Begegnung mit der geheimen Sprache der Bäume begleitet mich Emersons Naturphilosophie.
Ralph Waldo Emerson und sein Essay „Nature“
Der Natur- und Transzendentalphilosoph Ralph Waldo Emerson wurde am 25. Mai 1803 in Boston geboren. Sein Vater William Emerson war Pfarrer der unitarischen First Church. 1821 schloss Emerson sein Studium am Harvard College ab und unterrichtete anschließend in Boston. Er besuchte die Harvard Divinity School und wurde 1829 Pfarrer der unitarischen Second Church. 1832 legte er aus Gewissensgründen sein geistliches Amt nieder.
Auf seiner anschließenden Europareise begegnete er unter anderem Samuel Taylor Coleridge, Thomas Carlyle und William Wordsworth. Mit Carlyle verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy zu Emerson ordnet seinen Lebensweg und sein Denken ausführlicher ein.
Sein zunächst anonym erschienenes Werk Nature von 1836 wurde zu einem grundlegenden Text des amerikanischen Transzendentalismus. Es fordert dazu auf, ein eigenes Verhältnis zur Natur und zum Universum zu entwickeln. Natur erscheint darin als Ausdruck des Geistes; Schönheit besitzt zugleich eine ethische und schöpferische Bedeutung.
Im Kapitel „Beauty“ verbindet Emerson die Schönheit der Natur mit menschlichem Handeln und mit der Kunst. Zwei kurze Auszüge bringen diesen Gedanken zum Ausdruck:
„Schönheit ist das Zeichen, das Gott der Tugend aufprägt. Jede natürliche Handlung ist anmutig. […] Schönheit ist in ihrem weitesten und tiefsten Sinn ein Ausdruck für das Universum. Gott ist das Allschöne.“
Ralph Waldo Emerson, Nature, Kapitel III: „Beauty“. Auszüge, aus dem Englischen übersetzt von der Redaktion.

Emerson starb am 27. April 1882 in Concord, wenige Wochen vor seinem 79. Geburtstag. Sein Essay Nature, auf Deutsch Natur, ist in verschiedenen Übersetzungen und Ausgaben erhältlich.
Meine Gespräche mit Bede Griffiths am Cauvery
Mit meinem spirituellen Meister, dem Mönch und Mystiker Dom Bede Griffiths (1906–1993), habe ich oft über Ralph Waldo Emerson gesprochen. Auf einem unserer Spaziergänge am Ufer des südindischen Flusses Cauvery sprach Griffiths mit mir über die spirituelle Dimension unseres Lebens. Seine Worte sind mir in dieser Form in Erinnerung geblieben:
„Alle Menschen in der Welt spüren gegenwärtig das Verlangen, die spirituelle Dimension zu erschließen. Jenseits von Körper und Seele befindet sich der raum- und zeitfreie Zustand der Gegenwart. Hierbei handelt es sich nicht um ekstatische Befindlichkeiten oder Visionen, sondern es geht sehr schlicht und einfach um die unmittelbare Erfahrung von Gegenwart in allen Dingen unseres täglichen Lebens. Dieser Gegenwart sollte man keinen Namen geben. Man kann sie GOTT nennen, aber das scheint mir gefährlich. Das Wort GOTT ist derart missbraucht und dubios, dass man es besser nicht benutzt. Die Menschen haben so viele verschiedene Vorstellungen, was Gott ist und/oder nicht ist. Der deutsche Mystiker Meister Eckhart bevorzugte den Begriff GOTTHEIT, die letzte Wirklichkeit jenseits eines persönlichen GOTTES. Im Hinduismus nennt man dies BRAHMAN, den göttlichen Urgrund. BUDDHA weigerte sich, einen Namen zu nennen, und sprach von NIRVANA, dem Auslöschen jeglicher Vorstellungen.“
In dieser Erinnerung klingt Griffiths’ Wunsch an, die unmittelbare Gegenwart nicht durch feste Gottesbilder zu verdecken. Die darin nebeneinandergestellten Begriffe gehören jedoch unterschiedlichen Traditionen an. Insbesondere ist Nirvana keine bloße Bezeichnung für Gedankenlosigkeit oder einen göttlichen Urgrund: In der buddhistischen Lehre steht das Erlöschen von Gier, Hass und Verblendung im Mittelpunkt. Dies erläutert etwa Bhikkhu Bodhi im Zusammenhang von Einsicht und Befreiung.
Die Erinnerung an Griffiths ist für mich mit einer sehr konkreten Landschaft verbunden: dem Fluss, seinen Ufern und unseren gemeinsamen Wegen. Von hier führt der Gedanke zur geistigen Gegenwart. Die Frage nach einem ewigen Geist und einer möglichen Wiederverkörperung vertiefe ich an anderer Stelle in meinem Beitrag über geistige Wiedergeburt und Bede Griffiths.
Beethoven und der Blick zur Urquelle
Auch von Ludwig van Beethoven (1770–1827) ist eine Äußerung überliefert, in der der Blick auf den Sternenhimmel zur Frage nach dem Ursprung der Schöpfung führt. Der Harfenmacher Johann Andreas Stumpff berichtete von einer Begegnung im Jahr 1824. Beethoven habe beim Anblick der Gestirne die geistige Bewegung zu einer Urquelle beschrieben, aus der immer neue Schöpfungen hervorgehen. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dokumentiert diese Überlieferung im Zusammenhang mit der Missa solemnis.
Die Worte berühren die Erfahrung des Staunens: Der sichtbare Himmel kann eine Frage in uns wecken, die über das Sichtbare hinausgeht. Emersons Naturbetrachtung und Beethovens überlieferte Äußerung begegnen sich in dieser Offenheit, auch wenn sie aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen stammen.
Dies und Deus: Licht als spirituelles Wortbild
Die lateinischen Wörter dies (Tag) und deus (Gott) sind für meine etymosophische Betrachtung eng verbunden. Das Licht des Tages wird zum Bild geistiger Gegenwart. Deus bedeutet dabei wörtlich „Gott“; „das Licht in der Welt“ ist eine spirituelle Auslegung dieses Wortbildes.
Der Bewusstseinswandel ist aus dieser Sicht eine uralte Wieder-Erkenntnis. Das französische connaissance, Erkenntnis oder Kenntnis, lässt sich in meiner etymosophischen Lesart als con-naissance, als gemeinsame Geburt, betrachten. Das ist ein betrachtendes Wortspiel, keine sprachwissenschaftliche Herleitung.
Alles hängt mit allem zusammen, wie die Sterne im Universum eine Konstellation bilden. Die Besinnung führt zurück in das ureigenste Zentrum. Dafür verwenden spirituelle Traditionen verschiedene Namen und Bilder. Ihre Verschiedenheit bleibt auch dort bestehen, wo eine persönliche mystische Erfahrung Verwandtschaften wahrnimmt.
Geistige Verbundenheit und die Gefahr der Selbstüberhöhung
Die Bewegung vom Ego zum Gemeinsamen ist ein Grundanliegen dieser Betrachtung. Gleichzeitig sehe ich mit Sorge, wie vermeintliche göttliche Macht in kirchlichen und spirituellen Kreisen in Anspruch genommen wird. Die Behauptung „Ich bin Gott“ kann problematisch werden, wenn ein begrenztes persönliches Ich sich damit unangreifbare Macht zuschreibt.
Avidya, Nichtwissen, ist ein wichtiger Begriff der Vedanta-Philosophie. In der hier angesprochenen advaitischen Sicht geht es um die Verwechslung des Vergänglichen mit dem Unvergänglichen und des begrenzten Ichs mit dem eigentlichen Selbst. Maya bezeichnet dabei das täuschende Erscheinen von Vielheit; die Begriffe lassen sich nicht auf eine einfache Trennung von individueller und kosmischer Unwissenheit reduzieren. Den Zusammenhang erläutert unser Beitrag über Avidya, Karma und die Ursachen für Wiedergeburt ausführlicher.
Wer sich als alleinigen Schöpfer des Universums versteht, verwechselt für mich Identität mit Identifikation. Der Mensch ist ein Co-Kreator, ein ständig Mitschöpfender. Geistige Verbundenheit verlangt gerade deshalb Bescheidenheit und Verantwortung.
„Ich bin Brahman“: Was die Upanishaden sagen
Die Aussage Ahaṃ brahmāsmi – „Ich bin Brahman“ steht in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 1.4.10. Die Textgegenüberstellung der Columbia University macht die Stelle und ihre Übersetzungen zugänglich. In ihrer advaitischen Deutung ist damit die Erkenntnis der nichtdualen Wirklichkeit gemeint, nicht die Überhöhung des persönlichen Ego.
Der Satz Sarvaṃ khalvidaṃ brahma – „Alles dies ist Brahman“ findet sich in der Chāndogya-Upaniṣad 3.14.1. Er darf nicht mit kaṃ brahma verwechselt werden: In Chāndogya-Upaniṣad 4.10.4 wird ka, Glückseligkeit, als Brahman bezeichnet. Der Gedanke einer nichtdualen Wirklichkeit ist damit genauer gefasst als durch die pauschale Gleichung „alles ist Gott“.
Das Bild der Kinoleinwand kann die advaitische Betrachtung veranschaulichen: Auf ihr erscheinen wechselnde Bilder, während die Leinwand selbst unberührt bleibt. Eine solche Deutung ist nicht einfach mit allen christlichen oder buddhistischen Vorstellungen gleichzusetzen.
Kontemplation und die Gegenwart im täglichen Leben
In der christlichen Kontemplation suche ich die Annäherung an den göttlichen Urgrund. Je kleiner die hinderliche Selbstbezogenheit wird, desto deutlicher kann die Gegenwart Gottes hervortreten. Die christliche Mystik kennt hierfür den Gedanken der Theosis, der Vergöttlichung als Teilhabe am göttlichen Leben.
Aus meiner christlich-mystischen Sicht ist Christus die Gestalt der tiefen Einheit des Menschen mit dem göttlichen Seinsgrund. Durch ihn sind wir berufen, „von der ganzen Fülle Gottes erfüllt zu werden“ (Epheser 3,19). Darin liegt für mich eine Einladung zur Verwandlung unseres gegenwärtigen Lebens. Die Aussage „Ich und der Vater sind eins“ in Johannes 10,30 gehört zu den biblischen Bezugspunkten dieser christlichen Rede von der Einheit mit Gott.
In unserem Leben geht es für mich um tägliche Neugeburt. Die Suche nach einer geistigen Ur-Heimat beginnt im gegenwärtigen Leben, in unserer Wahrnehmung und in unserem Handeln. Dass der Tod in Jesu Christi Tod und Auferstehung überwunden ist, gehört zu meinem christlichen Vertrauen.
Emersons Blick auf die Natur, die Begegnung mit Griffiths und das Staunen über die Schöpfung führen mich zu dieser Gegenwart zurück. Ihr sollten wir in den Dingen unseres täglichen Lebens Aufmerksamkeit schenken.
20.07.2023
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist
Über den Autor Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
>>> zum Autorenprofil
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Buch Tipp:

Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle
von Roland R. Ropers und
Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und seine Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.




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