Was sind vorgeburtliche Erinnerungen?
Vorgeburtliche Erinnerungen sind Berichte von Kindern oder Erwachsenen über Erfahrungen, die zeitlich vor der eigenen Geburt liegen sollen. Der Begriff kann jedoch sehr unterschiedliche Phänomene bezeichnen: Erinnerungen an die Zeit im Mutterleib, an den Geburtsvorgang, an ein vermeintliches früheres Leben oder an eine Existenz zwischen Tod und neuer Geburt.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einer besonders ungewöhnlichen Gruppe solcher Berichte: Kleine Kinder erzählen, sie hätten sich vor ihrer Geburt an einem anderen Ort aufgehalten, verstorbene Menschen oder geistige Wesen getroffen und ihre späteren Eltern gesehen oder ausgewählt. In der englischsprachigen Forschung werden solche Aussagen als life-between-life memories oder intermission memories bezeichnet.
Diese Berichte können als spirituelle Hinweise auf eine Präexistenz der Seele gedeutet werden. Wissenschaftlich belegen sie jedoch weder ein Leben vor der Geburt noch Reinkarnation. Untersucht werden zunächst die Aussagen der Kinder, ihre wiederkehrenden Motive und die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind.
Die größere religionsgeschichtliche und spirituelle Einordnung bietet unser Grundlagenbeitrag Reinkarnation – Bedeutung, Wiedergeburt und frühere Leben. Wie Kinderfälle dokumentiert und wissenschaftlich beurteilt werden, erläutert ergänzend der Beitrag Reinkarnationsforschung – Ian Stevenson, Kinderfälle und wissenschaftliche Grenzen.
Vier verschiedene Arten ungewöhnlicher Erinnerungen
Vorgeburtliche Erinnerungen werden häufig mit Erinnerungen an frühere Leben gleichgesetzt. Für eine genaue Betrachtung müssen jedoch vier unterschiedliche Erfahrungsbereiche unterschieden werden:
- Erinnerungen an ein früheres Leben: Das Kind berichtet von einer anderen Familie, einem anderen Namen, einem Beruf oder früheren Todesumständen.
- Erinnerungen zwischen zwei Leben: Das Kind beschreibt eine Existenz nach einem vermeintlich früheren Tod und vor der gegenwärtigen Empfängnis oder Geburt.
- Gebärmuttererinnerungen: Das Kind erzählt von Wahrnehmungen während der Schwangerschaft.
- Geburtserinnerungen: Das Kind schildert Eindrücke, Gefühle oder Einzelheiten des eigenen Geburtsvorgangs.
Diese vier Bereiche können in einer Erzählung miteinander verbunden sein, müssen es aber nicht. Einige Kinder sprechen nur von der Zeit im Mutterleib oder von ihrer Geburt. Andere berichten von einem früheren Leben, ohne eine Erinnerung an die Zeit zwischen beiden Existenzen zu erwähnen.
Was Kinder über die Zeit zwischen zwei Leben erzählen
Poonam Sharma und Jim B. Tucker untersuchten 35 Fälle aus Myanmar, in denen Kinder neben einem vermeintlich früheren Leben auch von einer Zwischenzeit berichteten. Die Forschenden erkannten in diesen Aussagen drei wiederkehrende Abschnitte:
- eine Übergangsphase nach dem berichteten Tod,
- einen Aufenthalt an einem bestimmten Ort,
- eine Rückkehrphase mit der Wahl der Eltern oder der Empfängnis.
Dieses Modell beschreibt Motive innerhalb einer kleinen, kulturell geprägten Fallsammlung. Es handelt sich nicht um den wissenschaftlichen Nachweis dreier realer Jenseitsphasen. Dennoch ermöglichen die wiederkehrenden Strukturen einen Vergleich zwischen unterschiedlichen Berichten.
Die erste Phase: Übergang und Abschied
In der ersten Phase erzählen manche Kinder, sie hätten nach dem Tod ihren früheren Körper gesehen. Einige berichten von der Beerdigung, von trauernden Angehörigen oder von dem Versuch, mit den Hinterbliebenen zu sprechen. In den Erzählungen reagieren die lebenden Menschen jedoch nicht auf sie.
Häufig endet diese Übergangsphase mit dem Erscheinen einer begleitenden Gestalt. In manchen asiatischen Berichten wird sie als älterer Mann in weißer Kleidung beschrieben. Andere Kinder sprechen allgemeiner von einem Begleiter oder einem geistigen Wesen.

Solche Motive erinnern teilweise an Berichte über Nahtoderfahrungen und Begegnungen an der Grenze des Todes. Es besteht jedoch ein wichtiger Unterschied: Nahtoderfahrungen werden von Menschen berichtet, die eine lebensbedrohliche Situation überlebt haben. Die hier beschriebenen Kinder beziehen ihre Aussagen dagegen auf einen vermeintlich früheren Tod.
Die zweite Phase: Aufenthalt in einer anderen Wirklichkeit
Die zweite Phase umfasst Erzählungen über einen zeitweiligen Aufenthaltsort. Manche Kinder beschreiben eine irdisch wirkende Umgebung: einen Baum, einen Garten, ein Gebäude, einen Tempel oder einen Ort in der Nähe der früheren Familie. Andere sprechen von einer hellen, himmlischen oder nicht näher bestimmbaren Welt.
In einigen Berichten folgen die dort anwesenden Wesen bestimmten Aufgaben oder Regeln. Kinder erzählen von Begegnungen mit Verstorbenen, Angehörigen, religiösen Gestalten oder unbekannten Begleitern. Manche schildern eine Rückschau auf das vergangene Leben oder Gespräche über eine neue Existenz.
Die Erscheinungsformen unterscheiden sich kulturell. In westlich geprägten Berichten werden häufiger Gott, Jesus oder Engel genannt. Asiatische Kinder verwenden eher Bilder und Namen aus den religiösen Traditionen ihrer Umgebung.
Dieser Einfluss kann unterschiedlich gedeutet werden. Spirituell betrachtet könnten Kinder eine schwer beschreibbare Erfahrung in vertraute religiöse Bilder übersetzen. Psychologisch betrachtet können Erwartungen, Erzählungen und kulturelles Wissen den Inhalt der Berichte mitprägen. Aus den vorhandenen Fallstudien lässt sich nicht entscheiden, welche Erklärung im einzelnen Fall zutrifft.
Begegnungen mit menschlichen und nichtmenschlichen Wesen
Einige Forschende unterscheiden in den Kinderberichten zwischen verstorbenen Menschen und Wesen, die nicht als frühere menschliche Persönlichkeiten beschrieben werden. Zur ersten Gruppe gehören verstorbene Angehörige, Bekannte und manchmal unbekannte Verstorbene. Zur zweiten Gruppe zählen religiöse Gestalten, geistige Begleiter oder eine übergeordnete Instanz.
Diesen Wesen werden in den Berichten unterschiedliche Aufgaben zugeschrieben. Sie erscheinen als Begleiter, Wächter, Ratgeber oder Entscheidungsträger. Manche Kinder erzählen, eine solche Gestalt habe sie von einem Ort zum nächsten geführt oder ihnen bei der Vorbereitung auf das neue Leben geholfen.
Die Forschung dokumentiert damit zunächst die Sprache und Bildwelt der Kinder. Ob den Erzählungen eigenständige geistige Wesen zugrunde liegen, kann mit einer solchen Dokumentation weder bestätigt noch widerlegt werden.
Die dritte Phase: Wahl der Eltern und Rückkehr
In der dritten Phase berichten Kinder von der Annäherung an ihr gegenwärtiges Leben. Einige sagen, sie hätten ihre späteren Eltern gesehen oder ausgesucht. Andere erzählen, ein geistiger Begleiter habe sie zu einer Familie geführt. Gelegentlich verbinden Kinder die Auswahl mit einem bestimmten Wunsch, einer Aufgabe oder einer Beziehung.
Die Vorstellung, eine Seele wähle ihre Eltern und wesentliche Lebensbedingungen selbst, besitzt für viele Menschen eine große spirituelle Kraft. Sie kann helfen, das eigene Leben in einem umfassenderen Zusammenhang zu betrachten.
Gleichzeitig verlangt diese Deutung große Vorsicht. Aus einer möglichen Seelenwahl darf nicht abgeleitet werden, Menschen hätten Krankheit, Gewalt, Armut oder anderes Leid bewusst bestellt und deshalb selbst zu verantworten. Niemand kennt die vorgeburtliche Entscheidung oder seelische Geschichte eines anderen Menschen. Spirituelle Deutung darf Mitgefühl und konkrete Hilfe niemals ersetzen.
Gebärmutter- und Geburtserinnerungen
Einige Modelle erweitern die drei beschriebenen Zwischenphasen um Erinnerungen an die Zeit im Mutterleib und an die Geburt. Diese Berichte gehören jedoch nicht automatisch zur Reinkarnation. Sie beziehen sich auf eine Zeit, in der der gegenwärtige Körper bereits existierte.
Aus der Entwicklungspsychologie ist bekannt, dass sehr junge Kinder Wahrnehmungen aufnehmen und Gedächtnisinhalte bilden können. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung zeigte bei Kindern ab ungefähr einem Jahr Reaktionen des Hippocampus, die mit dem Wiedererkennen zuvor gezeigter Bilder zusammenhingen.
Diese Forschung belegt weder bewusste Erinnerungen an die Schwangerschaft noch an die eigene Geburt. Sie zeigt lediglich, dass frühe Gedächtnisprozesse komplexer sein können, als lange angenommen wurde. Erwachsene können gewöhnlich keine zusammenhängenden autobiografischen Erinnerungen aus ihren ersten Lebensjahren abrufen. Dieses Phänomen wird als infantile Amnesie bezeichnet.
Was die Forschung tatsächlich untersucht hat
Die Untersuchung vorgeburtlicher und zwischenzeitlicher Erinnerungen beruht bislang hauptsächlich auf Fallberichten, Elternbefragungen und Vergleichen bereits veröffentlichter Fälle.
Die Studie von Sharma und Tucker betrachtete 35 Kinder aus Myanmar. Innerhalb dieser ausgewählten Gruppe erinnerten Kinder mit Berichten über eine Zwischenzeit mehr Namen und machten mehr zutreffende Angaben über die zugeordnete frühere Persönlichkeit als Kinder ohne solche Berichte.
Ohkado Masayuki und Akira Ikegawa beschrieben 2014 japanische Fälle und ordneten Erinnerungen an frühere Leben, eine Zwischenexistenz, den Mutterleib und die Geburt in einen gemeinsamen Bezugsrahmen ein.
James G. Matlock und Iris Giesler-Petersen verglichen später veröffentlichte asiatische und westliche Berichte. Dabei zeigten sich sowohl wiederkehrende Grundmotive als auch kulturelle Unterschiede. Gerade diese Unterschiede machen deutlich, dass die Erzählungen nicht unabhängig von Sprache, Religion und gesellschaftlicher Umgebung bewertet werden können.
Warum diese Studien keine Beweise darstellen
Die vorhandenen Untersuchungen dokumentieren ein bemerkenswertes Phänomen. Ihre Aussagekraft bleibt jedoch begrenzt:
- Viele Aussagen wurden erst längere Zeit nach den ursprünglichen Äußerungen der Kinder erhoben.
- Die Berichte stammen häufig von Eltern oder anderen Angehörigen.
- Kinder reagieren besonders sensibel auf Erwartungen und suggestive Fragen.
- Erzählungen können durch Gespräche, religiöse Vorstellungen und Medien beeinflusst werden.
- Treffende Einzelheiten werden leichter erinnert als falsche oder widersprüchliche Angaben.
- Die Fallgruppen sind klein und nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung.
- Eine unabhängige Wiederholung unter kontrollierten Bedingungen ist kaum möglich.
Masayuki Ohkado weist selbst auf das Risiko hin, dass kindliche Aussagen durch spätere Informationen aus ihrem Umfeld beeinflusst werden können. Deshalb sollten Erinnerungen möglichst früh, wortgetreu und vor jeder Suche nach möglichen Erklärungen dokumentiert werden.
Auch auffällige Gemeinsamkeiten beweisen nicht, dass ein berichteter Aufenthaltsort oder eine geistige Gestalt objektiv existiert. Umgekehrt ist eine psychologische oder kulturelle Mitprägung noch kein Beweis dafür, dass jede ungewöhnliche Aussage vollständig erklärt wäre.
Wie Eltern mit solchen Aussagen umgehen können
Wenn ein Kind von einer Zeit vor seiner Geburt erzählt, sollten Erwachsene offen und zugleich zurückhaltend reagieren. Weder vorschnelle Bestätigung noch Spott helfen dem Kind.
- Die Aussagen möglichst genau und mit Datum aufschreiben.
- Offene Fragen stellen, beispielsweise: „Möchtest du noch etwas erzählen?“
- Keine Namen, Orte, Wesen oder möglichen Antworten vorgeben.
- Das Kind nicht wiederholt zum Erzählen drängen.
- Eigene Nachforschungen nicht mit den Erinnerungen des Kindes vermischen.
- Auch widersprüchliche und unzutreffende Aussagen dokumentieren.
- Das Kind nicht auf die Rolle einer wiedergeborenen Person festlegen.
Entscheidend bleibt das gegenwärtige Leben. Ein Kind benötigt Sicherheit, Zuwendung und die Freiheit, seine Erzählungen später anders zu verstehen oder vollständig hinter sich zu lassen.
Vorgeburtliche Erinnerungen und spirituelle Deutung
Für eine spirituelle Betrachtung können diese Berichte Hinweise auf einen größeren Zusammenhang unserer Existenz sein. Sie berühren die Möglichkeit, dass Bewusstsein nicht erst mit der Geburt beginnt und nicht vollständig an eine einzige körperliche Biografie gebunden ist.
Derartige Erfahrungen können auch unsere Vorstellung von Leben und Tod verändern. Wenn Bewusstsein eine tiefere Kontinuität besitzt, wäre die Geburt nicht der absolute Anfang und der Tod nicht zwangsläufig das vollständige Ende. Eine weiterführende spirituelle Spurensuche bietet der Beitrag Existiert ein Leben nach dem Tod?.
Doch Offenheit ist nicht dasselbe wie Gewissheit. Die Berichte dürfen ernst genommen werden, ohne daraus ein festes Modell des Jenseits zu konstruieren. Was Kinder als Himmel, Begleiter, Seelenplan oder Wahl der Eltern bezeichnen, kann spirituelle Erfahrung, kulturell geprägtes Bild, kindliche Verarbeitung oder eine Verbindung mehrerer Ebenen sein.
Fazit: Ein außergewöhnliches Feld zwischen Erfahrung und Forschung
Vorgeburtliche Erinnerungen und Berichte über eine Zeit zwischen zwei Leben gehören zu den ungewöhnlichsten Aussagen kleiner Kinder. Wiederkehrende Motive wie der Abschied von einem früheren Leben, der Aufenthalt an einem anderen Ort und die Annäherung an die neuen Eltern verdienen eine sorgfältige Untersuchung.
Die bisherigen Studien beschreiben diese Motive, beweisen aber weder Reinkarnation noch eine objektive Zwischenwelt. Dafür sind die Fallzahlen zu klein, die Berichte zu stark von nachträglichen Befragungen abhängig und mögliche kulturelle oder familiäre Einflüsse nicht zuverlässig auszuschließen.
Dennoch können diese Aussagen unseren Blick erweitern. Sie erinnern daran, dass unser Wissen über Bewusstsein, Gedächtnis, Geburt und Tod unvollständig ist. Vielleicht erzählen manche Kinder lediglich in Bildern. Vielleicht erinnern sie sich an etwas, für das unsere Sprache noch keine angemessenen Begriffe besitzt.
Die verantwortliche Haltung liegt zwischen vorschneller Ablehnung und vorschnellem Glauben: aufmerksam zuhören, sorgfältig dokumentieren, unterschiedliche Erklärungen prüfen und das Geheimnis offenlassen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Poonam Sharma und Jim B. Tucker: Cases of the Reincarnation Type with Memories from the Intermission Between Lives
- Masayuki Ohkado und Akira Ikegawa: Children with Life-Between-Life Memories
- James G. Matlock und Iris Giesler-Petersen: Asian Versus Western Intermission Memories
- Masayuki Ohkado: A New Method of Investigating Children Claiming to Have Prenatal and Perinatal Memories
- Science Media Center Germany: Erste Erinnerungen bei Kleinkindern
Erstveröffentlichung: 1. September 2020
Redaktionell aktualisiert: 27. August 2026
Dr. rer. hum Jana Stapel
Diplom – Biologie, Medium, mediale Beratung, Wahrnehmungs-Coaching
Webseite: www.medium-dr-janastapel.com
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Über Dr. rer. hum. Jana Stapel
Als Medium kombiniert sie in ihren Vorträgen und Seminaren das Wissen aus der Bewusstseinsforschung, Reinkarnationsforschung, Nahtodforschung, Medialitätsforschung und Quantenphysik mit ihren eigenen Erfahrungen, die sie als Medium gemacht hat.
In ihrer Praxis in Rostock bietet sie Jenseitskontakte, Kontakt zum eigenen Geistführer als mediale Beratung, ein Wahrnehmungs Coaching in Zusammenarbeit mit dem eigenen Geistführer, Mediale Abende, Mediale Übungszirkel sowie verschiedene Vorträge und Seminare an.
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Über Dr. rer. hum. Jana Stapel

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